Irene Beddies

Grimmi (Teil1)



Die Vorräte in der gemütlichen Höhle zwischen den Wurzeln der Tanne gingen zu Ende. Mama Wichtel war sehr in Sorge. Seit Papa Wichtel verschwunden war, lebte sie in ständiger Angst vor Hunger und Unglück.
 
Sie rief nach ihrem Sohn. Grimm hatten sie ihn genannt, damit er groß und stark würde. Sie riefen ihn jedoch immer zärtlich Grimmi.
„Grimmi, du musst dich warm anziehen und etwas zu essen suchen. Es hat nicht geschneit, du wirst leicht durch den Schnee von gestern kommen. Nimm deine Axt mit, vielleicht hast du Glück und findest einen Tannenzapfen.“
Grimmi sah seine Mutter mit großen Augen an. Noch nie war er allein in den Wald geschickt worden. Er wurde rot im Gesicht vor Freude, dass sie ihm eine so wichtige Aufgabe anvertraute. Seit Papa nicht mehr da war, versuchte er tapfer, Mama manche Sorge abzunehmen. Er nahm sich vor, nicht mit einem leeren Sack heimzukommen.

Vorsichtig bahnte er sich einen Weg durch den Schnee. Zuerst war es leicht, denn nur wenige Flocken hatte es unter die dichten Tannenzweige geweht. Als er jedoch das schützende Dach aus Nadeln verließ, wurde der Schnee tiefer. Das Laufen war nun nicht mehr so einfach.
Grimmi hatte Glück, ein langer Tannenzapfen lag, fast vom Schnee zugedeckt, neben einem Dickicht aus Preiselbeersträuchern. Mit der Axt begann er, die Schuppen abzuschlagen, um an die Samen zu kommen. Er arbeitete schon eine ganze Weile, da musste er sich schnell verstecken, denn ein Eichhörnchen hatte ebenfalls den Zapfen entdeckt und kam drohend näher. Das Tier war größer als er.
Grimmi kroch mit seinem halb gefüllten Sack enttäuscht unter das dichte  Preiselbeergestrüpp. Als er nach oben blickte, sah er einige gefrorene rote Beeren unter der weißen Schneedecke. Voller Freude kletterte er an den Ästen hoch und pflückte sie. „Mama wird sich riesig freuen! Endlich nicht nur immer Tannensamen!“ Auch ein paar gefrorene Blattknospen hackte er mit seiner Axt von den Sträuchern.
 
Das Eichhörnchen war längst mit dem Tannenzapfen verschwunden, als Grimmi mit der schweren Arbeit fertig  war. Den Sack konnte er nicht mehr tragen, er war prall gefüllt und sehr schwer wegen der Beeren. Er schleifte ihn  keuchend nach Hause.
Am Höhleneingang kam ihm der verlockende Duft nach Rosenblättertee entgegen. Mama umarmte ihn freudig: „Dass du wieder da bist! Endlich! Du warst so lange weg!“
„Ich habe eine Überraschung für dich“, rief Grimmi und öffnete den Sack. Er holte stolz eine rote Beere heraus.
„Wo hast du die denn gefunden, mitten im Winter?“
„Ich habe viel mehr davon“, sagte Grimmi. „Ob sie noch gut sind?  Wenn du sie kochst, schmecken sie dann süß?“
„Ja. Wir wollen aber sparsam damit umgehen, damit wir länger welche haben. Einige können wir hinter den Baum in die kleine Vorratshöhle legen für später“, sagte Mama Wichtel.
Grimmi rieb sich die kalten Hände.
„Ach du Ärmster, vor Freude über die Beeren habe ich ganz vergessen, wie kalt es dir sein muss! Trink erst einmal eine Tasse heißen Tee.“
 
Mutter und Sohn setzten sich an den Tisch, knabberten Tannensamen und wärmten sich an dem Tee.
„Der Vorrat, den du gesammelt hast, Grimmi, wird nicht allzu lange reichen, fürchte ich. Würdest du einmal mehr losgehen und dein Glück versuchen? Ich merke es an meinem kleinen Zeh, dass bald neuer Schnee fällt.“
„Aber gern, Mama. Ich weiß, wo mehr Sträucher stehen. Vielleicht haben die Vögel auch dort nicht alle Beeren weggepickt.“
 
Zweimal mehr machte sich Grimmi an diesem Tag auf, und sammelte alles Essbare, das er finden konnte: Samen, gefrorene Beeren, ein wenig Tannenrinde mit viel Harz daran und eine Haselnuss.
„Damit können wir den nächsten Schnee überstehen“, sagte Mama, „wenn er nicht zu lange liegen bleibt“.
Nach einem köstlichen Brei aus Tannensamen und einigen Beeren schlief Grimmi müde und zufrieden ein.
Mama Wichtel lag lange wach in ihrem Bett und grübelte. Sollte es immer so sein, dass sie nur Vorräte für die nächste Woche hatten? Durfte sie Grimmi regelmäßig auf Nahrungssuche schicken? „Er ist doch nur ein Kind, und die Gefahren im Wald sind groß. Er könnte wilden Tieren begegnen oder schlimmer, gar den Menschen. In der Nähe wohnen keine anderen Wichtel, die ich um Hilfe bitten kann“, murmelte sie vor sich hin. Ihr Mann musste durch ein Tier oder einen Unfall ums Leben gekommen sein. Etwas anderes konnte sie sich nicht vorstellen. Wie sollte sie alles auf die Dauer allein schaffen? Der Winter war noch lange nicht vorbei.
 
Grimmi kam am folgenden Tag mehrmals mit einem bis an den Rand gefüllten Sack nach Hause. Mama Wichtel staunte nicht schlecht.
„Wo hast du all die guten Sachen gefunden? Wir haben ja fast genug für den halben Winter! Solch reiche Ausbeute hat Papa niemals gefunden.“
Grimmi druckste ein wenig herum. „Mama, du darfst nicht böse sein“, fing er an, „ich weiß, ich durfte nicht dorthin.“
„Wo um Himmels Willen warst du?“, fragte die Mutter und sah ihm ängstlich ins Gesicht.
„Ich war gestern bis an den Waldrand. Rehe haben einen Weg getrampelt, auf dem konnte ich schneller laufen.“
„Du warst bei den Menschen! Kind, wie konntest du nur all unsere Warnungen vergessen! Papa hat immer erzählt, wie gefährlich es sein kann, ihnen zu begegnen!“
„Aber Mama, es war gar nicht gefährlich, die Rehe sind doch auch dorthin gelaufen. Und ich war ganz vorsichtig und habe mich immer umgeschaut. Am Waldrand habe ich mich in einem Brombeergebüsch versteckt und abgewartet. Es war ganz leise dort, niemand zu sehen, nicht mal eine Maus.“
„Auf die Mäuse ist doch kein Verlass, die sind frech und viel schneller wieder weg, wenn Gefahr droht.“
„Ich weiß das ja, aber trotzdem. Ich war nun mal da. Die Menschen leben in großen Hütten, viel, viel größer als die, die in der Lichtung steht.“
„Ich glaube, sie nennen das Häuser“, warf Mama dazwischen.
„Ein Vogel mit roter Brust kam geflogen, setzte sich auf einen Ast über mir und flog dann zu einem kleinen Häuschen auf einem Pfahl. Dort holte er etwas, setzte sich wieder auf den Ast und ich sah, dass er etwas zu essen hatte.“
„Aus einem Haus?“, fragte Mama Wichtel erstaunt.
„Nicht aus einem, wie die Menschen sie in groß haben. Es war klein, so eins hätte ich auch gern zum Wohnen. Es war aus Holz mit einem Dach aus Rinde. Dort muss Futter gewesen sein.“
„Seltsam. Menschen müssen es aufgestellt haben. Ob sie mit den Vögeln Mitleid haben? Und ihnen etwas hineinstreuen?“, überlegte Mama Wichtel.
Ungläubig blickte sie Grimmi an. Der zuckte mit den Schultern, er konnte es auch nicht wissen.
„Ich war neugierig“, fuhr er fort. „Ich kroch aus dem Gebüsch und schlich mich unter das Häuschen. Und denk dir, die Vögel haben viel von ihrem  Futter fallen lassen. Das habe ich heute aufgelesen und mitgebracht. Das ging ganz schnell, ich brauchte ja nicht zu suchen und keine Zapfen mit der Axt zerlegen.“
„Und du bist mehrmals hingegangen heute?“
„Ja, Mama, nun brauche ich nicht mehr hin. Du hast gesagt, wir hätten genug.“
„Aber ja, mein Liebling. Du warst sehr wagemutig und sehr tapfer.“
Froh und erleichtert blickte sie auf die vollen Säckchen, die an der Höhlenwand lehnten. Gemeinsam leerten sie alles auf dem Boden aus und bestaunten, was Grimmi gefunden hatte.
Mama Wichtel holte mehrere Schüsseln. In die sortierten sie die unterschiedlichen Dinge: kleine runde Hirsekörnchen, große schlanke Sonnenblumenkerne, Weizen- und Haferkörner und seltsame, große, verschrumpelte braune Beeren, die sie nicht kannten und die süß schmeckten, als jeder eine neugierig probierte. Auch Stückchen von Nüssen waren darunter und plattgedrückte runde Getreidekörner. Jede Sorte füllten sie danach in Säckchen oder irdene Krüge und stapelten sie in der Vorratskammer hinter dem Baum. Als Festschmaus gab es Hirsebrei mit einigen der komischen, unbekannten Beeren. So etwas Leckeres hatten sie lange nicht gegessen.
 
 © I. Beddies

Fortsetzung folgt
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.12.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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