Bis an die Grenze
(Protokoll einer Flucht)
Fortsetzung 4
Der Prof schläft noch. Er schläft so tief und fest, daß er weder das
Auf-und-Zuschließen der Zelle, nicht die Stimme des Wärters, auch
nicht mein Lachen hört. Auch die Abendbrotausgabe verpasst er
festschlafend. Um Acht, als das Zellenlicht ausgeht und es still wird
im Haus, glaube ich, sein Atmen garnicht mehr zu hören.
Unsinn! Jeder atmet mal laut und weniger laut, im Schlaf.
Aber garnicht...?
Am anderen Morgen weiß ich, daß der Prof für immer eingeschla-
fen ist.
Sie tragen ihn in einer schlichten Holzkiste weg. Mich verlegen sie
in einen anderen Trakt. Einzelzelle. Wieder mal. Mir egal. Bin eh
beschissen drauf. Der Prof geht mir nicht aus dem Kopf. Wut kocht
hoch...Warum haben die ihn hier krepieren lassen?! Jeder Dussel
weiß, daß man Alkoholkranke nicht einfach wegsperrt. Was immer
der Prof verzapft oder verbrochen hat - einlochen kann man ihn
später immer noch. Der kann ja nicht weglaufen, so wie der wackel-
te. Aus. Vorbei. Der Tod ohne Abschied war schneller. Draußen wä-
ren bestimmt ein paar Kumpane an sein Grab geschlappt; der letz-
ten Ehre wegen. Jetzt wissen die nicht mal, daß er gestorben ist -
und - jede Wette - denen wird auch keiner was sagen.
Am gleichen Tag hab ich die Einzelzelle demoliert; hab alles zer-
deppert; bis ich selbst wie ein zerdeppertes Wrack in der Zellenecke
kauerte, heulte; Gott und alle Welt hasste; mir die Tränen vom Ge-
sicht riss.
Stehzellen beruhigen ungemein. Zumindest sollen sie das bewirken.
Du stehst und stehst dir die Beine in den Bauch. Umfallen heißt
verlieren. Kann dir hier nicht passieren, weil die Mausefalle viel zu
klein ist...Zwei Meter hoch; kein halber breit. Deine Nase steht so-
zusagen direkt an der Tür.
Strafe muß sein. Hab die Zelle zerdeppert; nun büße ich dafür. 24
Stunden im Loch, plus 8oo Mark Schadensersatz. Dabei war das
wackelige Mobiliar keine 8o Piepen wert. Alles ausrangierte Army-
bestände.
Von mir aus. Hab sowieso keine einzige Mark.
Wie lange ich schon hier steh’, weiß ich nicht. Was ich weiß, ist,
daß hier keine Frischluft reinkommt; nur Flurluft, durch einen win-
zigen Spalt, unter der Tür. Flurluft ist ziemlich dröge und sauerstoff-
arm. Das beunruhigt mich. Was, wenn die mich hier nach Ablauf
der 24 Stunden vergessen? Was, wenn die Beine schlappmachen und
einknicken??? Dann drückt sich die Nase platt, aber ansonsten pas-
siert nicht viel. Drei, vier Zentimeter sind ja Platz, ringsum. Reich-
lich wenig, wenn man bedenkt, daß die Strafe nur ausgestanden
werden kann. Für’s Hinsetzen, oder Hocke, viel zu knapp...Das be-
unruhigt mich noch mehr. Schreien. Soll ich schreien?
Vergiss es. Du bist hier, um dich zu beruhigen; nicht zum Krakeh-
len. Ruhig bleiben...Sing was. Nee, lieber nicht. Das strengt an, kos-
tet unnötig Puste. Jeder Atemzug zählt.
Was dann?
Summen. Bienenleise. Klappt; aber nach den ersten hohen Tönen
rennt mir Schweiss aus der Hose. Zu dünn, die Luft.
Schluss mit dem Gesumme. Im Mund breitet sich Wüste aus. Die
Augen brennen, obwohl es hier stockduster ist. Die Kopfhaut fängt
zu jucken an. Nerven, die verrückt spielen. Wenn ich am Kopf krat-
ze, stoße ich ständig irgendwo an. Mir ist, als kämen die Wände
langsam und sicher näher; immer näher...Kein Platz, plus Angst,
macht zusammen: Platzangst!
Ruhig Blut. Du schaffst das. Bist ganz lässig. Total cool. Sowas von
lässig aber auch. Ich schrei gleich los, so lässig, wie ich bin..!
Eine unsichtbare Hand. Eine bekannte Stimme. Stimme, Nummer
Zwei. Die Sanfte....> Du bist ruhig...<
Das wirkt. Ich bin ruhig.
> Gut. So bleiben...Wie heißt du?...<
> Idiotische Frage! <
> Nicht aufregen, okay? Eben, das war gut...Na also, geht doch...Das
Ganze nochmal. Wie heißt Du? <
> Ralph.<
> Perfekt. Macht zehn Punkte. Wie alt bist du? <
> Schon schwieriger. Sechzehn?...Ja, sechzehn. <
> Gibt nur fünf Punkte, weil du zu spät geschaltet hast. <
> Na, hör mal. Ich war superschnell! <
> Warst du nicht. Und jetzt reg dich wieder ab. Nächste Frage. Wer
ist die schnellste Frau der Welt über 2oo Meter? <
> Marita Koch. Weiß doch jedes Kind. Erstrecht, weil die in Wis-
mar wohnt.<
> Acht Punkte, Schlaumeier. Jetzt wohnt sie in Rostock. Du hast
Gedächtnislücken. Konzentrier’ dich mehr! <
> Scheissspiel! <
> Nächste Frage... <
> Deine Fragen nerven! <
> Komm, fang dich wieder. Also - war der erste Mensch auf dem
Mond Russe oder Ami? <
> Weder, noch. Walter Ulbricht wars! <
> Walter Ulbricht? Wieso? <
> Weil Vatter früher mal sagte: jetzt kommt die nächste Pfeife. Den
Ulli haben sie zum Mond geschossen. <
> Du willst mich veräppeln, oder? <
> Will ich nicht. Hab ich schon. Aber das, was Vatter sagte, stimmt!
Macht langsam Spaß. Frag weiter...! <
Plötzlich geht die Tür auf. Bin geblendet. Eine Lichtgestalt, die sich
als der junge Wärter entpuppt.
> Sind die vierundzwanzig Stunden endlich rum? <
> Nicht ganz, < sagt er. > Hier... <
Er drückt mir einen Apfel in die Hand. > Mußte mit Körner essen.
Wenn die hier ‘n Griebsch finden, krieg ich höllischen Ärger.<
Er will wieder zuschließen. Ich stelle einen Fuß in den Spalt.
> Kriste auch Ärger, wenn ich hier abklapp'? <
> Der Chef vielleicht. Ich eher nicht. <
> Na, toll. Und wer ist der Chef über Tod und Leben? <
> Der Anstaltsdoc. Hat vier Pickel auf der Schulter. Oberleutnant. <
> Wie is’der so? <
> Ziemlich streng, aber sonst okay. <
> Ich frag nämlich, weil ich gleich umkipp', und weil du ihm Be-
scheid sagen sollst. Sagst du ihm Bescheid...? <
Er glotzt mich an.
> Ich dreh hier durch! <
Er starrt immer noch; überlegt. Schließlich gibt er sich einen Ruck.
> Nimm den Fuß weg. <
Mache ich.
Die Tür klappt zu.
Ich esse den Apfel ganz.
Weiß nicht, wann...Irgendwann kippe ich wirklich nach vorn, gegen
die Tür.
Die ‘Lichtgestalt’ kommt rechtzeitig; ruft nach Hilfe. Erstmal buc-
keln sie mich ins Krankenrevier; päppeln mich mit Spritzen auf.
Dann zurück. Einzelzelle.
> Sechzehn Stunden, < scherzt Nussknackergesicht; oder besser:
‘Apfelmann’, ehe er abschließt. > Der alte Rekord stand bei Vier-
zehn...Nacht. < Licht aus.
Angst vor der Nacht. Angst vor Dunkelheit.
> Kann das Licht noch anbleiben?!, schrei ich ihm nach. > Bitte, nur
noch ‘ne halbe Stunde, oder eine..! <
Er lässt es an. Die ganze Nacht.
Beim nächsten Großputz ist die Gelegenheit günstig, über den Prof
zu sprechen. Während ich den Blocker schwinge, und Apfelmann
( übrigens heißt der mit richtigem Namen Roßkopf, doch das kann
ich mir nicht merken - will ich auch nicht, weil Apfelmann besser
zu ihm passt, wegen der immerroten Pauswangen); während ich also
fleißig das Zellenlenoleum wienere, und er mir fleißig beim Wie-
nern zusieht, frage ich ihn, warum der Prof brummen mußte?
> Raub, < meint er und kann sich ein Grinsen nicht verkneifen.
> Hat den Konsum seiner Tante überfallen, wegen ‘ner Pulle Schnaps.
Die wollte freiwillig nichts rausrücken, also hat er sie weggeschubst
und sich seine Ration selber geholt. Tantchen war stinkesauer - nicht
wegen der einen Flasche, sondern weil sie sich den Arm brach...Sie
dachte wohl, ein paar Wochen Knast, und der Bursche ist trocken...
Zu zweit haben wir Stein rübergebracht, zum Gerichtstermin...Von
wegen ‘ein paar Wochen’...Drei Jahre hat er gekriegt! Als Tant-
chen merkte, daß es deutlich dicker als gedacht kommt, hat sie die
Anzeige schnell zurückgezogen. Leider zu spät. Der Richter lehnte
ab. Ob bei Tantchen, oder anderswo - Raub bleibt Raub, meinte der.
Keine Nachsicht....Danach hat Stein sich erstrecht hängenlassen;
soff Fensterreiniger; ist auf jeden los, der in der Nähe war. Beim
Sani mußten wir ihn festbinden. Er hat nach Schnaps gebettelt; na-
türlich nichts gekriegt. Stundenlang war er am Wüten; ist total aus-
gerastet; spuckte sogar Leute an; verdrehte irgendwann die Augen
und zuckte andauernd. Der Sani mußte ihm ‘ne volle Dröhnung
spritzen, damit er Ruhe gibt. Nervenzusammenbruch, zu allem Ü-
bel... Danach war Stein nur noch ein Häufchen Elend. Lag nur noch
da und brabbelte vor sich hin. Letzte Woche wollte er sich die
Pulsadern aufschlitzen. An der Tischkante. Hat immer wieder die
Gelenke dagegen geknallt. Messer sind ja zum Glück keine da. Und
denn ist er.... <
> Hör auf!, < schnauze ich dazwischen.
Apfelmann erschreckt sich. > Warum fragste denn erst?! <
> Weiß nicht. Der is’ eben immer noch da, wenn ich abends die
Augen zumach’. Liest in seinem Buch, wenn ich reinkomm’. Is’al-
les bildlich da! <
Er glotzt mich so komisch an.
> Stein konnte garnicht lesen. Hat nur so getan, als ob. Der war durch
und durch Analphabet! <
Seine Stimme wird merklich lauter. > Der war kaputt, verstehste?!
Wußte ja garnicht mehr, wo vorn und hinten ist...! <
> Wem sagste das... <
> Na, dir! <
> Kapier ich, klar. Und ...und was kann ich dafür?! <
> Nichts. Garnichts!!! <
> Warum schreiste denn so?! <
> Schrei ja garnicht!!! <
Weg ist er. Für immer. Hab noch öfter nach Roßkopf, den Justizan-
wärter-Praktikanten gefragt, aber keine Auskunft bekommen. Hier
sagt ja keiner was. Schweigen im Walde. Vielleicht war ‘Apfelmann'
zu weich und die Praxis hinter Gittern zu hart für ihn. Jedenfalls
war er ein Lichtblick in der Bude. Der einzige.
Wünsche dir Glück, Apfelmann!
Kurz vor Weihnachten trudelt die Anklageschrift ein. Schon beim
ersten Hinsehen weiß ich: es sieht nicht gut aus. Um ehrlich zu sein:
beschissen sieht’s aus. Der Staatsanwalt droht schon mal vorab, daß
ich mindestens ein Jahr und höchstens fünf Jahre kriege. Arsch, der!
Der Anklageschrift ist ein Merkblatt beigefügt. Es besagt, daß mei-
ne Strafsache im Schnellverfahren; unter Ausschluss der Öffentlich-
keit, verhandelt wird. Und das Schärfste: schon heute Nachmittag
geht das über die Bühne...Jetzt ist Mittag. Um drei ist Verhandlung.
Spinnen die?!...Nee, die wissen genau, daß Schnellverfahren mitun-
ter nützlich sind, schätze ich mal.
Tiger die Zelle auf und ab. Nach dem Essen holt ein Wachmann die
Anklageschrift wieder ab. Auch das noch. Nicht mal den Wisch
darf ich behalten. Paps hätte sicher seine helle Freude dran gehabt...
‘ne Viertelstunde zum Durchlesen - mehr Zeit war nicht. Mich be-
schleichen ungute Gefühle. Einerseits hoffe ich auf Milde; das
heißt: Freilassung. Andererseits....Träum man schön weiter, würde
Paps sagen. Knast, Mann. Du wanderst ab, in den nächsten Bau;
und zwar für lange, lange Zeit...Meine Schritte werden schneller.
Hoffentlich hat der zuständige Richter gut gepennt. Wenn nicht,
sehe ich alt aus. Fünf Jahre Höchststrafe. Alles möglich; nur: fünf
Jahre sind entschieden zuviel! Die schaff’ ich garantiert nicht!
Bloß keine Panik. Hochwürden hat Superlaune, und ich auch, weil
ich nämlich bald frei bin. Aber - warum Schnellverfahren; ohne Öf-
fentlichkeit? Ist Abhauen etwa ein Verbrechen, das man besser ver-
schweigt? Hab doch keiner Mücke was getan! Schiffbauer will ich
werden; drüben, in Hamburg, mehr nicht. Deswegen lochen die mich
doch nicht ein!
Und wenn doch?
Keine Ahnung. Vielleicht heul' ich denen was vor, oder renn' mir den
Weg frei...Weiß der Geier. Wenn ich, bei aller Selbstbeherrschung,
doch heulen muß; dann garantiert nicht im Gerichtssaal. Den Gefal-
len tu ich keinem; nur mir selbst - später, wenn alles vorbei ist.
>Erzähl keinen Blödsinn...Die schicken dich nicht in den Knast. Du
marschierst nach Hause und siehst deinen alten Herrn wieder. Ihr
feiert ‘ne Riesenfete; Paps trinkt Limo statt Rotkäppchen; die Bude
ist rappelvoll mit netten Leuten; und nächste Woche wird ein neuer
Fluchtplan ausbaldowert. Paps kommt mit nach Hamburg, ob er will,
oder nicht. Und wenn wir da sind, steigen mindestens zehn Feten
hintereinander; jeden Tag eine; zehn Tage abfeiern. Hee Paps, nimm
Ohrstöpsel mit - es wird ziemlich laut in Hamburg....Paps? <
Ist weg. Dafür steht ein uniformierter Kerl im Türrahmen.
> Haste das öfter? Selbstgespräche führn?, < lästert er. > Es geht
los...<
Ich mache auf kühl. > Na denn, Alter vor Schönheit...<
Wir zockeln in Richtung Hof. Schräg gegenüber, der Gerichtsbau.
Nicht besonders groß und potthässlich. Barackenähnlich. Der auf-
jaulende Wind ist eisig. Schnell rein, in die warme Baracke. Saal 13.
> Könn’ wir nicht in Saal 12?, < frage ich.
Der alte Wachmann grinst. > Könnte dir so passen. Bist abergläu-
bisch, hä? <
Bin ich nicht. Hab nur was gegen Gerichtssäle, die kaum größer als
Zellen, und direkt neben dem Männerklo sind.
Hinein. Die Uhr im Saal zeigt eine Minute vor drei. Seid ihr auch
alle da? Sind sie. Pünktlich wie die Maurer - ein Richter, der Staats-
anwalt, gesellschaftlicher Ankläger und gesellschaftlicher Beistand.
Handschellen abnehmen. Der Aufpasser postiert sich in Reichweite.
Setzen.
Der Staaatsanwalt fängt an. Klageschrift vorlesen. Kostprobe gefäl-
lig?
> ...Der Angeklagte hat sich eines besonders schweren Vergehens
schuldig gemacht, da er die Sicherheit unseres Staates erheblich ge-
fährdete. Der Beschuldigte hat nicht verlauten lassen, daß er die
verwerfliche Tat bereut. Deshalb ist davon auszugehen, daß er nach
seiner Haftentlassung erneut straffällig und versuchen wird, die
Grenze der Deutschen Demokratischen Republik zu verletzen...<
Die Grenze verletzen? Wie soll das gehen? Bin fast ertrunken; hab
was auf die Schnauze gekriegt, aber von sonstigen Verletzten weiß
ich nichts. Kann sein, daß da ein paar Fische mit im Netz waren, als
mich die Grenzer hoppsnahmen. Wenn ja, entschuldige ich mich in
aller Form bei den Fischen. Muß ich mich bei sonst wem entschul-
digen? Wüßte ich nicht.
Er nun wieder.
>...Deshalb beantrage ich drei Jahre Freiheitsentzug und zusätzliche
Meldepflicht, nach der Haftentlassung. <
Der Typ in Schwarz setzt sich; sieht mächtig zufrieden aus.
Logisch, daß ich nicht zufrieden aussehe. Trotzdessen baue ich nun
verstärkt auf den ergreifenden Vortrag des gesellschaftlichen Bei-
stands.
Leider muß ich relativ schnell feststellen, daß mein Beistand ziem-
lich ballaballa ist...Beistand klingt ja eindeutig nach Beistehen. Um
das zu tun, sollte er eigentlich meine Geschichte kennen. Mich per-
sönlich zu kennen, würde der Sache auch nicht schaden. Da Beides
nicht der Fall ist, macht er sich ans Grobe; plappert munter von dem,
was schon auf Papier steht - plappert über das, was er davon hält,
und das, was von ihm erwartet wird. Kurzum: sein Statement ist
lammbrav; gleichzeitig aber auch ziemlich abgefahren. Schon die
ersten zwei, drei Sätze hauen voll rein...in die Scheisse.
> Meine Herren! Das vermeintliche Glück wird der Bürger Bruse
dort sicher nicht finden. Und ich weiß schon jetzt, daß er spätestens
nach, sagen wir: zwei Wochen an die Tür unserer sozialistischen
Republik klopft! <
(Luft holen)
> Lassen wir ihn doch ziehen, wenn er doch sowieso ohne jede Ein-
sicht ist! Sie werden sehen, daß er reumütig wiederkommt! Nur
sollten wir dann genau überlegen, ob wir ihn wieder einlassen.<
Seine Krakenfinger zeigen auf mich.
> Dieser sturköpfige Rowdy hat es verdient, daß wir ihn hinauswer-
fen! Soll er doch ruhig mal spüren, wie es in der menschenverach-
tenden, kapitalistischen BRD zugeht. Er wird noch froh sein, diese
nie gesehen zu haben. Lassen wir ihn einfach ziehen. Weg, hinweg
mit ihm! <
Während sein linker Arm noch in der Luft herumfuchtelt, erleidet
der Richter einen Tobsuchtsanfall.
> Sind Sie noch zu retten, Gutt?! < (so heißt der ‘Beisteher’) > Was
soll Ihr blödsinniger Vorschlag?! Ich werde mir ganz bestimmt kei-
nen Ruck geben und den Angeklagten sonstwohin ziehen lassen, Sie
Leuchte, Sie! Wissen Sie überhaupt, was Sie da schwafeln?! <
Des Richters Augen treten vor. Die von Gutt ziehen sich weit zurück.
Schade eigentlich; da hat er mal ‘nen tollen Geistesblitz; nur nimmt
ihn keiner für voll. Und jetzt kneift er auch noch. Ballaballa, oder
nicht - mir gefällt sein Vorschlag, auch wenn er mich damit eher in
die Pfanne hauen will.
Hochwürden ist aber strikt dagegen; und somit verschlechtert sich
meine Chance, hier halbwegs ungeschoren wegzukommen, rapide.
Zwar hab ich nachher noch ein Schlusswort, aber das allerletzte
Wort hat Hoheit - und mit dem ist nicht gut Kirschen essen. Jeden-
falls fegt er die vortreffliche Idee wie Schnee im Hausflur weg;
schnauzt Gutt an, daß er sich setzen soll - was der auch sofort tut,
und wendet sich mir zu. Er rückt sein Nasenfahrrad in die alte Po-
sition und versucht es auf die väterliche Tour. > Willst du nochmal
versuchen, die Deutsche Demokratische Republik auf illegalem
Weg zu verlassen? <
Wieso reden die hier alle so geschwollen? Streich’ einfach das ill
vor dem illegal, dann haste ‘ne klare Antwort...Will nur raus - zu-
erst aus dem kleinen, und dann aus dem ‘großen Knast’! Deine de-
mokratische Republik ist mir völlig schnuppe. Deshalb hau ich im-
mer wieder ab - illegal, legal - egal! Hauptsache raus!
Dies würde ich ihm liebend gern hinpfeffern, doch weil seine Spitz-
ohren plötzlich so seltsam glühen - vor lauter Güte, oder Ungeduld;
das ist hier die Frage - weil er also in einer Entscheidungsphase ist,
die sich deutlich in einem Paar heisser Ohren offenbart, zügele ich
mich; gebe eine Antwort, die ihn milde stimmt. Schließlich geht es
um Monate; eventuell auch um Jahre. Der ‘brave Junge’sagt: > Ich
werde einen Ausreiseantrag stellen.<
Falsche Antwort. Immerhin ist er zunächst beeindruckt.
> Ausreiseantrag. Soso...Du willst dein Vorhaben, in die BRD zu
kommen, pardu nicht aufgeben, richtig? <
Bin ein ehrlicher Bürger; antworte: > Richtig.<
Nun vibrieren seine Ohren merklich.
> Du wirst nicht nachlassen, in die BRD zu gelangen? <
Der wiederholt sich. Und nervt.
> Nöö. <
Die Augen hinter der Brille weiten sich.
> Und wenn sämtliche Ausreiseanträge nicht bewilligt werden? Was
dann, hä? Dann schnappst du dir wohl das nächstbeste Flugzeug und
düst in Richtung Westen, hä?! <
Gute Idee, überlege ich. Kennt er etwa einen Flugplatz, wo so klit-
zekleine Vögel stehn? Düngerstreuer würde reichen. Bin ja nicht an-
spruchsvoll. Hauptsache, der Vogel fliegt.
> Ooch, das mit der Ausreise wird schon klappen, < antworte ich so
zuversichtlich, wie möglich.
In seine Antwort mischen sich Untertöne, die mir garnicht gefallen.
> Ich frag dich dich nochmal...Was ist, wenn das mit der Antrag-
stellung nicht klappt? Sehn wir uns dann hier wieder?... Denk’ gut
nach. Du weißt genau, worauf ich hinaus will. Ich will hören, ob du
nochmal versuchst, illegal zu verschwinden? Na, ich höre...!
Na klar verdufte ich. Nach der bisherigen Tortour erstrecht!
> Mal sehn, < sage ich.
Wieder falsche Antwort. Mal sehn heißt für ihn: schaun wir mal, wo
ein Loch im Zaun ist - was ja irgendwie auch stimmt.
Sein Gesicht wird zusehends düsterer - untrügliches Zeichen dafür,
daß er den Sack, in dem ich sitze; schon zu hat. Fertig. Er ist fertig
mit mir; lehnt sich zurück.
Der gesellschaftliche Ankläger spult im Prinzip dieselbe Leier, wie
der Staatsanwalt ab, nur daß er kein Strafmaß beantragt. > Der An-
geklagte ist uneinsichtig; ja verbohrt und ein schlimmer Rowdy ist
er auch. Sein Vergehen wiegt so schwer, daß es keine Nachsicht
verdient. Der Angeklagte....<
Klappe zu. Ich höre nicht mehr hin.
Ehe sich die Herrschaften zur Beratung verziehen, bin ich dran, mit
dem letzten Wort.
Was soll ich sagen? Bin schlicht und einfach platt. Sehr wundersam,
die ganze Veranstaltung, hier...Könnte eventuell sagen, daß die Her-
ren gleich Feierabend haben; heimgehen, zu Kind und Kegel, sich
gemütlich vor den Tannenbaum setzen; kling Glöckchen klingelin-
geling...könnte erzählen, daß ich es nicht so gemütlich habe und
auch nach Hause will; Paps sehn; wenigstens für einen einzigen
Tag; von mir aus auch mit Bewacher. Nur einen Tag; einen halben;
zwei Stunden - scheissegal! Nur Paps wiedersehen!
Erzählen kann ich den vier Affen im Saal viel. Das Sagen haben
sie.
Sage nichts. Kein Bedarf; nee. Später vielleicht, wenn ich weiß, was
Sache ist. Dann kann ich die Klappe immer noch bis zum Anschlag
aufreißen. Wegen Beleidigung gibt's keine Jahre. Höchstens Geld-
strafe oder ersatzweise ein paar Wochen. Was sind schon drei, vier
Wochen? Da hört sich ein Jahr schon ganz anders an. Das sind mal
gleich 56 Wochen; dreihundertfünfundsechzig Tage; an die zehntau-
send Stunden! Drei Wochen sind dagegen ein Klacks...
Der Affen-Vierer versteht meine Nachdenklichkeit als Verzicht. Al-
so ziehn sie sich zur Beratung zurück.
Keine fünf Minuten beraten sie.
Das Urteil.
> Der Angeklagte wird unter Anrechnung der Untersuchungshaft
und einer Ersatzstrafe von fünfzig Tagen; Aktenvermerk des Amts-
gerichts Gadebusch; wegen illegalem Grenzübertritt, gemäß Para-
graph Zweihundertdreizehn des STGB zu einer Gesamtstrafe von
einem Jahr und sechs Monaten verurteilt. Es ist davon auszugehen,
daß der Angeklagte erneut versuchen wird, die Staatsgrenze der
DDR....Er wird in den Jugendstrafvollzug Wriezen überwiesen. Er
kann innerhalb einer Woche Berufung beim Bezirksgericht....Die
Kosten des Verfahrens....
Die Saaluhr. Zwanzig nach Drei. Zwanzig Minuten verhandelt.
Kurzer Prozess.
Hab eine Mordswut! Und sage kein Wort. Springe auf, ehe ‘Spitz-
ohr’ mit dem Lesen fertig ist; strecke die Hände vor. Der Wachmann
lässt die Handschellen klicken. Er will, daß ich mich wieder hinsetze;
nuschelt was von Respekt, und so’n Quatsch.
Ich marschiere los, Richtung Ausgang. Er will mich festhalten.
Zwecklos. Ich marschiere weiter. Tür auf. Der Flur. Weiter. Er über-
holt mich, schließt die Außentür auf; hält mir immer noch Vorträge
über Nichtachtung des Gerichts.
Draußen Eisregen. Wind peitscht über den Hof.
Der Alte beruhigt sich wieder; versucht sogar, mich aufzumuntern.
> Wenn du Glück hast, kriste zwei Drittel. Bist nächste Weihnach-
ten draußen. <
Weihnachten? Wo findet das statt? Hier? Sehe nur Stacheldraht und
Mauer. Nächste Weihnachten...wie weit ist das weg?
Zu weit. Viel zu weit.
In den Augen klebt Nässe. Ist nur vom Wind. Keine Tränen. Tränen
sind Gefühl. Ich hab kein Gefühl; erstick’ noch an der Wut!!!
Der Alte zieht den Kopf ein.
> Ganz schön kalt, ne? <
Sag’s nochmal, Wachmann.
Ganz kalt.
Ohne schön.
(c) Ralph Bruse
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.04.2013.
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