Peter Kröger

Sigrid



Jeden Morgen stand ich auf, setzte mich ans Fenster und wartete auf den Tod. Er würde kommen, irgendwann, ich war bereit, und ich hatte Zeit.
Bis dahin gab es dieses Fenster und einen Sessel davor und den Blick auf die Straße, wo immer das Gleiche geschah.
Jahre vergingen, dann sah ich Sigrid.
Für einen kurzen Moment trat sie in mein Leben, um gleich wieder fort zu sein. Es ging alles unglaublich schnell, aber von meinem Sessel konnte ich fast alles sehen und hören, mehr noch, die Geschehnisse zogen mich vollkommen in ihren Bann. Aber ich kann mir immer noch keinen Reim darauf machen, was vor meinen Augen und mit mir geschehen ist und wie es dazu kam.
Ich weiß nicht, ob ich glücklich darüber sein soll, aber heute fürchte ich den Tod wieder, heute, da ich ihm wieder ein Stück näher gekommen bin. Darf ich sagen, ich habe geliebt? Ein vermessener, geradezu ans Irrsinnige grenzender Gedanke angesichts der Tatsachen, ich weiß. Und doch möchte ich soweit gehen, es zu behaupten, eine zarte Liebe, ja, und das bleibt sie.
Was Dritte über meinen Geisteszustand denken, interessiert mich nicht im Geringsten, solange ich in keine Einrichtung eingewiesen werde, denn ich möchte zuhause sterben, gerne am Fenster sitzend, mit Sigrids Motorradhelm in der einen Hand und dem blauen Seidenhalstuch in der anderen.
Das Alter macht mir zu schaffen, schon früh hat es sein hässliches Gesicht gezeigt und mich, den frisch pensionierten Polizeiobermeister am Schlafittchen gepackt und nicht wieder losgelassen. Im ersten Jahr meines Ruhestands, also vor neun Jahren, begann mich eine Harninkontinenz zu quälen, die sich im Laufe der Jahre verschlimmerte und nicht unwesentlich zu meinem Umzug von Hermsdorf nach Charlottenburg beigetragen hat, weil ich es leid war, alte Bekannte vor der Apotheke zu treffen oder auf das idyllisch gelegene Altersheim Ecke Heinsestraße zu glotzen, von dem im Sommer bei geöffneten Fenstern ein vielstimmiges dumpfes Klagen über die Straße wehte.
Doch natürlich änderte auch der Umzug in die neue Wohnung mit Blick auf den Luisenplatz nichts an meinem Gebrechen, und dass ich nicht schneller unten bei Sigrid gewesen bin, ist dem Umstand zuzuschreiben, dass ich  im denkbar ungünstigsten Augenblick eine neue Windel anlegen musste. Ich hätte ihr womöglich noch einmal in die Augen schauen können, aber der Harn lief, und ich merkte, dass er reichlich lief, und bis ich unten ankam, waren mindestens drei Minuten vergangen und Sigrid von Passanten umringt, die mir den Weg versperrten.
Wer mich sah auf dem Gehweg der Otto-Suhr-Allee an der Ecke zur Kaiser-Friedrich-Straße, sah einen unrasierten, verlodderten alten Mann in Filzpantoffeln, und tatsächlich wurde ich gefragt, ob mir die Verunglückte bekannt sei, was ich verneinen musste, sodass sich die Fragenden wieder abwandten, weil die Polizei die Kreuzung sperrte und sich der schnell eintreffende Notarzt um die Leblose kümmerte, die bereits von ihrem Helm befreit worden war, einem schwarzen Halbschalenhelm ohne Straßenzulassung, wie meine alten, aber durch dreiundvierzigjährige Berufstätigkeit geschulten Augen sofort erkannten.
Ich kann mich erinnern, dass ich die Worte das kommt davon dachte, wenn es wirklich Worte sind, die man denkt, ein Reflex aus vergangenen Tagen, für den ich mich sogleich maßlos schämte; im selben Moment spürte ich, wie sich meine neue Windel wieder mit frischem Urin zu füllen begann. Zwischen Notarzt und Rettungssanitätern konnte ich mehrmals für einen Moment Sigrids Kopf erkennen, der außer einem Kratzer auf der Stirn frei von äußeren Verletzungen zu sein schien. Der Anblick ihrer zarten Lippen und ihrer weißen, feingliedrigen Hände berührte mich eigentümlich und ließ mein Empfinden zwischen Mitleid, Trauer und stiller Bewunderung hin- und herpendeln.
Ich schätzte ihr Alter auf fünfunddreißig Jahre und ihr langes, braunes Haar war mir sofort aufgefallen, als sie mit ihrem Motorrad über die Schlossbrücke fuhr und sich auf der rechten der beiden Linksabbiegerspuren einordnete. Ihre Augenfarbe, ihre Körpergröße, Geburtstag und Geburtsort und die genaue Meldeadresse habe ich mit Hilfe eines alten Bekannten im Passamt Charlottenburg herausbekommen, der diskret und unter Umgehung einiger Dienstvorschriften ganze Arbeit leistete, da ich am Unfallort selbst nur den Namen Sigrid Schwiebert in Erfahrung bringen konnte und zufällig noch das Wort Schillerstraße verstand, das einer der Beamten einem anderen zurief, der den Funkkontakt mit der Einsatzleitung hielt und die Zeugenbefragung durchführte. Die Schillerstraße gibt es immerhin sieben Mal in Berlin, aber als ich irgendwann wusste, welche in Frage kam, wusste ich nicht mehr, warum ich es wissen wollte. Mit der Augenfarbe verhielt es sich anders.
Ich habe Sigrid geliebt, obwohl sie jünger war als meine Tochter, die in Bad Salzuflen lebt, und mit der seit vielen Jahren kein Kontakt mehr besteht, weil sie mir vorwirft, das Leben ihrer Mutter, meiner Exfrau, die vor vier Jahren starb, vorsätzlich zerstört zu haben, da ich mich vor fünfundzwanzig Jahren von ihr scheiden ließ, übrigens nicht wegen einer anderen, sondern um alleine zu leben, allein mit meinen Schrullen und Launen und ohne die ihren. Von meinen früheren gelegentlichen Bordellbesuchen weiß glücklicherweise niemand etwas, und so absurd es klingt, ich bin froh, dass auch Sigrid nie davon erfahren hat, weil sie mir sonst (manche Frauen neigen in diesen Dingen zur Überempfindlichkeit) möglicherweise nicht so freundlich von ihrem Motorrad aus zugewinkt hätte, wie sie es tat, kurz bevor sie in die Otto-Suhr-Allee einbiegen wollte. Andererseits wäre sie nicht abgelenkt gewesen und würde vielleicht noch leben. Das Winken war entscheidend, es stellte einen Kontakt her, mochte er noch so flüchtig sein, ohne dieses Winken hätte Sigrid die Gefahr unter Umständen erkennen können, und mein Leben wäre ein Leben ohne einen Blick von Sigrid und ohne ihre winkende Hand gewesen, was allerdings für mich nicht mehr vorstellbar ist, außerdem verbietet die Straßenverkehrsordnung nicht das Winken aber das Fahren bei rot.
Ob ich irgendetwas dachte, als ich einfach Helm und Halstuch verbotswidrig an mich nahm, also einen Diebstahl begang und noch eine Weile neben dem Krankenwagen stand, in dem der Notarzt nun vergeblich um Sigrids Leben kämpfte, weiß ich nicht. Ich sah das Motorrad vor dem Schaufenster des Küchenstudios liegen und das zerbeulte Auto des Unfallgegners, eines wild gestikulierenden aber sichtlich unter Schock stehenden Anzugträgers, auf der Kreuzung, schaute wieder auf den Krankenwagen und schließlich zu einem Fenster, hinter dem niemand saß. Meine Zeugenaussage hatte ich bereits zu Protokoll gegeben und dabei den kurzen Blickkontakt zwischen Sigrid und mir verschwiegen. Eine kleine, feuchte Stelle an meiner Gymnastikhose machte mir überdies deutlich, dass das Anlegen der Windel nicht mit der gebotenen Sorgfalt von statten gegangen war, und so ging ich zurück in die Wohnung, wusch mich, wechselte die Windel erneut und setzte mich ans Fenster. Dann schlief ich ein.
Wenig später glaubte ich zu erwachen und fand mich als Polizist am Schreibtisch in irgendeiner mir fremden Polizeidienststelle wieder, wo ich für die Bearbeitung von Eigentumsdelikten zuständig war. Vor mir saß ein jugendlicher Dieb, der die begangene Straftat mit der Begründung herunterzuspielen versuchte, alles sei sozusagen in Windeseile geschehen, er habe plötzlich auf der Straße gestanden mit einem Kochbuch in der Hand, man denke nur, ein Kochbuch, aber da habe der Kaufhausdetektiv ihn auch schon am Arm gepackt und in sein Büro gezerrt. Vor meinen Augen fand der Junge keine Gnade, und ich sagte nur: Auch ein Kochbuch darf man nicht stehlen, das weißt du doch. Der Junge begann zu weinen, doch ich ließ mich nicht erweichen und plötzlich saß mir ein alter Mann gegenüber und flehte: Ich weiß, aber Liebe geht durch den Magen. Ich erinnere mich, dass ich im Traum diesen Satz vollkommen unsinnig fand und den alten Mann anherrschte: Erzählen Sie diesen Quatsch dem Staatsanwalt. Außerdem stinken Sie.
Als ich erwachte, schämte ich mich wieder und weinte. Ich blickte aus dem Fenster und konnte kaum mehr etwas entdecken, was auf Sigrids Unfall hindeutete, außer einigen Glassplittern, Metall- und Plastikteilen auf der Fahrbahn. Auto und Motorrad, Krankenwagen und Polizei waren verschwunden, aber es standen noch einige Menschen auf dem Gehweg, die sich offensichtlich angeregt über das Unfallgeschehen unterhielten, indem sie  wiederholt auf die Kreuzung zeigten. Einige nickten und versuchten sich gegenseitig mit ausladenden Armbewegungen den Zusammenstoß zu erklären.
Jetzt hatte auch ich den Unfall erneut vor Augen, sah Sigrid wieder über die Schlossbrücke fahren und sah, dass sie mich sah, wie ich am Fenster saß und hinausschaute. Ich sah ihre Haare im Wind, nur teilweise gebändigt vom Halbschalenhelm, und dann rief ich mir erneut das Bild vor Augen, wie sie mit ihrer rechten Hand grüßte und dass dieser Gruß mir galt, mir, der seit sieben Jahren Tag für Tag dort oben am Fenster saß und der dort noch nie von wem auch immer gegrüßt worden war. Hier am Luisenplatz waren alle, die sich der großen, unübersichtlichen Kreuzung näherten, vor allem mit dem Einordnen, Abbiegen, Bremsen und Anfahren beschäftigt und niemand entdeckte alte Männer hinter schmutzigen Fenstern in grauen Altbauten. Bis auf Sigrid.
Die winkende Sigrid. Sie, die als erste an der Linksabbiegerampel steht, schaut noch einmal zu mir hoch, und jetzt winke auch ich, sie sieht es und lächelt, dann fährt sie an, ich kann ihre Ampel nicht sehen, aber ich kenne die Schaltung. Und ich sehe auf der anderen, auf meiner Seite die Ampel des Unfallgegners, der sich vornimmt, ja, er nimmt sich offenbar vor, diese Ampel noch zu passieren, wie ich später zu Protokoll gab, und kann sich dann nicht mehr umentscheiden, anders kann man es nicht erklären, ein psychologischer Effekt, so haben wir es auf Lehrgängen gelernt, ja, ich war auch Polizist, sagte ich etwas vorlaut, natürlich ist das nur eine Vermutung, ja, er ist bei Rot über die Ampel gefahren, nein, ich sagte doch, die Ampel der Motorradfahrerin kann ich von da oben nicht sehen, wie sollte ich.
Und dann knallte es und ein Körper, ihr Körper, wirbelte durch die Luft. Wohin genau sie fiel, wo sie aufschlug, irgendwo zu meinen Füßen, wie ich heute noch denke, hatte ich nicht sehen können.
 
Ich überlegte, ob ich noch einmal die Wohnung verlassen und mich zu der diskutierenden Kleingruppe gesellen sollte, aber ich blieb sitzen. Ich versuchte, langsam und gleichmäßig zu atmen, aber mein Atmen ging nach kurzer Zeit in ein Schluchzen über, das nicht enden wollte, nicht unähnlich den Klagerufen, die im Sommer in der Heinsestraße zu hören waren. Ich weinte mich in den Schlaf, erwachte und weinte wieder. Dann nahm ich Helm und Halstuch in die Hand und beruhigte mich allmählich. Am nächsten Morgen kaufte ich mir eine Zeitung, der ich entnehmen konnte, dass Sigrid noch am Unfallort verstorben war und ihr Unfallgegner eine rote Ampel übersehen hatte.
Seither fürchte ich den Tod, dem ich seit langer Zeit gleichgültig gegenüber stand. Ich bin nicht religiös und glaube weder, dass Sigrid im Himmel ist, noch daran, dass wir uns irgendwann wiedersehen. Sigrid ist tot, ich habe sie geliebt für einen Moment, vielleicht sogar durch ihren Tod erst, obwohl ich mich weigere, diesen Gedanken zu akzeptieren. Aber sie ist tot, und es ist mir bewusst, dass ihr Winken durchaus etwas Unpersönliches hatte, und vielmehr dem Menschsein schlechthin, der Gattung als solcher galt, wenn man so sagen kann und ich in gewisser Weise nicht gemeint war, gar nicht gemeint sein konnte, ich, der harninkontinente Greis am Fenster.
Stürbe ich aber, dann würde auch meine Liebe enden, so denke ich, und ich will noch eine Weile, noch eine ganze Weile Sigrid lieben, will mit ihr aufstehen und mit ihr über den Luisenplatz gehen. Ich will mit ihr im Geiste über die Schlossbrücke fahren, als Sozius auf ihrer Maschine und wir beide würden jemandem in einem grauen Altbau zuwinken, unfallfrei abbiegen und weiterleben.
So wie ich hier am Fenster noch etwas weiterlebe und weiterleben will, hier, wo ich sitze, hinausschaue und phantasiere, noch ein wenig, ganz für mich, auch wenn die Zeit knapp wird. Ich könnte die Gelegenheit nutzen und mir einen Bildband von Bad Salzuflen besorgen oder an meinen letzten verunglückten Bordellbesuch vor zwölf Jahren denken, als ich gleich an der Bar bemerkte, dass ich mein Geld vergessen hatte, nach Hause ging und in einem Kochbuch las, ohne zurückzukehren.
Daran könnte ich denken und an Sigrids grau-grüne Augen, die sie gehabt haben soll, wenn es stimmt, was ich nie gesehen habe.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.12.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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