Jürgen Berndt-Lüders

Ein seltsamer Besucher 2

Bitte nicht in der Firma, dachte ich. Kommen Sie bitte am Samstag um 13:00 Uhr in der Pizzeria Da Francesco.
 
Dort aß ich immer am Wochenende.
 
Er kam, der, dessen Namen ich nicht einmal kannte. Der Fremde aus der Galaxie Alpha Centauri trug wieder den gleichen Anzug und die gleiche Krawatte wie bei seinem Besuch in der Firma.
 
„Irgend etwas stört mich“, bemerkte er. „Sie sind mir vertraut, weil ich jeden Ihrer Gedanken kenne, aber Sie öffnen sich mir nicht. Sie denken nicht so an mich, wie Sie beispielsweise an ihre Mutter denken. Woran könnte das liegen?“
 
Wir bestellten eine Flasche Roten und zwei Gläser. Ich aß dasselbe, was ich immer aß, wenn ich in meinem Stammlokal war. Er schien keinen Hunger zu haben.
 
Vielleicht, weil wir Sie zueinander sagen, dachte ich. Aber irgendwie war das Blödsinn...
 
Er unterbrach meinen Gedankenfluss. „Stimmt“, sagte er. „Genau das trennt uns. Vielleicht sollten wir uns duzen. Ich heiße Sechshundertsechundzwanzigtausendsiebenhundertundacht .“
 
Ich lachte. „Und ich Jürgen. Gestattest du, dass ich dich Tundac nenne?“

„Gern“, sagte er. „Das sind die ersten fünf der letzten sieben Buchstaben meines Namens.“
 
Ich nickte. „Aber sag mir bitte, weshalb du immer noch laut zu mir sprichst, während du selber auf meine Gedanken reagierst.“
 
„Weil du noch keine Gedanken lesen kannst.“
 
Verwundert drückte ich meinen Körper ruckartig gegen die Lehne des Stuhls. Hatte ich nicht den Eindruck, dass ich wusste, was er sagte?
 
„Du besitzt Empathie, aber das hat nichts mit gelesenen Gedanken zu tun. Was denkt beispielsweise die Frau am Nebentisch über dich?“
 
„Welche Frau?“ Ich drehte vorsichtig meinen Kopf zur Seite.
 
„Siehst du, du nimmst ihre Gedanken nicht wahr.“
 
Irgendwie war ich enttäuscht.
 
„Und wann wird das soweit sein? Du sagtest doch, bei mir sei die Fähigkeit des Gedankenlesens nur verschüttet.“
 
„Du wirst es wissen, wenn es soweit ist, aber es wird dir nicht immer gefallen.“
 
Sicherlich hatte er recht. „Was denkt sie denn nun?“
 
„Sie hat dich schon öfter hier gesehen, und sie findet es schade, dass du sie nicht bemerkst.“ 
 
Automatisch drehte ich meinen Kopf zu ihr und lächelte. Sie lächelte zurück.
 
„Sie ist nicht dein Typ. Du solltest deinen Typ kennen lernen“, fand Tundac.
 
Ich habe doch aber keinen bevorzugten Frauentyp, dachte ich. Wenn es so wäre, wüsste ich das.
 
„Doch, du hast einen. Ich kenne diesen Typ ganz genau. Vergiss nicht, dass ich jeden deiner Gedanken kenne.“
 
Der gläserne Jürgen, dachte ich und lächelte bitter. Irgendwie komisch, vor jemandem nicht verbergen zu können.
 
„Das Kriterium liegt woanders“, sagte er. „Du durchschaust jeden Menschen, wenn du Gedanken lesen kannst. Das mag Vorteile haben, aber auch Nachteile.“
 
Ich würd’s gern mal ausprobieren, dachte ich.
 
„Kannst du ja. Übrigens würde ich gern mal als diese Frau erscheinen“, sagte Tundac. „Als deine Traumfrau.“
 
Es kam mir vor, als hätte ich eben seine Gedanken gelesen. Gut, dass er nicht weiß, weshalb ich als seine Idealfrau vor ihm erscheinen will, hatte Tundac gedacht. Ich war mir aber nicht sicher und schwieg dazu.
 
„Wie machst du das?“, fragte ich stattdessen.
 
Tundac’s Gesichtsausdruck zeigte mir, dass er meinen Zweifel bemerkt hatte. „Du wunderst dich sicherlich, dass ich immer in der gleichen Kleidung erscheine“, erklärte er. „Es ist so, dass ich in meinem Appartement schlafe, wie ich auch in meiner Galaxie schlafen würde. Und den Körper, den du siehst, ziehe ich mir über wie ein Hemd.“
 
Und wenn er als Frau kommt, bastelst er sich meine Traumfrau und streift sie sich über, vermutete ich. Ob das reichte?
 
„Nein, ich schlüpfe auch mental in deren Rolle“, sagte Tundac. „Ich weiß doch, wie du sie sich dir wünschst. Du wirst es merken“, sagte er.
 
Ich war begeistert. „Bitte.“ Ich flehte fast. „Bitte sag mir, wann das sein wird.“
 
Er lächelte. „Du wirst es merken“ wiederholte er. „Sobald du sie siehst, wirst du wissen, dass ich dahinter stecke. Aber du wirst es bald vergessen haben...“
--
Fortsetzung folgt

 

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