Sabine Gabriel

Gehorsam ist die oberste Tugend

Das gilt sogar heute noch, jedenfalls wenn man ins Kloster geht und den Gehorsamseid schwören muss. In den NAPOLAs, den Nationalpolitischen Anstalten im Dritten Reich wurde die Elite ausgebildet, indem man mit Schikanen und harter Disziplin ihren Willen brach und ihnen gleichzeitig erzählte, sie wären die Elite der Nation. Aber was werden das für Führungskräfte, deren Wille zuvor gebrochen wurde?
 
Ich war unglaublich stolz darauf, wenn ich zu Erkenntnissen und Entscheidungen durch eigenes Denken gekommen war, wenn mir niemand zu sagen BRAUCHTE, was ich zu tun und zu lassen, zu denken und nicht zu denken hatte. Ich habe das als Teil des Erwachsenwerdens empfunden, selber zu denken und Entscheidungen zu treffen und entsprechend zu handeln. Aber anscheinend war das wohl verkehrt, jedenfalls bin ich in meiner unmittelbaren Familie immer nur angeeckt und verstand nie warum, konnte die Zeichen nicht deuten, die ja in genügender Zahl vorhanden waren.
 
Um ihre Anweisungen zu bekräftigen setzte meine Stiefmutter dem Gesagten z.B. hinzu: „Das ist ein Befehl“, womit sie sich in meinen Augen nur lächerlich machte, schließlich traf ich schon während meiner Schulzeit folgende Unterscheidung von Autoritätspersonen: meinen Beobachtungen zufolge gab es Autoritäten kraft Amtes und Autoritäten kraft Persönlichkeit. Autoritäten kraft Persönichkeit waren Personen, die eine Art natürlicher Autorität ausstrahlten auch ohne bestimmte Position, sie zeichneten sich vor allem aus durch Kompetenz und Souveränität. Mit ihnen konnte man reden und die eigene Sichtweise sachlich begründen, Autoritäten kraft Persönlichkeit blieben bei der Sache und antworteten mit Sachargumenten.
 
Autoritäten kraft Amtes fand ich hingegen viel schwieriger und auch gefährlicher. Sie befanden sich in einer Position, die sie mit ihrer Persönlichkeit nicht ausfüllten und sich deshalb bei Entscheidungen und in Diskussionen an ihr Amt klammerten und Entscheidungen einfach damit begründeten, dass ihr Amt ihnen die Macht dazu gebe – keine Diskussion. Diese würden sie vielleicht nicht bestehen können, da ihre Argumente nicht ausreichten. Mit Autoritäten kraft Amtes war es auch schwierig bis unmöglich, sachlich, also über die Sache zu diskutieren, sie zogen sich aus der Affäre, indem sie die PERSON des oder der anderen angriffen und niedermachten, was ich inzwischen als die übliche Art der Diskussion zwiwchen „normalen“ Menschen erlebe, die Internetforen sind voll davon, und auch im täglichen Leben kommt man – frau auch – mit Sachargumenten nicht weit, wenn die Gegenseite vom Inhalt nix wissen will oder der Auffassung ist, man hätte einfach - aus was für Gründen auch immer – nichts zu sagen.
 
Wie Hierarchie funktioniert, hatte ich ja schon mal beschrieben. Jetzt geht es also um Gehorsam, der ja der wesentlichste Teil der Hierarchie ist: ohne Gehorsam ist Hierarchie ja nicht möglich. Und anscheinend haben wir die längst abgeschafft geglaubten Hierarchien im Privaten längst so tief als normales Miteinander verinnerlicht, dass wir immer noch danach leben ohne es zu merken.
 
Zurück zu den Autoritäten: Autoritäten kraft Amtes empfand ich – wie oben beschrieben – als gefährlicher als Autoritäten kraft Persönlichkeit, fand die kraft Amtes eher unberechenbar, da sie durch Willküraktionen ihre nicht vorhandene natürliche Autorität ausgleichen mussten, man mit ihnen nicht sachlich diskutieren konnte sondern durch Scleimen und Schmeicheln mehr erreichen konnte als durch Sachargumente. Andererseits fand ich Persönlichkeiten kraft Amtes einfach nur lächerlich, insbesondere den Satz: „Das ist ein Befehl“, wenn jemandem die Argumente ausgingen, fand ich einfach nur lächerlich. Aber was soll man – frau und kind auch – tun, wenn der oder die andere am sogenannten längeren Hebel sitzt? Gehorchen oder eine disziplinarische Maßnahme über sich ergehen lassen wie schlechte Schulnoten, Ohrfeigen, Ausschimpfen etc.
 
In meiner direkten Familie galt der Satz: Wer befehlen will, muss gehorchen lernen. Ich hatte aber weder an dem Einen noch an dem Anderen auch nur das geringste Interesse, so dass alle diesbezüglichen Maßnahmen an mir abprallten. Mein Interesse galt einer Kommunikation und einem Miteinander auf Augenhöhe, so wie ich es von anderen Teilen der weiteren Familie konnte und wertschätzen gelernt hatte. Das führte dann auch zu dem absoluten Frevel in der Welt der Autoritäten kraft Amtes: ich hatte keine n Respekt vor Autoritäten (kraft Amtes). Ich redete mit meinen Chefs genauso wie mit Pennern bzw. Obdachlosen, wenn sie mcih nicht blöd anmachten … solche gab’s ja auch. Mit anderen Worten: ich sprach mit jedem mit Respekt vor der PERSON und nicht mit Respekt vor AMT und STATUS einer Person.
 
Diejenigen, die sich selber als in einer niedrigeren Position als cih empfanden, begegneten mir mit Dankbarkeit dafür, dass ich sie wie einen Menschen behandelte, die anderen fühlten sich brüskiert von meiner Respektlosigkeit ihrem Amt gegenüber. Des weiteren gab es Menschen, die ein Amt oder Gericht, eine Firma wie z.B. eine Kasse verkörperten und sich im Allgemeinen auch wie diese Sache oder das Amt oder Gericht etc. behandelt fühlen. Auch diese Menschen freuten sich, wenn ich ihnen von Mensch zu Mensch  begegnete und sie wie einen Menschen, der dort arbeitet, wahrnahm und eben nicht einfach als die Sache, die sie vertraten.
 
Chefs, die daran gewöhnt sind, dass man vor ihrem AMT buckelte, sahen mich oft als Lichtblick, weil ich auch sie als einen Menschen wahrnahm und nicht nur unpersönlich als Amt – jedenfalls wenn sie Autoritäten kraft Persönlichkeit waren. Ich wurde also nur von potentiellen Chefs eingestellt, denen ich dadurch imponierte, dass ihr Amt mir nicht imponierte und ich ihnen wie einem normalen Menschen begegnete. Natürlich wusste auch ich, dass ein Chef z.B. durch negative Beurteilungen die Macht hatte, über meine Zukunft entscheiden, so dass mir schon klar war, dass ich mir nicht alles erlauben konnte, ber ich hatte das nie verinnerlicht, dass das einer anderen Person zustehen würde aufgrund ihres Amtes und ihrer Person, aber ich war ja auch nicht lebensmüde. Wenn der Chef, der mich eingestellt hatte, dem ich imponiert hatte, durch eine Autorität kraft Amtes ersetzt wurde, dann ging ich halt woanders hin, wo ich ja wieder nur von einer Autorität kraft Persönlichkeit eingestellt wurde. Die andern hätten mich ja eh nicht gewollt.
 
Zurück zum Gehorsam: ich wuchs also in Schule und weiterer Verwandtschaft auf in einer Kultur des selbständigen Denkens und eines Miteinanders in Augenhöhe, in einer Kultur auf Gegenseitigkeit, war – wie gesagt – stolz auf die Ergebnisse meines eigenen Denkens, für die ich in der Schule auch gute Noten erhielt, so dass es für mich gar keinen Zweifel daran gab, auf dem richtigen Weg zu sein.
 
In meinem unmittelbaren Zuhause erlebte ich dann zumindest verbale Gewalt, Diffamierung, Mobbing, Verleumdung usw. – ich wurde zuhause einfach nur mundtot gemacht. Ich habe das als absolute Lieblosigkeit empfunden und konnte überhaupt nicht verstehen, wieso meine Vater die Frage, ob er mich überhaupt lieben würde, bejahte, denn das, was ich erlebte, hatte für mein Empfinden mit Liebe überhaupt nicht das Geringste zu tun.
 
Wenn ich das Ganze nun aber unter der Prämisse von Hierarchie und Gehorsam betrachte, dann macht das alles auf einmal Sinn, dann sind all die Dinge, die ich als Misshandlung und Lieblosigkeit  betrachtet habe, auf einmal sinnvolle disziplinarische Maßnahmen, mit denen mein Gehorsam erzwungen werden sollte, mit denen mein Wille gebrochen werden sollte, damit ich innerhalb der Hierarchie als willenloses Rädchen funktioniere, innerhalb der Hierarchie aufsteige und so nach und nach Macht über andere erhalten würde, die ich dann meinerseits disziplinieren und eben misshandeln dürfe … mich schüttelt’s schon beim Schreiben ...
 
Wenn ich daran denke, fällt mir immer das Pferd La Bruja, die Hexe, ein, das wild und ungezähmt in der spanischen Pampa lebte und dann eingefangen werden sollet, um seinen bzw. ihren Willen zu brechen und als Reitpferd ausgebildet zu werden. Das Pferd hat mir so leid getan, und ich weiß leider nicht mehr wie das Buch ausgegangen ist, ob sie es geschafft haben oder nicht, aber ich erinnere mich noch gut an den Jagdinstinkt und das Jagdfieber derer, die sie fangen und ihren Willen brechen wollten. Wie oft habe ich denselben Jagdinstinkt und dasselbe Jagdfieber in Männern ausgelöst
 Und war dann enttäuscht, dass das, was cih für Liebe hielt einfach nur der Ehrgeiz war, meinen Willen zu brechen.
 
Bestimmt fragen sich jetzt einige: wo kämen wir denn hin, wenn wir alle unseren Willen ausleben würden? Ja, wo kämen wir wohl hin, wenn jeder machen würde, was er oder sie wollte? Chaos und Anarchie, der größte Schrecken der Normalen in ihrer wohlgeordneten kleinen Welt.
 
Aber wohin SIND wir gekommen mit lauter Menschen, deren Wille gebrochen wurde und die sich sofort schadlos halten, sobald ihre Machtposition es ihnen erlaubt?
 
Ein Mann, der Befehle erteilen muss, käme sich in seinen eigenen vier Wänden vor wie beim Militär. Wesentlich angenehmer ist es da, eine Person um sich herum zu haben, die in vorauseilendem Gehorsam seine Wünsche erfüllt und dadurch den Eindruck erweckt, aus Liebe und Ergebenheit freiwillig so zu handeln. Gute Hausdiener und gute Haussklaven zeichneten sich durch diese Fähigkeit des vorauseilenden Gehorsams aus. Sie wussten, wonach der Hausherr begehrte, ohne dass dieser dazu einen Befehl aussprechen musste. Ebenso zeichneten dieser Männer sich dadurch aus, dass sie glückich und zufrieden waren, wenn der Herr es war. Das war ihr einziges Begehr, einen anderen – eigenen – Willen hatten sie nicht und nahmen dankbar alles an und hin, was der Hausherr ihnen an Wohltaten oder anderem erwies. An eventuellen disziplinarischen Maßnahmen fühlten sie sich natürlich selbe schuld, denn durch besseren Gehorsam hätten sie die Strafen ja verhinderr können.
 
Natürlich wurden auch junge Mädchen diesem Ideal entsprechend erzogen, denn schließlich konnte sich ein normaler Mann weder einen Haussklaven noch einen Butler leisten sondern nur eine Ehefrau, die dieselben Dienste zu erfüllen und obendrein noch viel Arbeit zu leisten hatte – klaglos natürlich, denn schließlich machte sie das alles aus Liebe, und wenn sie nicht genug liebte, dann stand dem Hausherrn jedes Mittel der Disziplinierung zur Wahl, und wenn die Frau bessser gehorcht hätte, wäre r ja auch nichts passiert. So wurde also jede Blessur, die alle sehen konnten, zum deutlich sichtbaren Zeichen dafür, dass sie keine gute Ehefrau war, weil sie nicht gehorsam genug war – ähnliches galt auch für die Kinder: Gehorsam war das oberste Gebot, und wer nicht gehorsam war, hatte jede disziplinarische Maßnahme verdient.
 
Geändert wurde das Familienrecht in Deutschland erst 1976, also kurz bevor ich erwachsen wurde. Für mich war damals das Wichtigste, dass cih 1977 an meinem Geburtstag mit 18 statt vorher mit 21 volljährig wurde. Außerdem wurde das Scheidungsrecht geändert: das Schuldprinzip wurde durch das bis heute geltende Zerrüttungsprinzip ersetzt. Was mir damals nicht bewusst war, was aber das Entscheidende für die Erziehung von Jungen und Mädchen war, war etwas anderes: erst seit 1976 hat die Ehefrau einen eigenen Rechtsstatus. Bis 1976 hatte eine Ehefrau den Rechtsstatus eines unmündigen Kindes. Sie musste wie ein Kind ihren Mann fragen, ob sie arbeiten durfte, worunter der Haushalt nicht leiden durfte, sie durfte den Führerschein nur machen, wenn der Ehemann einwilligte, sie durfte natürlich nicht allein in Urlaub fahren, sie hatte ihre ehelichen Pflichten auch im Bett zu erfüllen, so dass es den Straftatbestand der ehelichen Vergewaltigung gar nicht geben konnte, da dies ja eh ihre Pflicht war,d ie sie nicht verweigern durfte, wollte sie nicht schuldig geschieden werden und dabei das Recht auf ihre Kinder verlieren.
 
Alle Männer in meinem Alter sind damit aufgewachsen, dass die Ehefrau die treue Dienerin ihres Mannes ist, dass ihr ganzes Glück darin besteht, Mann und Kinder glücklich zu machen und darüber hinaus keine eigenen Wünsche zu haben – während ich mich damit beschäftigte, was man – frau auch – unter Liebe versteht, wie man Liebe lebt … es konnte einfach nie zusammen passen … Während ich mich mit den Gesetzen der Liebe beschäftigte und von Liebe auf Gegenseitigkeit träumte, erwartete der Mann in meinem Alter eine Frau, die einfach nur ihre Pflicht tat. Und ich wunderte mich darüber, dass alle meine „Liebes“beziehungen scheiterten ….
 
 
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.03.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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