Michael Haeser

Der Fuchs und das Mädchen

Nach langer Zeit einsamer und oft beschwerlicher Wanderschaft kam der Fuchs aus dem Wald heraus an einen kleinen Teich, der ruhig glitzernd im Schein der rötlichen Abendsonne lag. Es war angenehm warm, die Insekten summten leise ihre Gute-Nacht-Lider und auch die Tierwelt verrichtete ihre letzten Tagesaktivitäten.

Inmitten dieser so romantischen Atmosphäre gewahrte er ein leises Weinen. Vorsichtig näherte er sich der Stelle, von der er es hörte und schlich durch den dichten Schilf, der sanft wiegend am Ufer stand, bis er den Ursprung des Schluchzens sehen konnte. Es war eine junge Frau, die im weichen Gras nahe des Ufers saß. Sie hatte ihr Gesicht gegen die untergehende Sonne gerichtet und unaufhörlich rannen ihr Tränen über das feine, blasse Gesicht.

Der Fuchs betrachtete sie lange. Sie hatte wunderschönes langes Haar, das durch ein einfaches blaues Band zu einem Zopf gebunden war. Sie trug ein schlichtes weißes Kleid und hatte in ihrem Schoß einige Bögen Papier, die sie uanblässig und unbewusst mit zitternden Fingern glattstrich.
Der Fuchs trat aus dem Schilf, setzte sich vor das Mädchen und schaute ihr in die Augen, die auch wie kleine Teiche aussahen: blau und nass. Er schaute. Saß und schaute, bis das Mädchen seiner gewahr wurde. Sie sah ihn lange an, ohne ihn aber so recht wahrzunehmen.

"Warum lässt Du Deine kostbaren Kristalle verrinnen?" fragte er sanft.
Das Mädchen reagierte nicht, sondern starrte wieder in den Sonnenuntergang.

"Jede Deiner Träne hat einen unermesslichen Wert, weißt Du das nicht?" fuhr der Fuchs fort, und legte den Kopf ein wenig zur Seite. Das Mädchen blinzelte ihn an und seufzte tief.

"Und jeder Deiner Seufzer ist ein kostbarer, unwiderbringlicher Ton einer wundervollen Melodie," sagte der Fuchs und sah ihr tief in die tränenverschleierten Augen. "Die Melodie der Liebe, die stets einmalig ist," betonte er und ließ seinen Blick nicht von ihren Augen, die inzwischen auf ihn gerichtet waren.

"Lass mich allein," sagte das Mädchen. Und nach einer kurzen Pause: "Und seit wann können Füchse sprechen?"
"Ich spreche doch gar nicht", erwiderte der Fuchs, "ich stelle Fragen".
"Auch Fragen darf ein Fuchs nicht stellen," sagte das Mädchen beinahe streng, "Füchse sind Tiere, und die können nunmal nicht reden," und wischte sich die Tränen von der Wange, ohne dass der Tränenstrom verebbte.
"Du solltest es besser wissen", lächelte der Fuchs, "denn Du weinst, obwohl das, um das Du weinst, doch auch nicht real sein kann."
Das Mädchen guckte böse: "Woher willst Du denn das wissen?"
"Man weint immer um das, was nicht mehr ist."

Das Mädchen schwieg. Dann sagte sie: "Das ist aber etwas anderes. Du aber bist real und solltest nicht sprechen können. Das, um das ich weine, war auch real..." Und nach einer kurzen Pause: "...und ist es immer noch."
"Ja, aber nicht mehr für Dich". Er schaute ihr nun so eindringlich in die Augen, dass das Mädchen sie einen Augenblick lang schloss.
"Wenn Du schon daherkommst und gegen jede Logik reden kannst, dann erklär mir bitte, warum ich nicht weinen soll?" fragte das Mädchen vorwurfsvoll.
"Ich habe nicht gesagt, dass Du nicht weinen sollst", sagte der Fuchs, und lächelte wieder, "ich frage nach dem Warum."
"Was geht Dich das an!"
"Nichts. Aber ich sehe etwas so Kostbares, und frage dann nach dem Warum. Hast Du nie nach einem Warum gefragt?".

Das Mädchen zögerte kurz, und antwortete: "Gut, ich sage Dir warum, und dann lass mich allein. Ich weine, weil mein liebster Schatz mir einen Abschiedsbrief geschrieben hat."
Der Fuchs blieb sitzen und schaute auf die Zettel, die sie weiterhin mit ihren schlanken Fingern hektisch glattstrich, und dadurch eher noch mehr zerknüllte.
"Ist das der Brief?" fragte er?
"Natürlich. Meinst Du, ich habe die Zeitung gelesen?".
"Sagst Du mir, was darin steht?"
"Lies ihn doch selbst," antwortete das Mädchen.
"Ich kann zwar sprechen", sagte der Fuchs, "aber lesen kann ich leider nicht. Jedenfalls nicht die Sprache der Menschen. Bitte sag mir, was er geschrieben hat."
"Es ist ein Abschiedsbrief, ich sagte es Dir schon." Aber unter nun wieder sehr heftigen Tränen fuhr sie fort: "Er hat jemand anderes kennen gelernt, eine andere Frau. Und dass er mich nun verlässt. Ich habe alles verloren. Alles! Kannst Du das überhaupt verstehen?"
"Ist diese Liebe wirklich alles gewesen, was Du hattest?", fragte der Fuchs sanft.
"Ja, alles!"
"Bist Du sicher?", drängte der Fuchs.
"Was soll das heißen?" entgegnete das Mädchen irritiert.
"Ich meine, ist da nicht auch Liebe in Dir?"
"Natürlich, was meinst Du, warum ich weine? Ich liebe ihn, aber er mich nicht."
"Ja, das ist richtig." "Aber was ist in Dir?", setzte er nach einer kurzen Pause nach.
"In mir? Leere, tiefe Leere, wie ein riesiges Loch."
"Leere?", fragte der Fuchs erstaunt. "Du hast doch grade gesagt, Du liebst ihn noch?"
"Ich...", das Mädchen stutzte. "Ja, natürlich." Sie war verwirrt. "Du bringst mich durcheinander. Was soll denn das? Wenn ich seine Liebe verloren habe, dann ist doch nichts mehr da. Es ist sinnlos."
"Und Deine Liebe zu ihm?" Der Fuchs blickte sie unverwandt an.
"Die ist noch da."
"Wenn Deine Liebe aber noch da ist, wie kannst Du dann leer sein?"

Eine Zeitlang schwiegen sie beide. Dann fragte das Mädchen:
"Was habe ich denn davon, wenn noch Liebe in mir ist, sie aber nicht erwidert wird?".
Und der Fuchs sprach leise:

"Die Liebe die man gibt,
kommt meistens aus dem Herzen,
weil der Kopf nicht kann versteh´n
dass Liebe bringt auch Schmerzen.
Denn Liebe heißt nicht nur,
sich Glück holen ins Leben,
Liebe ist auch eine Pflicht,
dem anderen zu geben.
Die Liebe ist nicht nur beschwingt,
sie hat auch Schattenseiten,
und diese Schatten werden Dich,
solange Du liebst, begleiten.
Wer liebt, der muss vor allem,
das Glück des anderen sehen,
und liegt dies Glück woanders,
so muss er von Dir gehen.
Doch gibst Du Liebe ohne Fordern,
beugst schweigend Dich der Pflicht,
so wirst Du eines Tages finden,
ein lachendes Gesicht.
Dieses Gesicht wird deshalb strahlen,
weil Deine Liebe es geführt,
weil sie auf seinen Wegen,
es immer hat berührt.
Und dann in fernen Tagen,
am Ende Deiner Zeit,
dann wirst Du sie noch spüren,
denn sie ist Ewigkeit.
Und Du wirst vor dem letzten Gang,
auf jenes schwarzen Vogels Schwingen,
nicht mehr allein sein, denn diese Liebe wird
ein treues Lied Dir singen."

Als der Fuchs geendet hatte, schwiegen sie beide. Der Fuchs und das Mädchen blickten sich einander an. Sie sahen sich in ihre Augen. Das Mädchen dem Fuchs in seine unendlich tiefen, friedlichen und freundlichen Augen, und der Fuchs dem Mädchen in seine traurigen, tränengefüllten Augen.
Sie sahen sich an. Minutenlang. Und der Fuchs wartete. Kein Haar zuckte an ihm, keine Pfote. Alles an ihm war Schweigen und Warten. Und das Mädchen hatte aufgehört, die Papiere zu streicheln, und das einzige an ihr, dass sich bewegte, war die Brust, während sie leise ein und ausatmete.

Dann endlich sagte sie: "Lieber Fuchs, willst Du mir damit sagen, dass ich glücklich sein soll, dass ich ihn lieben konnte? Soll das bedeuten, dass ich ihn weiterhin lieben soll? Und dass ich auch glücklich sein soll, obwohl ich ihn und seine Liebe verloren habe? Soll ich mit meiner Liebe zu ihm mehr besitzen, als mit seiner Liebe zu mir?"
Behutsam antwortete der Fuchs: "Ja, mein Mädchen. Auch wenn es Dir jetzt unendlich schwer fällt, das zu verstehen. Eines Tages wirst Du wissen, dass Du einen Menschen mit Deiner Liebe sehr glücklich gemacht hast. Und dass er, wenn Du ihn nun ohne Streit und ohne Anklage gehen lässt, Deine Liebe auch später noch spüren wird. Und wenn die Jahre ins Land ziehen, mein Mädchen, dann wirst Du diese Zeit noch in Dir spüren. Die Liebe, die er Dir eine zeitlang gab, wird in Dir ihre Spuren hinterlassen haben, in denen Du wandern kannst, wenn Du sie brauchst. Und Du wirst darauf eine neue Liebe aufbauen können. Und die Spuren werden Dir helfen, diese neue Liebe anders, verklärter und freier zu sehen. Und so kann es immer weiter gehen."

"Ja, aber...", das Mädchen, dessen Tränen aufgehört hatten, auf ihren Wangen ihre glänzenden Bahnen zu ziehen, hielt noch einmal inne, ehe sie fortfuhr: "das würde doch bedeuten, dass wir nie richtig lieben können, nie für immer zusammen bleiben mit dem, den wir lieben, weil wir ihn dann auch immer gehen lassen müssten?"
"Nein, das bedeutet es nicht," antwortete der Fuchs, "natürlich kann die Liebe auch für immer zwischen zwei Menschen sein, die nicht auseinandergehen wollen. Das wäre das Paradies auf Erden. Aber wir müssen immer damit rechnen, dass es uns weitertreibt, dass wir auseinandergehen, und daher müssen wir lernen, mit der Liebe richtig umzugehen."

"Ich verstehe", sagte das Mädchen mit einem leisen Seufzer. Und sie fügte hinzu: "Glaubst Du, dass er mich auch dann noch in Erinnerung behalten wird, wenn er mit dieser anderen Frau für immer glücklich beisammen ist?"
"Das wird er sicher," sagte der Fuchs. "Es wird für ihn immer Augenblicke geben, in denen Deine Liebe in seinem Herzen auftaucht, und ihn für eine kleine Sekunde an Dich erinnern wird, solange er lebt. Auch ich werde Dich ja wieder verlassen, und dennoch wirst Du mich niemals vergessen, auch wenn Jahre vergehen, ehe Du Dir dessen bewusst wirst."
"Wirst auch Du Dich an mich erinnern?" fragte das Mädchen, "auch wenn ich Dich nicht geliebt habe?"
"Auch Du wirst ein kleiner Stein im langen Fluss meines Lebens sein," erwiderte lächelnd der Fuchs, "und Du hast den Lauf dieses Flusses ein kleines Bisschen beeinflusst, so dass ich Dich gar nicht vergessen kann".

Die Sonne war inzwischen untergangen, und die Mondsichel stand silberklar am Himmel, umrahmt von einigen kleinen Sternen. Die Welt war gänzlich verstummt, nur hin und wieder raschelte es im Gras, quakte ein Frosch, summte ein Insekt. Es war friedlich um die Beiden herum, die dort im Gras saßen, und sich weiterhin unverwandt in die Augen sahen.
"Was mache ihn nun mit diesem Brief?" fragte sie.
"Das weiß ich nicht, aber ich würde ihn nicht behalten. Behalten würde ich nur die Erinnerungen an diese Liebe, denn diese Erinnerungen wirst Du immer in den schönsten Farben sehen. Ein Brief aber wird verblassen."

Das Mädchen stand auf, ging zum Ufer des Teichs, faltete die Blätter zusammen und legte sie auf dessen schillernde Oberfläche. Langsam saugte sich das Papier mit Wasser voll und ein paar Lidschläge später sanken sie allmählich tiefer und tiefer hinab, und das Mädchen blieb stehen und schaute ihnen nach, bis es sie nicht mehr sehen konnte. Dann drehte sie sich zum Fuchs um.
"Ich werde Dich nun verlassen," sagte er. "Mein Platz ist nicht hier, nicht bei Dir. Ich habe ein anderes Ziel. Und ich sage auch nicht ´Auf Wiedersehen´. Aber ich wünsche Dir, dass Dir einmal eine solche Liebe gegeben wird, wie Du sie empfunden hast."

Da kniete sich das Mädchen neben den Fuchs hin, nahm ihn in ihre Arme, drückte einen langen Kuss auf seine kleine Schnauze und sagte: "Ja, gehe Du, mein kleiner neuer Freund. Ich werde Dich nie vergessen. Und nimm Du nun auch ein Stück meiner Liebe mit, damit auch Du darauf zurückgreifen kannst, wenn Du sie einmal brauchst."

Der Fuchs lächelte, stellte sich auf seine Pfoten, sah sie noch einmal an und ging, ohne sich umzublicken in den nahen Wald. Das Mädchen sah ihm nach, und verspürte eine seltsame Freude in sich aufsteigen. Und sie drehte sich um und ging hinauf zu dem kleinen Haus auf dem Hügel, aus dem eines helles warmes Licht strahlte.

Jetzt ist diese Geschichte grad mal ein paar Tage alt, und ich habe neben den hier abgegebenen Kommentaren schon so viele liebe Zuschriften bekommen, dass ich meinerseits gerührt bin.
Danke an alle und ich werde mich bemühen, auf diesem Weg zu bleiben, das heißt, meinem Fuchs treu zu bleiben.
Liebe Grüße an euch alle
Michael
Michael Haeser, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.04.2003. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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