Klaus-D. Heid

Kaffeezeit

Das Café war wie immer um diese Zeit, prall gefüllt mit prall gefüllten Damen des gehobenen Alters, die sich wort- und gestenreich die Erlebnisse des Vortages in die Ohren flüsterten. Eine stickige kaffeegefüllte Luft, vermischt mit Nikotinrauch und dem Duft billiger Parfüms, legte sich wie eine Glocke über die Gäste des Cafés. An allen Tischen wurde gewispert, getuschelt, getratscht und gelästert. Grimmig dreinblickende Matronen mit Perücken oder wolligen Hüten auf dem Kopf, wetterten unnachgiebig über verflossene oder verstorbene Lebenspartner. Andere Frauen wiederum saßen mit ständig auf und abgehendem Kiefer vor ihren Kaffeetassen und lauschten ehrfurchtsvoll den Meisterinnen der vernichtenden Wortwahl. Schmale Lippen, die durch mächtigen Portionen tiefroten Lippenstifts im Volumen verdoppelt wurden, schaufelten mechanisch ein Stück Sahnetorte nach dem anderen in sich hinein. Es wurde geschmatzt, geschlürft und gestritten. Durch den dunkelgrauen Mief halb zuende gerauchter Zigaretten sah man ab und an ein Schnapsgläschen, dessen Inhalt unauffällig und dezent in den strapazierfähigen Mägen verschwand. Trotz der erdrückenden Hitze im Café saßen die meisten der Damen mit Schal an den Tischen. Einige von ihnen behielten sogar ihre Handschuhe an, während sie mit der verlorenen Grazie von einst, die Kaffeetassen zum Mund führten.

Einen Moment lang überlegte ich, wie hoch wohl die Anzahl der hier versammelten Falten sein mochte? Was hatten diese vielen Augenpaare bereits alles gesehen? Was hatten diese von Altersflecken übersäten Hände schon alles berührt? Welche Unmenge von Kaffee und Kuchen hatten diese Mägen schon verdaut?

Als einziger Mann in der grotesken Gesellschaft pelzbehangener Lästermäuler genoss ich meine Beobachtungen mit zunehmender Heiterkeit. Immer wieder bemerkte ich die unverhohlenen Annäherungsblicke vereinsamter Ladies, die sich allerdings sofort wieder auf Kaffe und Kuchen konzentrierten, sobald ich ihnen ein freundliches Lächeln zuwarf. Ich musste mit meinen vierundvierzig Lebensjahren nicht befürchten, den Altersschnitt erkennbar zu senken, denn garantiert umgaben mich im Café mindestens siebentausend Jahre Gegengewicht. Gegengewicht? Erstaunlich, dass ich nur extrem fette und extrem dünne Damen sah. Entweder neigten ältere Frauen dazu, ihre Einsamkeit mit Bergen von Sahnetorten zu verdrängen, oder sie konsumierten in ihrem Frust lediglich zwei Scheiben trockenes Knäckebrot pro Tag. Die Zahl derer, die sich für den Sahnetorten-Weg entschieden hatten, überwog bei Weitem! Erstaunlicherweise waren es auch jene Knäckebrotscheiben-Konsumentinnen, die sich in den Gesprächen als schweigende Minderheit entpuppten; die lieber aufmerksam lauschten, als selbst zu lamentieren.

Genüsslich nippte ich an meiner heißen Schokolade. Im Nebel der ketterauchenden Omis fiel mir das Atmen zwar schwer, weil ich seit einem halben Jahr Nichtraucher war, aber schon der Anblick dieser dampfenden Damen ließ mich neugierig und geduldig verharren. Für nichts in der Welt hätte ich darauf verzichtet, eine derartige Anhäufung von dicken Waden und monströsen Brüsten zu erleben!

Ob es innerhalb dieser Ballung feixender Weiber so etwas wie kleine terroristische Vereinigungen gab? Konnte es sein, dass hier in Grüppchen beratschlagt wurde, wie man den einen oder anderen Ehemann kunstvoll entsorgen konnte, der dem gefräßigen Treiben im Weg stand? Wurden bei Kaffee und Kuchen finstere Mordpläne geschmiedet? Sprachen vollgestopfte Backen darüber, wie man störende männliche Objekte risikolos mit Unmengen von Sachertorte vergiften konnte?

Falls es tatsächlich so war, würde besonders eines dieser mopsigen Mädels dafür in Frage kommen. Es handelte sich um ein ‚Ding’, das mich bereits seit meinem Eintreten mit geilem Blick fixiert hatte. Wie viele ihrer Gesellinnen trug auch sie einen grausig aussehenden Filzhut, auf dem etwas federähnliches befestigt war. Beige schien in dieser geselligen Runde die Lieblingsfarbe zu sein. Beige Jacken, beige Hüte, beige Röcke und beige Mäntel. Dazu beige Schuhe und beige Nylonstrümpfe. Meinen letzten Pfennig hätte ich darauf verwettet, dass auch beige Unterwäsche auf den wabbelnden Körpern klebte.

Das ‚Ding’ musterte mich unablässig mit einem Blick, der wohl eindeutig signalisieren sollte, dass ich auserwählt war. Eine dicke wulstige Zunge fuhr dabei abstoßend ordinär über knallrot geschminkten Lippen, als wäre es nur eine Frage der Zeit, mich wie ein Mandelhörnchen zu verspeisen. Mein freundliches Lächeln hatte sie offenbar als Zustimmung gedeutet, denn nun sah ich plötzlich, wie ihre kleine wurstbefingerte Hand sich auf den Schenkel legte, dessen Umfand jeden Elefanten stolz gemacht hätte.

Schnell beendete ich mein Lächeln, um nicht noch schlimmere Attacken auf meine Geschmacksnerven zu provozieren. Wenn hier eine Frau böse und düstere Gedanken mit sich herumtrug, dann dieses ‚Ding’, dass mit einem riesigen Hintern drei Tische entfernt von mir saß.

Irgendwie wanderte wohl ein Großteil der hier verschlungenen Kalorien in die Hinterteile. Alleine mit dem Volumen aller Ärsche, die hier jeden Stuhl zum Verzweifeln brachten, konnte man problemlos den Hunger in der Welt beenden. Massige Backen quollen links und rechts über die Stühle, so dass man bei einigen sogar befürchten musste, sie plumpsen irgendwann auf den Boden. Was wohl passieren würde, wenn ich nun aufstand und laut ‚Feuer!’ schrie? Wie würde sich die Ansammlung von Fettmassen verhalten, wenn es darum ging, schnell das Café zu verlassen, weil das Leben bedroht war? Mir fiel eine Szene aus einem amerikanischen Spielfilm ein, in dem eine Herde aufgescheuchter Elefanten ein ganzes indisches Dorf niedertrampelte. Dicke mauern wurden wie Pappwände eingedrückt und selbst Bäume zerbrachen unter dem Ansturm der Elefantenmassen wie mickrige Strohhalme. Ich bräuchte nur ein einziges Mal laut und deutlich ‚FEUER!’ rufen, um diese Filmszene noch einmal life zu erleben...!

Besonders leid taten mir die drei jungen Mädchen, die im Café als Bedienung arbeiteten. Ständig wurde nach ihnen gerufen, weil da und dort etwas nicht stimmte oder weil der Kuchenvorrat auf den Tellern zur neige ging. Wie dringend muss ein junges Mädchen bloß Geld brauchen, wenn es eine derart grauenvolle Arbeit annahm? War nicht schwerste Knochenarbeit in der Fabrik ein Zuckerschlecken gegen die Mühe, sich zwischen stänkernden Fettbergen durchzukämpfen? Ich nahm mir vor, mein Trinkgeld etwas höher ausfallen zu lassen, als ich es normalerweise tat. Wer so hart und schwer arbeitete, hatte es verdient, belohnt zu werden!

Für einen kurzen Moment schloss ich meine Augen. Ich wollte darauf achten, welche Geräusche im Café zu hören waren, wenn der optische Eindruck nicht störte.

Auf Tellern kratzende Kuchengabeln. Das Würgen und Schlingen beim Vernichten der Kuchenberge. Ich hörte ein permanentes Hintergrundwispern, wie das gleichzeitige Rascheln von hunderttausend Ratten, die sich über die letzten Fleischfetzen eines verendeten Pferdes hermachten. Vor meinem geistigen Auge tauchten plötzlich fettleibige Frauen auf, die an blutigen Körperteilen herumknabberten, bis schließlich nur noch blanke Knochenreste zu sehen waren.

Schnell öffnete ich meine Augen wieder. Irgendwie fühlte ich mich eigentümlich unsicher, wenn ich in die Runde schaute. War das ‚Ding’ vielleicht so etwas wie eine Leitwölfin, auf deren Befehl hin sich alle anderen Wölfe auf mich stürzten? Ein makabrer Gedanke! Doch gleich darauf lächelte ich wieder, als ich daran dachte, dass es kaum gefräßige Wölfe mit dritten Zähnen gab. Natürlich! Deswegen wurde hier matschiger Kuchen gegessen. Ohne groß gekaut werden zu müssen, konnte er im Prinzip im Urzustand in die Mägen der Pummel fallen. Also keine Gefahr für mich.

Aus den Augenwinkeln heraus beobachtete ich, wie sich das ‚Ding’ eine Zigarette in ein Mundstück schob. Nun führte das ‚Ding’ die Spitze des Mundstücks zwischen die feuchten roten Lippen, um die schlechte Luft im Café noch schlechter werden zu lassen. Was vielleicht elegant und graziös wirken sollte, ähnelte eher einem Grizzlybären, der verzweifelt versuchte, Nähgarn in einem winzigen Nadelöhr einzufädeln. Selbst jetzt wurde ich vom ‚Ding’ fixiert. Dabei bebten die Fettmassen in ihrem Gesicht und die Wurstfinger zitterten wie Espenlaub. Das konnte nicht gut gehen!

Irgendwie machte das ‚Ding’ etwas mit dem goldenen Feuerzeug falsch. Vielleicht war die Flamme zu hoch eingestellt oder die zitternde Hand geriet außer Kontrolle – jedenfalls kam die Flamme etwas zu dicht an ihre Nachbarin und deren Kunsthaarperücke, die natürlich sofort Feuer fing! Noch bevor ich registrieren konnte, was geschehen war, brach die Panik aus! Hundert Hintern wuchteten in die Höhe, als das ‚Ding’ wie von der Tarantel gestochen anfing, ‚FEUER! FEUER!’ zu schreien. Die Horde der tuschelnden Tanten verlor die Kontrolle! Tische wurden von elephantösen Schenkeln umgestoßen, Tassen und Teller flogen durch die Luft und ein ohrenbetäubendes Getrampel verwandelte das Café in ein Toll- und Schlachthaus! Erstaunlich, welche Energie solche Fleischberge entwickeln können, wenn es ums nackte Überleben ging.

Das nächste, an das ich mich erinnere, ist, dass ich im Krankenhaus aufgewacht bin. Ein herrlich angenehmes und zartes Gesicht beugte sich über mich. Ich wollte fragen, was geschehen sei, konnte aber meinen Kiefer nicht bewegen. Ich konnte auch meine Arme und Beine nicht bewegen. Ich konnte überhaupt nichts mehr bewegen! Wie ich erst viel später erfuhr, hatte ich mir jeden möglichen Knochen im Körper gebrochen, als sei eine Horde Elefanten über mich hinweggefegt.

Vier Monate später durfte ich das Krankenhaus verlassen. Noch immer gehe ich ganz gerne in ein Café, um eine heiße Schokolade zu trinken. Aber seit damals gibt es in meinem Leben einen unerschütterlichen Grundsatz:

Betrete NIEMALS ein Café in der Zeit zwischen 14.00 und 17.00 Uhr!

NIEMALS!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.10.2001. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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