Peter Kröger

Fleisch. Eine Klarstellung

 



Es sind die Frauen, die ich am Fleisch mag. Im Übrigen ernähre ich mich vegetarisch und gelte bei den Leuten meines Umfelds als nachdenklicher, unauffälliger und friedliebender Zeitgenosse.

Wie es Menschen, ich spreche von der sogenannten Krone der Schöpfung, wie es diesen Menschen möglich ist, warum sie sogar eine Neigung entwickelten, Tiere zu jagen, mehr noch, zu züchten, um sie zu töten und zu verzehren, Tiere, die anschließend schwer im Magen liegen – niemand wusste mir bislang darauf eine befriedigende Antwort zu geben, was man wohl einfach hinnehmen muss, weil einem sonst die Lust aufs Weiterleben verginge.

Offen gestanden verzweifle ich schon bei der genauen Betrachtung der Frage. Ich sage es nur ungern, aber es waren überwiegend Männer, die in grauer Vorzeit Rehe und Hirsche, mithin arglose Kreaturen, massakrierten, ohne Rücksicht auf das zugefügte Leid und den meist nur sehr mickrigen Ertrag dieses idiotischen Zeitvertreibs, denn etwas Anderes ist es zu keinem Zeitpunkt gewesen. In jedem modernen Geschichtsbuch kann man nachlesen, dass vor allem die Frauen den Getreideanbau und somit die Sesshaftigkeit beförderten und den staunenden Männern damit schon immer gezeigt haben – ob mit stolzgeschwellter Brust, wissen wir nicht - was eine Harke ist. 

Von der Kinderaufzucht möchte ich gar nicht erst anfangen. Alle  wären sie verhungert und verrottet, die großmäuligen Knaben zuerst, die sich mühsam behauptende Spezies wäre innerhalb kurzer Zeit dahin gewesen, wenn den Männern, vermutlich schon damals Dumpfbratzen und Abhänger vor dem Herrn, die Versorgung mit dem Lebensnotwendigsten gänzlich überlassen worden wäre. Emsige Frauenhände kümmerten sich um das Nachtlager, um Decken und Kleidung, und auch die Feuerstelle war dem Weibe aufgebürdet.

Aber, und das gilt es ohne Schadenfreude zu postulieren, Frauen schienen sich viel zu oft den Zumutungen und ausbeuterischen Verhaltensweisen der jagenden Kerle zu unterwerfen, die nur solange einen gewissen Respekt dem anderen Geschlecht gegenüber an den Tag legten, wie die Reproduktionsmechanismen des Menschengeschlechts noch von den Nebelschwaden des Okkulten und Geheimnisvollen umweht wurden.

Dann war es vorbei mit der Gemütlichkeit, und heute stehen wir vor einem Scherbenhaufen. Auch der Hinweis, dass wir, die wir über den Erdball schreiten, letztlich alle vom selben Schlag sind, grob über den Daumen gepeilt das gleiche Fleischpaket, interessiert kaum, vor allem Männer scheinen nicht den leisesten Gedanken in diese Richtung zu verschwenden, weil man Gleichheit als solche weder hetzen, einkreisen noch essen kann und die Jagd nach allem und jedem dem Leben des eindimensionalen Penisträgers erst die rechte Würze zu verleihen scheint.

Kein Wunder, dass es die Frauen sind, die ich am Fleisch mag, wenn das Gute und das Anrüchige überhaupt in einem Atemzug genannt werden sollten. Dass meine gute alte Bekannte Anita durch einen angeblich stählernen Griff meiner Hand zu Schaden gekommen sein soll, ist eine unbewiesene Behauptung, die dem Staatsanwalt zwar plausibel erscheint, aber an Absurdität und Unverfrorenheit kaum zu überbieten ist. Gerade Anita als leicht traniges Wesen steht unter meinem besonderen Schutz und muss sich geirrt, ja, in verwerflicher Weise selbst vergriffen haben, als sie den Vorwurf der gefährlichen Körperverletzung leichtfertig gegen mich erhob. 

Soll einer schlau werden aus der Traumtänzerin, die ihrem untadeligen Weggefährten eine Untersuchungshaft wegen Fluchtgefahr zumutet, da es sich bei dem behaupteten Übergriff lediglich um eine missdeutete Liebkosung handelte, die Anita durch eine unbeherrschte Bewegung zu einer schmerzhaften Oberarmfraktur verhalf, ein glatter Bruch, der überdies bald heilen und ihre Tätigkeit als Lehrerin für Politische Weltkunde nicht langfristig beeinträchtigen wird, da es zu allem Überfluss auch noch der linke Arm ist, nur der linke, mit dem sie ohnehin nichts macht, denn das Zeitalter anstrengender Hausarbeit und der Zubereitung halbverfaulter Hülsenfrüchte im Stampftrog ist lange vorbei. Womit wir wieder bei meinem Thema wären: Die Entfremdung zwischen den Geschlechtern scheint mittlerweile soweit fortgeschritten, dass ein gedeihliches Zusammensein für alle Beteiligten ferner denn je ist, diesmal allerdings nicht ganz ohne das Zutun des fälschlicherweise sogenannten schwachen Geschlechts.

 An Anita wird es ganz deutlich: Von einem inneren, neuzeitlichen Dämon getrieben musste sie offensichtlich alle Register ziehen und mit dem gebrochenen Arm zur Polizei rennen, obwohl doch körperliche Schonung für sie so wichtig gewesen wäre und kein panisches Durchdrehen, das auch schon früher am Lagerfeuer nie wirklich weitergeholfen hat, wenn die Genderforschung recht hat, wogegen nichts spricht. Gleichviel, auch ich bin nicht davor gefeit, in meinem Leben diese oder jene niederschmetternde Erfahrung zu machen, und von Zeit zu Zeit in den sauren Apfel der Erkenntnis und Ernüchterung zu beißen und zu begreifen: Du bist ein Mann, das schon, doch heut‘ lass Reh und Hirsch im Walde und stelle dich.

So erhalte ich, Rainer Best, meine Chance, mich im tosenden Meer der Liebe zu bewähren, denn hier, genau hier brodeln die Leidenschaften zwischen der unglücklichen Anita und mir, Leidenschaften, die jetzt plötzlich gefährliche Körperverletzung heißen und mich hinter Schloss und Riegel gebracht haben, und das nur, weil ich als Wiederholungstäter gelte wegen der Sache mit Irene, die sich brach, was man sich brechen kann, weil sie sich weigerte zu kooperieren, nicht Fleisch und Steinzeit spielen wollte, mit mir als forsch-zupackendem Jäger und Sammler.

Kopfschüttelnd hatte Irene die Flucht ergriffen, nur deshalb war sie in die von mir ausgehobene und mit Zweigen sorgsam zugedeckte Grube im Grunewald gefallen, die einen von steinzeitlichen Frauen angelegten Vorratsspeicher darstellen sollte, den es vor wilden Tieren und dem Zugriff disziplinloser Männer zu schützen galt. Doch die heißspornige Irene wollte sich Hals über Kopf aus dem Staube machen und überhörte meine warnenden Rufe. Die Quittung folgte stante pede. Im Dunkeln, knapp über dem Grundwasserspiegel, war noch ihr Wimmern zu hören, und ich zog es nach reiflicher Überlegung vor, mich aufgrund der nur geringen Chancen vor Gericht in die Dominikanische Republik zu verdrücken, von wo ich allerdings vier Monate später ausgeliefert wurde.

Beide Damen, und insofern gibt es eine Parallele, habe ich wohl im entscheidenden Moment mit den Worten verschreckt: Es sind die Frauen, die ich am Fleisch mag, ein Bekenntnis, das nur missversteht, wer es unbedingt missverstehen möchte und dann unüberlegt handelt. Dabei war es doch so: Die Frauen suchten auf meine zärtlich geäußerten Worte hin das Weite, beide stürzten Hals über Kopf los, und beide kamen nicht weit. In Irenes Fall habe ich nach dem Grubenmalheur inkognito die Frauenbeauftragte der Freien Universität, Irenes Wirkungsstätte als Professorin für Rechtsgeschichte, telefonisch um Rat gebeten, weil mir Böses schwante, vergaß aber zu erwähnen, dass Irene seit neun Stunden unentdeckt in der Grube lag. Anita wollte ich lieber selbst über die juristischen Aspekte ihrer Lage informieren, der anschwellende Arm schien mir darüber hinaus bei einer Polizeidienststelle nicht in guten Händen, und so stellte ich mich der Uneinsichtigen gleich direkt am später so genannten Tatort, also gewissermaßen noch am Lagerfeuer, in den Weg, bis sie so laut schrie, dass ich eine Intervention der Nachbarn befürchten musste.

Nun habe ich eine Entscheidung getroffen. Ich werde in der Justizvollzugsanstalt Tegel ein Buch schreiben über Das Fleisch und die Frau darin. Am besten nimmt man den Dingen ihren Schrecken, indem man sie benennt. Ich werde also mit der Steinzeit beginnen und mit dem überflüssigen und hirnlosen Treiben der Männer und so um Verständnis werben für den Grundkonflikt des Autors, der sich zwischen Geschlechtersolidarität und Wahrheitsliebe hin- und hergerissen fühlt. Das zweite Kapitel wird sich mit alltäglichen Missverständnissen auseinandersetzen (mit Griff und Grube als Fallbeispiele), das dritte mit Ängsten, übereilten Fluchtexzessen, vermeidbaren Verletzungen und, durchaus selbstkritisch, mit entschlossen und fachmännisch geleisteter Erster Hilfe. Aber ganz zum Schluss werde ich, einmalig in der Forschungsgeschichte, absolutes Neuland betreten und beschreiben, was ich am Fleisch so mag.

Ich will nicht vorgreifen, aber hinter dem vergitterten Fenster fällt mir eine Antwort ein, die mir plausibel erscheint. Es ist die Nähe zwischen Fleisch und Frau, das Herzhafte, Griffige, Lebenslustige, das eine Einheit bildet und die Frau zum Fleisch, und das Fleisch zur Frau werden lässt und ihren Gefährten, den Mann, ich muss es aussprechen, deklassiert. Wenn man so will, ist es die gegarte Gänsehaut dieses Gedankens, die mich fasziniert. Wenn das Bild auch noch nicht ganz stimmen mag, ich fühle mich ganz in der Nähe der Wahrheit. Aber ich wiederhole mich. Hier irgendwo jedenfalls setzt meine Neigung ein, die sich über die Brücke des Verstehens nicht selten zur Zuneigung verdichtet und mir die müden Augen mit Tränen der Rührung füllt. Sagte ich schon, dass die Frau über allem schwebt und anpflanzt und kultiviert und wieder und wieder die Ernte einfährt? Ich glaube schon, jedenfalls klingt es wunderbar. Ein Schelm, wer sich die Nähe zwischen Menschen nur gebraten, geröstet, gegrillt, gepökelt, geschmort, eingelegt, frittiert oder wie einst Hänsel und Gretel nur gebacken vorstellen kann. Vielleicht sollte ich noch ein spielerisch-gewagtes fünftes Kapitel abzwacken. Es könnte Es muss nicht immer Fleisch sein heißen oder Fleisch verstehen.

Noch vor meiner Verhaftung habe ich Anita eine Karte geschrieben, um die Wogen zu glätten oder vielleicht auch nur, um die Sprachlosigkeit zu überwinden und den Kontakt nicht abbrechen zu lassen. Dem Abschiedsgruß dein alter Freund Rainer Best ging der Satz voran: Es würde eine Verletzung meiner Prinzipien bedeuten und die Dinge auf den Kopf stellen, aber falls du es willst, werde ich nach meiner Entlassung Fleischverkäufer in der Dominikanischen Republik. Ich könnte wetten, dass sie es wieder falsch versteht.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.12.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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