Ralph Bruse

Bis an die Grenze (Ein Tatsachenbericht) Fortsetzung 3

Bis an die Grenze
Ein Tatsachenbericht
 
 
(Fortsetzung 3)
 
 
Eines Morgens überrascht er mich wieder mal auf dem Stinkeimer
und verkündet naserümpfend: > Scheiss hinne, Großmaul. In zehn
Minuten holt dich die Minna! <
Tür zu. Schritte. Stimmen im Gang.
Stille.
Minna. Grüne Minna. Das heißt: verreisen.
Ich verreise gern. Unter den gegebenen Umständen verreise ich so-
gar mit höchstfröhlichem Gefühl - zwar nur von einem Knast zum
andern; aber es wird eine Heimreise - immerhin.
In Wismar ist das 'Türpersonal' bestimmt nicht so rabiat. Schließ-
lich wohnt man in derselben Stadt. Könnte sich außerdem rum-
sprechen, daß Aufseher soundso Häftling soundso was an die Backe
gehaun hat.
Damit die Wärter - ertüchtigungsmäßig - nicht ganz einrosten, könn-
ten sie ja auswärtige Insassen ein wenig trietzen. Bei denen kriegt
das so schnell keiner mit. Und überhaupt: bei dringendem Verdacht
auf Körperverletzung gibt's ja ein schlagendes Gegenargument...
Treppe...Was rennste auch so schnell die Treppe runter. Musst halt
die Augen aufsperrn, Mann...!
Ehe ich den Wismarer Aufsehern weitere Gemeinheiten unterstel-
le, putze ich mir den Hintern.
 

Es ist soweit. Gleich kommt Wagner; und dann gehts Richtung Hei-
mat. Werde den alten Sack vermissen - nicht, weil ich ihn irre lieb
habe - sondern, weil ich ihm eine Nacht - irgendeine Nacht, in ir-
gend einer Zukunft versprochen habe, in der er sein blaues Wunder
erlebt...Auf die Nacht warte ich schon jetzt!
 
Meine Beine sind schwer. Schlurfe wie ein Endsiebziger ans Wasch-
becken. Während die Hände vor der Kälte des Wassers zurück-
schrecken, kommt mir Maiks' Spruch entgegen. Seine Worte werden
größer; sie wachsen und wachsen. Baumhohe Buchstaben, die jede
Decke überragen.
 
Seit ich die Menschen kenne, liebe ich Tiere.
 
Scheissspruch. Kann ihn nicht mehr sehen. Er zieht mich noch mehr
runter. Mußte wochenlang den einen, deprimierenden Satz ertra-
gen - beim Waschen; beim Trinken...Er wird noch da sein, wenn ich
schon weg bin. Und wenn ihn doch einer mit Farbe überstreicht, hab
ich ihn längst am Hals. Im Kopf.
Wie ich den beknackten Spruch hasse! Und auf unbestimmte Art
mag...Genauso beknackt, oder?
Die Fingernägel ragen ungefähr eineinhalb Zentimeter über meine
Kuppen. Nicht die schlechtesten Schreibgeräte. Ritze meinen Gruß
direkt unter Maiks' Namen.
 
Mach dir warme Gedanken!
 
Begeistert wird mein Nachfolger nicht sein. Aber 'warme Gedanken'
sind nun mal das, was hier zählt.
 
Wagner kommt. Schließt auf.
> Abmarsch! <
Ich eiere den Flur lang. Der Kopf tut weh; und der Rest auch.
Das Tageslicht ist mir nicht geheuer. Schnell durchquere ich den
Hof; stolpere in die vergitterte Minna; sacke hundemüde auf einen
der Sitze.
Seitwärts: ein enger Spalt. Etwas Himmel ist zu sehen. Mich sieht
er nicht.
Der Wagen fährt an.
Das Tor. Ein Schild. Ministerium des Innern. Außenstelle Gade-
busch.
Dann Straße.
Menschen. Jemand ruft > Hallo!, < und winkt; aber nicht mir. Mich
sieht keiner durch den schmalen Spalt.
Auf meinen Lidern hockt ein dickerfetter Uhu.
Schließe die Augen; falle samt Uhu ins tiefe Meer; bis zum Grund
und noch weiter; immer tiefer.
Schlafen ist Medizin.
 
 
 
 
 
Dezember 1978.
Untersuchungshaftanstalt Wismar.
 
Lange Flure, wie gehabt. Aufpasser in hellgrünen Uniformen.
Weiße Wände. Graue Türen.
Die Zivilkleider werden einkassiert. Der Kammerbulle; der, wie
der Name schon sagt, die Kleiderkammer unter sich hat, wirft mir
verwaschenes Zeug zu. Gelbe Streifen an Jacke und Hose.
Ich schlüpfe rein; sehe aus wie Giraffe mit Vorfahrt. Was soll’s; die
Ziviklamotten standen eh schon, vor Dreck.
Decke, Handtücher, Seife, Zahnpaste, Becher, Bürste und was ein
ordentlicher Häftling noch so braucht, gibt’s gratis, als Bündel dazu.
Weiter gehts, Richtung Friseur. Die schönen Locken segeln bü-
schelweise zu Boden. Alles, was über die Ohren ragt, wird radikal
weggeschnippelt. Der Friseur - ebenfalls Knacki - klopft mir auf-
munternd ins Kreuz, als der Aufpasser kurz rausgeht.
> Halb so wild. Wächst wieder nach. <
Der hat gut reden. Die Haare sind nicht mal mehr streichholzkurz.
Giraffe mit Segelohren, um im Tierreich zu bleiben. Fehlt nur noch
der Wind, und die ‘Giraffe’ fliegt weg...Gemein, sowas!
Der Wärter kommt wieder.
> Fertig? <
Fix und fertig.
Der Schnippler nickt.
> Na denn, schnapp dir dein Bündel! <
Wir wandern drei Flure lang. Dann Schlüsselklappern. Tür auf. Ich
spaziere in die Zelle. Da sitzt schon jemand. Und bevor ich > Hal-
lo! < sagen kann, fliegt die Tür zu.
Das Deckenbündel landet auf dem oberen Bett.
Blick in die Runde...Rechts, neben der Tür, das Klo - mit Spülung
und ‘spa(rta)nischer Wand', davor. Man kann auch schlicht: Brett
sagen; aber spanische Wand klingt besser.
Ein Fenster - juchhee! Ohne Glasbaustein; dafür mit Gitter. Das be-
deutet: mehr Frischluft und immerhin freie Sicht - ja, wohin...? In
den Knasthof; ist schon klar. Richtung Himmel wird es enger, weil
schräg nach unten laufende Metallblenden das Panorama einschrän-
ken.
Was noch?
Ein dreibeiniger Tisch. Zwei Stühle. Ein Waschbecken. Zwei Bet-
ten; übereinander. Zwei Minischränkchen an der olivgestrichenen
Wand. Das wars. Oh, ‘tschuldigung...Und ein Mitgefangener. Schät-
ze ihn auf Vierzig; eventuell auch auf Sechzig - kommt ganz darauf
an, ob man ihm auf die Hände, oder ins Gesicht glotzt.
Leseratte - denn er zieht es vor, sich erstmal wieder in sein Buch zu
vertiefen. Kann mir nicht passieren. Bin froh, endlich Gesellschaft
zu haben; reiche ihm deshalb gutgelaunt die Hand.
> Ralph.<
Er nimmt die Hand nur ganz kurz. Lascher Druck; nix dahinter -
und zieht sich wieder in sein Schneckenhaus zurück. Hab ich ‘ne an-
steckende Krankheit, oder Mundgeruch, oder was?
Das wüßte ich aber. Bis auf ein paar Beulen und Blutergüssen bin ich
gesund. Der dünne Herr mit Nickelbrille und verschorfter Platzwunde
an der Stirn hat offenbar keine Lust auf Quatschen...Hoffentlich legt
sich das mit der Zeit, denn ich hab auch keine Lust, ihm jedes Wort
aus der Nase zu ziehn. Da er den Eindruck eines klugen, vielbeschäf-
tigten Mannes macht, und ich Respekt vor altklugen Menschen habe,
verpasse ich ihm erstmal einen Spitznamen. Herr Professor, oder ein-
fach nur: Prof. Er wird sich daran gewöhnen müssen, wenn er schon
keinen bürgerlichen Namen hat, oder ihn nicht verraten will.
Während der Prof also eifrig sein Buch studiert, schreite ich zur Ar-
beit. Auspacken, einräumen, Klogang. Der Durchfall ist noch am
Wüten. Wenigstens stinkt es nicht so dolle. Großer Gestank wäre
mir peinlich. Ist schon peinlich genug, zu wissen, daß dir, gleich da-
neben, jemand beim Kacken zuhört. Da beeilt man sich besonders.

Geschafft.
Auf meinem Bett liegt, unübersehbar, ein Blatt, in Folie geschweisst.
Die Hausordnung. Klar doch, Ordnung muß sein. Mal sehen, was da
Spannendes drinsteht.
6 Uhr Wecken.
7 Uhr Frühstücksausgabe.
8 Uhr Freigang im Hof. Dahinter, fettgedruckt: wenn das Wetter es
zulässt. Im Klartext heißt das wohl: die Wärter bestimmen, ob es
regnet, oder nicht. Ist Aufseher ‘Jimi Holzauge’ trotz Sonnen-
scheins miesgelaunt, regnet’s eben. Wir werden sehen.
Weiter...
11 Uhr fünfzehn Mittagausgabe.
17 Uhr Abendbrotausgabe.
2o Uhr Nachtruhe.
Weiter unten steht:
Einmal wöchentlich darf der Untersuchungshäftling einen Brief an
die Angehörigen schreiben.
Und wieder fettgedruckt:
Der U-Häftling darf nur in der Zeit von 2o bis 6 Uhr morgens auf
dem Bett liegen. Tagsüber ist dies untersagt. Verstöße werden be-
straft.
Welch ein Schwachsinn! Vierzehn Stunden auf dem Stuhl sitzen...
Die Zeit absitzen.
Hinten steht auch noch was drauf.
Betritt ein Justizbeamter den Zellenraum, hat sich der Gefangene
sofort zu erheben, ans Bett zurückzutreten und Meldung zu erstat-
ten. Die Meldung beinhaltet den Tagesgruß, den Dienstgrad des Be-
amten, die Anzahl der Zelleninsassen und die Zellennummer.
Nehmen wir an, Jimi Holzauge kommt rein...Ich springe ans Bett,
knalle die Hacken zusammen; krähe: > Moin, Holzauge; pardon:
Wachtmeister! Zelle 11 mit zwei Knastologen belegt. Keine beson-
deren Vorkommnisse; außer daß letzte Nacht ‘ne tolle Frau in mei-
ner Koje schlief, und daß sie weg war, wie ich aufgewacht bin. <
Den Rest der Hausordnung kürze ich auf’s Wesentliche.
Die Zellen müssen täglich gereinigt werden. Duschen dürfen die
Gefangenen einmal wöchentlich. (Man achte auf das Wörtchen
‘dürfen’) Die Duschzeit sollte 5 Minuten nicht überschreiten. (Jes-
ses, sind die pingelig! Stell dir vor, du stehst eingeseift da, und die
5 Minuten sind rum...So ein Pech. Musst halt warten, bis nächste
Woche, oder kalt in der Zelle abwaschen.)
Das Beste zum Schluss.
Der U-Häftling hat das Recht (hat er doch tatsächlich auch ein
Recht), sich alle zwei Wochen ein Buch in der Anstaltsbücherei zu
leihen.
Wie bitte? ...Alle zwei Wochen ein Schmöker? Sauerei ist das! So
ein Buch verschlingt der unterforderte Häftling locker in zwei, drei
Tagen!
Zum Glück ist noch der Prof da. Mit dem kann man ja tauschen.
Was macht eigentlich unser Professor...? Mal schauen...Er sitzt da,
wie angewachsen, starrt in sein Buch und gibt nach wie vor keinen
Piep von sich. Mir fällt auf, daß er seit 15-2o Minuten nicht umge-
blättert hat; daß er demzufolge genauso lange dieselben, zwei Buch-
seiten liest...
Merkwürdig, aber dennoch plausibel - um auf die besagten zwei
Wochen zu kommen, bis es das nächste Buch gibt, liest er sowohl
vorwärts, als auch rückwärts - eventuell auch querbeet. So entste-
hen sicher interessante Wort - und Rätselspiele - und wer weiß,
ob sich da nicht noch die eine oder andere verschlüsselte Botschaft
offenbart. Sicher indes ist, daß der Prof seinen eigenen Kopf hat;
daß er ein scheuer Geselle ist, und - ich will ihm wirklich nichts Bö-
ses unterstellen - doch ich denke, daß er plemplem ist, oder wenigs-
tens spinnert.
Zufällig mag ich Spinner. Bin wohl selbst einer. Doch bei ‘plemplem’
müßte ich passen.
Während ich noch hoffe, daß meine Ahnung falsch ist, geschieht
Folgendes: Der spacke Professor hebt langsam, wie in Zeitlupe, sei-
nen lädierten Kopf, richtet die schwarzrandigen, wässrigen Augen
auf mich; blickt vorbei, oder durch mich hindurch; so genau ist das
nicht festzustellen, und brummelt was von müde...
Es ist aber erst Abendbrotzeit; hinlegen ist also noch verboten.
Ach was, scheiss doch auf Verbote!...Der Prof kann sprechen; ich
freu’ mich drüber, und dies ist ‘ne gute Gelegenheit, ihm zu zeigen,
daß wir in einem Boot sitzen.
> Leg dich hin. Ich stopf’ solange Klopapier in den Spion.<
> Danke. <
> Nix zu danken. <
Beim Gehen zittert er wie ein Tattergreis. Ein vierzigjähriger Tat-
tergreis. Da stimmt was nicht... Drei Schritte nur. Für ihn Marathon.
Geschafft. Er kippt nach hinten; schläft nach wenigen, tiefen Atem-
zügen ein. Bin stolz, sein Bewacher zu sein. Betrachte ihn genauer.
Sein Gesicht ist gelblich. Vom Lampenlicht, vermute ich zunächst.
Falsche Vermutung. Auch im Schatten des Bettgestells ist es noch
gelb. An seinen Händen erkenne ich winzige Blutbäche, die in Schlan-
genlinien armaufwärts ziehen. Die ganze Gestalt ist rappeldürr; das
Gesicht nicht nur gelb, sondern auch eingefallen. Nur der Bauch passt
nicht in die flache Körperlandschaft. Der ist angeschwollen - dermaßen
prall, daß mir Angst und Bange wird. Das ist nicht der Wanst eines
Vielfraßes, sondern der eines Kranken - mit viel zuviel Wasser drin. Schwellwampe; garantiert. Armer Prof. Je länger ich ihn ansehe, desto
öfter muß ich an Paps denken...Manche Ähnlichkeiten wühlen sich aus
der Erinnerung... Gelbe Gesichtsfarbe, schleichender Gang, Blähbauch
auf Stöckerbeinen...
Erstmal tief Luft holen...Paps sah zuletzt genauso aus. Kommt von der
Leber. Die schafft nicht mehr richtig. Kein Wunder, nach jahrelangem
Suff. Immer wieder Entziehungskuren. Rückfälle. Entziehung. Falsche
Freunde. Rückfall. Die Krankenkasse streikt; zahlt nicht mehr.
Weitersaufen. Delirium. Dann der letzte Versuch - auf eigene Kos-
ten. Kläglich gescheitert. Wieder Delirium...Paps sieht weisse Rie-
sen, die ihn holen wollen...Der Wahn zieht sich über Wochen und
Monate hin. Ich klaue ihm den Fusel. Bringt garnichts. Er findet im-
mer Wege, an Schnaps zu kommen. Es ist grauenvoll - für ihn und
für mich!
Sehe, wie er immer wieder aufsteht; kämpft; wie er gegen die Pulle,
weisse Riesen und sämtliche Schweinehunde der Welt ankämpft -
und verliert...Er klappt zusammen, schlägt wie irre um sich; schreit
vor Schmerzen, die aus der Wampe kommen; kotzt alles aus und
will nur noch eins - zwei, genauergesagt: die Flasche; die rettende
Pulle - oder sterben.
Dann strömt Blut aus dem Darm. Viel Blut - läuft aus, wie der Rest
Leben...
Paps hatte ‘ne ganze Horde Schutzengel. Er sprang den weissen Rie-
sen zwar jedesmal knapp von der Schippe. Doch irgendwann ist Eb-
be; macht der Körper den Affentanz nicht mehr mit. Dann rücken
Todesengel, samt Riesen, an.
Saufen ist Volkssport. Säufer kurieren, Leistungssport. Zuletzt litt
Paps an Gelbsucht; Beschwerden beim Pinkeln, keinen Appetit mehr;
was weiß ich noch. Will nicht zuviel drüber nachdenken, doch der
Anblick des Mannes in meiner Zelle hält dagegen. Kann ja sein, daß
ich auch schon weisse Riesen sehe. Vielleicht ist der Prof ja kernge-
sund und nur gelb von künstlicher Sonne. In seiner Wampe sind
lauter gesunde Fressalien, und Organe, die glücklich vor sich hin-
leben. Auch die Blutergüsse sind harmlose Lichttäuschungen - wird
wohl so sein - muß so sein, verdammt!
Reines Wunschdenken. Tief drinnen weiß ich, daß es nicht so ist;
daß der Prof ein kranker Mann - und alles sowas von beschissen ist!
Während ich ihm beim Schlafen zusehe, hab ich Paps vielleicht
schon verloren....Himmel, hilf! Schreiben! Muß ihm sofort schrei-
ben! Muß wissen, ob er den letzten Absturz in den Suff einigerma-
ßen heil überstanden hat! Gleich nachher, bei der Abendbrotaus-
gabe, will ich Schreibzeug. Und wenn der Wachheini nicht Gas
gibt, um es zu holen, mache ich einen Riesenstunk!
Plötzlich wird mir bewusst, daß inzwischen zwei volle Monate ver-
gangen sind, ohne von Paps zu hören.
Die Ungeduld steigert sich zur Panik! Zähle Sekunden und Minu-
ten; zähle acht Mal bis Sechzig. Dann halte ich das Warten nicht
mehr aus; rufe den Aufseher; donnere gegen die Tür.
> Paps!...Gebt mir Schreibzeug! Bitte! <
> Schreibtag ist erst Übermorgen!, < brüllt es nach einer Weile vom
Flur her.
> Übermorgen ist Scheisse! Ich muß jetzt wissen, was mit Vatter los
ist! Bitte...! <
> Der hat Sorgen...<
Leises Lachen. Schritte, die sich entfernen.
Will ihn gerade einen Arsch nennen, da kommen seine Schritte re-
tour. Er schließt auf.
> Hier. Ausnahmsweise.<
Ein junger Wärter. Nussknackergesicht. Kaum zwanzig. Er entdeckt
den Schlafenden im Bett. Ich erwarte den gesalzenen Anschiss; doch
der fällt aus. > Stein darf liegen. Ist auf Entzug, < sagt er; geht;
schließt ab.
Stehe da und denke: also doch Schluckspecht. Nur, das mit der Lie-
ge-Erlaubnis sollte mir der Prof vorher sagen, damit ich mir nachher
den Aufpasser, das Klopapier im Spion und den vermeintlichen An-
schiss sparen kann.
Okay, Schwamm drüber. Ist halt ‘n wortkarger Mann, der Prof.
Denke auch, daß der junge Wärter offenbar kein Scheisstyp ist.
Schließlich denke ich an Paps, und an den Brief, der ihn schnells-
tens erreichen soll. Acht Seiten lang wird er. Habe viel zu erzäh-
len. Weil hier aber jeder Brief gründlich nach Erzähltem durch-
sucht wird, und weil sich viel Wahrheit und Wut in so manche Zeile
mischt, kommt der Brief leider nie bei Paps an...Das weiß ich zum
Glück nicht, oder: noch nicht. Mich wird auch niemand informieren,
daß der Brief nicht rausgeht. Werde auf Antwort warten, und warten...
Doch Paps wird nicht antworten - kann er ja auch schlecht, wenn er
von nix ‘ne Ahnung hat. Die Augen werde ich mir ausheulen. An’s
Aufgeben werde ich denken. Das Ziel...Hamburg in den Wind schie-
ßen. Zurück, zu Paps. Werde ihn pflegen; stützen, nach Hause schlep-
pen, wenn er im Straßengraben liegt; auf’s Beste hoffen...
Ohne mich! Klar liebe ich ihn, aber mein Ziel liebe ich auch.
Mensch Paps, mach’s mir nicht so verdammt schwer!
 

Alles kommt anders. Es kommt meist anders, als man denkt. Mo-
nate, Jahre später bin ich schlauer. Nur gut, daß ich kein Hellseher
bin...
Jedenfalls ist mir erstmal wohler - viel wohler, als der Brief an Paps
geschrieben ist. Stolz wie Oskar reiche ich das achtseitige Werk zur
Tür raus - wonach es auf Nimmerwiedersehn verschwindet. Und
ich lache dazu, weil ich sowas von blöd bin. Oder einfach nur naiv.
 
 
 
(Fortsetzung folgt)

                                                                           (c) Ralph Bruse




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