Peter Kröger

Karla in toto




Ausnahmsweise handelte es sich beim Freitod meiner Heidelberger Freundin Karla um eine angekündigte, eigentlich um eine rückwirkend angekündigte und nachträglich sich quasi erneut vollziehende Tat, während die übrigen, ich möchte sagen, spektakulären Lebensäußerungen der letzten fünfundzwanzig Jahre, seit wir uns kennen, überwiegend spontanen Charakter besaßen und einen Hauch von Aktionskunst versprühten (sofort fallen mir improvisierte Gedichtvorträge in Fußgängerzonen, Schreiattacken während nächtlicher Wanderungen in freier Natur und Ähnliches ein).
Aber vielleicht lag gar keine Ausnahme vor. Karla sagte gern: Nicht zu viel verraten. Und: Kein Tag ohne mich. Klare, rätselhafte Worte, die ich mir gemerkt habe. Jetzt geistern sie durch meine Träume.
Karlas wirkliche Beweggründe, die Ursache, warum sie sich mitten in einer Unterhaltung mit ihrem Mann Jan-Niklas aus dem Fenster stürzt, mitten im Satz sozusagen, aus dem Fenster eines neu eingeweihten Apartmentgebäudes im fernen und für sie völlig fremden Hamburg (Jan-Niklas war meines Wissens der Architekt), bleiben im Dunkeln, so wie Karla in toto für mich im Dunkeln bleibt und bleiben wird, wie mir scheint.
Mit Jan-Niklas, von dem ich nur das Gute zu sagen weiß, was Karla mir gesagt hat, führte ich ein merkwürdiges, beklemmendes Telefonat, ich erfuhr durch ihn vom schrecklichen Herauswälzen des schlanken, trainierten Körpers, vom kurzen Halten und Loslassen, von Karlas Kampf mit sich selbst auf dem Fensterbrett. Bislang habe ich es trotz großer Anstrengungen nicht geschafft, mir dieses Wälzen und Loslassen vorzustellen, ganz abgesehen vom dumpfen Klang des Aufpralls, acht Stockwerke tiefer, von dem niemand berichtet hat und den es doch gegeben haben muss. Es ist verrückt, aber manchmal denke ich, mir wäre leichter ums Herz, wüsste ich, ob es ‚bupp‘ oder ‚bapp‘,  gemacht hat. Dabei hat mich die Nachricht von  Karlas Tod zunächst vor allem irritiert und erst Stunden später innerlich erreicht, dann allerdings mit solcher Macht, dass ich lange nur dasitzen, schweigen und starr in eine halbvolle Tasse mit allmählich kalt werdendem roten Waldbeerentee schauen konnte, den Blick meiner Frau Anne im Nacken.
Vollends befremdlich und erschütternd wirkte auf mich jedoch, dass Karla offensichtlich noch am Tage ihrer Selbstvernichtung einen Brief aus Hamburg an mich geschrieben hatte, der mich an meinem Wohnort  Konstanz am nächsten Morgen erreichte, kurz bevor ich zu Jan-Niklas nach Hamburg aufbrechen wollte, um, ein ebenso verrücktes wie unsinniges Ansinnen, weitere Einzelheiten zu erfahren und das Apartmenthaus zu sehen.
 
Mein Götz, du dummer, dummer Mensch,

schrieb sie,

jetzt bin ich eine Weile schon im Himmel, wie man so sagt und habe die Welt, die alles in allem nicht meine Welt war, hinter mir gelassen. So hat es wohl kommen müssen, und nun, da es geschehen ist, weiß ich, legt eine Hand sich auf meine Wange und streichelt mich..  Aus der Literatur, die wir beide lieben, weißt du, dass manche Lebensläufe zeitig enden.
Ein wenig schade ist es, dass ich dein Boot nicht wiedersehe, auf dem wir uns vor vielen Jahren aus einer Laune heraus mitten auf dem Bodensee ewige Liebe  und Freundschaft schworen. Eine Kinderei, natürlich. Jetzt habe ich erkannt: Mein allerbester Freund ist der Tod.
Sie war ein komisches Weib, wirst du sagen, eine Verrückte. Mag sein. Doch ein Werther war ich nicht, dazu fehlen mir blauer Frack und gelbe Weste, wenn du weißt, was ich meine. Eine Liebende war ich, ja, doch leider niemals eine Kämpferin, nur deine
dumme, dumme Karla.
 
Mit zittriger Stimme las ich Anne den Brief vor, und konnte nicht umhin, Karlas schöne, gleichmäßige Handschrift zu bewundern, den wahnhaften Worten zum Trotz. Wie von einer Lawine überrollt und fortgerissen fühlte ich mich aber, als meine Frau mir plötzlich die Hand auf die Schulter legte und mich forschend ansah. Du verstehst es nicht, sagte sie schließlich, du willst es nicht verstehen. Dabei geht es auch um dich. Dann küsste sie mich und ging. Ich lief zum See hinunter und hisste die Segel.

Der Beisetzung auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg (ihr phantastischer letzter Wille) blieb ich fern, schickte aber ein  Trauergebinde mit Schleife, versehen mit der Aufschrift Die Hand auf deiner Wange. Von deinem dummen  Götz. Jan-Niklas dankte mit einer Karte für die erwiesene Anteilnahme.

 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Peter Kröger).
Der Beitrag wurde von Peter Kröger auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.01.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Oft himmelsnah: Lyrische Begegnungen von Rainer Tiemann



Wer mit offenen Augen durchs Leben geht, wer Menschen mit all ihren Stärken und Schwächen mag, wird Dinge erleben, die vielen verwehrt bleiben. Ihm werden Menschen begegnen, die sein Leben unverhofft bereichern.

Jeder, der sich bis heute ein wenig Romantik bewahrt hat, dem vor allem Menschlichkeit eine Herzensangelegenheit ist, wird gerne an diesen lyrisch aufbereiteten, magischen Begegnungen des Leverkusener Dichters Rainer Tiemann teilhaben.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Drama" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Peter Kröger

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Die Kanzlerin II. Eine Groteske. von Peter Kröger (Absurd)
Keine hundert Jahre für Dornröschen! von Jürgen Berndt-Lüders (Drama)
Hochzeitstag von Martina Wiemers (Einfach so zum Lesen und Nachdenken)