Joachim Güntzel

Memory Mix

 Armer Spinner, denke ich manchmal noch heute, wenn mal wieder einer wie berauscht irgendwas von Liebe faselt. Der muss auf einem total bekloppten Trip sein, so wie in einer verrosteten, verdächtig ratternden und stinkenden U-Bahn, die bis ans Ende der Welt fährt, direkt mitten rein in den riesigen, wie besoffen schimmernden Ozean ohne Boden und ohne Ufer. Ein Verrückter, der zu blöde ist, den Ausgang rechtzeitig zu finden. Wie gesagt, das denke ich manchmal. Und doch ist jetzt alles anders.
 
Jetzt stehe ich hier, bin selber in diese bescheuerte U-Bahn eingestiegen, finde den Ausgang nicht mehr, mir wird ganz schwindelig, den Drehwurm kriege von dieser irrsinnigen Raserei, links, recht, wieder links, geradeaus, nein, noch mal rechts und auf und ab und immer weiter. Irgendwann könnt´ ich kotzen, aber ich kann mich beherrschen. Mich haut so schnell nichts um. Und dann, urplötzlich, ohne Ankündigung, bleibt diese scheiß-schöne U-Bahn stehen, einfach so, auf offener Strecke. Der Schaffner kommt. Er sieht, dass ich kein Ticket habe und schmeißt mich hochkant raus. Ich kann es immer noch nicht glauben. Hat man schon mal gehört, dass man für Liebe irgendein Ticket braucht? Ich zumindest weiß nichts davon. Und wenn, dann wär´ mir das auch egal. Ich würde gern weiter mitfahren, würde den gigantischen Ozean sehen, seinen salzigen Geschmack in meine Lungen einsaugen und glücklich drin ersaufen.
 
Angefangen hat das alles vor ein paar Wochen mit diesem Memory-Stick. Die Dinger sind jetzt voll im Trend, werden an alle möglichen Leute verscherbelt, an Alzheimer-Patienten, Liebespaare und Säufer, die vor lauter Hirnnebel keinen Schimmer mehr haben, wie eigentlich ihre Mutter hieß. Ich gebe zu, ich bin auch darauf abgefahren. Es ist doch ´ne colle Idee, so ein paar Memoaren hundertprozentig sicher und für alle Ewigkeit zu speichern. Nicht, dass da so wahnsinnig viel los gewesen wäre in meinem Leben, an das ich mich erinnern will. Aber ein paar Kleinigkeiten sind da schon, ich lebe ja schließlich nicht hinterm Mond oder so. Also was soll´s,  so ein kleiner Stick ist besser als jedes Fotoalbum. Du steckst ihn dir in eine winzige Öffnung hinter deinem rechten Ohr (bei Linkshändern hinter dem linken) – und schon kannste deine kompletten Memoaren daunloden.
 
            An einem schönen Montagmorgen vor ein paar Wochen stand ich also in dieser Bäckerei. Ich sagte: „Hamse n´Krassong?“ Die Verkäuferin glotzte mich bloß an. Ich sagte noch mal: „Hamse n´Krassong?“ Wieder dieser verständnislose Blick. Ich wollte schon aufgeben, weil verschaukeln kann man mich nicht, da sagte der Typ, der hinter mir stand: „Der Herr möchte ein Croissant.“ Der Herr! Ich hab´ erst gar nicht kapiert, dass er mich damit meinte. Kaum drehte ich mich zu ihm um, da drückte er mir schon seine Karte in die Hand. Da stand was Englisches drauf, säif jor memories oder so ähnlich, bloß wie der Typ hieß, hab ich vergessen. Komisch eigentlich. Na jedenfalls, es dauerte nicht lange und wir saßen beim Kaffee und er zeigte mir einen Prospekt und erklärte mir das mit dem Memory Stick.
 
Zwei Wochen später war ich dann in der Klinik, die in dem Prospekt beschrieben war. Ich hab´ mich ja darüber gewundert, dass ich in so ´ner teuren Privatklinik lag und drei Vermummte um mich rumschwirrten und hantierten, aber der Typ hat gesagt, es kostet mich nichts und damit war die Sache für mich klar. Ich konnte mich sowieso nicht lange wundern, denn irgendwann war ich weggetreten. Und als ich dann wieder aufwachte, was soll ich sagen, da fuhr die U-Bahn los.
 
            Passiert ist es an einem Donnerstag, da hab´ ich sie gesehen. Sie lief direkt an mir vorbei, hat mich nicht erkannt, damals verstand ich natürlich nicht warum. Ich hab´ erst mal gar nichts kapiert. Ich rief hinter ihr her: „Marion!“ Sie blieb stehen, drehte sich um und sah mich an. „Kennen wir uns?“ Die U-Bahn fuhr ´ne scharfe Kurve, und mir zog es mal kurz fast die Beine weg. Wollte sie mich nicht mehr kennen, nach allem was zwischen uns war? Ich wusste gar nicht, was ich so schnell darauf antworten sollte. Ich lächelte sie an, das war das einzige was mir in dem Moment einfiel. Sie sagte: „Verzeihen Sie, aber das muss wohl ein Mißverständnis sein.“ Und dann ging sie weiter und ließ mich stehen, einfach so. Ein Mißverständnis! Mir wurde speiübel, und ich musste mich mal eben auf eine Bank setzen, um mich wieder einzukriegen. Als es mir wieder besser ging, war sie verschwunden. Ich hab´ mich gefühlt, als hätte ich eins mit dem Vorschlaghammer verpasst bekommen. Damals konnte ich mir keinen Reim auf die ganze Sache machen. War es ein Spiel, das sie mit mir spielte, um mich zu reizen? Aber ich war verrückt nach ihr, das wusste sie, ich hab´ es sie doch drei Jahre spüren lassen. Ich konnte meine Augen nicht von ihr lassen, seit ich sie das erste Mal gesehen hatte. Und ihr ging es genauso, zumindest habe ich das immer geglaubt…
 
            Abgefahren. Die U-Bahn ist abgefahren und hat mich auf dem Bahnsteig stehen lassen. Der Zugführer hat mich übersehen oder er konnte mich nicht leiden. Aber wie gesagt, man kann mich nicht verschaukeln. Ich bin hinter der U-Bahn her gerannt, wie von der Kreuzspinne geküsst, hab sie eingeholt und mich an sie ran gehängt. Ich hätte mir fast beide Arme dabei ausgerissen, aber das war mir egal. Was nützen einem zwei Arme, wenn einem das Herz rausgerissen wird. Und genau so hab´ ich mich gefühlt - als wenn mir bei lebendigem Leib das Herz rausgerissen wird.
 
            Mein alter Kumpel Leo hat mir dann geholfen, denn er kannte Marion. Natürlich musste ich ihm die ganze Sache zuerst erklären. Er hat sich alles angehört und mich dabei irgendwie immer komischer angesehen. Er hat mit Marion geredet, hat ihr von mir erzählt aber auch er hat es nicht geschafft, dass sie sich mit mir treffen wollte. Dabei hätte ich ihr alles erklären können, ihr von unserer gemeinsamen Zeit erzählen, sie hätte sich ganz bestimmt daran erinnert. Aber sie wollte nicht. Trotzdem hat Leo mir geholfen, denn ich durch ihn habe ich etwas Wichtiges erfahren: Marion war seit einiger Zeit Witwe. Komischerweise hat mich das irgendwie gar nicht überrascht, dass sie verheiratet war. Na ja, wie auch immer. Jedenfalls hatte ihr Mann, der einiges älter war als sie, an Alzheimer gelitten. Als ich das hörte, sind meine grauen Zellen mächtig in Fahrt gekommen. Ich hatte ´ne Menge Fragen und ich wusste auch, wem ich sie stellen wollte. Ich musste unbedingt mit dem Typen von der Klinik sprechen.
 
            Ein paar Tage später saß ich im selben Café in dem dieser Kerl mir die Sache mit dem Memory-Stick erklärt hat. Im Radio lief gerade dieser alte Garbage Song…  Der Text erzählte irgendwas von zerbrochenen Seelen oder so, ich hab´  nämlich mal eine Übersetzung davon gehört und das ist davon hängen geblieben. Genau das ist es, was Marion mit mir gemacht hat. Sie kam um die Ecke spaziert, hat mich von oben bis unten aufgeschlitzt, mir die Seele zerfetzt und meine kleine Welt in tausend Stücke gerissen. Ohne mit der Wimper zu zucken. Verdammt noch mal, hörte mich denn keiner? Ich hab´ vor Schmerz zum Himmel geschrieen, zu den Engeln oder wer immer dort oben ist, aber die Leute lasen bloß weiter in ihrer Zeitung. Ich schaute auf die Uhr. Vierzehn Uhr fünfzehn, genau die verabredete Zeit. Ich sah zur Tür. In dem Moment kam der Typ gerade rein. Pünktlich war er, das musste man ihm lassen.
 
            „Sie werden sicher verstehen, dass wir von Seiten der Klinik auf juristische Eindeutigkeit Wert legen.“ Er kam also gleich zur Sache. Aber ich hielt dagegen.
„Ich will wissen, was Sie dort mit mir gemacht haben.“
„Nichts, worüber wir Sie nicht vorher aufgeklärt hätten. Sie wussten Bescheid, worauf Sie sich eingelassen haben.“
„Ach, wusste ich das? Sie haben mir erzählt wie toll es wäre, seine Erinnerungen zu speichern.“
„Und, war es das etwa nicht?“
„Aber da war noch mehr. Irgendetwas ist mit mir passiert. Da gibt es eine Frau… Ich bekomme sie nicht aus meinem Kopf, ich bin… ich verzehre mich nach ihr.“ Das klang seltsam aus meinem Mund, aber es traf den Punkt. Ich fraß mich selber auf, bis nur noch so wenig übrig war, dass sie mich nicht mehr sah und mich nicht mehr wegschicken konnte. Ein winzig kleines Krümelchen aus Fleisch und Knochen.
„Ich empfehle Ihnen…“ Der Typ kramte in einem Stapel Papiere, die er mitgebracht hatte.
„Da haben wir es ja. Ich empfehle Ihnen, den Paragraphen 23 der Vereinbarung, die Sie unterschrieben haben, noch einmal aufmerksam zu lesen.“ Er lehnte sich zurück und starrte mich an. Na gut, dann tat ich ihm den Gefallen.
 
            Musste die Musik so laut sein? Das Schlagzeug peitschte durch mein Gehirn… War es überhaupt mein Gehirn, das diesen verdammten Paragraphenmist zu verstehen versuchte? „…Der Proband verpflichtet sich, absolutes Stillschweigen über das Experiment zu bewahren…“ Welches Experiment? Was zum Teufel habt ihr mit mir gemacht? „…Insbesondere wurde der Proband auf die besonderen Risiken des `Memory  Mix´ hingewiesen…
„Memory Mix?“  fragte ich verdutzt. „Heißt das, ihr habt… meine Erinnerungen…“
„Nun, wir haben Ihre Erinnerungen wie geplant auf dem Memory Stick gespeichert, der bei uns archiviert ist unter der Nummer…“
„Was bedeutet Memory Mix?“ unterbrach ich ihn. Er räusperte sich. Eine Weile herrschte Schweigen. Mir kam es wie eine kleine Ewigkeit vor. Sein Blick wanderte durch das Café. Er machte einen verlegenen Eindruck. Doch dann hatte er sich wieder im Griff. Er schaute mir direkt in die Augen und sagte kaltschnäuzig:
„Es bedeutet, dass Ihre Erinnerungen mit denen eines anderen Probanden… nun ja… sagen wir `kombiniert´ wurden. Es ist ein äußerst viel versprechendes Verfahren, das sich noch im Frühstadium befindet. Aber wir erhoffen uns davon eine Vielfalt von Anwendungsmöglich-keiten, zum Beispiel in der Traumatherapie oder bei der Behandlung von Unfallopfern. Stellen Sie sich das nur mal vor: Die Bilder eines schrecklichen Unfalls werden nicht mehr vorhanden sein, stattdessen tauchen Erinnerungen an einen wunderschönen Urlaub auf, Bilder von Sand, Sonne und Meer…“
 
Ich musste unwillkürlich an das Frankenstein-Monster denken. Ein aus lauter fremden Einzelteilen zusammengestückeltes Frankenstein-Erinnerungs-Monster. Ich konnte nicht länger sitzen, ich musste aufstehen. Ich wollte etwas sagen, doch mir fehlten die Worte, um mein Entsetzen und meinen Abscheu auszudrücken.
„Bitte beruhigen Sie sich. Es lag nicht in unserer Absicht, Ihnen Schaden zuzufügen. Sollten diesbezüglich bei Ihnen zu Mißverständnissen gekommen sein, so bedauern wir dies selbstverständlich.“ Er griff in die Innentasche seines Jackets. „Ich bin ermächtigt, Ihnen ein Angebot zu machen.“
„Ihr wollt mich mit Geld abspeisen?“
„Ich bitte Sie. Es soll nur eine kleine Geste des guten Willens sein.“
Ich stand auf, ließ den Typen sitzen und rannte nach draußen. Der Kellner sah mir nach, doch er sagte nichts. Er wollte wohl keinen Ärger, und schließlich konnte er ja dem Mann, der am Tisch saß, die Rechnung geben.
 
            Das war´s also. Heute ist mir klar: Marion kennt mich überhaupt nicht, sie hat mich nie gekannt. Deshalb kann sie sich auch an nichts erinnern. Und meine Erinnerungen an sie… das sind gar nicht meine Erinnerungen, sondern die Erinnerungen ihres verstorbenen Mannes. Aber ich werde sie nicht mehr los, ich kann sie nicht mehr aus meinem Kopf bekommen. Ich bin Teil eines geklauten Lebens geworden. Und seit dem Tag im Café, als mir das alles klar wurde, frage ich mich, was ich mit diesem geklauten Leben machen soll. Es quält mich. Ich möchte es zu meinem eigenen Leben machen, doch ich weiß nicht, wie das gehen soll. Und gestern habe ich von Leo gehört, dass Marion mit einem anderen zusammen ist. Vielleicht wird sie irgendwann wieder heiraten. Tja, Pech gehabt. Ich habe die Flamme berührt und mir die Finger verbrannt. Aber ich gebe nicht auf. Vielleicht kaufe ich ihr einfach mal einen Blumenstrauß.

Diese Geschichte ist in der Literaturzeitschrift "Asphaltspuren" erschienen: Ausgabe 13 (Juni 2010), S. 24-30.
(c) Güntzel 2010

AKTUELL: Die Geschichte wurde in meinem soeben erschienenen Buch "Der Gefühlstütenwanderer. Dreizehn Geschichten am Limit" abgedruckt (bookmundo 2018, Hardcover), ISBN 9789463673181.
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.12.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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