Isabel Seifert

Auf der Suche nach Manieren

Neulich saß ich, erschöpft von einem Einkaufsbummel, mit Freundinnen im Café und trank einen Latte Macciato.
In einer Gesprächspause schweiften meine Blicke durch das Café und blieben auf einem Pärchen hängen, das wie aneinander festgeklebt in einer Ecke saß und die Hände nicht voneinander lassen konnte. Mit drei anderen Single-Frauen eine solche Szene mit ansehen zu müssen, stürzt im Normalfall alle Beteiligten in tiefe Depressionen.

Um dies zu umgehen, setzten wir unsere Gespräche über die neuesten Hosenwaschungen und die süssesten Stilettos der Stadt fort. Ich konnte mir einen letzten Blick zu dem kurios ineinander verschlungenen Pärchen nicht verkneifen und mit meiner geistigen Anwesenheit an unserem Frauentisch verschwand auch der kleinste Anflug von Depression in mir.

Die Turteltauben hatten sich die Rechnung bringen lassen und als geschulte Beobachterin rechnete man fest damit, der Mann würde seine Geldscheine schon bereithalten um mit etwa 20% Trinkgeld seinen und den Milchkaffee seiner Begleiterin zu je 2,30? zu bezahlen. Mir schien auch die Begleitung des Typen war dieser Auffassung. Mit einem triumphierenden Lächeln lehnte sich die Blondine zurück und machte sich noch nicht einmal die Mühe den obligatorisch-weiblichen Griff in die Handtasche, in der Größe eines mittleren Zwergkanninchens, vorzutäuschen.

Doch weit gefehlt, sogar ich hätte diesmal zum Publikumsjoker greifen müssen in der Kategorie Menschenkenntnis. Der Typ an ihrer Seite griff in die Innentasche seines Armani-Jaketts und brachte ein angesammeltes Chaos aus Visitenkarten, Bonbonpapierchen, zerknüllten Kassenbons und Kleingeld ans Tageslicht. Aus dem Kleingeld wurden in mühevoller Kleinstarbeit zwei Euro und dreissig Cents.
Alles unter den Augen seiner Begleitung, deren divenhaftes Lächeln in einen eisigen Blick voller Mordgelüsten überging. Erst als der Mann dem Kellner, ohne mit der Wimper zu zucken, das Sammelsurium aus Kupfergeld übergab, machte sich die Blondine neben ihm daran einen Fünf-Euro-Schein aus ihrer Tasche zu fischen, den sie dem Kellner mit der Bitte um zwei Euro Retour überreichte.

Als sie daraufhin umständlich versuchte ihren Mantel anzuziehen und kurz vor einer Strangulation durch den edlen Kaschmirschal stand, hielt der Mann es immer noch nicht für nötig ihr behilflich zu sein. Er eilte geschäftig zum Ausgang und eine Frau, die das Café gerade betrat, rettete die Blondine vor einem bösen Nasenbeinbruch, verursacht durch eine heftig zugeschlagene Holztür eines Kölner Cafés.

Auch meine Freundinnen hatten die Szene mitangesehen und waren genauso enttäuscht über das jähe Ende der Vorstellung wie ich.
Doch dieser kulturelle Beitrag, visualisiert durch Amateure, war bestimmt kein Einzelfall und wir begannen eine Diskussion über die Frage: Kann man heutzutage noch auf einen Gentleman hoffen oder existiert diese seltene Spezies doch nur noch auf den Seiten vergilbter Groschenromane?!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.04.2003. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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