Isabel Groll

Leben ist doch nur ein...?

Am Abendessenstisch kam es zu einem heiklen Moment. Ich saß, verpackt in dutzende Schals am Tisch und
starrte auf die Maserung des Holzes. Papa beugte sich zu mir und meinte zuversichtlich: "Morgen bist du wieder gesund."
Er meinte es gut, aber es machte mich augenblicklich gereizt. Das hatten Ärzte so an sich, Krankheiten gehörten zum Beruf-nicht zur
Familie. So klang ´bist du wieder gesund´ nicht wie eine Annahme, sondern wie ein Befehl.

„Komm, jetzt hetze sie doch nicht so“, sagte Mama ärgerlich. „Sie geht gerne zur Schule und hat keinen Grund, krank zu spielen.“
Ich schwieg und rührte in meiner Schüssel herum, den Blick fest auf die milchige Suppe geheftet.
Die Gute versuchte bloß, mich zu unterstützen, dabei sprach sie genau das aus, wovon sie glaubte, dass es nicht der Fall war.
Ich wollte nicht zur Schule. Dort wartete eine ungünstige Situation auf mich, die es zu klären galt. Dort wartete ein Junge,
der mir etwas vorgeworfen hatte, was nicht stimmte. Dort warteten Menschen, die von mir Dinge erwarteten, ja, die
regelrecht forderten, dass ich meinen mir zugewiesenen Platz einnahm. Es stimmte schon, ich war nicht ganz gesund, aber mein
Fernbleiben bestand hauptsächlich aus Angst;  Angst vor den schwierigen Dingen im Leben.

Während meine Eltern etwas diskutierten, was mich nicht interessierte, drehte mein Löffel in träger Langsamkeit Runde für Runde
in der Suppenschüssel. Mit jeder Runde kamen neue Gedanken, stürzten auf mich ein wie ein Regenguss. Liebte ich ihn, oder nicht, liebte
er mich oder nicht? In diesem Moment kam mir das Leben vor, wie ein gordischer Knoten. Wer konnte schon das Leben lösen? Wer kannte schon
einen Ausweg? Niemand eben, deswegen leben wir.

Meine Mutter riss mich aus meinen Gedanken, indem sie mich fragte:

"Schatz, glaubst du, du gehst am Montag wieder?"
Ich tauchte aus meinen Grübeleien aus, wie aus kaltem Wasser in unglaublichen Tiefen.
"Ähhm...gehen wohin?"

"Na, zur Schule", sagte Mama vorwurfsvoll und bot mir noch etwas Brot an. Ich schüttelte abwehrend den Kopf und meinte
dann, ich würde am Montag schon wieder hingehen. Mir wurde klar, dass es keinen Sinn hatte, vor Situationen davonzulaufen.
Sie holen einen immer wieder ein, sie sind da, um gelöst zu werden, nicht um vergessen zu werden. Unser Leben besteht aus einer
Aneinanderreihung von Situationen. Guten und Schlechten, Schwierigen und Einfachen, seltsamen und unglaublich Gewöhnlichen.

Und sie alle wollen beachtet werden.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.01.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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