Daniela Heinrich

Der stumme Sohn

Im Spiegel betrachtete ich das blaue Kleid, das vorteilhaft an meiner schlanken Gestalt hinabfloss. Die Kette um meinen Hals schmiegte sich sanft an meine Haut und mein langes goldrotes Haar fiel mir in Wellen den Rücken hinab. Ich war aufgeregt und das konnte ich sogar meinem Spiegelbild ansehen. Mit Mühe zwang ich mich zur Ruhe, atmete langsam ein und aus, brachte meine zitternden Hände unter Kontrolle. Sorgsam trug ich den Lippenstift auf. Zuletzt band ich das geflochtene Armbändchen um mein Handgelenk, das meine Mutter mir vor ihrem Tod geschenkt hatte. Ich gestattete mir einen letzten Blick in den Spiegel, nur um sicherzustellen, dass mein Werk perfekt war. Und das war es allemal. Ich stand einer rothaarigen Schönheit gegenüber, perfekt.
Als es an der Tür klingelte, wartete ich bereits auf der anderen Seite. Doch obwohl ich fieberhaft auf diesen Moment gewartet hatte, zögerte ich das Öffnen der Tür bewusst einige Sekunden hinaus. Als ich sie schließlich aufriss und Samuel im Rahmen stehen sah, war es besser als ich es mir vorgestellt hatte. „Hallo, Sam“, grüßte ich ihn ein wenig schüchtern. Mein Herzschlag hatte sich auf das Dreifache beschleunigt und wurde noch schneller, als er sich hinunter beugte, um mir einen Kuss auf die Wange zu geben. „Hallo, Karen“, erwiderte er. Sein blondes Haar war zurückgekämmt und seine grünen Augen wanderten anerkennend über meinen Aufzug.
Ich hörte Schritte und als ich einen Blick über die Schulter warf, sah ich meinen Vater, der in der Tür zum Wohnzimmer lehnte. „Abend, Sam“, sagte er, „Holst du Karen ab?“ Mein Vater, ein Mann Ende fünfzig mit grauem Haar und einem Dreitagebart, war der liebevollste Papa auf der Welt. Doch was meine Freunde anbetraf war er stets sehr kritisch. „Ich werde sie zeitig zurückbringen“, versprach Samuel daher schnell. „Will ich dir auch geraten haben“, murrte Papa, womit er wieder im Wohnzimmer verschwand. Ich lächelte Samuel an und er schüttelte den Kopf. Sobald wir draußen waren, brachen wir in Lachen aus.
 
Auf der Geburtstagsfeier von Jakob, Samuels bestem Freund, wurden wir schon sehnlichst erwartet. Gleich als wir ankamen, stürzte Jakob auf Samuel zu und zischte: „Du musst mich retten, irgendwie! Sabine verfolgt mich!“ Samuel – ganz der beste Kumpel – legte Jakob eine Hand auf die Schulter und meinte: „Keine Sorge. Das haben wir gleich.“ Er entschuldigte sich kurz bei mir und tauchte in die tanzende Menge ein. Jakob trat unruhig von einem Bein auf das andere, dann wandte er sich mir zu und erklärte: „Ich begreife einfach nicht, wie du und Sam ein ganzes Jahr zusammenbleiben konntet. Für mich wäre das nichts.“
Ich lächelte unbestimmt und entgegnete: „Dann hast du einfach noch nicht die Richtige gefunden.“ Jakob runzelte zweifelnd die Stirn, bevor er flüchtig grinste und sagte: „Stimmt wohl.“ Ich verdrehte die Augen und wechselte das Thema: „Herzlichen Glückwunsch zum Achtzehnten, übrigens.“ Jakob quittierte dies mit einem dankbaren Nicken.
Kurz darauf tauchte Samuel wieder auf, klopfte seinem Freund auf den Rücken und verkündete: „Sabine tanzt mit Michi. So schnell klebt die nicht mehr an deinen Hacken, glaub mir. Sie ist ganz…begeistert.“ Samuel prustete leise und ich reckte den Hals, um Sabine und Michi zu erspähen, die sich beim Tanzen gerade äußerst nahe kamen. „Ich bin dir zu ewigem Dank verpflichtet“, seufzte Jakob erleichtert.
 
Es war gegen Elf, als Samuel und ich uns in das Schlafzimmer von Jakobs Eltern im ersten Stock zurückzogen. Er sperrte die Tür ab und kam dann zu mir auf das breite, bequeme Bett. Schweigend saßen wir uns eine Zeit lang gegenüber und sahen einander ins Gesicht. Meine Wangen waren ganz heiß und mein Herz schien in meiner Brust bersten zu wollen. Auch Samuel schien nervös zu sein. „Bist du dir ganz sicher?“, fragte er, nicht das erste Mal in dieser Woche. Ich hatte den heutigen Abend bis ins Detail geplant, doch jetzt, da er sich seinem Höhepunkt näherte, bekam ich leise Zweifel.
„Ja“, bestätigte ich dennoch. Ich wollte es. Ich hatte ein Jahr darauf gewartet. Auch Samuel hatte ein Jahr gewartet, geduldig und zuversichtlich und allein dafür schon liebte ich ihn. Er hatte mich niemals unter Druck gesetzt oder bedrängt. Schließlich war es auch für ihn das erste Mal. „Wir können ja kaum etwas falsch machen“, scherzte ich leise und er schenkte mir ein Lächeln. „Und falls doch, üben wir einfach“, schlug er vor.
Dann strich er mit dem Handrücken sanft über mein Gesicht und seine Miene veränderte sich. Sie wurde ernst und zugleich glühend. Mit der anderen Hand fuhr er meine Taille entlang, das Bein hinab und unter den Saum meines Kleids. Ich strich über seine Brust, seinen Hals. Wir merkten beide, dass unsere Unsicherheit etwas war, das wir heute Nacht endgültig überwinden würden. Später sollte ich auf diese Nacht mit guter Erinnerung zurückblicken.
 
„Es ist ja nicht so, als hätte ich was gegen den Jungen“, nuschelte Papa am Frühstückstisch in seinen Kaffee. „Nein, nicht gegen Sam speziell. Du hast was gegen jeden, der auch nur ansatzweise so viel Zeit mit mir verbringt wie du“, hielt ich dagegen und stellte ihm ein Brot mit Butter und Käse hin. Papa sah auf und seine Mundwinkel hoben sich leicht an. „Du kannst mich so gut lesen wie deine Mutter“, stellte er fest, „Vermutlich lasse ich dich deswegen so ungerne gehen.“
Ich schob mir den ersten Löffel Müsli in den Mund, um darauf nichts erwidern zu müssen. Meine Mutter war vor drei Jahren gestorben; Krebs. Sie hatte lange darunter gelitten und mir war es so vorgekommen, als wäre sie wochenlang gestorben. Es war eine schreckliche Zeit für Papa und mich gewesen und ich wäre wohl daran zugrunde gegangen, wenn ich nicht Samuel kennengelernt hätte. Papa hielt sich nur an mir aufrecht, seinem „kleinen Engel“. „Ich muss los“, stellte ich mit einem schnellen Blick auf die Küchenuhr fest.
Papa nickte, stand auf und reichte mir mein Pausenbrot, das ich eigentlich nicht brauchte, weil ich immer in der Mensa aß. Er machte es bloß aus Gewohnheit und ich beließ es dabei. „Hab einen schönen Schultag“, sagte er und drückte mich an sich. Dann fügte er mit widerwilligem Unterton in der Stimme hinzu: „Und grüß Sam von mir, ja?“
 
Als ich mein Auto parkte, sah ich schon von Weitem, dass Samuel und Jakob auf mich warteten. Sie waren Nachbarn, von klein auf befreundet und fuhren jeden Tag gemeinsam hierher. Jakob hatte bisher immer ausgenutzt, dass Sam vor ihm achtzehn geworden war und schon seinen Führerschein hatte, ebenso wie ich. Generell nutzte Jakob seine Freunde gerne als Mitfahrgelegenheit aus, aber das konnte man ihm nicht übel nehmen. „Hey, Karen“, gähnte Jakob, als ich die beiden erreichte. Er sah sehr zerschlagen aus. Seine Party hatte ihm offensichtlich einiges abverlangt. „Guten Morgen, meine Schöne“, sagte Samuel, zog mich in seine Arme und küsste mich.
Ich merkte genau, dass die letzte Nacht etwas zwischen und verändert hatte. Wir waren einander näher. „Okay, das reicht jetzt“, rief Jakob nach einer Weile, „Wir kommen noch zu spät.“ Weder Samuel noch ich reagierten auf ihn und er schnaubte. „Wie ihr wollt“, meinte er und ging in Richtung Schule vor. Samuel lachte leise, dann nahm er meine Hand und zog mich hinter Jakob her.
Während des Unterrichts spielte Samuel gedankenverloren mit meinen Fingern und jedes Mal, wenn die Lehrer ihn etwas fragten, schien er nicht aufgepasst zu haben. Ich fragte ihn in der Pause, was ihn beschäftigte, doch er lächelte nur und meinte, es wäre nichts. Doch an Jakobs Seitenblick konnte ich erkennen, dass doch etwas nicht stimmte. Aber egal, wie oft ich fragte, ich erhielt immer dieselbe Antwort.
Am Abend, als Samuel und ich in meinem Zimmer saßen, wagte ich eine Vermutung: „War es nicht gut? Ist es das?“ Er sah auf und auf studierte meine besorgte Miene. „Natürlich ist es das nicht, Karen“, beteuerte er und strich mir eine Haarsträhne zurück. Er hielt mein Gesicht vorsichtig in den Händen, beugte sich vor und erklärte stockend: „Wir machen bald unseren Abschluss. Danach werden wir studieren. Ich werde Anwalt und du willst endlich den ersten Schritt zur Architektin tun, oder nicht? Ich mache mir Gedanken darüber, wie wir das mit unserer Beziehung hinbekommen.“
„Was meinst du damit?“, fragte ich alarmiert. Doch sein nun unbeschwerter Gesichtsausdruck beruhigte mich ein wenig. „Ich hatte mir gedacht, dass wir doch zusammen in eine Wohnung ziehen könnten, die nahe bei der Uni liegt. Das wäre doch eine gute Idee. Wir würden uns immer sehen und wir können uns auch die Kosten teilen.“ Erleichterung durchflutete meinen Körper, bevor ich Freude empfand. „Das ist eine wunderbare Idee!“, rief ich. Samuel lächelte erfreut. Doch im nächsten Augenblick fragte ich mich, wie ich das meinem Vater beibringen konnte.
 
Sechs Jahre nach unserem Abschluss läuteten die Kirchenglocken. Mein Kleid war ein Traum in Weiß und die Trauung hätte nicht schöner sein können. Sogar mein starker Papa musste weinen und als Samuel mir das Jawort gab, hätte ich beinahe all die Schminkarbeit seiner Mutter ruiniert. Jakob, der gut gekleidete Trauzeuge, musste am Ende des Tages in einen Nebenraum verfrachtet werden, damit er seinen Rausch ausschlafen konnte. Unsere Familien legten zusammen, um die Hochzeitsreise zu finanzieren, die wir beiden Studenten uns niemals hätten leisten können.
Weitere drei Jahre vergingen und wir waren das glücklichste Paar auf Erden. In unserem Alltag gab es keine langweilige Routine. Wir verloren einander nicht aus den Augen, so wie ich es aus Filmen kannte und fürchtete. Samuel bekam seinen ersten Fall wenige Wochen nachdem er seine Prüfung bestanden hatte. Dass er den Prozess verlor, spornte ihn bloß dazu an, die drei Folgenden zu gewinnen. Ich tastete mich langsam aber mit demselben Elan an die ersten Bauprojekte heran. Eine Firma stellte mich an, ein großes Unternehmen, und für sie gestaltete ich einige erste Einfamilienhäuser. Es lief gut für uns und schnell verdienten wir gutes Geld.
Mein Vater kam jedes Wochenende zu Besuch. Er fühlte sich allein in der leeren Wohnung. Samuel und er waren inzwischen dazu übergegangen, jedes Mal den Grill anzuwerfen und gemeinsam das Essen zu zaubern. Ich war an solchen Tagen völlig außen vor, denn sie fachsimpelten über Fußball, Grillen und über noch mehr Fußball. Aber das war schon in Ordnung so. Es freute mich, dass sie sich so blendend verstanden und dass Papa nicht einsam war.
Es war einer dieser Grilltage, an denen ich mich auf der Toilette eingesperrt hatte und auf dem Boden neben der Schüssel saß. Jakob, der fast ebenso häufig zu Besuch kam wie Papa, klopfte gegen die Tür. „Karen, was dauert denn da so lange? Ich muss dringend mal aufs Klo!“ Ich hörte ihn kaum. Ich starrte auf den länglichen Gegenstand in meiner Hand, starrte und konnte nicht denken. Irgendwann gab Jakob es auf und ich hatte meine Ruhe.
Am Abend, nachdem unsere Gäste sich verabschiedet hatten, erzählte ich Samuel, dass ich schwanger war. Wir waren im Glück. Schon am nächsten Tag kehrte er mit einer Tüte voll Babyspielzeug nach Hause und ich musste über seinen Eifer lachen. „Mach dich nicht über mich lustig!“, forderte er, aber ich konnte nicht anders. Es rührte mich so unendlich, was er tat.
Jakob war – wie sich nicht viel später herausstellte – nicht viel anders als mein Mann in diesem Punkt. Das kleine Haus, in dem wir wohnten, quoll bald über vor Spielsachen, Babyklamotten und Farbeimern, mit denen die beiden das Zimmer streichen wollten. Jakob wurde nach einigen Monaten von Samuel feierlich zum Taufpaten ernannt und er freute sich ein Loch in den Bauch. Ich war schon ziemlich kugelig, als Jakob eines Abends zum Essen einlud. Mir graute es ein wenig davor, denn das letzte Mal, als er gekocht hatte, hatte Samuel die Feuerwehr rufen müssen. Doch als wir Jakobs Apartment erreichten, öffnete überraschend Sabine die Tür und lächelte uns herzlich an.
„Hallo, Karen. Hallo, Sam. Wie schön, dass ihr gekommen seid!“, trällerte sie und ließ uns ein. Samuel schenkte Jakob ein Grinsen, das der mit einem Schulterzucken erwiderte.

 
Unser Sohn war von Anfang an ein stilles Kind. Felix weinte niemals; nicht wenn er Hunger hatte, nicht wenn er in die Windel gemacht hatte, nicht wenn sein Schlaf unterbrochen wurde. Tatsächlich hörte ich seine Stimme das erste und letzte Mal bei der Geburt und allein diese Tatsache war die Versicherung für Samuel und mich, dass unser Sohn nicht stumm war. Wir machten uns trotzdem Sorgen und suchten einen Arzt nach dem anderen auf. Sie alle versicherten uns, dass Felix nichts fehlte, aber mich ließ es nicht los.
Als Felix ein Jahr alt war, brach ich eines Abends in Samuels Armen zusammen. Ich weinte mich aus, denn ich war der Verzweiflung nahe. Ich hatte Felix nur ein einziges Mal weinen gehört und gelacht hatte er auch noch nie, bloß gelächelt. Er gab einfach keine Töne von sich, das war doch nicht normal! Samuel beruhigte mich so weit, dass ich einschlafen konnte, aber wir wussten beide, dass etwas nicht stimmte.
Auch mit drei hatte Felix noch keinen Ton gesagt. Inzwischen gingen wir davon aus, dass er stumm war. Es musste so sein. Also gaben wir ihn in einen speziellen Kindergarten, wo er die Gebärdensprache erlernen sollte. Auch Samuel und ich besuchten Kurse, in denen wir sie lernten, damit wir Felix verstehen konnten. Aber obwohl die Kindergärtnerin uns versicherte, dass er die Zeichensprache beherrschte, verwendete er sie nicht. Ich konnte nicht zählen, wie oft ich ihn bat und bettelte, Mama zu sagen. Wie oft ich ihn anflehte, die Hände zu heben und meinen Namen in die Luft zu zeichnen. Felix aber sah mich nur aus großen, grünen Augen an, während ihm eine rote Haarsträhne in die Stirn fiel.
„Ist er unglücklich?“, fragte ich meinen Mann. „Bestimmt nicht. Du kümmerst dich so liebevoll um ihn. Du hast für ihn deinen Beruf aufgegeben und verbringst fast deine ganze Zeit mit ihm, Karen. Du bist die beste Mutter dieser Welt“, erklärte er. Ich musste ihm zustimmen, dass meine Befürchtung Unsinn war. Felix kuschelte sich jeden Abend zutraulich an mich, wenn ich ihm vorlas und wenn wir zusammen Zeichneten oder Spielten, lächelte er immer breit und strahlend. Er liebte die Sterne und oft waren Samuel, Jakob, Sabine und ich am Wochenende mit ihm am See, wo wir uns stundenlang den Himmel ansahen und die Männer grillten. Wenn mein Papa zu Besuch kam, war Felix nicht mehr von seinem geliebten Opa wegzubekommen.
Aber er sagte nie ein Wort.
 
„Und so leben sie glücklich und zufrieden, bis an ihr Lebensende.“ Ich schloss das Buch, deckte Felix zu und strich ihm liebevoll über die Wange. „Hast du es warm?“, wollte ich wissen. Er sah mich an und nickte ernst. Ich lächelte und küsste ihn erst auf die eine Backe, dann auf die andere und schließlich auf die Stirn. „Ich liebe dich, Felix.“ Seine Augen verengten sich ganz leicht, wie jedes Mal, wenn ich dies sagte. Er öffnete die Lippen ein bisschen, ganz so, als würde er jeden Moment etwas erwidern, aber dann schwieg er doch. Ich erwartete keine Erwiderung, weder verbal noch in Zeichensprache, aber dieses schmale Öffnen der Lippen, das war für mich Erwiderung genug.
Samuel fand eine Behindertenschule mit ausgezeichnetem Ruf, als es an der Zeit war. Felix konnte schon schreiben seit er fünf war. Seine Gefühle drückte er zwar aus, indem er Bilder zeichnete, aber wenn er sich mitteilen wollte, schrieb er seinen Eltern Zettel. Der erste, den er mir beinahe feierlich hinlegte, war eine fast nicht zu lesende Krakelei. Doch ich konnte die Worte entziffern und hätte beinahe geheult, als ich begriff. Ich liebe dich, Mama hatte Felix in unsauberen Großbuchstaben quer über das Blatt geschrieben. Ich drückte ihn lange an mich und ließ ihn erst wieder los, als er sich mit einem wunderschönen Engelslächeln von meinem Schoß schob.
Als ich Samuel davon erzählte, strahlte er. „Das ist der Anfang, Karen, du wirst es sehen“, prophezeite er überschwänglich, „Jetzt werden wir mehr und mehr mit ihm reden können.“
Er sollte Recht behalten. Doch was für uns Eltern so wunderbar war, das war Felix´ Lehrern nicht genug. Seine Klassenlehrerin bestellte Samuel und mich in die Sprechstunde und erklärte uns, dass unser Sohn bloß über Zettel kommunizierte und dass dies nicht ausreichte. In seiner Klasse seien noch andere Stumme und sie alle würden die Gebärdensprache benutzen. „Für Felix ist das schwer“, erzählte Samuel ihr, „Er tastet sich gerade erst heran. Lassen Sie ihm ein bisschen Zeit. Er wird sich sicherlich fangen. Sie werden sehen.“ Ich nickte eifrig. Seit dem ersten Zettel war ich überzeugt davon, dass Felix sich ganz fantastisch entwickeln würde.
 
„Weiß gar nicht, was diese blöde Schnäpfe hat“, knurrte Jakob, nachdem er davon erfuhr. Er hatte Felix auf dem Schoß und verzog die Stirn zu wütenden Falten. „Felix ist eben kein großer Redner. Das ist doch nicht das Ende der Welt!“
„Das sehen wir auch so“, meinte ich, „Sam hat ihr alles erklärt.“ Felix tippte Jakob auf den Handrücken, was bei ihm bedeutete, dass er auf den Boden gelassen werden wollte. Jakob schob ihn auf den Stuhl neben sich und Felix rannte in sein Zimmer davon. Er hatte schon vor einer ganzen Weile damit begonnen, die Wände mit seinen Gemälden zu tapezieren. „Er ist jetzt acht“, warf Samuel ein, „Er muss wirklich anfangen, die Gebärdensprache zu benutzen. Da hat seine Lehrerin schon Recht.“
„Denkt ihr, dass er das nicht möchte? Warum sollte das so sein?“, fragte Papa besorgt. Ich zuckte ratlos die Schultern. Ich konnte mir auch nicht erklären, warum ein so lebensfrohes und aufgewecktes Kind wie Felix nicht „sprechen“ wollte. „Ich vermute ja, dass euer Felix ein so tiefer Denker ist, dass wir anderen gar nicht begreifen können, was in seinem Kopf so alles vorgeht. Wahrscheinlich ist er ein Genie und wir wissen es nur nicht!“, vermutete Sabine mit einem liebevollen Blick in die Richtung, in der das Kinderzimmer lag.
„Karen, vielleicht solltest du mit ihm zu einem Psychiater gehen“, schlug Papa vorsichtig vor. Ich schüttelte resolut den Kopf. „Felix ist nicht verrückt. Er spricht nur nicht. Das ist alles“, brauste ich auf und Samuel nahm beruhigend meine Hand. Papa hob abwehrend die Arme. „War ja nur eine Idee“, murmelte er.
 
Ich nahm mir das Problem sehr zu Herzen. Ich sprach mit Felix lange darüber, was bedeutet, dass ich redete und er mir aufmerksam zuhörte. Ich erklärte ihm, dass es sehr wichtig sei, dass er sich seinen Lehrern und anderen Mitmenschen über Gebärdensprache mitteilte. Felix legte mir am Ende meiner Rede eine Hand an die Wange, so, wie ich es immer tat, wenn ich ihn ins Bett brachte. Er öffnete leicht die Lippen, aber er versprach mir weder über Zettel noch durch ein Nicken, dass er sich meinem Wunsch beugen würde.
Am Tag darauf brachte er einen Freund nach Hause. Der Junge hieß Patrick und er war taub. Ich begrüßte ihn, indem ich die Gebärdensprache anwandte und Patrick stellte sich mir ausführlich vor. Er gab mir über Handzeichen zu verstehen, wer er war und gleichzeitig sprach er, obwohl er seine eigene Stimme nicht hören konnte. Das beeindruckte mich sehr und ich verquatschte mich mit dem Jungen, bis Felix uns mithilfe eines ungeduldigen Klopfens gegen den Tisch darauf hinwies, dass ich seinen Freund beschlagnahmte.
In der nachfolgenden Zeit wurde Patrick zu Felix´ bestem Freund. Patricks Mutter war ebenfalls taub und unsere beiden Familien unternahmen viele Ausflüge gemeinsam. Mit Faszination beobachtete ich, wie Felix und Patrick sich verstanden, ohne in irgendeiner ersichtlichen Form miteinander zu kommunizieren. Da Felix die Gebärdensprache nicht verwendete, tat Patrick es ihm gegenüber ebenfalls nicht. Trotzdem schienen sie genau zu wissen, was der andere dachte. Blicke schienen ihnen auszureichen.
Eines Nachts, als Samuel auf Reisen war, wurde ich von merkwürdigen Geräuschen geweckt. Ich schlug die Augen auf und lauschte. Normalerweise war es im Haus sehr still, wenn mein Mann nicht da war. Heute Nacht jedoch glaubte ich, eine leise Stimme vom Ende des Flurs her zu vernehmen. Ich stand auf und ging zum Kinderzimmer, um an Felix´ Tür zu lauschen. Wieder dachte ich, ich würde eine zarte Jungenstimme hören, die leise sang. Ich betrat den dunklen Raum, doch sobald ich die Tür öffnete, verebbte der Gesang. Mondlicht erhellte schwach den Raum und ich stellte fest, dass Felix tief und fest schlief. Hatte ich mir das alles eingebildet?
 
Als Felix zehn war, starb Papa. Auf der Beerdigung hielt ich die Hand meines Sohnes fest in meiner und Felix liefen stumm die Tränen über die Wangen. In der Folgezeit zeichnete er viele Bilder von Papa, die immer besser wurden. Felix hatte ein großes Talent, das er auch auslebte. Die erste seiner Zeichnungen, die ich rahmte, war ein Gemälde, auf dem Felix, Samuel, ich, Papa, Jakob und Sabine zu sehen waren. Ich hängte es im Wohnzimmer über dem Kamin auf und konnte meinen Stolz kaum bändigen.
Eines Morgens beobachtete ich, wie Samuel und Felix sich unterhielten. „Du wechselst jetzt bald auf eine höhere Schule“, sagte Samuel, „Freust du dich schon?“ Felix schüttelte den Kopf.
„Warum denn nicht?“, erkundigte mein Mann sich. Felix sah zu Boden und trat mit dem Fuß gegen seine Schultasche. Samuel kniff die Augen zusammen und erklärte: „Ich habe gestern mit Patricks Vater telefoniert. Du brauchst dir keine Sorgen machen, Felix. Patrick hat den Übertritt auch geschafft. Er hat es gestern erfahren.“
Felix´ Miene hellte sich auf und er fiel Samuel um den Hals. Ich lächelte und Samuel fing meinen Blick auf.
„Was machen wir, wenn er erst auszieht?“, sinnierte Samuel, als er mich in der Nacht im Arm hielt. „So weit sind wir noch lange nicht, Sam“, erinnerte ich ihn. „Ich weiß“, seufzte er, „Aber es kommt mir so vor. Und irgendwann will er auf eigenen Beinen stehen. Es wird so kommen, Karen, ganz sicher.“
„Dann lassen wir ihn“, beschloss ich, „Felix ist ein toller Junge und er wird ein ganz fantastischer Mann.“ Samuel drückte mich an sich. „Ich will ihn nur nicht gehen lassen, schätze ich“, gestand er ein. Ich lachte leise und küsste ihn. Das schien so ein allgemeines Problem unter Vätern zu sein.
 
Felix war elf, als einmal Jakob mitten in der Nacht bei uns sturmklingelte. Samuel brauchte eine ganze Weile, um aus seinem völlig aufgewühlten Freund herauszubekommen, was denn los war. Schließlich erzählte Jakob es uns: Sabine war schwanger! Samuel ließ sich nicht aufhalten, eine große Flasche unseres bestens Weins zu öffnen, um diese wunderbare Neuigkeit zu feiern. Jakob war gar nicht mehr zu beruhigen, so begeistert war er. Gegen Ende der Flasche gewannen dann aber seine Ängste die Oberhand.
„Ob ich ein guter Vater werde?“, fragte er und hickste leicht beschwipst. „Das denke ich schon“, sagte ich ihm, „So wie du dich um Felix gekümmert hast. Du wirst das ganz klasse machen, Jakob.“ Samuel schaltete sich ebenfalls ein: „Und außerdem können wir dir ja auch Tipps geben. Wir kennen uns aus.“ Jakob lachte, dann umarmte er uns beide und dann weinte er. Samuel entschloss sich, ihn nach Hause zu fahren.
Als ich noch einmal nach Felix sah, bevor ich mich schlafen legen wollte, saß er aufrecht in seinem Bett, seinen Block auf dem Schoß. Er winkte mich herein und zeigte mir, was er geschrieben hatte. Darf ich der große Bruder sein? Ich las es, nahm ihn in den Arm und sagte: „Das würde Sabine und Jakob sicher gefallen, mein Engel. Du wirst ein super Bruder.“ Felix legte die Stirn in Falten, nahm seinen Stift und schrieb: Aber das Kind wird mich nicht verstehen können, oder?
„Anfangs vielleicht nicht“, gab ich zu, „Aber es wird es lernen. Genau wie Mama und Papa. Oder wie Sabine und Jakob. Du wirst sehen, ihr werdet euch schneller austauschen können, als du denkst.“ Felix schmiegte sich an mich und schrieb: Dann ist es okay.


An Felix´ vierzehntem Geburtstag fuhren wir alle – Jakob, Sabine, der kleine Dominik, Samuel, ich, Felix und Patrick und seine Familie – hinaus zum See und übernachteten dort in dem kleinen Haus, das Samuel angemietet hatte. Abends grillten wir und badeten, nachts bewunderten wir die Sterne, die Felix so liebte, und am nächsten Tag erhielt er seine Geschenke. Auf diesem Ausflug lernte Felix ein Mädchen namens Katharina kennen. Sie freundeten sich an und trafen sich fortan oft. Ich mochte sie gerne, sie war ein wirklich nettes Mädchen.
„Meine Eltern sind beide berufstätig“, erzählte sie mir einmal, „Ich verbringe viel Zeit alleine. Deswegen arbeite ich nachmittags in einer Behinderteneinrichtung und habe dort Gebärdensprache gelernt. Aber Felix benutzt sie nicht.“
„Das hat er noch nie getan“, erklärte ich ihr, „Er mag sie nicht. Aber man versteht ihn auch so. Das wirst du schon noch sehen.“ Katharina machte den Mund auf, um etwas zu sagen, doch dann schloss sie ihn wieder und lächelte nur. „Was ist?“, fragte ich irritiert. Sie wand sich, dann meinte sie: „Vielleicht hat Felix auch einfach nicht viel zu sagen.“ Ich verstand nicht, was sie damit meinte und beließ es dabei.
Katharina und Felix waren ein schönes Paar. Sie sprach oft für ihn zu Fremden, denn sie lernte ihn wirklich gut kennen. Sie war oft bei uns und häufig übernahmen sie und Felix es, für Dominik zu babysitten, wenn Jakob und Sabine mal Zeit für sich brauchten. Katharina war ein Goldstück. Sie half im Haushalt, wenn sie sah, dass ich überfordert war und nach einem Jahr mit ihr war ich überzeugt davon, dass sie das Beste war, das meinem Sohn passieren konnte.
 
Doch unser aller Glück hielt nicht an. Sabine wurde krank, da war Felix siebzehn. Es war der Krebs, erklärten die Ärzte. Jakob, sie und der fünfjährige Dominik zogen bei uns ein, wo ich mich um Sabine kümmern konnte, wenn ihr Mann arbeitete und wo Dominik Felix hatte, der sich wahrlich wie ein Bruder um ihn sorgte. Wenn ich traurig war, weil Sabines Krankheit mich an den Tod meiner Mutter erinnerte, übernahm Katharina unser aller Pflege. Samuel sah sich als Jakobs bester Freund mehr und mehr in der Pflicht, alles für die Familie zu tun, die wir alle so liebten. Bald hatte Jakob die Wohnung verkauft und sie waren ganz zu uns gezogen.
Nach fast einem Jahr starb Sabine. Es war schwer für uns alle. Jakob war ein Wrack und Samuel musste ihm nachlaufen und ihn aus den Barprügeleien zerren, um ihn vor Unheil zu bewahren. Katharina wurde zu Dominiks erster Anlaufstelle für seinen Kummer und seine Trauer um seine Mutter. Was mich betraf – ich versank in einem tiefen, schwarzen Loch. Ich wusste nicht mehr ein oder aus. Ich glaubte unser ganzes Glück verloren.
Ich saß im Garten und starrte auf meine Hände, als Felix sich zu mir setzte und mich in den Arm nahm. Ich schmiegte mich an ihn und konnte die Tränen nicht länger halten. Auf einmal wurde mir klar, welch Druck seit Jahren auf mir gelegen hatte. Dass Felix stumm war, die Angst, dass er es deswegen im Leben nicht schaffen würde. Sabines lange Krankheit und ihr so plötzlicher Tod. Jakobs Absturz. Wie sollten wir das alles überstehen? Selbst mit Katharina und Patrick als Hilfe?
In dieser dunkelsten Stunde legte Felix seine Wange auf meinen Kopf, nahm meine Hand und fuhr mit dem Daumen über das Armband an meinem Handgelenk, das mir einst meine Mutter geschenkt hatte. Mein geliebter Sohn tröstete mich und als ich es endlich schaffte, meine Tränen in den Griff zu bekommen, tat er etwas, das mir Hoffnung bringen sollte. Felix kam mit den Lippen ganz nah an mein Ohr. „Es wird alles gut, Mama.“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.03.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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