Patrick Rabe

Der Künstler (für Bob Dylan)

Der Künstler spielte den letzten Akkord auf seiner Gitarre. Hinter ihm schlug der Trommler die Sticks mit Wucht auf die Felle; es klang wie das Zusammenbrechen einer ganzen Welt. „Das ist immer so“, dachte der Künstler. „Man geht auf die Bühne mit dem Material, den Songs, die man hat, erschafft vor dem Publikum eine ganze Welt von Gefühl und Geist, von auf und ab, und der letzte Akkord des letzten Liedes lässt das ganze zusammenbrechen, vernichtet es.“ Eine gute Band schafft es immer, mit Wucht aufzuhören, der letzte Akkord ist ein Brecher. Die Apokalypse in a-Moll. Und dann die Stille zwischen dem Schlussakkord und dem letzten Applaus. Als ob Gott Atem holt. „Was“, dachte der Künstler, „würde wohl geschehen, wenn sie sich entschließen würden, nicht zu klatschen?“ Wenn die Apokalypse nicht in das neue Jerusalem der Zustimmung münden würde?
 
So dachte er oft in dem magischen Moment dazwischen. Jetzt nahm er die Gitarre ab und lehnte sie gegen einen der Verstärker. Er fühlte den Applaus nicht. Manchmal tat er es, manchmal nicht. Heute nicht. Die Menschen draußen waren eine tobende Masse von Wahnsinnigen. Er war schlecht gewesen und er wußte es. Saumäßig. Es hätte ihn nicht gewundert, wenn die Leute ihn ausgebuht hätten. Aber es geschah nicht. Es geschah nie.
 
Der Künstler schlurfte durch den Backstagegang zu seiner Garderobe. Sie war sehr freundlich, fand er. Altmodisch. Geriffeltes Holz. Und auf seinem Tisch standen Blumen. Sie waren gelb. Welche Art Blumen? Das wußte er nicht. War er Botaniker oder Musiker? Eben. Aber er mochte ihre Farbe, ihre Aura. Es kam für ihn ohnehin nicht darauf an, wie die Dinge hießen, sondern zu was sie ihn inspirierten. Er konnte ihnen tausend neue Namen geben.
 
Einen Spiegel hatte er auch. Mit Spiegelbild. Manchmal wunderte ihn das. Er liebte Spiegel. Und er liebte das Wort „Spiegel“. Er liebte es so sehr, dass er es in fast jedem Lied verwendete. Clevere Journalisten und Kritiker hatten ewig und drei Seiten darüber spekuliert. Wie das zu sehen sei. Ob es tiefenpsychologische Hintergründe haben könnte. Ob mit all den Spiegeln Menschen gemeint seien, in denen der Künstler sich wiedererkenne? Ob er sich vielleicht innerlich in einem Spiegellabyrinth verlaufen habe? Der Künstler lächelte. Die Kritiker waren eine tobende Masse von Wahnsinnigen. Er liebte Spiegel. Fertig.
 
Er hängte seine abgetragene schwarze Lederjacke über einen der Stühle und sah in den Spiegel. Er grinste. Okay, ging noch. Er fuhr mit der Hand durch den wirren, wollenen Haarschopf, ohne dass der sich groß veränderte.
 
Dann schlurfte er zum Tisch und sank auf den Stuhl, über den er seine Jacke gehängt hatte. Er atmete aus, er atmete ein. Wie sich das anfühlte! Pur. Atmen war pur. Aber es blieb nichts zurück in einem beim Atmen. Es sei denn, man hielt den Einatem an und kostete ihn aus, bis man erstickte. Und auch dann musste man ihn loslassen. Nikotin dagegen blieb. Es setzte sich ab, man hatte etwas davon.
 
Der Künstler hatte eine lange Zeit nicht geraucht. Aber irgendwann, als seine Familie ihn verließ, hatte er gemerkt, dass alles so durch ihn durchflutschte. Und er wollte doch etwas besitzen. Irgendetwas . Und wenn es Lungenkrebs war.
 
Er klopfte eine Marlboro aus der Schachtel und zündete sie an.
 
Der Bassist kam herein. Ein schlanker, großer Junge, der den Künstler an seinen Sohn erinnerte. Deshalb hatte er ihn engagiert. Das Gesicht etwas italo-mäßig. Die Haare afro. Und tatsächlich hatte sich diese Wahl gelohnt. Der Bassist hatte wirklich einen Draht zu seinem „Chef“. Die anderen Musiker waren etwas, das kam und ging. Ihre Gesichter wechselten wie die Jahreszeiten und wie die verschiedenen Inkarnationen seiner Karriere. Machmal kam es ihm vor, als stünde er seit vierzig Jahren auf ein- und der selben Bühne, sah zu Boden, spielte sein Set, und wenn er mal aufblickte, hatten die Gesichter gewechselt. Und der Sound. Das Gefühl war das gleiche. Da war es gut, inmitten dieses formlosen Meeres, in dem sein Ich trieb, ein Gegenüber zu finden, einen, der einem nicht fremd blieb, mit dem man sich wirklich austauschen konnte.
„Sohn“, sagte er einleitend. Er liebte seinen Sohn. Und er liebte das Wort „Sohn“. Er liebte es so sehr, dass er fast jeden Musiker , den er traf, als „Sohn“ titulierte. Irgendwie war er ja auch wie ein Vater. Viele junge Musiker betrachteten sich als seine Söhne. Er war ihr Abraham. Und er hatte ein musikalisches Volk Israel geformt. Er war Jude. Wie Abraham. Abraham hatte seinen Sohn nicht opfern müssen. Und Gott hatte ihn nicht dafür getötet. Aber wenn er seinen Bassisten „Sohn“ nannte, dann meinte der Künstler es.
 
„Sohn“, sagte er einleitend. „Was meinst du, wie ist das Konzert angekommen? Bei Ihm, meine ich, nicht beim Publikum.“
 
Der Bassist lächelte. Der Künstler hatte oft nach schlechten Konzerten derlei Fragen auf Lager.
 
„Da musst du Ihn schon selber fragen. Aber hast du mal ´ne Zigarette?“
 
Der Künstler schob die Marlboroschachtel über den Tisch.
 
Rauchend nahm der Bassist den Faden wieder auf. „Naja,“, sagte er, „Du weißt ja selbst, dass es heute schlecht war.“ „Ja“, sagte der Künstler und drückte Zeigefinger und Daumen über der Nasenwurzel zusammen. „Ich habe den Kanal nicht gefunden, weißt du?“ „Ja“, entgegnete der Bassist, „Ich hab´s  gespürt. Du hast die ganze Zeit unglücklich geguckt.“ Der Künstler nickte. „Was meinst du, wie furchtbar es ist, den Kanal nicht zu finden, und das Konzert trotzdem spielen zu müssen, weil du gebucht bist. Du musst lügen.. Die ganze Zeit lügen. Und das Schlimmste ist – die Leute merken es gar nicht! Manchmal verhaue ich ein Harmonica-Solo dann so richtig, damit die Leute sehen, dass es alles Scheiße ist. Sie raffen es nicht. Ich könnte die ganze Zeit einen Akkord blasen und zwar den falschen. Sie würden trotzdem klatschen.“ Die Menschen draußen waren eine tobende Masse von Wahnsinnigen. Der Künstler seufzte. „Aber Er hört es, wenn ich lüge. Und ich denke dann immer: Hey, was soll ich machen. Ich bin gebucht. Aber hat man nicht vor Ihm die letzte Rechenschaft abzulegen? Nicht vor der Plattenfirma oder den Leuten? Ich meine, die klatschen ja immer!“
 
Der Bassist sog an seiner Marlboro. „Bedrückt dich das ernsthaft?“, fragte er. „Nicht wirklich.“ Der Künstler log. Manchmal hatte er Spaß am Lügen.
 
Er liebkoste seine Marlboro, umgarnte sie mit seiner Zunge und fuhr fort.: „Die Leute sind ja auf ihre Weise alle wahnsinnig. Sie wissen es nur nicht. Sie ordnen dich in den Glaskäfig ihrer Wahrnehmung ein und gehen bei deiner Beurteilung die ganze Zeit von sich selbst aus. Also z.B. : Peter Harms kriegt eine belegte Stimme, wenn er traurig ist. Ich singe mit belegter Stimme, also denkt Peter Harms, ich sei traurig.“ Der Bassist lachte: „Aber den ersten Stein würdest du nicht auf Peter Harms werfen, oder?“ „Das ist ja das Dilemma“, seufzte der Künstler. „Als Künstler bist du manchmal dazu verpflichtet, Steine zu schmeißen. Aber des Rätsels Lösung, um herauszufinden, ob Lola vom Hochseil springen würde, ist halt: Du musst Lola sein. Anders geht´s nicht.
 
Das mit den Leuten hab´ ich schnell gemerkt, weißt du? Am Anfang hat es mich frustriert, weil sie einem auf Pressekonferenzen immer das Wort im Mund herumdrehten. Und ich wollte ja von den Leuten verstanden werden. Aber dann wurde es mir nach und nach egal. Und heute weiß ich: Es kommt nur auf deine Aufrichtigkeit vor Gott an.“
 
„Und du meinst“, fragte der Bassist, „dass Gott das heutige Konzert verwerfen wird, weil du nicht aufrichtig gespielt hast?“
 
Der Künstler hustete umständlich und drückte seine Kippe auf dem Tisch aus. Wenn ein anderer seine Gedanken aussprach, kamen sie ihm manchmal spinnert vor.
 
„Weißt du, Sohn“, sagte er, „Es gibt Konzerte, da erfülle ich Gottes Willen. Da bin ich eins mit mir und dem Publikum. Dann spüre ich meine Songs. Dann weiß ich, Gott ist da, und über dem Saal liegt ein goldenes Licht. Aber heute...“
 
Der Bassist schwieg eine Weile, dann sagte er: „Aber weißt du, es sind ja auch die anderen Leute da. Selbst wenn du sie manchmal verachtest. Stell dir vor: Heute war vielleicht ein Mädchen da mit ihrem Freund, und sie haben sich kennengelernt durch eines von deinen Liebesliedern aus den 60ern. Und du singst es. Oder ein Mann kommt zu deinem Konzert, der hat seine Frau verloren. Und du singst eins von den Liedern über deine Scheidung. Oder jemand in einer Glaubenskrise hört jetzt eins von deinen religiösen Liedern. Die Leute klatschen ja nicht, weil sie blöd sind, sondern, weil sie sich wirklich beschenkt fühlen. Gerade von deinen Songs. Meinst du nicht, dass du auch für sie spielst, und sie ein vermurkstes Konzert auf diese Weise retten können?“
 
Langes Schweigen herrschte am Garderobentisch.
 
Nach einiger Zeit lehnte sich der Künstler zurück und lächelte milde. „Danke, Sohn.“, sagte er schlicht.
 
Der Bassist stand auf. Er war müde. Er rieb sich die Augen und ging zur Tür. Dann besann er sich eines Besseren und kehrte nochmals zu seinem Chef zurück. Er legte die Hand auf seine Schulter. „´Nacht, Papa!“, sagte er leise. Dann ging er. Manchmal kam er ihm wirklich wie ein Vater vor. Nicht wie sein gestrenger Erzeuger aus Little Italy, sondern vielmehr wie ein gütiger, verletzlicher und weiser alter Mann, mit dem man offen über Gefühle reden konnte, und der manchmal aus seiner allwissenden, unnahbaren Vaterrolle herauswollte, die er nun seit vierzig Jahren mit sich herumtrug, um auch einmal seine Zweifel vor ein Ohr zu tragen und ein tröstendes Wort von seinem Sohn begehrte. Wie er dort klein und doch groß auf dem Stuhl in der Fremdheit atmenden Garderobe kauerte, die wie zufällig hingestellten Blumen auf dem Tisch! Er hatte ihn tief in sein Herz geschlossen.
 
Der Künstler blieb noch eine Weile sitzen. Er dachte nach. „Ja“, dachte er, „dort draußen sind millionen Leute, denen das, was ich tue, etwas bedeutet. Denen es hilft. Und das hilft mir, wenn ich den Kanal nicht finde. Auch, wenn sie sich manchmal wie Wahnsinnige gebärden.“
 
Er stand auf und tanzte ein wenig durch den Raum. Dann schaltete er das Licht aus und setzte seine Sonnenbrille auf. Yeah. Das war cool. Und er lachte. Tat er selten. Er lachte von tief aus dem Bauch heraus, ließ es heraufglucksen, hervorbrechen, sich überschlagen, gab sich dem Gelächter hin. Vergiss das Heute bis morgen. Er setzte die Sonnenbrille wieder ab. Die Gläser waren pechschwarz. Obsidian. Diese Farbe liebte er. Früher hatte er auch einen schwarzen Glückszahn gehabt. Aber solcherlei Glücksbringer fand Er nicht so cool. Jesus war auch Jude. Wie Abraham. Gott hatte seinen Sohn geopfert, opfern müssen. Der Künstler war seit einiger Zeit Christ.
 
Die Menschen draußen ließen mit ihrem tobenden Applaus die Apokalypse in ein neues Jerusalem der Zustimmung münden.
 
Der Künstler verließ die Garderobe und schlurfte über den Backstagegang zum Tourbus.
 
Als er im Hotelzimmer in seinem Bett lag, dachte er an das Lied, dass er morgen als erstes spielen würde. Er konzentrierte sich auf den ersten Akkord. Die Genesis in C-Dur. Der erste Akkord war entscheidend. Denn von ihm aus würde sich die Welt gestalten, die er morgen erschaffen würde.
 
 
Gewidmet einem, der auf dem Ozean stand, bis er sank, und der sein Lied gut kannte, ehe er sang

Patrick Rabe, im Jahr 2000.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.02.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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