Rainer Pick

Nanu

Gleichmäßiges Schnarchen ist zu hören.
Männlich herb, würde ich – nach Durchforsten meiner Erfahrungen – behaupten, denn eine Frau kann doch nicht so entsetzlich laut und dröhnend schnarchen, oder?
Was mich allerdings wundert, ist die Tageszeit, zu der ich diese Geräuschkulisse erfahre. Das muss ein Schichtarbeiter sein, denn es ist halb Fünf am Nachmittag.
Da schlafen die meisten Menschen nicht, selbst eine kurze Mittagsruhe dürfte längst vorbei sein?
Wer schläft schon an einem solchen Nachmittag?
Schon gar nicht in Deutschland? Da warten doch alle auf etwas ganz Anderes, auf jemanden, der etwas bringt!
Das Schnarchen wird leiser. Ein Schmatzen ist zu hören. Wird hier jemand wach?
Nein, er schnarcht schon wieder laut.
Na, das gibt es doch nicht!
Ich hatte mich vorher umgesehen. Im Stall stehen die Rentiere und schauen mich eher enttäuscht an. Ihre Tränen glitzern auf dem Stroh. Irgendwie sind die Tiere traurig, sehr traurig.
Was ist nur geschehen?
In den Kaufhäusern, in den wenigen „Tante- Emma- Läden“, in den Kaufhallen und in den Fischläden sind keine Kunden mehr zu finden. Verkäuferinnen und Verkäufer sind ebenfalls verschwunden. In den Schaufenstern blinken Sternchen und freundliche Werbegesichter lächeln den wenigen Passanten zu, die an den Schaufenstern vorbei, durch den festgetretenen Schnee stapfen.
Es sind keine Kinder dabei!
Die meisten von ihnen sitzen oder stehen zu Hause vor den Zimmertüren, hinter denen Mütter und Väter etwas Geheimnisvolles treiben. In den Gesichtern der Kinder und auch einiger Jugendlicher zeichnet sich ab, was sie spätestens am Abend als „uncool“ bezeichnen werden. So eine festliche, erwartungsvolle Spannung
gemischt mit Zweifeln. 

Doch hier, wo ich gerade stehe, da ertönt es wieder, dieses laute Schnaufen, das mancher von sich gibt, wenn er besonders laut und dröhnend geschnarcht hat.

Wo bin ich hier eigentlich?
Meine Frau hat noch in der Wohnstube die bunten Teller hergerichtet. Marzipanbrot, süße Bonbons, Erdnüsse und Walnüsse, auch die Kekse sind lecker. Den Baum habe ich längst geschmückt und aufgestellt. Dabei halfen mir meine Jungs noch, bevor ich sie auf ihr Zimmer schickte.
Nun maulen sie, zusammen mit ihrer Schwester: „Es dauert zu lange. Wir möchten nicht mehr warten. Wann geht es endlich los?

Spät ist es ihnen geworden, zu spät, wie sie meinen.
Ja, aber was soll ich machen?
Der, auf den alle warten, kam und kam nicht! Minuten und Minuten vergingen, ohne dass etwas geschah!
Als auf den Gesichtern unserer Kinder mehr Verzweiflung, als gespannte Vorfreude zu erkennen war, hat mich meine Frau zur Seite genommen.
„Sieh doch mal nach, der muss doch endlich herkommen, da draußen, aus dem Winterwald! Wie lange soll ich denn warten, wenn es Zeit für ein zünftiges Abendbrot ist?“
Da bin ich losgegangen.
In diesem Haus wohnt er, denke ich mir noch, dann bin ich drinnen. Viel sehen ich nicht, nur dieses Schnarchen höre ich. Nun nehme ich all meinen Mut zusammen und wecke ihn. Er hatte nicht im Bett gelegen, sondern er saß neben einem großen, heißen Kachelofen im Sessel, eingehüllt in seinem dicken roten Mantel.
Erschrocken sieht er mich an, als ich vorsichtig an seiner Schulter schüttle. Schnell begreift er, dass in diesem Jahr der Weihnachtsmann den Heiligabend verschläft. Schnell brummelt er irgendeinen Zauberspruch, da bin ich wieder zu Hause. 
Ein Glöckchen bimmelt leise und die Kinder betreten das Wohnzimmer. Festlich beleuchtet steht da der Weihnachtsbaum und unter ihm und rundherum liegen die Geschenke. Irgendwie hat es der Weihnachtsmann geschafft, blitzartig wohl, allen Kindern die Geschenke zu bringen. 
Vielleicht hat er ja die Zeit, die er verschlief, auf geheimnisvolle Art wieder zurück gedreht? 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.12.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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