Irene Beddies

Der "Schandfleck"




Inmitten der schmucken Einfamilienhäuser mit ihren gepflegten Vorgärten lag das Grundstück, das alle nur den „Schandfleck“ nannten. Ein verfilzter Urwald hatte sich im Laufe der vielen Jahre aus Bäumen, Sträuchern und Hecken entwickelt. Wild wucherndes  Gras und Unkraut waren ein ständiges Ärgernis für die ordnungsliebenden Hausbesitzer ringsum.
Wem das Grundstück gehörte, wussten die meisten nicht, denn sie hatten erst vor wenigen Jahren die Häuser der alten Generation gekauft, hatten sie renoviert und modernisiert. Da war der „Schandfleck“ schon verwildert und verlassen.
Eine Anfrage beim Grundbuchamt und eine Beschwerde bei der Ordnungsbehörde ergaben nur, dass eine alte Dame das Grundstück besaß und nicht verkaufen wollte. Die „Unordnung“ des Grundstücks musste so bleiben, solange sie nicht auf Gehweg und Straße ausuferte.
„In dem Haus ist es nicht geheuer“, erzählte man sich. Woran die Bewohner der Straße das merken konnten, wusste niemand. „Es ist eben nicht geheuer“, bemerkten sie kleinlaut.
 
Die Geheimnistuerei weckte Stefans Neugier. Er war vor wenigen Wochen in das gegenüberliegende Haus als Untermieter eingezogen und war  sofort vom Urwald mitten im Wohnviertel fasziniert. Nun wollte er alles wissen.
Eines Nachmittags im Winter kroch er durch eine Lücke im verrottenden Zaun und besah sich das große Grundstück gründlich. Ein Haus, eher ein Bungalow, starrte  ihn mit von Dreck blinden Fenstern an. Keines war zerbrochen oder beschädigt. „Hier wäre doch ein gutes Versteck für Diebesgut oder ein hervorragender Schlafplatz für einen Obdachlosen“, überlegte Stefan halblaut. Aber nichts schien geöffnet worden zu sein, wenigstens nicht auf dieser Seite.
Stefan untersuchte auch die drei anderen Seiten des Hauses. Er fand keinerlei Anzeichen, dass das Haus vor einiger Zeit betreten worden war. Mit einem Schlüssel konnte auch niemand die Eingangstür geöffnet haben, denn dichtes Brombeergesträuch versperrte vollständig die Tür.
Ein Blick nach oben zeigte Stefan ein etwas eingesunkenes Dach. Da oben konnte nur ein Kriechboden über dem Erdgeschoss gewesen sein. Ob dort jemand…? Der hätte eine Leiter gebraucht. Immerhin, möglich mochte es sein.
Es war richtig finster geworden, Stefan war es nicht mehr möglich, Einzelheiten zu unterscheiden. Einige Augenblicke lang blieb er noch stehen, um die Atmosphäre auf sich wirken zu lassen. Vereinzelt traf ein schwacher Lichtschein die Fassade des Hauses, wenn die Bäume durch den Wind geschüttelt wurden.
„Morgen mache ich weiter“, ermunterte er sich, während er sich seinen Pfad zurück durch das Gestrüpp und den Zaun bahnte. Auf der wenig befahrenen Straße  war alles still. Plötzlich kam ihm das Märchen von Dornröschen in den Sinn: ein verwildertes Schloss, die Rosenhecke, das schlafende Dornröschen. Warum?
 
Zwei Abende später kroch Stefan abermals durch den Zaun. Diesmal hielter eine Taschenlampe bereit. Während er sich vor dem Haus aufrichtete, hörte er ein Geräusch. Es kam von drinnen. Er lauschte angestrengt. Etwas trippelte hörbar auf den Dielen. Ein Tier? Wie war das hereingekommen?
Stefan untersuchte das untere Mauerwerk des verkommenen Hauses. Kein Loch, keine Luke, auch kein breiterer Riss. Ein Keller schien nicht vorhanden zu sein, das Fundament bestand aus festem Beton.
„Dann muss das Tier über’s Dach reingekommen sein“, schoss es ihm durch den Kopf. Zu dumm, dass er keine Leiter mitgebracht hatte. Die hätte er sich bei seinem Hauswirt borgen und eine Menge Fragen über sich ergehen lassen müssen. Ein anderes Mal wollte er seinen Freund Markus mitnehmen, der besaß eine Leiter, die zusammenschiebbar war.
Wieder hörte Stefan ein Trippeln auf Holz und einen Laut, der fast wie Wehklagen klang. „Dornröschen, du Feine, was machst du so alleine“ summte er vor sich hin. Schon wieder Dornröschen! Wie kam er nur darauf!
 
In den nächsten Tagen konnte er nicht auf das verwunschene Grundstück schlüpfen, denn es lag Schnee. Mit verräterischen Spuren wollte Stefan nicht auf sich aufmerksam machen. Sicherlich war es ein Vergehen, in fremden Gärten herumzuschnüffeln. Stattdessen erkundigte er sich selbst im Grundbuchamt, wer für das Grundstück  verantwortlich war.
„Sind Sie auch einer von den erzürnten Nachbarn?“, wollte der Beamte wissen.
„Nein, ich möchte es eigentlich kaufen“, log Stefan frech, „dazu brauche ich die Adresse des Besitzers.“ Knurrend schrieb der Beamte sie auf, nachdem er sich vorsichtshalber  Stefans Personalausweis kopiert hatte.
„Thea Adler“, las Stefan laut im Flur, „Köln, Sperlingsgasse 17.“ Keine Telefonnummer, keine e-mail-Adresse, kein weiterer Anhaltspunkt.
„Schöner Mist! Da werde ich wohl nach Köln düsen und mir die Thea mal anschauen und mit ihr sprechen.“
 
Kurz vor dem vierten Advent fandStefan Zeit, sich in Köln umzusehen. Mit Mühe fand er in einem großen Mietshaus die Tür zur Wohnung von Thea Adler.
Er klingelte mehrmals, -ohne Erfolg. Doch, da hörte er schlurfende Schritte, die sich der Tür näherten. Die Tür wurde aufgemacht soweit es die vorgelegte Kette erlaubte. Eine zittrige Stimme fragte nach seinem Begehr.
Durch den Türspalt erklärte Stefan sein Anliegen: dass er das verwunschene Grundstück kaufen wolle. „Welches verwunschene Grundstück meinen Sie, junger Mann, ich habe kein verwunschenes Grundstück!“  Stefan nannte Straße und Hausnummer des „Schandflecks“ und beschrieb ihr den Zustand von Haus und Garten. „Ich habe ein Haus mit der Adresse. Es ist ein schöner weißer Bungalow mit einer Eiche und vielen Rosen im Vorgarten.“ „So mag es einmal ausgesehen haben, Frau Adler. Wie viele Jahre sind Sie denn nicht mehr dort gewesen?“
„So genau weiß ich das nicht mehr, auf jeden Fall war meine älteste Tochter noch nicht verheiratet.“
Stefan rechnete im Geiste nach: die Frau mochte hoch in den Achtzigern sein, das Alter der Tochter bei der Hochzeit höchstens 35. Sollte die Frau seit einem halben Jahrhundert nicht mehr in ihrem Haus gewesen sein?
„Und Ihre Tochter? Hat sie oder ein anderes Kind, falls sie weitere haben, es jemals genutzt?“ „Nein. Mein Mann und meine  Kinder sind verstorben, ich bin allein übrig.“
„Warum haben Sie das Haus denn niemals verkauft? Sie waren doch nie mehr dort.“
„Ich wollte es immer selber wieder beziehen, die schönen Erinnerungen würden dort wiederkehren. Jetzt bin ich wohl zu alt.“
„Verkaufen wollen Sie es jetzt auch nicht?“ „Nicht solange ich lebe!“
„Und danach? Ich meine, wer erbt es dann?“ „Mal sehen“, flüsterte Frau Adler durch den Türspalt. „Vielleicht verkaufe ich es doch. Lassen Sie Ihre Adresse hier. Ich will mich mit einem Freund beraten.“ Stefan gab ihr seine Karte und verabschiedete sich höflich.
Die Fahrt nach Köln war also vergeblich.
 
Am Vormittag des Heiligabend klingelte ein Postbote an Stefans Tür und übergab ihm ein Einschreiben. Stefan legte es unter den Tannenstrauß, der ihm als Weihnachtsbaum dienen sollte, zu den anderen Paketen und Päckchen.
Erst am Abend fiel es ihm wieder in die Hände. Ein unbekannter Absender und ein harter Gegenstand im Brief erweckten seine Neugier. Es öffnete sorgfältig den Umschlag. In einem rosa Zettel, der mit einer sehr krakeligen Schrift beschrieben war, kam ein Schlüssel zum Vorschein. „Herr Stefan, benutzen Sie den Schlüssel und schauen in meinem Haus nach dem Rechten. Ich erwarte einen ehrlichen Bericht. Frohes Fest, Thea Adler.“
Stefan war am Ziel seiner Wünsche.
 Am ersten Weihnachtstag ging er mit einer Rosenschere bewaffnet auf das Grundstück. In  die Brombeerranken vor dem Eingang schnitt er mühsam einen schmalen Pfad und schloss  voller Erwartung die Tür zum verwunschenen Haus auf. Sie quietschte entsetzlich, gab aber seinem Druck nach. Ein schrecklicher Gestank empfing ihn. Mäuse hatten seit Jahrzehnten ihren Dreck hinterlassen. Mäuseskelette, tote Käfer und anderes Ungeziefer lag im Staub über den Boden verstreut, Spinnenweben bewegten in allen Winkeln ihre staubigen Gardinen sacht im Lufthauch, der durch die offene Tür zog.
„Puh“, stöhnte Stefan und bekam einen Hustenanfall.
Trotzig bahnte er sich einen Weg durch den Dreck des ersten Raumes, ein Taschentuch vor Mund und Nase. In die Küche schaute er nur flüchtig, die altmodische Einrichtung interessierte ihn im Moment nicht.
 
Am Ende kam er in das Schlafzimmer. Ein Bett stand an der Wand, die Türen des Kleiderschranks standen halb offen. Auf dem Boden vor dem Bett lag ein halbgefüllter Koffer. Als er sich dem Bett näherte, hörte er wieder das Geräusch von trippelnden Schritten auf den Holzdielen und ein leises Stöhnen. Erschrocken blieb er stehen. Gespannt schaute er umher. Das Bett war leer, kein Dornröschen lag darin, wie er sarkastisch feststellte.
Im Koffer schien sich etwas zu bewegen. Zwei blanke schwarze Äuglein sahen ihn an. Also doch Mäuse? Aber nein, es war ein Igel, der hier sein Winterquartier gefunden hatte. Und die trappelnden Fußtritte waren sicher einem zweiten Igel zuzuschreiben, der schnell ein Versteck fand. „Dornröschen“ war erwacht mitten im Winter.
 
Den Bericht, den Stefan an Thea Adler schrieb, war neun Seiten lang und enthielt etliche Fotos und den Schlüssel. Stefan gestand ihr, dass er gar kein Geld besaß, das Grundstück zu kaufen, dass er es liebte und immer wieder in das Haus gegangen war. Er schwärmte ihr vor, wie man es wieder herrichten und die Wildnis drum herum  erhalten könnte mit ein paar geringen Eingriffen, so dass Nachbarn keinen Anstoß mehr daran nehmen konnten. Er gestand ihr, dass er das Häuschen sein Dornröschenschloss nannte.
Einige Wochen später besuchte ihn ein Notar und präsentierte ihm eine Schenkungsurkunde für das Grundstück.

© I. Beddies


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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.01.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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