Peter Somma

Die Sterne lügen nie

 

 

        Paul war ein tüchtiger Mensch, der voll darauf vertraute, als Techniker mit Fleiß und Können, die ihm gestellten Aufgaben erfüllen zu können, in der großen, bedeutenden Firma, in der er arbeitete geschätzt zu sein und einmal dort in die Chefetage aufsteigen zu können. Er glaubte an keinen Humbug, wie Vorhersagen und Prophezeiungen und trotzdem riskierte er jeden Morgen einen Blick in das Horoskop, nachdem er sich zu Tisch gesetzt, in aller Eile einen Schluck Kaffee geschlürft, ein Stück Brot verschlungen, zuerst die Sportergebnisse durchgeblättert, und die politischen Schlagzeilen überflogen hatte und hätte jeden ausgelacht, der behauptet hätte, er glaubte an diese Vorhersagen. Er hatte sich das irgendeinmal angewöhnt, wusste eigentlich nicht so recht, warum er es tat, denn er glaubte ja gar nicht an die Worte, die er dort las, aber immer wieder zogen ihn diese Zeilen magisch an und jedes Mal amüsierte er sich über die albernen Anregungen dieser Botschaften:

 

         „Heute erwartet Sie ein harter Tag“ las er heute „Am Arbeitsplatz müssen Sie sich auf unangenehme Überraschungen gefasst machen. Seien Sie vorsichtig im Verkehr! Für Kontakte zum anderen Geschlecht ist dieser Tag besonders schlecht bestrahlt, und der Kontakt mit neuen Bekanntschaften könnte üble Folgen haben!“ „Blödsinn,“ dachte er, „nur gut, dass ich ohnedies nicht daran glaube!“ Dann verließ er das Haus und hatte, kaum als er die Türe hinter sich geschlossen hatte, das Horoskop auch schon vergessen.   

 

          Der heutige Tag verlief dann auch ziemlich anders, als vorhergesagt. Zwar blieb er, wie üblich, im dichten Morgenverkehr stecken, erreichte aber trotzdem ohne Schwierigkeiten und rechtzeitig seinen Arbeitsplatz, wo ihm sein Direktor ein dickes Lob für seine gute Arbeit aussprach. In der Mittagspause lernte er eine nette junge Frau kennen, mit der er ausgiebig flirtete und den Abend verbrachte er vor dem Fernsehschirm und war im Großen und Ganzen zufrieden mit dem Verlauf des Tages.

 

        So lebte er Tag für Tag sein Junggesellendasein, ohne sich Sorgen um seine Zukunft zu machen. Er erledigte seine Arbeit zur vollsten Zufriedenheit seiner Direktoren, wurde dafür entsprechend bezahlt und verbrachte seine Freizeit mit seinen Freunden bei Sport und Geselligkeit. Er hatte nicht wirklich vor, seine Selbständigkeit aufzugeben, und dachte auch an keine feste Bindung, denn es reichte ihm, wenn sich dann und wann weibliche Abwechslung in seinen Alltagstrott mischte, ohne zu einer Verpflichtung zu werden. Sicher hätte er seine Lebensweise nicht geändert, hätte er nicht eines Tages dieses Horoskop gelesen, das sein ganzes Leben umkrempeln sollte.

 

         Wie immer hatte er am Morgen einen Blick auf diese Vorhersagen geworfen und die folgenden sehr optimistisch klingenden Zeilen gelesen: „Heute ist ihr Glückstag! Ein Tag der besonderen Gelegenheiten! Ergreifen Sie sie! Am Arbeitsplatz erwartet Sie eine Beförderung und vielleicht finden Sie heute auch die Liebe ihres Lebens. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Sie heute das große Los ziehen!“

 

Nicht, dass er plötzlich daran geglaubt hätte, aber wer hört solche positiven Nachrichten nicht gerne und wünscht sich, sie würden sich als wahr erweisen.

                            

        Und tatsächlich nahm der Tag von allem Anfang an einen günstigen Verlauf. Strahlender Sonnenschein begrüßte ihn, als er das Haus verließ und die Menschen die er auf der Straße traf, erschienen ihm heute besonders freundlich. Er fühlte sich heute richtig wohl und hätte am liebsten die ganze Welt umarmt. Seine Sekretärin, mit der er schon seit einiger Zeit zusammenarbeitete, empfing ihn mit der Mitteilung, dass ihn der Direktor erwarte. Das hieß meist nichts gutes, aber heute glaubte er ein kleines Lächeln auf ihren Gesichtszügen bemerkt zu haben und er nahm das als gutes Zeichen. Der Herr Direktor empfing ihn sehr freundlich, bot ihm sogar, was nur sehr, sehr selten geschah, eine Zigarette an und sprach dann die lange erwartete Beförderung aus.

 

         Als er dann, wie üblich, am Heimweg Zigaretten besorgte und ein Los kaufte, war diesmal die Spannung besonders groß, als er es öffnete. „Es ist nicht ausgeschlossen, dass sie heute das große Los ziehen“ ging es ihm durch den Kopf, als er das Los öffnete und er die Summe las, die er gewonnen hatte.

 

Dieser Tag hatte es wirklich in sich gehabt und das war Grund genüg für ihn, den Abend bei einem Gläschen Wein ausklingen zu lassen und dabei lief ihm auch noch ein reizendes junges Mädchen über den Weg, mit dem er den ganzen Abend verbrachte. Heimgekehrt, juckte es ihn, noch einmal einen Blick auf das so außerordentlich günstige Horoskop zu werfen und es überraschte ihn wie sehr diesmal die Prognosen eingetroffen waren. Noch war er nicht wirklich von solchen Vorhersagen überzeugt und glaubte an einen einmaligen Zufall, aber seit damals las er das Horoskop in seiner Zeitung mit anderen Augen.

 

         Am nächsten Tag, vergaß er auf die Sportberichte und die Politikseiten und suchte sofort das Horoskop. „Gestern konnten Sie die Früchte ihrer Arbeit ernten. Aber in der Liebe liegt ihr Glück näher als sie glauben. Sie sollten nicht in die Ferne schweifen, ganz in ihrer Nähe wartet jemand darauf, dass Sie den ersten Schritt wagen!“

 

Den ganzen Tag über ging ihm das Horoskop nicht mehr aus dem Kopf. Wer sollte das wohl sein, der ganz in der Nähe auf den ersten Schritt wartete? Dieser Text verwirrte ihn. Fast schien es ihm, der unbekannte Schreiber kannte ihn, kannte ihn vielleicht besser, als er sich selbst kannte und hätte einen Dialog mit ihm begonnen. Heute konnte er sich nicht richtig auf seine Arbeit konzentrieren, denn immer wieder schweiften seine Gedanken bei der Arbeit zu dem Text des Horoskops ab und er fragte sich, ob er irgend etwas, irgend jemanden in seiner Umgebung zu wenig beachtet hätte. Und wer aus seiner Umgebung dafür in Frage käme. Andererseits grübelte er, war er denn überhaupt auf der Suche nach der großen Liebe? War er nicht ganz zufrieden mit seinem Leben? Wollte er sich denn überhaupt binden?     

 

Seine Sekretärin brachte ihm die Mappe mit seinen neuen Aufgaben. Zerstreut musterte er sie. Er hatte jahrelang mit ihr gearbeitet, ohne sie je zu beachten. Dabei war sie durchaus attraktiv. „Ganz in Ihrer Nähe wartet jemand darauf, dass Sie den ersten Schritt wagen!“ schoss es ihm nun durch den Kopf. „War es sie, die darauf wartete?“ fragte er sich. Warum nicht, dachte er, was konnte schon passieren und spontan lud er sie für heute zum Abendessen ein. Und sie sagte zu.

                     

         Das war ein Abend gewesen! Angela, seine Sekretärin, hatte schon lange ein Auge auf ihn geworfen und er hatte das nie bemerkt! Sie vertraute seit langem dem Horoskop, das im Übrigen auch ihr für den heutigen Tag eine interessante und wichtige Begegnung mit einem Mann aus ihrer engsten Umgebung versprochen hatte. Da war es nur selbstverständlich, dass sie, nach diesem so erfreulichen Rendezvous, weitere Treffen vereinbarten. Sie trafen sich nun öfter, machten lange Spaziergänge, genossen gemeinsame Abendessen, besuchten Theater und Kinos und kamen sich dabei immer näher. Bei allen Unternehmungen verließen sie sich dabei selbstverständlich voll und ganz auf die Ratschläge des Horoskops und vermieden Zusammenkünfte, wenn das Horoskop vor Verstimmung und Streit warnte. Irrte einmal das Horoskop, fanden sie auch dafür eine Erklärung, denn für sie war nun klar: „Die Sterne lügen nie!“  

 

        Es kam wie es kommen musste. Sie verliebten sich ineinander und setzten schließlich, den Tag der Hochzeit fest.

 

Am Tag vor der Hochzeit feierte Paul mit seinen Freunden in fröhlicher Runde Polterabend. Dabei beglückwünschten ihn seine Freunde zu seiner Wahl, aber in ihre Glückwünsche mischte sich auch die eine oder andere ironische Anspielung, die er aber in der allgemeinen, feuchtfröhlichen Stimmung gar nicht verstand, gar nicht wirklich wahrnahm und die sein Glück, in dem er schwamm, nicht trüben konnten.         

 

Ziemlich illuminiert kam er nach Hause, warf sich auf das Bett und rief sich die letzten Tage und Wochen ins Gedächtnis zurück. Alkohol und die späte Stunde bewirkten, dass ihn sehr rasch der Schlaf überwältigte. Alles drehte sich in seinem Kopf und Traumbilder huschten an seinen geschlossen Lidern vorbei: - Er dachte im Schlaf daran, dass er nicht verschlafen dürfe -  glaubte dass es schon höchste Zeit sei, aufzustehen, - sah sich am Morgen erwachen, sich ankleiden -  zur Türe rennen, - die Zeitung, - das Horoskop suchen und finden, bemerkte erstaunt, dass der Unbekannte heute das vertrauliche „Du“ verwendete und begann zu lesen: „Ja Liebe macht blind. Endlich bist auch Du mir auf den Leim gegangen,“ las er. „Du fandest doch all meine Ratschläge seien dumm und unnütz, wolltest nicht an sie glauben! Dann flunkere ich Dir etwas vom großen Glück vor, ließ die eine oder andere Vorhersage eintreffen – und Peng – schon hängst Du an der Angel! – Glaubst jeden Blödsinn, den ich Dir vorflunkere! Jetzt kriegst du die Frau, die du verdienst! Dir werden die Augen noch aufgehen! Wahre Wunder wirst du mit ihr erleben! Ein wahrer Engel ist sie! Du hast wahrlich eine gute Wahl getroffen!

 

Du wirst in den Nächten keinen Schlaf finden, wirst dir wünschen, die Nächte wären Tage und Du wirst sie immer bei ihren Freundinnen suchen müssen und froh sein, dass es keine Freund sind. Meine Glückwünsche, mein Freund und viel Glück!“

 

        Schweißgebadet erwachte er schließlich am nächsten Morgen. Zunächst wusste er nicht ob er noch träumte aber langsam lösten sich die Trugbilder des Albtraumes auf. Er stand auf und der Kopf schmerzte ihn, er warf sich den Morgenmantel über und stürzte zur Tür, holte die Zeitung, fingerte sie nervös nach dem Horoskop durch, fand es nicht sofort, fing wieder von vorne an, und fand endlich dort, wo sonst das Horoskop zu lesen war, folgende Notiz: „Liebe Freunde des Horoskops! Wegen der Fülle der anderen Nachrichten dieses Tages, muss diesmal das Horoskop heute leider entfallen. Wir bitten Sie um Verständnis und wünschen all unseren Lesern einen besonders schönen und erfolgreichen Tag.“

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.02.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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