Meike Schrut

Die lebenden Weihnachtsbäume

Zugegeben: entweder zu spät oder zu früh, um ein Märchen über Weihnachtsbäume zu schreiben. Aber erstens stelle ich mir auch deshalb keinen Baum in die Wohnung, weil diese dafür zu klein ist ( wüßte sonst nicht, wo ich treten sollte!), und 2.: sie liegen mir all zu traurig im Januar neben den Containern, als wollten sie mir zurufen: "Rette uns..!" Wobei wir ja schon bei Spinnerei sind, aber neue Märchen (auch im Fernsehen, wenn sie total verändert wurden, obwohl sie doch heißen sollen: "Schneewittchen und die 7 Zwerge" usw.) haben für mich etwas von Spinnerei an sich, will hier nun mal loslegen zu spinnen...

5 abgewrackte Weihnachtsbäume unterhielten sich - still und leise für sich und natürlich konnte kein Mensch es hören, auch keiner mit phantastischen Ideen - so um den 10. Januar des Jahres 20.. (es hätte irgendein anderes Jahr sein können, aber es darf angenommen werden, es war 2013 in S.) Der Größte von ihnen betrachtete sehr traurig seine Zweige, die einst mit buntem Lametta behängt waren, voller schillernder Kugeln und was es sonst noch an Weihnachtszirat geben mag und sagte:"Ich würde etwas darum geben, wieder im Wald stehen zu können, aus dem man mich einst wegholte." Der Zweitgrößte starrte ihn verblüfft an, redete ihn an:"Das sind ja ganz neue Töne! Als du herkamst, sagtest du noch, du würdest dich jetzt auf die ewige Ruhe freuen, nun so?" Bevor der Große darauf antworten konnte, sprach der 3.:"Laß ihn doch reden. Wenn man so mickrig aussieht wie er, muß man sich nicht wundern, daß die ewige Ruhe besser ist als ein neues Leben in einem vor sich hin gammelnden Wald, denn was soll dort der Menschenmüll, den man dort ablädt..?" (hier sind Dosen usw. gemeint, natürlich keine Leichen, obwohl auch dies leider passiert!) Der Große hatte sich etwas gefaßt, klinkte sich in das Gespräch ein:"Dann werde ich Euch mal das Märchen vom wandelnden Baum erzählen. Meine Eltern sagten, es sei vielleicht gar kein Märchen, sondern könnte irgendwann Wahrheit werden." Und während er voller Begeisterung erzählte, kamen noch mehr tote Weihnachtsbäume dazu, andere wurden aufgeladen und weggekarrt.
Der Erzähler war gerade bei der Stelle:"...der Baum wollte zwar nicht als Weihnachtsbaum enden, aber er wurde nie gefragt.", als er plötzlich spürte, wie er wieder Wurzeln bekam, zuerst dünne, dann immer dickere und kräftigere. Er bemühte sich, sie aus der Erde zu ziehen, aber das bewirkte nur eins: die Zweige trieben auch wieder aus, tasteten nach den Zweigen anderer Bäume und mit vereinten Kräften gelang es den Bäumen zwar nicht, sich aus der Erde zu befreien, aber sie konnten sich erfolgreich gegen den Abtransport zur Feuerstelle wehren. Wurzeln gruben sich unter den Plattenwegen, den Straßen hindurch, ja, sie zerstörten auch das Mauerwerk der umstehenden Häuser.
Klar war, den Menschen blieb es nicht verborgen und sie versuchten mit allen Mitteln, die einst geliebten Weihnachtsgefährten los zu werden ( wie man eben einen alten Schuh los werden will, nicht wahr?). Da kamen Äxte und Feuerzeuge zum Einsatz, aber je mehr Werkzeuge sich den Bäumen nährten, um so mehr griffen die Zweige und Äste danach, umschlungen all das Zeug und innerlich lachten die Bäume sehr, als kleine Kinder weinten.. Ja, es waren bösartige Bäume geworden, aber wer kann es ihnen verdenken, so undankbar wie die Menschen mit ihnen umgingen?
Ob aus den Bäumen je wieder lieblich anzusehende Bäume geworden sind, ich weiß es nicht. Vielleicht gibt es eine Fortsetzung, aber möchten Menschen heute noch gut ausgehende Märchen lesen?

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.01.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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