Peter Kröger

Der Mann meiner Frau



Klar, ich soll tot sein und so, ertrunken, aber ich weiß, dass das Quatsch ist, denn ich bin da und er auch. So kommen Gerüchte auf. Ein absurdes Theater das Ganze. Noch lebe ich doch wohl, und wenn ich sterbe, gibt es immer noch ihn. Den Mann meiner Frau. Glaube ich.
Klingt irgendwie pannemäßig, und Joschua, ein Mann des Wortes, sagt, du spinnst, Dicker, zieh dir warme Sachen an, du gehst sonst vor die Hunde, aber dann weiß er auch nicht, wie ich den Mann meiner Frau sonst nennen soll. Dabei will ich keineswegs klugscheißerisch sondern lediglich genau sein, wir haben solche Fälle oft genug durchdiskutiert, Josch soll jetzt nicht so tun. Rummeckern kann jeder, ich kann mir vorstellen, dass ihm diese Zuordnung nicht passt,  aber am Bessermachen ist schon mancher Schlauberger gescheitert. Nur weil sich Mann meiner Frau komisch oder abgedreht anhört, kann es doch zutreffen und bei entsprechend gutem Willen sogar ein wenig Nüchternheit versprühen.   
Ich kann ja schlecht Hackfresse sagen oder etwas in der Güteklasse, das heißt, ich könnte schon, aber es trifft nicht den Kern der Sache, noch nicht mal ansatzweise, außerdem dreht meine Frau Doreen durch, wenn ich so rede, weil sie es auf den Tod nicht ausstehen kann, wenn ich Ausdrücke gebrauche, womit sie unflätige Worte meint. Sage ich zum Beispiel Arschkram, kostet es eine kleines Geldstück, bei Scheiße ist ein Schein fällig und der verfickte Dreck müsste mit einem Sechsgängemenü gesühnt werden, weshalb ich es mir verkneife, denn ich bin nicht Krösus. Wenn es gar nicht anders geht, denke ich höchstens solches Zeug und sowieso niemals im Zusammenhang mit Doreen. Trotzdem habe ich manchmal ein schlechtes Gewissen und weiß nicht warum. Vielleicht weil immer alles zu viel ist, gestern, heute, der Morast, den ich sehe, der Dreck. Und ich nachdenken muss und nicht zuviel nachdenken darf über all das, und doch zu nichts Anderem mehr komme und Doreen vernachlässige und müde werde und unter Zeitungen schlafe, die mir ins Gesicht lügen und mich wärmen.
Ganz anders der Mann meiner Frau. Er übernimmt die Hausarbeit, vögelt auf Zuruf (der Ausdruck bleibt unter uns), ist einfühlsam, ein Kerl wie aus dem Bilderbuch, teilnehmend-fröhlich, belesen, ein sogenannter Klassetyp. Er schreibt und zwar über das Mann-Sein und die Liebe, selbstredend kritisch und ironisch, zuweilen wild und ausgelassen, ohne jemals ungenau zu werden. Und er verkauft, was er schreibt. Ein Sprachvirtuose. Ein Gefühlsartist. Ein Hutspezialist. Sagt jedenfalls der Klappentext seines neuen Gedichtbandes, für den ich, um mir ein Bild zu machen, neunzehn neunzig im Buchladen in der Danckelmannstraße, nicht weit vom Tegeler Weg, hingelegt habe, um dann leider festzustellen, dass es sich um eines seiner schlechten Werke handelt, das schlechteste der wenigen schlechten, ein Ausrutscher, wie ich hoffe, aber ein arger: Der Panamahut.
Ein hübscher Titel.  Der Inhalt allerdings ist mehr als nebulös, metrisch ist das Ding jedenfalls unter aller Kanone, irgendwie arrhythmisch, ich zitiere mal aus dem schmalen Bändchen:

Bis gestern ging es noch ganz gut
so ohne Hut
aus Panama.
Das Wetter war ja meistens schlecht
so kam ich recht
bescheiden klar.


Und so weiter. Er besorgt sich so eine Kopfbedeckung und ist am Ende bescheuerterweise

sogar glücklich
um ein Haar

mit diesem Hut aus Panama.

Was für ein Schwachsinn. So zerstört man seinen guten Ruf. Aber Doreen hat bestimmt gelacht.
Gut, der Mann meiner Frau ist kein Meister des Endreims. Vielleicht bin ich auch zu streng, und alles ist perfekt. Genau genommen könnte es fast von mir sein. Und das mit dem Arrhythmischen nehme ich zurück. Ich habe mich gehenlassen. Meine Überreaktion mag daher rühren, dass ich drei Jahre Schlagzeuger in der Schülerband Die Kopfnüsse war und kiffende Bandkollegen mit mehr oder weniger eingängigen Beats und Off-Beats, die letztlich auch nur Beats sind, mühsam im Zaum halten musste. Einerseits konnte ich zwar ein Gefühl für tonale Statik und die verborgenen Fliehkräfte eines unauffälligen Vierviertel-Taktes entwickeln, aber andererseits liegen seit dieser Zeit die Nerven schnell blank.
Darum halte ich mich besser zurück, aus Angst mich zu verrennen, zumal Seine Heiligkeit, der Mann, ohnehin unantastbar ist und Widerstand zwecklos und das Mittelmäßige angeblich immer noch besser als das Schlechte ist, und zum Schluss habe ich garantiert wieder nichts verstanden, weil alles anders gemeint war und ich ein öder Hinterwäldler bin, ein Korinthenkacker, der Silben zählt und den Schuss nicht gehört hat.
Er war übrigens auch in der Band. Er hat E-Bass gespielt und mich schon damals mit experimentellen Läufen und einem szenigen Funkie-Sound abgrundtief genervt. Dass er neben mir, dem trommelnden Zuchtmeister, dennoch der einzige Nicht-Kiffer war, machte auf Doreen schon damals mächtigen Eindruck. Immerhin war sie die Sängerin und liebte den groove. Das hätte ich jetzt fast vergessen. Die Sängerin. Mit achtzehn war sie natürlich noch nicht meine Frau. Aber die ihres Mannes. Im Nachhinein verstehe ich es selbst nicht mehr. Meine Migräne meldet sich. Es ist aber auch ein riesiges Durcheinander.
Gut, der Gedanke liegt nahe, sich aufzuplustern und Doreen vor die Wahl zu stellen: er oder ich. Aber die ganze Sache ist verwickelt. Und kann nach hinten losgehen, wenn sich herausstellt, dass der Mann meiner Frau aussieht wie Joschua, redet wie Joschua, im Grunde mit Joschua identisch und seit vierundzwanzig Jahren Doreen ein guter Ehemann ist. Daher ist es ratsam, den Ball flach zu halten. Schließlich möchte ich nicht für verrückt gehalten werden. Nicht bevor ich herausbekommen habe, wer sich hinter diesem Mann wirklich verbirgt, ich meine, wie es möglich war, dass er der Mann meiner Frau werden konnte. Am brandneuen Panamahut kann es ja nicht gelegen haben. Aber auch wenn es pannemäßig, wie fast alles pannemäßig klingt: Die Hoffnung, dem Mann meiner Frau, bildlich gesprochen, irgendwann den Hut vom Kopf zu schlagen, beflügelt mich geradezu. Sonst hätte ich mich längst erhängt, oder wäre vor vielen Jahren schon ausgewandert, als ich noch die Kraft hatte.
Nach Mittelamerika. Joschua sagt, es ist schön dort. Nur vor der Sonne muss man sich in Acht nehmen. Aber Joschua spinnt auch ein bisschen. In gewisser Weise hat er sogar die Obermeise. Mit dieser Panamahut-Kiste bereitet er wahrscheinlich nur einen Roman über den Sonnenschutzfaktor vor, den der Klappentext dann als den faszinierenden Sound einer abdankenden Generation beschreibt. Oder so ähnlich.
Ich gelte nur deshalb als bekloppt, weil es mir egal ist, wenn mich jemand eine trinkende Dumpfbratze nennt, er hingegen ist der Held, der sich mannhaft mit Händen und Füßen gegen jede Werkkritik zur Wehr setzt. Dabei beweist er mit seinen neuerlichen Gedichten doch nur, dass er Doreen nach dem Mund redet, denn sie liebt Panama-Hüte, während ich diese Kopfbedeckungen schon immer scheiße fand (wofür ich gerne einen Schein in die Büßer-Schatulle lege).
Ich verbittere mehr und mehr, da der Mann meiner Frau mit allem Erfolg hat, was er beginnt, und dann sage ich ihm: Joschua, ich beneide dich. Um deine Gedichtbände und um Doreens Zuneigung. Mit dem Panama-Hut habe ich meine Schwierigkeiten, ich kämpfe mit deinem Werk, über das die Zeitungen, mit denen ich mich zudecke, nur Gutes schreiben, vielleicht gelingt es mir eines Tages, den tieferen Sinn deiner Dichtung zu ergründen, denn es gibt ihn, ich bin mir sicher. Aber Doreen habe ich an dich verloren, du bist ihr Mann und warst es schon, als deine krummen Bassläufe meine geraden Rhythmen würgten, du weißt, wie sie dich anhimmelte, wie alles sich zu deinen Gunsten neigte. So nahmst du sie mir damals schon, die Frau, die immer nur für dich gesungen hat und meinen Blicken beständig auswich und meine einzig Frau nur war, die ich begehrt', liebliche Doreen.
Hör mit dem Dichten auf, du Vollpfosten, ruft Joschua dann angewidert und ich füge mich. Aber den Vollpfosten nehme ich ihm übel, nicht weil es ein Ausdruck ist, sondern weil er ihn von seiner Tochter Tanja hat, die auch Doreens Tochter ist und somit die Tochter meiner Frau und dadurch gewissermaßen auch mein Kind oder doch zumindest meine potentielles Kind, und  sich Joschua mit anderen Worten einer Jugendsprache bemächtigt, die  genauso wenig die seine ist wie die meiner Frau Doreen, mit der er verheiratet ist und mit der er bei einem Akt auf Zuruf Tanja gezeugt hat, die jeden, der komische Dinge sagt oder tut, einen Vollpfosten nennt, aber nicht mich damit meint, denn sie kennt mich kaum, weil meine Frau Doreen keine Zeit mehr für mich hat und ich mich mit Joschua seit langem schon unter Brücken treffe, wo ich mich über seinen Panama-Hut auslasse und über den Mann meiner Frau schwadroniere, und ihn meine, was er nicht gerne hört und von einem Spinner spricht, wenn er von mir redet, einem Blödmann und hinzufügt: Ist doch wahr.
Sonst ist es eigentlich ganz schön, wenn Joschua mich unter der Brücke beim Tegeler Weg besucht, und mir manchmal Grüße von Doreen ausrichtet, obwohl ich denke, dass er es nur mir zuliebe macht und meine Frau schon lange nicht mehr weiß, wer ich bin, auch wenn sie sich eigentlich an den Schlagzeuger der Kopfnüsse erinnern müsste und an meine Geldstücke, Scheine und Sechsgängemenüs, oder habe ich mir die Sache mit der Schatulle nur ausgedacht, aber ich weiß es doch noch ganz genau, dass ich Doreen vor fünfundzwanzig Jahren nach einem Konzert im Affekt eine eingebildete Scheißschlampe genannt habe und sie sich daraufhin noch nicht einmal durch die Aussicht auf ein Essen im besten Restaurant der Stadt milde stimmen ließ. Auch wenn es mich traurig stimmt, muss ich bekennen: Meine Frau Doreen ist mir im Grunde meines Herzens immer fremd geblieben.
Doch der Mann meiner Frau, der dort die Böschung hinunterrutscht, ist mein Freund geworden, er darf mich ungestraft einen Spinner nennen, denn er bringt mir Zigaretten, Brot und Corned Beef an mein Lager unter der Brücke und besucht mich im Winter sogar im Wohnheim, wo es stinkt und jeder an den Frühling denkt. Dann spielen wir Schach, stundenlang, das heißt, wenn Joschua Zeit hat, und ich sage nach vierundzwanzig Zügen: Jetzt hast du einen Fehler gemacht, und Joschua antwortet: Ich glaube, du hast recht.
Ja, ich mag den Mann meiner Frau, und jetzt, wo ich mich warmgeredet habe, denke ich, dass ich mir den Panamahut noch einmal vornehmen werde. Schließlich habe ich, wenn ich ehrlich bin, gar keine neunzehn neunzig verschleudert, sondern das Bändchen von Joschua geschenkt bekommen, wahrscheinlich als späte Kompensation für sein avantgardistisches Bassspiel, das er glücklicherweise nicht weiterverfolgt hat sondern der Schriftstellerei den Vorzug gab, nachdem er mir Doreen gestohlen hatte, meine Frau, die schöne Sängerin, die mir zustand, von höherer Stelle versprochen, weil alles andere sinnlos wäre, die aber noch nicht einmal mit mir zum Essen gegangen ist, auch wenn sie laut Abmachung ein Anrecht darauf hatte, das sie, Gott weiß warum, leichtfertig in den Wind schlug und mir stattdessen grundlos die Freundschaft kündigte und nicht mehr bei den Kopfnüssen sang und nach der Schule nach Hamburg ging und dort bald darauf Joschua heiratete, ohne mich zur Hochzeitsfeier einzuladen, was mich nachhaltig verletzt hat, weil ich von meiner Frau mehr Feinfühligkeit erwartet hätte.
Damals hatte das hoffnungsvolle Talent Josch gerade seinen ersten Band mit Kurzgeschichten veröffentlicht. Vierundzwanzig Jahre vor dem Panama-Hut hießen seine Geschichten Das Glück der Sängerin, Schatullentango, Corned Beef oder Das Phantom des Mannes.
Jetzt klingt es wie ein Lebenslauf, soll es doch, aber es ist kalt, es war ein Fehler, mich nach der Schule schmollend von Walsrode nach Berlin zurückzuziehen, um Texte zu schreiben, die wie Schlagzeugrhythmen klingen und Doreens Irrweg mit einer überzeugenden inneren Stimmigkeit besingen sollten, aber es hat alles nichts genützt, Doreen ließ sich im fernen Hamburg nicht erweichen, aber Joschua besucht mich, wenn er zu Vorträgen nach Berlin reist, und das tut er häufig und immer hat er eine kleine Überraschung dabei, etwas Essbares oder ein Buch und immer sagt er: Du hast es schön hier unter der Brücke. So spricht der Mann meiner Frau, und ich antworte: Ja, aber das Leben will nicht recht gelingen ohne Doreen, und er sagt: Ich weiß. Ich soll dich grüßen.
Wenn ich nachts wie ein Tier am Ufer der Spree liege, träume ich von Zaubertricks mit einem Panama-Hut, dem eine singende Doreen entsteigt. Nie bin ich dem Geheimnis ihres Mannes so nah, nie ist die Auflösung des Ganzen so greifbar, doch dann erwache ich, weil es regnet oder die leere Corned-Beef-Dose irgendwo drückt und alles beginnt von vorn.
Im Morgengrauen steche ich in See, obwohl es nur dieser Krepelfluss ist und klammere mich mit meinen dünnen Ärmchen an ein Stück Treibholz aus dem Spreewald, den ich nicht kenne, aber es soll ihn geben. Vom Ufer winkt der stolze Joschua. Heute kommt er zu spät. Schon bei der großen Schleuse hinter der nächsten Kurve sinke ich und denke an den verflixten Mann meiner Frau, der nicht ich bin, und nie sein werde. Ganz sicher kann ich aber erst sein, wenn Doreen es mir sagt. Doch Hamburg ist weit. Und die Elbe kein Rinnsal, sondern ein mächtiger Strom mit Untiefen, die wie Fliehkräfte wirken. Als ich ein Gedicht in den verfickten Dreck spreche, steigen Blasen auf.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.12.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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