Irene Beddies

Grimmi (Teil 2)



Grimmi feiert Weihnachten
 
„Mama, heute war ich in der Dämmerung  wieder am Waldrand. Ich wollte sehen, was unter dem Futterhäuschen Neues lag. Und denk dir, als ich zu den großen Häusern der Menschen hinüberblickte, da lagen in vielen Fenstern Tannenzweige. Die waren mit glitzernden Dingen geschmückt. Und Lichter brannten auch. Es sah sooo schön aus. Warum tun die Menschen das?“
„Mitten im langen Winter feiern die Menschen ein Fest, habe ich einmal gehört. Das nennen sie Weihnachten. Mehr weiß ich darüber nicht.“
„Können wir nicht auch so ein Fest feiern?“, fragte Grimmi begierig. „Wir können uns Tannenzweigspitzen hinlegen und ein Licht aufstellen.“
 
„Ohne Papa können wir nicht feiern. Er fehlt uns zu sehr. Ich bin immer traurig, da ist mir nicht zum Feiern zumute.“
Grimmi schaute ebenfalls ganz traurig drein. Er hatte sich zwar schon ein wenig mit Papas Verschwinden abgefunden, aber wenn Mama so betrübt war, konnte er nicht fröhlich sein.
Trotzdem ging er und suchte kleine Tannenzweige am Boden. Die brachte er nahe an ihre Höhle, ließ sie aber draußen liegen. Mama sollte nicht noch trauriger werden. Er wollte sie im Gegenteil überraschen an dem Tag, an dem er feststellen konnte, dass die Menschen feierten.
 
Regelmäßig schlich er in der Dämmerung an den Waldrand und beobachtete die Häuser.
Heute war in dem Haus, in dessen Garten er das Vogelhäuschen gefunden hatte, besonders viel Licht. Eine Tanne stand mitten im Zimmer. Eine Frau auf einer Leiter hängte etwas Glitzerndes in den Baum. Unten tat stand ein Kind und dasselbe. Eine alte Frau kam mit einer Kanne ins Zimmer und goss etwas Heißes in Becher. War das das Fest?
 
Grimmi lief zurück zur Höhle und trug die Tannenzweige näher an den Eingang. Er wollte später noch einmal zu den Menschen und sehen, wie sie feierten.
Er überlegte. Woher sollte er Glitzerzeug bekommen? Oder etwas anderes Schönes zum Schmücken? Glitzernder Schnee würde schnell tauen und alles nass machen. Aber ein wenig Silbermoos wäre ganz hübsch. Ja, und einige rote Brombeerblätter, die nicht verblasst waren!
Er nahm sich einen Sack: „Mama, darf ich nach draußen?“
„Ich kann dich wohl nicht bei mir festhalten im Augenblick. Also geh. Aber sei schön vorsichtig, die Eulen sind unterwegs.“
 
Als Grimmi am Garten ankam und auf die Fenster starrte, war dort alles dunkel. Kein Fest! Kein Feiern!
Auch in allen anderen Häusern waren die Gardinen zugezogen. Es war sehr still.
Nachdenklich lief Grimmi nach Hause. Er war enttäuscht, dass er
länger warten sollte. Auf dem Weg sammelte er Silbermoos und Blätter.
 
Am nächsten Abend stand Grimmi wieder am Zaun und spähte in die Fenster der Häuser, sie waren hell erleuchtet. Hier und da konnte er einen Tannenbaum sehen, an dem Lichter brannten und den Schmuck zum Glitzern brachten. Bis an den Waldrand roch es nach guten Dingen, die die Menschen zubereiteten.
Mehr musste er nicht beobachten. Das Fest war gekommen!
 
Zu Hause schickte er Mama an den Herd. „Du musst etwas Gutes kochen, die Menschen feiern heute ihr Fest. Da will ich auch etwas Besonderes essen!“, verlangte er keck.
Lächelnd suchte Mama Wichtel in ihren Vorräten. Sie schmolz ein wenig Schnee, schüttete von den zerquetschten Getreideflocken hinein und fügte die unbekannten Schrumpelbeeren, Preiselbeeren und Knospen hinzu. Auch ein paar Blätter vom Rosentee kamen mit in den Topf als Würze. Zum Knabbern stellte sie ein Schüsselchen besonders großer Tannensamen hin.
 
Grimmi holte indessen die Zweige herein und legte sie ordentlich auf die Kommode. Er schmückte sie mit Silbermoos und den Brombeerblättern. Zwei  rote Hagebutten legte er an jede Seite der Kommode. In die Mitte stellte er seine Laterne, die er sonst neben dem Bett stehen hatte. Er zündete das Licht mit einem Zweiglein an, das er im Ofen zum Glühen gebracht hatte.
 
Als Mama sich umdrehte, um den Tisch zu decken, sah sie den Tannenschmuck.
„Oh Grimmi! Wie hast du mich überrascht! Das sieht wunderhübsch aus!“
Sie nahm ihren Jungen in den Arm und drückte ihn an sich. „Du hast mir ein schönes Geschenk gemacht, danke.“
„Ich hab mehr für dich“, platzte Grimmi heraus, „hier.“
Er fasste unter den Tisch und rollte etwas Großes hervor. Es war doch tatsächlich eine Walnuss.
„Die lag mitten auf dem Weg“, erklärte er, „ich konnte sie nicht richtig tragen, da hab ich sie gerollt. Du hast sie unter dem Tisch nicht gefunden!“
 
Zufrieden aßen sie das gute Mahl. Dann ging Grimmi glücklich ins Bett. Mama saß länger am Tisch und weinte so leise vor sich hin, dass Grimmi es nicht hören konnte.
Als Mama Wichtel endlich auch ins Bett gehen wollte, polterte es vor der Höhle. Etwas schnaufte wie nach gewaltiger Anstrengung. Ein Mann mit einem Bart und einer roten Mütze trat in die Höhle. Mama Wichtel blieb fast das Herz stehen. Der Mann kam auf sie zu und umarmte sie.
„Du bist wieder da! Du bist nicht tot“, rief sie laut, „du bist wiedergekommen!“
Grimmi fuhr bei dem Schrei aus dem Schlaf und rieb sich die Augen.
„Papa, Papa!“, jubelte er und flog ihm um den Hals.
„Frohe Weihnachten“, sagte Papa fröhlich und herzte und küsste seine Frau und seinen Sohn.
„Woher weißt d u von Weihnachten?“, fragte Grimmi, der sich als erster gefasst hatte.
„Ich musste mit anderen dem Weihnachtsmann helfen. Kein Wichtelmann durfte seiner Familie eine Nachricht schicken. Alles sollte geheim bleiben. Nicht ein Fitzelchen Kunde von unserer wichtigen Aufgabe sollte zu den Menschen dringen können. , erklärte er uns wiederholt.“
„Wir haben heute auch Weihnachten gefeiert“, erklärte Grimmi und zeigte auf die geschmückte Kommode.
„Und vom Festessen ist auch etwas übrig“, fügte Mama hinzu.
„Und ich habe euch Geschenke mitgebracht, die der Weihnachtsmann für alle seine Helfer bereit hatte.“ Er zog einen schweren Sack in die Höhle.
Munter packten sie aus: einen roten Pullover für Grimmi mit einer passenden Mütze dazu, ein dickes Wolltuch für Mama in blauen und grünen Farben, Hausschuhe für Papa und klitzekleine Pfefferkuchen für alle.
„Frohe Weihnachten“, hörten sie eine tiefe Stimme durch den Wald rufen.
„Das war der Weihnachtsmann. Er hat jetzt endlich Zeit, sich auszuruhen. – Und ich bin auch schrecklich müde“, gähnte Papa.
 
 © I.Beddies


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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.12.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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