Gibt es ein Gen, das uns angstfrei macht? Oder sind es lediglich die ersten Lebensjahre, die für die Entwicklung der Angstfreiheit verantwortlich sind?
Diese Fragen beschäftigen mich schon seit langer Zeit.
Im 2. Weltkrieg geboren erinnere ich mich noch ganz genau an den großen Bombenangriff auf Freiburg am 27. November 1944, als die Innenstadt in Flammen stand und wir etwas außerhalb in der Nacht in einem Bunker Zuflucht suchten.
Es lag Schnee, wir mussten über eine Brücke auf die andere Seite des kleinen Flusses, die „Dreisam“, rennen. Das Schauspiel war überwältigend. Das blendende Weiß und der knallrote Himmel, dazwischen das Schwarz der Bäume und der restlichen Häuser. Dieses dramatische Bild hat mich immer verfolgt als eine der ersten Erinnerungen an diesen Krieg, und ich habe es oft gemalt. Aber merkwürdigerweise hatte ich nie Angst sondern fühlte mich geborgen, vielleicht weil das Spektakel in einiger Entfernung stattfand und ich das Ausmaß der Zerstörung nicht wirklich verstand.
Das Mehrfamilienhaus, in dem wir am Ufer der Dreisam lebten, wurde ebenfalls bombardiert und die eine Hälfte bis auf die Grundmauern zerstört. In unserem Schlafzimmer im vierten Stock fehlte eine ganze Seitenwand, wir schauten in die Tiefe und nachts leuchtete der Mond zu uns herein. Mäuse kletterten zu uns hoch und spielten überall in der Wohnung. Ich sehe noch die kleine Maus vor mir, die auf dem selbstgehäkelten Kaffee-Wärmer herumhüpfte, bevor meine Mutter sie fortjagte. – Wir Kinder spielten unten in den Bombentrichtern Verstecken, und das Leben nach dem Krieg normalisierte sich langsam. Im Winter lag noch richtig Schnee, und oft rodelten wir den Abhang der Dreisam hinunter, um dann unversehens im kalten Wasser zu landen. Oder in eines der Abflusskanäle zu krabbeln, die manchmal eine Ladung Abwasser in den Fluss entließen. Da mussten wir höllisch aufpassen, damit uns das Abwasser nicht mitriss. Im Sommer badeten wir am Wasserfall, wo die ansonsten flache Dreisam tief war, so dass ich dort auch früh schwimmen lernte.
Mit diesem genetisch und emotional stabilem „Gepäck“ auf den Schultern startete ich in mein rebellisches Leben. Astrologisch gesehen hatte ich ebenfalls einen Joker gezogen. Ein Schutzengel war immer an meiner Seite, und ich vertraute stets darauf, dass alles gut ausgeht, egal, wie chaotisch manchmal die Situationen waren. Meine Mutter zitterte mehrfach um mich, aber ich musste einfach meinen eigenen Weg gehen, egal, was die anderen dazu sagten - nach dem Motto „be yourself, no matter what they say“.
In der Waldorf Schule wurden wir in unserer Individualität voll unterstützt und nicht gebremst, wie es in anderen Grund-und Volksschulen üblich war. Zum Glück durfte ich schon früh ins Ausland reisen, zuerst nach Frankreich, dann nach Schottland, wo wir Bekannte hatten. So bahnte sich ein Leben in der Unabhängigkeit von allen gesellschaftlichen Normen an, die Weltoffenheit und Unvoreingenommenheit gegenüber anderen Kulturen entstand. Der Grundstein für mein späteres Abenteuerleben wurde gelegt.
Meine persönliche Meinung zum Thema Angstfreiheit ist, dass das sehr enge Verhältnis zu meiner Mutter in den ersten drei Lebensjahren dazu geführt hat, mich immer beschützt zu fühlen. – Bei anderen Menschen, die ohne diese enge Mutterbindung aufgewachsen sind, habe ich sehr viel Angst erlebt.
Möglicherweise sind auch die Gene beteiligt, denn ein japanischer Wissenschaftler bekam vor einiger Zeit den Nobelpreis für seine Entdeckung, dass sich die Gene des Menschen im Laufe des Lebens verändern, sozusagen die Erfahrungen speichern und auch an die Nachkommen weitergeben. Mein Vater hatte schon im ersten Weltkrieg gekämpft und wurde im zweiten Weltkrieg aufgrund seines fortgeschrittenen Alters nur noch bei der Volksabwehr eingesetzt, musste um Freiburg herum Gräben ausheben, um den Feind aufzuhalten. – Er hat bestimmt auch seinen Anteil daran, dass ich ohne Angst geboren wurde und aufwuchs, denn seine Erfahrungen aus 50 Jahren gab er genetisch an mich weiter.
Was ist nun das Fazit aus meinen intensiven Erlebnissen seit über 70 Jahren? - Wer etwas für seine Kinder tun möchte, der gebe ihnen in den ersten drei Lebensjahren absolute Sicherheit und führe sie anschließend langsam zur Selbständigkeit, wodurch ihr Selbstwertgefühl enorm gesteigert wird.
Wer, durch fatale Umstände bedingt, diese Voraussetzungen nicht mitbringt, und eventuell später Probleme mit Angst-und Unsicherheitsgefühlen hat, der sollte versuchen, mit Hilfe einer Psychotherapie die alten Wunden zu heilen und das Urvertrauen in die Welt und in das Leben wieder zu gewinnen.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.01.2013.
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Niemals aufgeben
von Rita Rettweiler
Lyrik verbindet Menschen auf der ganzen Welt. Sie gibt Glauben, Hoffnung, Zuversicht und vor allem Kraft. So viel Leid gibt es auf dieser Welt. Wir können die Welt nicht verändern, aber oft hilft es schon, wenn der Mensch spürt, dass er mit seinen Problemen nicht alleine da steht, dass es Menschen gibt die ähnlich fühlen. Ich habe mich hauptsächlich auf Mut machende Gedichte spezialisiert, doch auch Gedichte zum träumen wirst du hier finden. Gedichte über das Leben eines jeden von uns, voller Leidenschaft, Liebe, Erotik, Hoffnung , Familie und der Kampf des Lebens.
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