Nelly Braunstein

Molly und der Mann auf der Mauer

Ein kühler Herbstwind strich Molly sanft durch das offene Haar. Sie liebte das Gefühl, wenn die Luft kalt in ihr Gesicht blies, welches sie, wie eine Sonnenblume, dem Licht und der Wärme zugewandt hatte. Sie schloss die Augen und blieb für einen Moment stehen. Der Nebel, der am Morgen noch zwischen den Bäumen gehangen hatte, war aufgestiegen und hatte sich in ein paar dünne Wolken verwandelt, welche die Sonne zu liebkosen schienen.

Wie schön ist doch die Welt, dachte sie bei sich, als sie die Augen wieder öffnete.

Molly war Anfang zwanzig, eine äußerst hübsche Erscheinung mit blondem Haar, welches sie meist zu einem Zopf zusammen gebunden hatte, und strahlend blauen Augen. Diese Augen und ihr sonniges Gemüt waren es, was die Menschen in ihrer Umgebung an ihr liebten.

Raphael, ihr Freund, liebte nicht nur ihre Augen, sondern auch ihre Grübchen, die beim Lachen sichtbar wurden, was oft der Fall war.

Molly hatte also einen Freund, doch an diesem Tag war sie alleine unterwegs. Raphael wäre sicher mit gekommen, doch er wusste nicht das Molly spazieren ging. Nein, er wusste auch nicht, dass Molly das oft tat. Er hätte es auch nicht verstanden, aber das störte Molly nicht, deshalb sagte sie ihm nichts.

Als Molly von ihrem Spaziergang zurückkam, blinkte ihr Anrufbeantworter und zeigte den Erhalt von zwei Nachrichten. Während sie sich die Jacke auszog, drückte sie auf den Knopf um sich die Nachrichten abzuhören.

„Hallo Molly, ich bin' s! Sag mal, hast du heute Abend Lust, mit uns Tanzen zu gehen? Ben kommt auch mit. Melde dich doch einfach, wenn du wieder daheim bist.“

Das war Anna, Molly' s beste Freundin. Ben war ihr Zwillingsbruder und auch ein guter Freund von Molly, leider wohnte er weiter weg, so dass sie sich nur noch selten sahen. Molly freute sich und musste lächeln.

„Molly bist du da? Ich hab es schon auf deinem Handy versucht, aber du hast es bestimmt wieder liegen gelassen. Ich kann heute Abend nicht zu dir kommen, meine Mutter braucht mich! Kannst du mich einfach zurückrufen, wenn du wieder da bist, ich will wenigstens deine Stimme hören.“

Das war Raphael.

Molly wohnte nicht mit ihm zusammen, da sie ihre Freiheiten brauchte. Natürlich liebte sie ihn, aber sie liebte es auch alleine aufwachen zu können und all das zu tun, was man sich abgewöhnt oder unterdrückt, wenn man sich neu verliebt hat und sich später nicht mehr getraut, weil man schon zu lange zusammen ist.

An solchen „Alleine-Tagen“ machte sie ihr Bett nicht, schraubte den Deckel der Zahnpasta nicht auf die Tube und schlürfte ihre Milch aus der Müsli-Schüssel. Dann lachte sie und freute sich wie ein Kind.

Auch heute war so ein Tag gewesen, doch jetzt wollte sie wieder Menschen um sich haben. Als sie ihre Jacke und ihre Schuhe ausgezogen hatte, suchte sie ihr Telefon. Trotz der eingebauten Suchhilfe wühlte sie sich erst durch ihr Bett und dann durch ihre Sofakissen, bis sie es neben dem Fernsehapparat fand.

Nein, Molly war wirklich nicht langweilig!

Es läutete ein paar mal, bevor Raphael abhob. „Ich habe dich schon vermisst Molly, wo warst du?“ Sie zuckte mit den Schultern, auch wenn er es nicht sehen konnte. „Tut mir leid, mein Liebling, ich wollte nicht das du dir sorgen machst, aber ich habe mein Handy nicht gleich gefunden.“

Er lachte. „Ich werde wohl das ganze Wochenende hier bleiben, meiner Mutter geht es nicht gut.“ Molly seufzte: „Schade! Sag, deiner Mutter gute Besserung von mir, ja? Weist du, Anna hat angerufen. Ben ist in der Stadt und sie haben mich zum Tanzen eingeladen, ich hätte dich gerne dabei gehabt.“ Raphael seufzte nun auch: „Ben ist also wieder da?“ Molly nickte: „Ja, ich freue mich schon ihn zu sehen, wir werden sicher viel zu bereden haben!“ Er schwieg einen Moment, dann sagte er: „Ja sicher! Molly , ich muss jetzt Schluss machen, meine Mutter ruft. Ich ruf dich später noch mal an. Ich küsse dich!“ „Ich küsse dich auch!“

Molly sah enttäuscht auf das Telefon. Seit wann war Raphael denn eifersüchtig? Oder war es so schlimm mit seiner Mutter? Sie schüttelte den Kopf um diese trüben Gedanken los zu werden.

Jetzt wollte sie Anna anrufen und ihr Bescheid geben, dass sie kommen würde.

Sie setzte ein Lächeln auf und wählte die Nummer.

„Anna! Hier ist Molly! Ich freue mich auf heute Abend!“ legte sie sofort los als der Hörer abgenommen wurde. Anna lachte: „Ben ist auch schon ganz aufgeregt, wie lange waren wir schon nicht mehr zusammen weg? Ein halbes Jahr?“ Molly überlegte kurz: „Mindestens ein halbes Jahr. Wo treffen wir uns denn?“

Sie besprachen noch kurz die Einzelheiten und legten dann auf.

Kompliziert war Molly nicht!

Molly durchsuchte ihren Kleiderschrank nach etwas geeignetem zum Tanzen. Sie wollte schön aussehen, wenn sie Ben wieder sah, damit er sich freute. Sie liebte es, wenn sie angesehen wurde und wenn andere sie anlächelten, dann konnte sie sich vorstellen, das alle nett zueinander waren und es vielleicht doch nicht so viel schlechtes auf der Welt war.

Fröhlich singend öffnete sie die Fenster ihrer Wohnung um noch einmal die frischer Herbstluft um sich zu haben, während sie ihre Wohnung aufräumte. Anna und Ben würden mit zu ihr kommen, das stand für sie fest.

Als sie in der Küche stand und ihren Abwasch machte, trällerte sie gerade eines ihre liebsten Lieder, als sie plötzlich innehielt und verwundert auf die Straße sah. Dort stand ein Mann und sah zu ihr hinauf, einfach so ohne das er sich darum kümmerte das er von den Passanten schräg angesehen wurde. Molly starrte zurück und winkte ihm zu. Jetzt lächelte der Mann und hob ebenfalls seine Hand. „Singen sie doch weiter! Bitte! Es ist einfach wunderschön ihnen zuzusehen und zu hören!“ Molly freute sich, denn sie sang für ihr Leben gerne und stimmte ein neues Lied an.

Der Mann strahlte und setzte sich auf die kleine Mauer vom Haus gegenüber. Erst als Molly ihren Abwasch erledigt hatte sah sie wieder zu ihm herüber, winkte und rief: „ Jetzt muss ich leider Saugen, aber Morgen habe ich wieder schmutziges Geschirr!“ Der Mann lachte: „Ich werde da sein!“ und er verließ die Mauer und die Straße.

Molly sah ihm nachdenklich nach, lachte dann aber, weil ihre Gedanken wieder bei Ben und Anna waren und holte den Staubsauger aus seinem Versteck.

 

 

 

Fortsetzung folgt.....................

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.02.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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