Andrea G.

die Wende veränderte mein Leben

Andrea G.

Die Wende verändete mein Leben

 

Schon viele Höhen und Tiefen habe ich hinter mir, doch diese Zeit der Demos in Leipzig, der Mauerfall und die vielen Schicksale, die sich hinter den verschlossenen Türen der Ost-Bürger abgespielt haben, kann man nicht vergessen.

Ich bereitete gerade das Essen vor und verfolgte nebenbei die Nachrichten, die den ganzen Tag im Fernsehen liefen. Die Tränen liefen über mein Gesicht als ich sah, wie nah Glück und Leid aneinander liegen. Mütter ließen ihre Kinder zurück, Väter ihre Frauen, Ehen gingen auseinander und das ganze Hab und Gut wurde stehen gelassen. Ich konnte nicht verstehen, dass all die Dinge auf einmal nichts mehr wert sein sollten.
Doch auch die Wiedersehensfreude mancher Familien, die sich Jahre nicht sehen konnten, ließen kein Auge bei mir trocken.

Einen Tag später der Schock:

Es war Anfang Oktober 1989.
Ich war gerade dabei für die kleine, damals sechs Monate alt, ein Kleid zu nähen und für meine vier jährige Tochter ein Top. Mein Mann kam ganz auf gewühlt die Tür hinein. Schon seit Tagen war er nicht wie sonst.

„Ich haue auch ab! ICH MACH RÜBER in den Westen!“

Dann setzte er sich in den Sessel und weinte. Ich verstand die Welt nicht mehr „...Wie? du machst rüber? Und was wird aus uns?“

„Keine Angst, ich hole euch nach, sobald ich Arbeit und Wohnung habe!“ Das waren seine einzigen Worte erst einmal dazu.   Die Stille, die auf einmal in unserem Wohnzimmer herrschte, machte mir Angst. Ich brachte kein Wort mehr heraus. Meine Tränen hatten frei Bahn.

Der Abschied:

Nachdem die Wogen geglättet waren und nach stundenlangen Gesprächen bis in die späte Nacht hinein, war der Tag des Abschieds gekommen. Zeit der Ängste, allein hier zurückbleiben zu müssen, fingen für mich an.
Ab diesem Tag veränderte sich unser Leben und das unserer Kinder.
Ich wusste nicht, ist es richtig oder falsch, zu gehen, aber ich wusste, dass ich meinen Mann liebe und ohne ihn nicht sein wollte.
Mit angstvollen Blicken schaute ich ihn an, als er mich in den Arm nahm und sagte: „Vertraue mir!“
Sein Vater wartete unten schon mit dem Auto, es war so weit.   Weinend liefen wir zum Fenster ich hatte beide Kinder auf dem Arm.
Die Kraft, ihn an den Bahnhof zu begleiten, hatte ich einfach nicht.
Ich sammelte all meine Kräfte zusammen, um die Kinder zu beruhigen.
Ich hoffte nur eines, dass er uns in dem „goldenen Westen“, wie er es so schön sagte, nicht vergisst.

Warten auf Nachricht:

Jeden Tag schrieb ich ihm Briefe und jeden Tag verfolgte ich stündlich die Nachrichten in der Hoffnung, ich würde ihn einmal kurz sehen unter den ganzen Menschen.
Ich hielt es nicht mehr aus. Tage ohne Nachricht. Die Gedanken, dass er nur einen Pullover ein paar Schuhe und eine Jacke bei sich hatte, ließen mich denken: „Ich muss ihn finden, egal wie! Es wird doch kalt draußen. Aber wo?“

Ich holte mir Erkundigungen ein und jeder sagte: „Du bist verrückt, wie willst du ihn finden? Warte, bis er sich meldet.“ Es war mir alles egal ich fragte meinen Bruder ob er mich begleitet.
Die Kinder brachte ich für die zwei Tage zu meinen Eltern. Ich packte dicke Sachen und ein paar Winterschuhe für ihn ein.

Die Suche:

Wir sind also einfach los gefahren und die Reise führte erst mal nach Berlin.
Dort erkundigte ich mich überall beim Roten Kreuz. Nach stundenlangem Suchen
gingen wir endlich was essen. Ich war total fertig, weil keiner mir weiterhelfen konnte.
Was war ich froh, dass mein Bruder bei mir war.
Überall wo wir gingen, wurde gefeiert und gelacht, nur ich war verzweifelt und hatte große Angst. Die Geschichten, die man aus dem Auffanglager gehört hatte, machten meine Gedanken ganz wirr.
In der Gaststätte dann sprach ein Ehepaar uns an, ob wir von drüben seien. Sie baten uns sich mit an ihren Tisch zu setzen.
Nachdem ich meine Geschichte erzählt habe, sagten sie auch, es sei nicht einfach, ich müsse warten, bis er sich meldet. Sie luden uns ein, ihre Gäste zu sein wo wir dann auch eine Übernachtung hatten. Am nächsten Morgen bekamen wir ein Mega-Frühstück, es war der Hammer.
Sie beschenkten uns mit vielen Sachen und wir tauschten unsere Adressen aus.

Vielen Dank für alles an diese Familie.

Die Heimfahrt:

Total fertig von der Suche und traurig obendrein ging es wieder zurück nach Hause.
Immer noch hatte ich seine Sachen bei mir. Das glaubte ich auch alles nicht, waren so meine Gedanken.
Na endlich! Als ich zu Hause ankam lagen drei Briefe von ihm im Briefkasten.
Durch die Anzahl der massenhaften Post kam die Post nicht hinterher und die Briefe kamen Wochen später erst an. Ihm geht es gut! Gott sei gedankt. Er ist in Prag im Lager.

Zu Tränen gerührt:

In dieser Woche geschah noch etwas Wundervolles. Ich saß wie eine Statue vor dem Fernseher mit seinen Eltern und den Kindern, als der Herr Genscher seine Rede hielt in Prag: der Gedanke, dass mein Mann mitten unter den Tausenden von Leuten steht, hat mein Herz total berührt. Ich musste nur noch weinen. Dann der Schrei von all diesen Menschen, „die Grenze ist offen!“, Hörte ich nur! Noch heute habe ich diese Freudenschreie im Ohr. Diese Emotionen wird man nie vergessen und man kann sie auch nicht weitergeben. Das muss man selbst erlebt habe, glaube ich.

Das Begrüßungsgeld:

Jeder DDR-Bürger bekam 100 DM Begrüßungsgeld. So machten wir, meine Eltern und die Kinder und ein Bruder von mir uns auf den Weg, um zusammen mal einen Tag im Westen zu verbringen. Das war eine Reise ich sage euch. So viele Menschen am Bahnhof ... Wahnsinn. Meinen Vater mussten wir dazu überreden. Er wollte nicht mit, umso schlimmer war dann der Ablauf des Tages. Das fing schon am Bahnhof los. Als der Zug in den Bahnhof einfuhr, stürmten die Menschen regelrecht zum Bahngleis; alle wollten mit.

Ich hatte die Kleine auf dem Arm und zu tun in den Zug zu kommen. Meine Mutter und mein Vater waren schon drin! He, halt da fehlt doch noch jemand! Meine andere Tochter schrie nur: „Mama! Mama!“, als die Türen schon zugehen wollten. Schnell hob sie ein Mann hoch und warf sie mir regelrecht in die Arme. Das war ein großer Schock für alle in dem Moment. Wir waren fix und fertig standen fast eine Stunde an einem Fleck wie zusammengepresste Säcke. Endlich, die ersten stiegen aus und wir konnten uns setzen.

Ziemlich fertig und mit bösen Blick meines Vaters kamen wir dann endlich an. Als erstes gingen wir zu dem Schalter, wo wir das Geld bekamen eine riesige Schlage war da aber das kannten wir ja aus dem Osten. Spätestens dann als wir das erste Westgeld in den Händen hielten, bekam auch mein Papi ein Lächeln auf sein Gesicht. Es wurde spät, wir hatten einen wunderschönen Tag, alles war uns so fremd und wir hatten viel zu lachen. Ich erinnere mich noch genau, als ich die erste Kaffeesahne öffnete, die kleinen Dinger, wo man vorne das Teil umknicken muss, damit es sich öffnet. Der erste Schwapp ging natürlich voll auf mein Top. Nun gut, da am Abend nicht mehr so viele Züge gefahren sind, bekamen wir die Möglichkeit in einer Kaserne zu übernachten. Mein Vater hat mir bald den Hals umgedreht mit seinen Blicken. Er wollte einfach nur noch heim. Er hatte immer noch Angst, die Mauer würde jeden Augenblick wieder geschlossen werden und er würde dann nicht zu Hause sein. Auch uns ging es ähnlich aber einer musste ja klaren Kopf behalten ...

Am nächsten Morgen standen wir total zerknirscht auf. Weder Zahnbürste noch was zum waschen hatten wir, einfach nichts. Egal wir versuchten mit dem nächstmöglichen Zug nach Hause zu kommen. Mein Vater hat keine müde Mark ausgegeben er wollte sich das Geld einrahmen. (Heute ist es schon längst verbraucht schmunzel )

Die Freiheit:

Eine Woche später. Nun ging alles sehr schnell, mein Mann hatte mich angerufen er hat einen Job bekommen und eine Wohnung mit noch einem Ehepaar zusammen. Hätte ich da gewusst, wie das mal aus geht ... oh je!
Es war die letzte Woche im November dann der Brief: „Packe alles, was du packen kannst, löse die Wohnung auf! Meine Eltern helfen dir. In einer Woche sind wir für immer wieder zusammen in großer Liebe, dein zukünftiger Mann.“

Ich war total aus dem Häuschen, endlich war es so weit. Dann aber kam das, was ich bis dahin einfach verdrängt hatte: He, ich ließ ja alles hinter mir, Freunde, Bekannte, meine Arbeit und meine Familie. Was ist, wenn die Mauer morgen wieder zugeht? Gedanken über Gedanken schossen durch meinen Kopf.
“Da muss ich jetzt durch!“, so dachte ich. Ich wollte nur eines: Endlich wieder mit ihm sein,
auch die Kinder vermissten ihn sehr.

Der Auszug:

Innerhalb von einer Woche musste ich einen kompletten Haushalt auflösen
was nehme ich mit, was hole ich nach, was verschenke ich. Die ganzen Abmeldungen und so weiter ließen mir nicht mehr viel Zeit über das, was ich hier zurücklasse, groß nachzudenken. Meinem Bruder hinterließ ich die Wohnung mit dem Vertrauen, dass er sie ummeldet auf seinen Namen damit ich diesen Weg schon mal gespart hatte, was mir noch Jahre später viel Ärger einbrachte, weil er sie nicht auf seinen Namen umgemeldet hatte und sie immer weiter auf mich lief. Egal...

Die Zeit zu gehen war da. Von vielen konnte ich mich nicht verabschieden doch die allerwichtigsten Leute, meine Familie und Freunde waren da und ein Meer voller Traurigkeit und Tränen machten sich breit.
“Mama, du kennst mich! Ich bin stark und wir schaffen das!“

„Du hast hier immer dein Zuhause!“, sagte sie zu mir, „was immer auch geschieht, vergiss das bitte nie. Das war jetzt nur ein kleiner Teil unseres traurigen Abschiedes.“

Die Ausreise:

Voll gepackt im Trabbi ging es dann los. Die Kinder, ich, sowie die Schwiegereltern
waren total aufgeregt. Fast vier Monate hatte ich meinen Mann nicht gesehen.
An der Grenze in Bad Hersfeld dann die Kontrolle. Immer noch machte sich Angst breit: „Wie lange bleiben sie zu Gast?“, fragte man uns.
Ich sah, wie meinem Schwiegervater die Schweißperlen herunterliefen aus Angst, sie würden uns kontrollieren. „Einen Tag!“, so sagte er mit zittriger Stimme... „O.K., bitte fahren sie weiter! Gute Reise!“ Pu ... meine Nerven. Nach der Grenze haben wir erst mal Pause gemacht wegen der Kinder. Wir hätten alle einen Schnaps gebrauchen können ... He ! Wir sind im Westen. Für die Eltern war es noch ergreifender, ich war ja vor Wochen schon mal da. Sie umarmten sich ganz fest, weinten vor Glück und nahmen uns alle dann zusammen in den Arm; die Gefühle waren einfach nicht nachvollziehbar.
Ab da hatten wir noch eine Stunde Fahrt bis zu unserem Treffpunkt die Zeit zog sich wie Kaugummi.

Die Ankunft:

Endlich, wir sind da! „Wo ist er?“, dachte ich. Auf einmal sah ich einen Mann total dünn und mit langen Haaren auf uns zurennen. O mein Gott es war mein Mann! Wie sah er nur aus total abgemagert. Man hat ihm die Spuren der letzten Wochen angesehen.
Voller Liebe und vielen Tränen fielen wir uns in die Arme. Endlich wird alles wieder gut, so glaubte ich damals fest daran.

Unser neues Zuhause:

Noch waren wir nicht zu Hause; wir hatten noch eine weitere Stunde Fahrt vor uns, in der t
 Ich natürlich neben ihm sitzen wollte in unserem ersten eigenen neuen Auto.
 Wir hatten uns viel zu erzählen und dann der kleine Schock. Wir müssen uns die Wohnung mit noch einer Familie teilen sie sind zu viert auch zwei Kinder. Als er mir von ihnen erzählte dachte ich nur: „Oh je, ob das mal gut geht?“ (ging es natürlich nicht aber dazu später)
Ich glaubte ich traue meinen Augen nicht, als wir ankamen. Alle Nachbarn standen da, um uns zu begrüßen. Umarmungen mit fremden Leuten, das muss man erlebt haben! Wieder standen uns die Tränen in den Augen.
Die lustigste Sache aber ließ nicht lang auf sich warten: Alles fing an zu grölen als wir unseren Trabbi ausräumten. Schade, dass wir keine Bilder davon haben. Beim Einpacken merkten wir gar nicht wie viel da rein passt und als man mich fragte, wo ich gesessen habe war der Spaß vollkommen. Ich hatte die ganze Fahrt unten auf der Reisetasche hinter dem Beifahrersitz gesessen außer an der Grenze da habe ich mich zwischen Kinderwagen Oberteil und meiner älteren Tochter auf die Rückbank gezwängt. Na mein Gesäß hat es ausgehalten aber die Knochen taten alle weh.

Die Wohnung:

Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Es war eine riesige Wohnung mit vier Zimmern in wunderschöner Gegend, alles Wald und so ruhig.   Ich brauchte ein paar Tage, um mich einzuleben dann kam das Heimweh. Mein Mann versprach mir über Weihnachten mit mir nach Leipzig zu meinen Eltern und Freunden zu fahren. Das gab mir ein wenig Kraft.

Der erste Einkauf und die Eingewöhnung:

Der Alltag kehrte langsam ein und ich musste das erste Mal im Westen Großeinkauf machen: Lebensmittel. Keiner kann sich vorstellen, was da in einem vorgeht, der es nicht kennt. Wir fuhren in einen großen Einkaufsmarkt, mein Mann hatte sich ja schon damit vertraut gemacht. Ich traute meinen Augen nicht und wurde überwältigt von dieser Masse, diesem wundervollen frischen Geruch, von dieser Farbenpracht. Mir wurde übel und ich musste hinaus, mich zu übergeben.

Draußen wartete ich auf meinen Mann, den ich drin unter den vielen Menschen verloren hatte. Er war total sauer auf mich, weil er mich überall gesucht hatte. Das Ende vom Lied war, wir sind ohne Einkauf heimgefahren. Alles war zu viel für mich. Mit der Zeit aber lernte ich damit umzugehen. Einige Tage sind schon vergangen und ich merkte, dass wir uns um eine neue Wohnung kümmern müssen, da es mit der anderen Familie nicht mehr auszuhalten war. Auf Ordnung und Anpassung legten sie nicht viel Wert. Im Gegenteil, sie holten später, ohne zu fragen, noch ihre halbe Familie in die Wohnung, wobei es so schon zu eng war. Mein Mann und die Kinder schliefen mit mir in einem kleinen Zimmer auf Matratzen all das war nicht schlimm aber Wohnzimmer, Küche und Bad mit anderen Leuten weiter zu teilen, war die Hölle für mich. Dann aber die freudige Nachricht ... sie ziehen aus, endlich.

Der Heiratsantrag:

Als wir vor dem Aldi standen meinte mein Mann: „Schatz, lass uns heiraten, ist auch besser wegen der Steuer ... “ Das vergesse ich nie! Damals aber sagte ich „ja!“ obgleich ich sauer war, denn unromantischer konnte ja wohl ein Antrag nicht sein. Ich hoffte aber, da käme bestimmt noch was... hm ... leider kam nichts weiter.
Die Liebe aber hatte das alles verziehen. Heute aber weiß ich, dass mir dies ganz sicher nicht mehr passiert. Eine Kerze ein paar nette Worte ein paar Blümchen sollten schon dabei sein.
Dennoch, wir haben im Mai geheiratet .

Normalerweise hatten wir keine Feier geplant nur ein Kaffee, da uns das Geld dafür zu der Zeit fehlte. Alle Nachbarn vor allem unsere liebe Vermieterin haben uns überrascht mit Vorbereitungen und einer schönen Tafel zu Hause. Dieser Zusammenhalt hatte mich doch sehr überrascht. Das kannte ich nur von zu Hause. Es war eine kleine aber schöne Feier.

Ein dreiviertel Jahr danach:Endlich eine eigene Wohnung; ein Jahr hat es gedauert. Leider konnten wir nicht in Willensdorf in der Wohnung bleiben, da die Tochter der Vermieterin aus dem Ausland zurückkam. Ich glaubte jetzt fangen wir neu an, aber genau das Gegenteil trat ein.
Immer unzufriedener wurde ich, weil ich mich wie in einem Käfig fühlte. Ich hatte derzeit keinen Führerschein und wenn mich mal Freunde oder Bekannte abholten, damit ich auch mal raus kam, hatte ich Ärger mit meinem Mann. Er war eifersüchtig auf alles. Er hatte sich in der letzten Zeit total verändert. Auch arbeiten konnte ich nicht gehen wegen der Kinder. Alles war so fremd für mich; wir wohnten dann in einen kleinen Dorf, wo ich, wenn er arbeiten war, nur allein mit den Kindern war, niemand kannte und auch niemanden kennen lernen wollte, da in dieser Ecke, wo wir dann hingezogen sind, ziemlich verbohrte Leute wohnten. Unsere Vermieter waren der einzige Kontakt. „Ist das jetzt der Preis für das, was du hinter dir gelassen hast?“, so dachte ich, „soll das dein neues Leben sein? Einsamkeit, Putzlappen schwingen, Kinder hüten und warten, bis der Ehemann frustriert nach Hause kommt?“ Auf seiner Arbeit fühlte er sich als Trottel und wollte etwas anderes suchen, nur das war nicht so einfach. Er fing an zu trinken. Er hatte sich da alles einfacher vorgestellt: Schnell zu etwas kommen und schon damals, bevor er von uns ging, um hier neu anzufangen sagte ich ihm: „Es ist auch da nicht alles Gold, was glänzt und dass sie auch hier nur mit Wasser kochen.“

Die Trennung:

Ein Jahr machte ich das Ganze noch mit, aber es wurde immer schlimmer. Der Alltag war bei ihm nur noch der Alkohol. Trotz vieler Gespräche hatte sich nichts geändert nur noch Demütigungen und noch vieles mehr, worüber ich hier nicht weiter und ausführlicher werden möchte. Die Kinder litten sehr darunter.
Nach langem Überlegen nahm ich die Kinder und ging zu meinen Eltern zurück.

Die Rückkehr nach Leipzig:

Total verzweifelt und traurig, dass alles so gekommen war, zog ich erst mal zu meinen Eltern in ihre Drei-Zimmer-Wohnung, wo noch mein jüngerer Bruder lebte, mit dem ich und die Kinder dann ein halbes Jahr ein Zimmer und ein Doppelbett teilen musste.
Dass dies nicht lang gut gehen konnte, war vorauszusehen. Später zog ich in meine alte Wohnung zurück und bald schon merkte ich, dass alles nicht mehr so war, wie bevor ich von hier weg bin. Die Freunde waren fast alle auch weg und die Kinder wollten sich auch nicht so recht wieder hier einleben.

Die Ungerechtigkeit:

Ich begann neu anzufangen. Also ging ich erst mal auf die Ämter um mich umzumelden, da bekam ich den Schlag meines Lebens.
Mein Bruder, dem ich die Wohnung hinterlassen habe, hatte die Wohnung nicht auf sich umgemeldet, sie lief weiter auf meinen Namen. Mit dem Strom genau dasselbe.
Sie hatten mir eine Frist gegeben um alles nachzubezahlen oder ich müsse heraus aus der Wohnung. Natürlich habe ich es nicht geschafft in dieser kurzen Zeit diese enorme Summe aufzutreiben und mein Bruder hat sich rar gemacht.
Die Räumungsklage stand vor der Tür und ich wusste nicht mehr aus noch ein. Ich sollte derweil ins Frauenhaus und die Kinder ins Heim... „Oh nein, nur über meine Leiche!“, so dachte ich. Also, was tun? Eine neue Wohnung dort zu bekommen, war in meiner Lage unmöglich also habe ich allen Mut zusammen genommen und mir hier in der Gegend was neues gesucht.
Am 22. Dezember las ich in der Zeitung: „Wohnung zu vermieten in Diez, auch an Hilfebedürftige.“ Da ich ein spontaner Mensch bin, schnappte ich meinen besten Kumpel noch an diesen Abend und wir fuhren im dicksten Schnee von Leipzig nach Diez, die Wohnung zu besichtigen.
Am nächsten Morgen bin ich dann mit dem unterschriebenen Mietvertrag zurück nach Leipzig und habe allen den dicken Finger gezeigt. Ohne jemanden etwas zu sagen außer meiner Familie, bin ich dann ein paar Wochen später ganz allein in eine fremde Stadt ohne viel Geld mit meinen Kindern gezogen. Innerhalb von vier Wochen hatte ich Arbeit, die Kleine war im Kindergarten und die Große in der Schule. Mir ging es gut, sehr gut und mein Leben, das oft so sinnlos und leer erschien, bekam wieder einen Sinn.
Nach und nach lernte ich neue Freunde kennen und verliebte mich aufs neu. Das Glück aber hielt nicht lang an, denn ich bekam Krebs. Ich verlor meinen Job, und die Wohnung konnte ich auch nicht mehr halten. Ich war doch noch so jung ganze 29 Jahre erst. Ich hatte solche Angst um meine Kinder, und dass ich es nicht schaffen würde.

Das Schlimme daran war, dass man damals bei meiner letzten Untersuchung im Osten, die gar nicht lange her war, nichts festgestellt hatte. Der Krebs laut Diagnose, hier schon aber sehr fortgeschritten war. Drei Monate erst war ich mit meinem neuen Freund zusammen, als ich die Befunde bekam. In dem Moment ging echt die Welt für mich unter, ich wollte nur noch allein für mich sein.

Mein damaliger Freund, mit dem ich dann acht Jahre zusammen war, ließ aber nicht locker, er stand zu mir. Ich brauchte Tage, um das alles zu verstehen und um wieder neue Kraft zu sammeln. Immer wieder setzte ich mich hin und schrieb mein Testament, auch wenn ich nicht viel hatte, mir war nur eins wichtig, dass die Kinder nicht getrennt werden oder gar ins Heim kommen, wenn ich nicht mehr sein sollte. Ich wollte einfach nicht akzeptieren, dass alles umsonst gewesen sein sollte.

Der Tag meiner OP rückte immer näher; den Kindern konnte ich einfach nicht sagen, was los war. Sie waren doch noch so klein, dachte ich damals. Heute aber weiß ich, dass genau dies der falsche Weg war. Man soll so früh wie möglich die Kinder damit vertraut machen, dass der Tod zum Leben dazugehört.

Wir schreiben das Jahr 2007:

Wie man sieht, ist alles gut ausgegangen. Dreimal insgesamt habe ich den Krebs besiegt. Viele Niederlagen und Schmerz musste ich in den letzten Jahren ertragen. Dieses Auf und Ab war oft kaum auszuhalten, viel verloren aber auch gewonnen. Dennoch! Der Gedanke, dass die Kinder mich brauchen, hat mir immer wieder Kraft gegeben. Ich danke für die Lebenserfahrungen die ich sammeln durfte und sicher noch sammeln werde, auch wenn ich gern auf manche hätte verzichten können.

Ich habe mein Denken in den letzten Jahren total umgestellt. Mich Interessiert nicht was mein Nachbar macht und denke: Jeder soll vor seiner eigenen Türe kehren. Heute weiß ich, dass man alles Schöne, was man im Leben kennen lernt und geschenkt bekommt, nicht verstoßen soll. Die Menschen, die einen wirklich lieben, würden dich niemals verletzen und werden immer zu dir halten, was immer auch geschieht, die muss man festhalten es gibt nur noch wenige davon.

Die Vergangenheit hat mir deutlich gezeigt, wie kurz das Leben sein kann. Auch wenn ich heute schon Oma bin, heißt es noch lang nicht, dass ich mir jetzt schon einen Schaukelstuhl kaufen muss und die kurzen kleinen Beine nicht mehr zeigen darf. Auch heißt es nicht, dass die Disco für mich tabu sein muss, solang ich die Hüften noch schwingen kann. Mein Lachen die Energie die Stärke und mein Temperament wird mir keiner nehmen können. Wenn ich mit 55 noch einmal auf der Box mit meiner Enkelin abgetanzt habe, dann erst werde ich anfangen mich mit kleinen Schritten in den Ruhestand zu begeben. Das einzige, was für mich zählt, ist die Familie. Da ich die Kinder allein groß gezogen habe und ich stolz auf sie bin, kann mir heute keiner mehr sagen, was richtig oder falsch war. In den Zeiten als ich jemanden brauchte, waren die Menschen, die sich heute ein falsches Urteil über mich erlauben, auch nicht für mich da. Lebt das Leben mit Vernunft und sammelt Lebensweisheiten und gebt sie an die Menschen weiter es wird ihnen Kraft geben, um vieles besser zu verstehen und um das Leben besser meistern zu können. Für kein Geld der Welt kannst du dir Gesundheit und Liebe kaufen.

Zu oft muss man leider erst durch einen tiefen Tunnel, um das zu verstehen. Aber eins merkt euch immer, jeder Tunnel hat auch einen Ausgang auf der anderen Seite, man darf einfach nicht zulassen, dass der zugeschüttet wird. Dazu braucht man Kraft und Selbstvertrauen.

Die Wende ...

... veränderte mein Leben

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.02.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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