Maren Ruden

Mohnblume und Regenpfeifer



Geschichte einer  kurzen Liebe
 
Ein heißer Julimorgen begann. Am Fuße des Hügels, gleich hinter dem großen Feld, neben dem Heckenrosenstrauch, war eine Mohnblume erblüht. Vorsichtig entfaltete sie ihre noch etwas zerknitterten Blütenblätter und sah sich um. Direkt neben ihr, aus dem grünen Blättergewirr des Strauches sahen sie zwei schwarze glänzende Augen an.
 
 
„Wer bist du?“, fragte sie. „Ich bin ein Regenpfeifer“, antwortete der kleine braun- graue Vogel mit der schwarzen Haube und dem weißen Kragen und hüpfte einen Schritt auf sie zu.
„Und du bist eine Mohnblume“. „Ich weiß“, sagte die Mohnblume, „aber wo sind die anderen? Damals, vor achtzehn Jahren, als ich ein winziges Samenkorn war, erzählte mir meine Mutter, kurz bevor ich in die Erde sank dass, wenn ich aufwache, Hunderte mit mir erwachen werden. Wir werden wie ein purpurner Teppich den Hügel bedecken und unsere Blüten werden in der Sonne leuchten. Ein sanfter Wind wird unsere Blütenblätter streicheln und nach dem großen Regen werden unsere Herzen die Mohnkörnchen freigeben, damit in achtzehn Jahren wieder Mohnblumen wachsen. Wo sind die anderen?“
 
 
„Welch eine schöne Geschichte!“ Der Regenpfeifer sah die Blume mitleidig an. „Aber sie waren alle schon da, im Juni weißt du. Den ganzen Monat lang hat der Hügel geleuchtet in seinem purpurnen Kleid und die Blütenblätter haben im Frühlingswind leise geraschelt. Sie waren wunderschön, aber keine war so schön wie du. Doch du bist viel zu spät aufgewacht. Der Sommerwind ist zu heiß für dich und die Sonne wird deine Blüte ausbleichen, bevor es Abend wird.“
 
 
Die Mohnblume senkte traurig den Kopf. „Ich darf  nicht mit den anderen blühen? Ich werde verdorren und meine Samenkörner wird der heiße Wind verwehen?“ Sie schien untröstlich.
„Was du brauchst ist ein Regen“, überlegte der kleine Vogel, „aber den hatten wir hier seit Wochen nicht.“ „Bist du nicht ein Regenpfeifer?“, flüsterte die Blume hoffnungsvoll. „Vielleicht kannst du mir ja helfen. Bitte pfeif mir doch einen Regen herbei. Bitte!“
Wie gern er das wollte. Aber- „Ich bin noch zu jung. Noch nie habe ich allein einen Regen herbei gerufen. Doch vielleicht kann ich Hilfe holen.“ Der kleine Regenpfeifer flog davon, so schnell er konnte. „Wie schön er ist“, dachte die erschöpfte Mohnblume wehmütig, „Und wie freundlich. Ob er wohl wiederkommt?“
 
 
Hoch stand die Sonne am Himmel und brannte unbarmherzig auf die einsame Mohnblume herab. Keine einzige Wolke spendete Schatten. Die Mohnblume hielt kaum mehr stand, eines ihrer Blütenblätter löste sich und schwebte zu Boden. Sie hoffte nicht mehr auf Hilfe. Da plötzlich hörte sie aus der Ferne ein leises, eintöniges Lied. Und dann landete ein Regenpfeifer neben ihr, danach ein zweiter, ein dritter  und schon war der ganze Hügel voll von braun- grauen Vögeln mit schwarzen Hauben und einem weißen Kragen, die alle das gleiche eintönige Lied pfiffen. Nur vier Töne- zweimal rauf und zweimal runter.
 
 
 
 
 
„Das ist unser Regenlied“, sagte der kleine Regenpfeifer, der sich als Letzter neben der blassen Mohnblume niederließ. „Wir werden dir helfen!“ Zart liebkoste er ihre fast durchsichtigen Blütenblätter mit  seinem Schnabel. Die ganze Luft war erfüllt von den vier Tönen- zweimal rauf, zweimal runter. Plötzlich erschien eine Wolke am Himmel, klein und weiß, wie ein Schneeball. Schon zogen die nächsten herbei- weiß und hellgrau, grau- blau und dunkelgrau. Bald war der  Himmel bedeckt von ihnen. Ein kühler Wind kam auf und spielte mit den Blütenblättern der Mohnblume, die leise raschelten.
 
 
„Es tropft.“, murmelte der Heckenrosenstrauch. Tatsächlich! Erste kleine Tropfen fielen vom Himmel, dann immer größere und schließlich rauschte ein dichter Sommerregen hernieder. Das Gras, der Strauch und Alle die auf der Wiese lebten, atmeten auf. Die Mohnblume hielt ihre Blüte dem glitzernden Vorhang entgegen und fing die Tropfen damit auf.
 
 
„Danke!“, sagte sie glücklich zu dem kleinen Regenpfeifer, „Nun werden meine Samenkörner auf fruchtbaren Boden fallen.“ Ihre Mohnkapsel öffnete sich und die silbergrauen, winzigen Körnchen rieselten auf die feuchte Erde.
„In achtzehn Jahren wird an dieser Stelle ein kleiner purpurner Garten erblühen“, hauchte die Mohnblume. „Vielleicht werden sich dann meine Tochter und dein Sohn hier begegnen und sich wieder erkennen.“
 
 
Der Regen hatte aufgehört. In dem letzten Tropfen, der den Mohnstängel hinunter glitt wie eine lange zurück gehaltene Träne, spiegelte sich die Sonne. Der Wind trug ein rotes Blütenblatt davon.

„Vielleicht.“, dachte der Regenpfeifer, schwang sich in die Luft und sang sein Lied über dem Hügel.   M.R.   

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.03.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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