Ralph Bruse

Bis an die Grenze ( Ein Tatsachen - Bericht )



(Zweiter Platz beim internationalen Fun for Writing -
Schreibwettbewerb 2013
in der Kategorie:  Roman/Er-
zählung)



 Bis an die Grenze
  Ein Tatsachenbericht von Ralph Bruse
 
 
Zum Inhalt:
Dies ist eine wahre Geschichte – das Protokoll einer
Flucht von Ost - nach – Westdeutschland.
Namen  und Ortsangaben wurden nicht geändert – auch
auf die Gefahr hin, deswegen einigen Leuten auf die Füße zu
treten. Erzählt wird die Geschichte eines Sechzehnjährigen -
eines Großmauls, der durch Übermut gegen alle erdenklichen
Mauern  anrennt und seine Situation dadurch nur ver-
schlimmert.  Gegen Mauern, im echten Wortsinn....
 
 

                                    

Ostdeutschland. Oktober 1978. Seegrenze bei Boltenhagen.
 
Nebel kriecht in die Bucht; schluckt den Rest Dämmerung.
Draußen, auf dem stillen Meer, dümpeln graue Boote. Grenzer...
Ich hocke hinter einem Steinbrocken, unterhalb der Steilküste; sitze
da wie 'ne Schwalbe, die nicht weiß, wo Süden ist. Bloß nicht denken,
wenn die Dunkelheit kommt.
Dann kommt sie. Geduckt ins Wasser. Brrrr; saukalt! Langsam - Zeit
zu trödeln ist reichlich. Nur: wer trödelt schon, wenn ihm nach rennen
ist?
Na denn...vorwärts?
Der  Nebel wird dichter. Wo war Westen? Mist? Ist der Anfang etwa
schon das Ende??
In der rechten Wade Schmerzen. Wenn die zum Krampf werden, sauf'
ich ab - einfach so, und kein Schwein merkt's - außer mir natürlich.
Eine Seemeile schaffe ich; vielleicht auch zwei. Lübecks schwach flim-
mernde Lichtsilhouette, oder das, was ich dafür halte, hat was uner-
hört Magisches an sich...Doch das zieht sich. Und in der Wade zieht’s
plötzlich auch unerhört.
Miststelze!, würde ich am liebsten schreien. Zum Glück schlucke ich
Wasser.
Das Ziehen lässt keine weitere Bewegung zu. Scheiße mir vor Angst in
die Badehose. Ausziehn, den Fetzen, schnell!
Bestialisch, der Schmerz - nicht nur im Bein...Will nicht krepier’n;
nicht mit Sechzehn; will leben - also schrei ich nach Hilfe; erst mäßig;
dann wie am Spieß!
Scheinwerfer. Die blitzen auf; blenden; jagen im Kreis; erspähen Ho-
se, Scheiße, und dann mich.
Zwei Boote rauschen längsseits. Flucht zwecklos. Sie nehmen mich in
die Zange. Ein Bleinetz wird zu Wasser gelassen.
Keine Minute später ziehen sie mich rauf, wie einen fetten Fisch.
An Deck knalle ich zu Boden. Eigentlich müßte der Flüchtling ja froh
über die Rettung sein, aber so richtig freuen kann er sich doch nicht...
Die Soldaten an Deck grinsen sich eins. Ich will mitgrinsen, da trifft
mich ein Faustschlag in Mundhöhe. Der Lulatsch in der Truppe hat
mir zwei Zähne gelockert. Immerhin warten sie, bis ich Zähne und
Blut ausgespuckt habe. Dann gehts runter, in die Kombüse, wo schon
jemand sitzt, der Bescheid weiß. Der Dicke am Tisch wirkt relativ
gelassen. Er weist auf einen Stuhl, ihm gegenüber.
>Nanu. Besuch in der Einöde? < Seine Freude ist kaum zu steigern;
doch der intensive Reptilienblick ist mir nicht geheuer.
Zunächst auf die sanfte Tour - die des Märchenonkels.
> Hab ‘nen Bengel in deinem Alter, weißte... Schätz’ mal, daß der
jetzt bei Muttern ist. Bei Muttern isses immer noch am schönsten, ne ?
Hier draußen, weißte...da ist ziemlich tote Hose. Und wenn denn mal
was los ist, denn isses meist auch nix von Bedeutung...Da freuste
dich natürlich auf Schichtende. Endlich festen Boden unter die Füße;
Muttern ist da; und Sohnemann. Da wird geklönt, dass die Schwarte
kracht und der Tach ist wieder mal gerettet...<
Der Stuhl unter seinem breiten Arsch knarrt. Der Dicke wird doch
nicht unruhig?
Wird er.
> Tja, heut wird wohl nix aus pünktlich Feierabend. Jetzt muß ich ‘nen
ellenlangen Bericht schreiben und überall rumtelefonieren, weißte...
Kann dauern....Daaaaas kann dauern. Der Tach ist praktisch flöten;
Muttern motzt denn auch, weil’s Essen kalt wird; morgen bin ich gerä-
dert, weil mir was vom Schönheitsschlaf fehlt, und so weiter. An das
Durcheinander mach man garnich’ denken.<
Die Wanduhr hinter seinem Schädel tickt warnend.
Er hebt die Stimme.
> In einer Stunde ist hier eigentlich für mich zappenduster. <
Er beugt sich vor; Böses im Blick.
> In einer Stunde. Nicht in zwei oder drei, kapiert?! <
Braves Nicken von der anderen Seite.
Er beruhigt sich wieder.
> Na, denn sind wir uns ja einich.<
Und wie wir uns einig sind.
Er schlägt vor, daß wir uns ratzfatz an den Bericht machen.
Wieder ein Nicken.
Er will wissen, was mit meiner Lippe ist?
Lippe? Wovon redet der? Lippe ist tot. Zumindest taub. Alles taub
und geschwollen. Affenfresse, von oben betrachtet.
> Hab was draufgekriegt.< 
Eher Genuschel als Sprache.
> Da oben?, < will er wissen.
> Ja, < brabbelt ‘Affenfresse’.
Er strafft sich, daß es knackt. Der Stuhl fliegt um.
Ich zucke; erwarte den nächsten Hieb. Doch, oh Wunder...
> Werd’ denjenigen bestrafen. Geht ja garnicht, sowas! Geht
überhaupt nicht! Den knöpf’ ich mir vor. Kannst dich drauf verlassen!<
Setzen.
Er greift in die Schublade, kramt Papier raus und ist die Freundlichkeit
in Person.
> Na, nu’ erzähl mal...Einfach frei raus, damit wir beide schnell nach
Haus könn’.<
> Was erzähln?, < will ich wissen.
> Na, warum du von Muttern weg bist, zum Beispiel. Und wer dich
zum Grenzdurchbruch angestiftet hat. Wenn du willst, kannste mir
auch erstmal deinen Namen sagen und denn das andere.<
> Ralph. <
> ‘n abend, Ralph. Und weiter? <
Das bisschen Freundlichkeit bringt mich zum Flennen.
> Lasst ihr mich denn wieder frei? <
> Klar doch. Allerdings solltest du mir schon die Wahrheit erzähl'n.
Die ganze Wahrheit, und kein’ Scheiss! <
Seine Geduld ist bei Null angekommen. Und schauspielern kann er
auch nicht gut.
 

Ich hab die volle Wahrheit gesagt - alles, was ich weiß und nicht weiß -
daß Paps und ich auf der Werft immer den großen Pötten nachsehen;
daß ich Schiffbauer in Hamburg werden will, und daß mich keiner an-
gestiftet hat - außer Paps, wenn er einen im Tee hatte.... > Hau ab, so-
lang’ du jung bist, < meinte er manchmal - aber das geht den Dicken
nichts an. 
Alles in allem war ich sehr kooperativ.
Der Dicke scheint anderer Meinung zu sein. Ich suche in seinem
Mondgesicht das Lächeln von vorhin, finde aber nur noch ein schie-
fes, ziemlich hässliches Grinsen.
In dem Moment weiß ich, daß sich das bisschen Hoffnung gerade in
Luft auflöst. Mein Zuhause werde ich lange nicht wiedersehn, und
auch keine wegfahrenden Schiffe. Paps wird umsonst warten - heute
nacht; morgen, übermorgen. Vielleicht sehe ich den gutmütigen Säu-
fer auch garnicht wieder. Er ist alt; wackelig und krank, der alte Herr,
und die Zeit rennt uns weg.
Wenigstens kommt der Dicke noch rechtzeitig zu Feierabend nach
Hause. Und ich komm’ dahin, wo ich hingehör’, wie er meint.
Bevor ihn ein anderer ablöst, haut er mir noch was auf die tauben Lip-
pen - nur so aus Spaß; unter vier Augen. Unter zwei Augen, besserge-
sagt. Meine wuchern nämlich nach dem Schlaghagel binnen Sekunden
zu. Muß wohl ziemlich zermatscht ausgesehn haben. Jedenfalls veraus-
gabt sich der Dicke voll - richtig fertig ist der, als er mit mir fertig
ist. Höchst zufrieden zieht er Leine.
Etwas später ziehe auch ich Leine - leider nicht allein, sondern in Be-
gleitung mehrerer Soldaten, die mich abwechselnd schleppen. Nett
von denen; hätte sowieso nichts sehen können. Ist alles so dunkel, um
die Augen.
 

2.
Ich liege auf einer Pritsche, im Halbschlaf.
Mein Schädel rebelliert hämmernd, doch so langsam arbeitet er wie-
der.
Aufwachen, los!
Ein Raum. Ungefähr vier Meter lang; drei breit. Wo andere Räume
gewöhnlich Fenster haben, ist hier Glasbaustein. Etwas Frischluft
müht sich durch den schmalen Spalt im Glas.
Rausgucken ist nicht - der enge Spalt verläuft schachtförmig himmel-
wärts. Doch nirgendwo ist Himmel zu sehen.
Das grelle Deckenlicht blendet. Ich wende den Kopf. Die Pritsche ist
seitwärts in die Wand gemauert. Gegenüber ein leicht versifftes
Waschbecken. Der Hahn tropft. Links, neben der Tür, eine brusthohe,
braungestrichene Holzwand. Dahinter, das Klo - ohne Spülung, wie
sich herausstellt. Aufstehen; los!
Klodeckel auf. Es stinkt nach Desinfizierer und Klärgrube - eine
schlichtweg atemberaubende Mischung.
Deckel zu.
Ich pinkle ins Waschbecken; wackele zurück, Richtung Pritsche. Der
Kopf brummt noch; doch langsam wird’s.
Weisse Wände. Fast tadellos. Was ist das da...?
Der Gruß eines Vorgängers; mit Bleistift, in Reichweite an die Wand
geschrieben.
 
 
Seit ich die Menschen kenne, liebe ich Tiere.
Maik
 
Etwas mehr Zuversicht hätte es ruhig sein dürfen, Maik...
Schätze mal, er wollte noch was Nettes dazu kritzeln, und dann ver-
reckte sein Bleistift. Macht nichts; ich werde seinen deprimierenden
Spruch bei Gelegenheit umschreiben. So schlimm wird’s in dem Bau
ja wohl nicht sein. Oder doch? Na ja, zumindest ist es merkwürdig
still im Haus. Kein Laut von den Fluren; nicht der kleinste Piep.
Und von draußen?...
Ebenfalls nichts. Tot.
Würde mich schon interessieren, in welcher Walachei der Bau steht.
Gefängnis - dies ist ein Knast - soviel ist mal klar. Zwar sind keine Git-
terstäbe da, doch Glasstein hat dieselbe Wirkung - nämlich die, daß
man gehalten ist, sich mit sich selbst zu vergnügen.
Warum zerbreche ich mir überhaupt den Kopf? Irgendwann - nur
wann?! - werden sich alle Fragen klären. Erstmal heißt die Devise:
Kopf hoch, abwarten und derweil die Umgebung nach Brauchbarem
inspizieren.
Auf den ersten Blick keine Reichtümer...Ahaaa!- dreibeiniges Nacht-
schränkchen gesichtet. Auf ihn! Tür auf. Lauter nützliche Dinge. Klo-
papier, Nassrasierer - ohne Klinge, logisch. Leuchtet ein, daß hier kei-
ner durch eigene Hand sterben darf. Zunächst werden die Grenzflitzer
tüchtig verhört, vermute ich mal - und wo Verhöre stattfinden, fallen
Beerdigungen erstmal aus.
Klorolle, Rasierer, wie gesagt. Im hintersten Eck noch ‘ne Zahnbürste.
Schade, doch keine Reichtümer.
Hätte große Lust, mich zu waschen, aber Seife gibts nicht. Die Zähne
müßten auch mal geputzt werden. Zahnpaste? Fehlanzeige. Verdammt
schlechten Service haben die hier!
Nachdenken. Improvisieren. Sieh nur, der Wandputz - blütenweiss!
Zahnbürste nässen und kräftig reiben. Dann ebenso kräftig die Zähne
wienern...
Das Ergebnis ist glänzend - mit Abstrichen. Die Zähne sind blitze-
blank; nur das Zahnfleisch verträgt den ätzenden Kalk nicht so gut.
Es fängt an, zu bluten.
Ich bin stolzer Besitzer eines Spiegels. Zwar ist der aus Blech, krumm
und in die Wand gemauert; macht aber Spaß reinzuglotzen, weil man
plötzlich einen langen Pferdekopf hat.
Nach dem Waschen lasse ich mich Lufttrocknen. Überhaupt ist bei al-
lem, was man tut, reichlich Zeit. Wenn schon keine überwältigenden
Beschäftigungsangebote da sind - Zeit gibts haufenweise - immerhin.
Könnte ein spannendes Buch lesen. Psychokrimi, Überlebensratgeber,
oder so in der Art.
Bücher sind purer Luxus. Können die sich nicht leisten. Schreibzeug
erstrecht nicht. Maik war besser dran. Der hatte wenigstens den Blei-
stift...Bloß nicht neidisch werden. Alles Scheiße, hier. Alternative:
das Beste aus der beschissenen Lage machen. Und improvisieren.
Klopapier, zum Beispiel, eignet sich nicht nur zum Abputzen, sondern
auch zur Dekoration langweilig aussehender Wände und Decken. Ein
Kackeimer, der übel riecht, duftet, in Graukrepp gehüllt, zwar auch
nicht besser; sieht aber deutlich hübscher aus. Ein paar klatschnasse
Girlanden hierhin und dahin; schon ist die Klorolle alle.

Okay, die Bude sieht nicht feierlicher aus; doch wohnlicher allemal.
Gerade segelt der trocken werdende Zimmerschmuck zu Boden, da
rasselt es an der Tür....
 
                                                   
( Fortsetzung folgt )



                                                                                                                                        (c) Ralph Bruse
 
 
Ralph´s Schmökerstube

http://dichterstube.jimdo.com/
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.03.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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