Christa Astl

Der einsame Hirte


 
 
Seit dem Frühsommer ist Joch, wie er sich selbst nennt, in der Schar der Hirten um Bethlehem. Niemand kennt ihn so recht. Es wird allerlei gemunkelt. Von der anderen Seite des Meeres soll er kommen, aus einem Land mit hohen Bergen; Arzt soll er sein, oder gewesen sein; ... Er weiß Bescheid, wenn sich ein Mensch oder ein Tier verletzt, unter seinen kundigen Händen heilen Beinbrüche, Schnittwunden, Entzündungen rasch wieder. Die Hirten vertrauen ihm, bringen auch ihre Kinder zu ihm. Mit ernstem Blick sieht er sie an, untersucht sie sorgfältig, heilt, was in seiner Macht steht. Ist der Kranke gesund, schickt er ihn fort, nimmt keinen Dank an, erst recht keine Bezahlung.
Er spricht wenig, seine Worte sind wohl überlegt. Er verhält sich einsilbig, distanziert, abweisend. Größeren Menschenmengen weicht er aus, an den Zusammenkünften am Feuer fehlt er. Sein Lager hat er abseits von den anderen. Niemand weiß wo er sich aufhält, es fragt auch keiner danach.
In den Nächten streift er über die einsamen Felder, steht manchmal still, betrachtet in Gedanken versunken die Sternbilder. Manchmal entweicht ein tiefer Seufzer, einem Stöhnen gleich, seiner Brust.
Lachen hat ihn wohl noch niemand gesehen. Die dunklen Augen liegen tief unter buschigen Brauen, Haupthaar und Bart zeigen erste graue Strähnen. Beim Sprechen öffnet er den Mund nur wenig, die dunkle Stimme klinge leise, wie verweht. Wie alt er wirklich ist, weiß keiner zu sagen. Er kann kräftig zupacken, auch schwere Lasten tragen, unter denen andere schwanken. Seine Bewegungen sind bedächtig, ruhig, oft springt er jedoch wie erschreckt von einer Arbeit auf, geht ein paar Schritte, steht versonnen, kehrt wieder zurück. Denkt er an frühere Zeiten?

Vieles hat er erlebt, seit er sein Studium abgebrochen hat. Ein paar Jahre durchreiste er die Welt, machte Arbeiten, die sich gerade ergaben. Alles gelang ihm, doch bald trieben ihn neue Abenteuer wieder fort, bis er ein Mädchen kennen lernte, die Tochter eines angesehenen Arztes. Die Aussicht, die Praxis ihres Vaters übernehmen zu können, lenkte seinen Ehrgeiz in andere Bahnen. In kürzester Zeit hatte er sein Studium erfolgreich abgeschlossen, heiratete, das erste Kind kam, das Glück war vollkommen.-
Doch dieses Glück währte nicht lange. Der Sohn erkrankte, konnte die Nahrung nicht mehr bei sich behalten, wurde schwächer und schwächer. Das Bemühen des Vaters und die aufopfernde Pflege der Mutter halfen nichts, das Kindlein starb. Er war verzweifelt über seine Hilflosigkeit, die Frau warf ihm sein Versagen vor und gab ihm die Schuld am Tod ihres Kindes. Eines Nachts packte er seine Sachen und zog fort.

Wieder durchreiste er die Welt, arbeitete da und dort, doch die Unrast trieb ihn bald wieder weiter. Das Glück der Menschen zu sehen konnte er nicht mehr ertragen, nachdem sein eigenes Glück zerbrochen war. Er begann die Menschen zu meiden, wandte sich den Tieren zu, und so wurde er Schafhirte. Er versah seinen Dienst umsichtig und genau. Wenn er ein gebrochenes Bein schiente, ein Tier untersuchte, standen die anderen Hirten in respektvollem Abstand, wagten nicht ihn anzusprechen.

In der Nacht, als der Engel die frohe Botschaft von der Geburt des Erlösers verkündet hatte, stand auch Joch auf dem Feld. Er hört von dem Kind, das in einer Krippe liegt. Doch mehr kann er nicht ertragen, die schlecht verheilte Wunde in seinem Herzen bricht erneut auf. Mit einem verzweifelten Aufschrei stürzt er davon, rennt wie von Furien gehetzt über Wiesen, durch Bäche und den Berg hinan. Die Worte „Frieden, - Freude, - Erlösung“ hämmern in seinem Kopf. „Für mich gibt es keine Erlösung, meine Freude ist gestorben!“ – Er geht und geht, die ganze Nacht hindurch. Schon beginnt es im Osten zu tagen. Er weiß nicht mehr recht, wo er sich befindet. Die Sterne verblassen, nur ein einziger, größerer behauptet noch seinen Platz am Himmel.
Am Fuße einer Felswand verhält er seinen Schritt, blickt auf zu dem Stern. Da vernimmt er ein leises fernes Weinen, Kinderweinen. Das Wimmern seines kranken Kindes klingt wieder in seinen Ohren, er sieht das sterbende Körperchen vor sich. Wie von Sinnen beginnt er wieder zu rennen, die Beine tragen ihn weiter. Endlich bricht er vor einer Höhle erschöpft zusammen.
Vor ihm in der Höhle liegt ein weinendes Neugeborenes, daneben eine völlig ermattete Mutter, ein hilfloser verstörter Mann, der Vater, steht ratlos daneben.
Der Arzt bückt sich, nimmt das Kind auf, öffnet die Kleider der Mutter und legt es ihr an die Brust. Ein Lächeln aus müden glücklichen Augen trifft ihn, durchdringt ihn.
Von dem Kind geht ein Strahlen aus, das den Hirten verändert. Es wird hell und warm in ihm, ein feines Lächeln umspielt seine Augen, der Mann ihm gegenüber fängt es auf, gibt es weiter. Er geht ein paar Schritte auf den Arzt zu, drückt ihm fest die Hand, zieht ihn mit sich zum wärmenden Feuer, wo der Einsame erstmals wieder eine Heimat findet. Die eben aufgehende Sonne bescheint den Hirten, der endlich seine Ruhe und einen sicheren Platz gefunden hat.
 
 
(2008, „Krippengeschichten“ von Christa Astl)

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.12.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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