Patrick Rabe

Gretchen

Schön war´s, Gretchen, als du noch unter der Ägide eines großen Gottes standest, wohlig eingebettet in ein Federbett aus Erlösung!
 
Strahlende Künderin des Morgens, als du die Fackel trugst, in dem Glauben, niemand würde sie dir aus der Hand reißen,
 
als du trunken durch die nassen Gärten taumeltest, die Flasche Wodka schwenkend und verschüttend,
 
DOCH hast du damals nicht schon den Verfall gespürt, die Stimmen des Zwangs fordern hören, die Pforten der Hölle offen gesehen? Doch nein, du hieltest sie für das Tor zum Paradies.
 
Wie anders war´s dir, Gretchen, als du reinen Herzens zum Beichtstuhl gingst. Jetzt hast du deinen Gott verraten und ihn eingetauscht gegen Blut, Leidenschaft und Wahnsinn. Das – Gretchen – musst du jetzt aushalten, denn du wolltest es so. Ja, Gretchen, wir woll´n dich tanzen sehen, tanz deinen Heiland in Scherben. Ja, Gretchen, wir woll´n dich bluten sehen, schneide dir deine Arme auf, reiß sie auf, zeig, was in dir steckt. Und dann der Wahnsinn. Er kann jederzeit hervorbrechen und die Realität deines guten, vergebenden Gottes in Fetzen reißen. Finde den Sinn im Wahn, lerne ihn lenken, aber bleib demutsvoll.
 
Und Ornamente auf ihrer Haut                                 (meine Ruh ist hin)
 
steht sie an der Eisenbahnbrücke                  (mein Herz ist schwer)
 
und schaut hinaus auf den
 
irrlichternden Morgen                                    (ich finde sie nimmer und nimmermehr)
 
Die Hölle brennt, doch sie weiß, sie muss mit ihrem durchleuchtenden Blick die Schrecknisse nur einschmelzen lassen, dann zeigt sich dahinter das große, eine, wahre Bild. So groooooooß.
 
Und sie steht und schaut, Wind in ihrem Haar. Und sie schaut hinab auf eine Stadt, deren Könige eingetauscht wurden gegen Klingeltöne und deren Götter gegen Wurstbuden. Stell dir vor, es ist Hafengeburtstag und keiner geht hin! Dieser ganze Kommerz stinkt doch zum Himmel. Das einzig Gute sind die Rockbands. Da sage ich euch: Rockbands vereinigt euch gegen diesen Konsumterror, macht alles kaputt, schmeißt alles um, scheißt alles zu, verdammt, auf euch liegt die Hoffnung aller ehrbaren Antibürger; Mensch, reißt den Veranstaltern die Ärsche auf, flötet den Peruanern einen, werft die Stände der Händler und Geldwechsler um und reißt ein Loch in diese Realität! Reißt sie komplett auseinander, knüllt sie zusammen wie eine alte Bild-Zeitung und kickt sie ins All oder von mir aus ins Klo, von wo aus sie in die Kanalisation gelangt, in der es regnet und schneit – ja, schneit – trotz Klimawandels. Dort wird sie vielleicht endlich geläutert und kommt zurück als Phönix aus den Ärschen und schenkt uns das Paradies, das wir verdient haben, aber bis dahin KRIEG, GRANATEN, TOTE, DIESER HASS, DIESER UNENDLICHE HAAAASSSS!
 
„Ey Hansi, diese Platte wird langsam langweilig. Leg mal was Anderes auf!“ „Was´n?“ „Irgendwo auf der Welt von den Comedian Harmonists zum Beispiel!“ „Okay, geht klar, kommt sofort!“
 
 Patrick Rabe, 2007. Nach dem Besuch des Studio-Braun-Stückes 'Dorfpunks'. Dieses hatte mich total geflasht, ich glaubte plötzlich wieder ans Theater! Und das hat mich angestachelt, mal einen hübsch krassen Text zu schreiben. Nehmt's nicht so schwer... - Euer Patrick!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.02.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Buch von Patrick Rabe:

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Gottes Zelt: Glaubens- und Liebesgedichte von Patrick Rabe



Die Glaubens-und Liebesgedichte von Patrick Rabe sind mutig, innig, streitbar, vertrauens- und humorvoll, sie klammern auch Zweifel, Anfechtungen und Prüfungen nicht aus, stellen manchmal gewohnte Glaubensmuster auf den Kopf und eröffnen dem Leser den weiten Raum Gottes. Tief und kathartisch sind seine Gedichte von Tod und seelischer Wiederauferstehung, es finden sich Poeme der Suche, des Trostes, der Klage und der Freude. Abgerundet wird das Buch von einigen ungewöhnlichen theologischen Betrachtungen. Kein Happy-Clappy-Lobpreis, sondern ein Buch mit Ecken und Kanten, das einen Blick aufs Christentum eröffnet, der fern konservativer Traditionen liegt.

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