Steffen Herrmann

2050 (Gesellschaft)

 

2050 (Gesellschaft)
 
Beim Vorblick auf die Gesellschaft und die Konstellation der prägenden Mächte spielen verschiedene Aspekte eine Rolle, die nicht alle diesselbe Vorhersagesicherheit haben. Man kann demographische Entwickklungen recht gut abschätzen.  Wieviele Menschen auf der Erde, selbst auch in den einzelnen Ländern leben werden kann man natürlich nicht sicher wissen, aber doch ungefähr.
Auch über die wirtschaftliche Entweicklung lassen sich zumindest recht wahrscheinliche Hypothesen aufstellen.
Andere Fragen, etwa welche Konflikte oder gar Kriege eine prägende Rolle spielen, sind noch weniger sicher beantwortbar, wenn sich auch über die mutmasslichen Konfliktherde und Streitpunkte fruchtbar mutmassen lässt.
Wir bewegen uns also auf einem Feld zwischen Prognose und Spekulation, brauchen also eine gewisse Freiheit von der Strenge der Wissenschaft, wenn wir auch alles zu Rate ziehen wollen, was wir heute wissen können. 
 
Bevölkerung
Die Weltbevölkerung wächst nur noch in Afrika schnell, in Asien und Südamerika langsam, wohingegen sie in Nordamerika und Europa stagniert. Überall, neuerdings sogar in Afrika, ist man mit dem Umstand der Alterung der Population konfrontiert. Die Lebenserwartung ist weltweit auf 75 Jahre gewachsen, in den Indurstrienationen sogar auf 90 Jahre. Interessanterweise setzt sich dieser Trend aufgrund neuer Entwicklungen in der Medizin ungebremst fort, sodass eine Lebenserwartung von 100 Jahren in näherer Zukunft wahrscheinlich wird.
 
China
China ist zur grössten Wirtschaftsmacht geworden und es ist auch nicht abzusehen, wie es diese Position in absehbarer Zeit wieder verlieren könnte. Dabei befindet das Land sich in einer tiefen Krise. Die erste Rezession seit beinahe einem Jahrhundert ist gerade überwunden. Streikwellen erschüttern das Land, die Kriminalität nimmt bedrohliche Ausmasse an. Die Probleme sind vielfältiger Natur. Ein grosses Problem ist die rasante Alterung der Bevölkerung. Das Rentensystem ist nur ungenügend aufgebaut worden, was sich jetzt, da die familiäre Solidarität immer mehr bröckelt, als folgenschwer erweist. Das Alterselend ist überall präsent und wird im Zuge der erfolgten Demokratisierung der Medien auch breit thematisiert. Die Unterschiede zwischen Arm und Reich krassieren, es kommt zu Armen- und Reichenghettos wie ein halbes Jahrhundert zuvor in Südamerika. Dazu kommt noch eine Abwanderungstendenz der Industrie. Bestimmte Produktionen beginnen zu teuer zu werden und gehen in Gebiete mit geringeren Löhnen, vor allem nach Afrika. Vorherrschend ist auch ein gewisser Westdrift der Industrie. Firmen gehen vom teuren Osten in den billigeren Westen des Landes. Die Augen der Welt richten sich mit Besorgnis auf dieses Riesenreich. Es ist ein ungeheuer Motor und ein Pulverfass, dynamisch, gefährlich, widersprüchlich.
Die Kommunistische Partei hat sich in einen sozialdemokratischen und einen wirtschaftsliberalen Teil gespalten. Ein dritter Ableger, eine originär kommunistische Partei, führt ein Schattendasein, erlebt aber immer mehr Zulauf.
Die wirtschaftlichen und neuerdings auch die wissenschaftlichen Eliten dominieren das Weltniveau. Schon die schiere Zahl der Absolventen, verbunden durch diesselbe Sprache und diesselbe Kultur, sind weltweit ohne Vergleich.
Es ist mit Abstand zum grössten Ölimporteur geworden. Die Beziehung zu den arabischen Staaten ist kompliziert und gespannt geworden. Kriege liegen in der Luft, denn die Sicherung des Ölbedarfes ist von vitalem Interesse für das Land. Auf der anderen Seite ist die OPEC bestrebt, aus den nun endgültig knapp werdenden Ressourcen noch ein Maximum an Geld gerauszuholenm, also die Fördermengen zu reduzieren und die Preise in die Höhe zu treiben.
Die Beziehung zu den alten Mächten, also Europa und Amerika, sind komplex, doch etwas routiniert geworden. Es gibt eine Zusammenarbeit auf vielen Gebieten, schliesslich ist es die gröste Sorge der Welt, dass China "kippt" und zu einem instabilen Koloss wird, mit unabsehbaren Folgen für die Welt.
Ja, China ist die grösste Wirtschaftsmacht und kein Land kann es in absehbarer Zeit beerben. Ausser vielleicht
 
Indien,
mit seinen inzwischen anderthalb Milliarden Menschen. Es ist nicht nur das bevölkerungsreichste, sondern - sieht man von den afrikanischen Tigerstaaten ab - auch das wirtschaftlich am schnellsten wachsende Land auf der Erde.
Die Unterschiede zwischen Arm und reich sind schreiend, die allgegenwärtigen Differenzen grotesk. Ohne den dämpfenden Einfluss des Hinduismus wäre es längst zum Bürgerkrieg gekommen, oder zu Reformen.
In Indien gibt es inzwischen eine recht breite Mittelschicht, daneben aber noch immer endlose Wüsten des Elends. Die Kriminalität ist hoch, der Einfluss der Politik schwach. Es hat sich eine Zivilgesellschaft herausgebildet, vieles deutet daraufhin, dass der von unten kanalisierte Reformdruck sich bis in die Spitzen der Politik durchdrücken könnte.
Insgesamt macht dennoch Indien weniger Angst als sein mächtiger Nachbar (sieht man von der zwar nicht grösser gewordenen, doch noch immer latenten Gefahr ab, dass von hier ein Atomkrieg ausgehen könnte).
Es ist zu erwarten, dass die bitterste Armut in den nächsten Jahrzehnten sich deutlich verrigern wird und die Mittelstandsregionen immer nachhaltiger in den Rest des Landes ausstrahlen werden.     
 
USA
Die Vereinigten Staaten sind in robuster Verfassung, wenn auch mit einem gewissen Hang zur Stagnation. Das Gesundheitssystem hat sich europäisiert, man ist sehr darauf bedacht, die Gesellschaft nicht auseinanderbrechen zu lassen. 
Die grosse Gruppe der spanisch sprechenden Einwanderer hat zu Parallelwelten geführt. Amerika ist vornehmlich mit sich selbst beschäftigt. Der Wandel in der Demographie und der Bevölkerungszusammensetzung, die Abwanderung der Industrie, die sich verfestigenden Schichten zwischen Arm und Reich, das alles sind zähe Probleme, für die sich nicht wirklich eine Lösung abzeichnet.
Die USA haben sich von ihrem Status als Supermacht endgültig verabschiedet und mit dieser neuen Situation ihren Frieden gemacht. Sie sind nicht mehr auf ausländisches Erdöl angewiesen, unterhalten intensive Wirtschaftsbeziehungen zu Europa und Asien und bemühen sich ansonsten darum, das eigene Haus in Ordnung zu bringen. 
 
Europa
Europa und Amerika haben sich in vieler Hinsicht aneinander angenähert. Gleichermassen tendenziell marginalisiert, verharren beide Reiche des Westens auf hohem ökonomischen und auch wissenschaftlichem Niveau, ohne allerdings noch grossartig vorwärtszukommen. Die Probleme nehmen eher zu.
Ob der Euro gehalten hat, ist heute (2013) schwer abzuschätzen. Es spricht Vieles dafür. Es spricht noch mehr dafür, dass im Falle eines erfolgten Zerbrechens der Gemeinschaftswährung es um die Jahrhundertmitte zu einem Euro II kommen dürfte.
Die gesamte Europäische Union hat sich beachtlicherweise zusammengerauft. Die einzelnen Staaten haben deutlich an Macht verloren. Aussen-, Wirtschafts- Finanz, selbst die Bildungspolitik ist weitgehend von der europäischen Zentrale aus gesteuert.
Die Abwertung der Staaten hat sich zusätzlich durch den Umstand verstärkt, dass die Union nicht mehr in Länder, sondern in Regionen unterteilt wird. Regionen sind nach wirtschaftlicher Leistungskraft und strukturellen Gesichtspunkten geteilt und für viele Entscheidungen wichtiger geworden als die Staaten, zu denen sie gehören. Der europäische Länderfinanzausgleich interessiert sich nur noch am Rande für die Staatenzugehörigkeit dieser Wirtschaftseinheiten.
In einigen wirtschaftlichen Branchen ist Europa nach wie vor führend. Seine Innovationskraft ist ungebrochen. Insbesondere im Bau moderner Maschinen oder in der aufkommenden Universalroboterproduktion hat es gegenüber der asiatischen Konkurrenz noch immer die Nase vorn. 
Die Seggregation der verschiedenen Bevölkerungsschichten nimmt zu und ist ein grosses Problem. Zwar hat die Immigration abgenommen, doch die einzelnen Ethnien reproduzieren ihre Kultur über die nachfolgenden Generationen. Der gesellschaftliche Zusammenhalt bröckelt, der Druck auf die sozialen Sicherungssysteme ist unverändert hoch. In allen europäischen Ländern existieren jetzt Migrationsministerien, die sich miteinander abstimmen. Die Sozialhilfe ist zweistufig, die meisten Ausländergruppen sind nur noch zu einer Art Nothilfe berechtigt. Dafür greifen die Behörden massiv in die Familien ein: Kindergartenpflicht und Deutschunterricht ab dem vierten Lebensjahr, Ganztagesschulen und flächendeckende Sozialarbeit. 
Auch die Vergreisung ist ein grosses Problem. Man hat sich von einem fixen Rentenalter verabschiedet und ist zu Lebensarbeitszeitkonten übergegangen.
 
Afrika
ist der Kontinent der Probleme und der Hoffnung. Nirgendwo sonst prallen Vergangenheit und Zukunft so hart aufeinander wie hier. Es ist der Kontinent mit dem grössten Bevölkerungswachstum, doch auch die Wirtschaft zeigt eine beeindruckende Dynamik. Der Zustrom an Investitionen ist gewaltig, Infrastruktur wird rasch aufgebaut. Es gibt Tigerstaaten wie Nigeria, die schon seit geraumer Zeit zweistellige Wachstumsraten aufweisen. Daneben gibt es noch immer grosse Reiche der Armut.
Afrika hat seine alten Probleme nicht gelöst. Die Korruption grassiert, die Despotien bestehen nach wie vor, Krankheiten, Spannungen und Konflikte, die machnmal in Kriege umschlagen.
Doch der Kontinent ist sehr in Bewegung, die sich festigenden Mittelschichten verursachen einen immer stärkeren Trend zu Demokratie, Bildung und anderen bürgerlichen Tugenden.
Insgesamt gesehen schickt Afrika an, das zu werden, was China nicht mehr sein will: die Werkstatt der Welt. Bis dahin ist aber noch ein weiter Weg.
 
arabische Staaten
Hier ist die Situation auch interessant. Das Ende des Erdöls ist abzusehen. Die Länder versuchen  natürlich, die Gesamteinnahmen zu optimieren, was auf eine Drosselung der Fördermenge hinausläuft, sind aber auch auf das Geld angewiesen. Ausserdem erzeugen die ölhungrigen Grossmächte China und Indien einen grossen Druck zur Sicherung ihres Bedarfs. Die Situation ist sehr ungemütlich. In den arabischen Ländern selbst ist die Situation auch gespannt. Die Islamisten sind nach wie vor sehr stark, geraten aber von innen her unter Druck. Die Notwendigkeit, sich auf eine Gesellschaft nach dem Öl vorzubereiten, stärkt die rationalen und reformorientierten Kräfte. Es ist noch nicht ganz klar, was aus den Ländern werden soll. Hier eine Industrie aufzubauen, scheint nicht sehr erfolgverbrechend zu sein und weder für High-Tech, noch für die Fonanzwelt und auch nicht für den Tourismus scheinen diese Länder besonders prädestiniert zu sein. Es scheint wahrscheinlich, dass die arabischen Länder in absehbarer Zukunft zum neuen Armenhaus der Welt werden und noch hinter Afrika zurückfallen. Dann würde allerdings die islamistischen Kräfte zu einer echten Gefahr werden.
 
andere Regionen
Lateinamerika ist auf gutem Weg. Der Wohlstand steigt, eine gewisse Sozialdemokratisierung des Lebens herrscht vor. Russland versucht, seine alten Probleme in den Griff zu bekommen: nicht sehr erfolgreich, aber besser als auch schon. Japan ist in einer tiefen Krise: Überalterung, Innovazionsmangel. Palästina hat jetzt einen eigenen Staat, die ewige Krise mit Israel beginnt sich nachhaltig zu entschärfen. Die beiden Koreas sind seit kurzen vereinigt, Nordkorea ist eine Sonderwirtschaftszone.   
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.02.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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