Céline Melees

Hoffnung

Der Tag war so seltsam gewesen wie sie selbst. Schnee, Sonne, Schnee. Es war April, und
heute hatte sie eine Mathematikprüfung gehabt. Oder, anders ausgedrückt, sie hatte in der
Mathematikprüfung gesessen. Nachdem das wenige das ihr einfiel aufgeschrieben war,
hatte sie aus dem Fenster in den Schneesturm hinausgeschaut. Und geweint. Die Tränen
waren auf das Aufgabenblatt gefallen und hatten feuchte, wellige Flecken hinterlassen.
Beim Abgeben hatte sie das Gefühl, ihr Mathematiklehrer hätte sie bemerkt, und sie
schämte sich dafür. Aber jetzt war es vorbei. Sie seufzte. So viel kam und verging in letzter
Zeit, so viel verschwand ohne dass irgendetwas, geschweige denn sie, es hätte aufhalten
können...sie warf einen Blick auf ihr Handy, das neben ihr auf dem Tisch lag. Nichts. Wie
erwartet. Was hatte sie denn gedacht? Er hatte anderes zu tun. Vielleicht telefonierte er
gerade mit Mia. Vielleicht hatte er seit dem Morgen gar nicht mehr an sie gedacht und
unterhielt sich gerade bestens mit Mia. Vielleicht lag er auch auf seinem Bett und dachte an
sie. Hör auf, befahl sie sich selbst. Du machst dich verrückt. Verrückt,
verrückt...komisch...das war das Wort, mit dem sie selbst öfters von anderen bezeichnet
wurde. Komisch. Was war komisch? Sie verstanden sie nur nicht. Wer verstand sie denn
schon? Verdammt nochmal, schalt sie sich, dass fehlt dir jetzt gerade noch, nicht wahr.
Ersauf doch in deinem Selbstmitleid! Sie ekelte sich vor sich selbst. Müde strich sie sich
über die langen Haare. Die müssten auch mal wieder gewaschen werden, fiel ihr ein. Wenn
ich morgen wieder mit diesen Haaren auftauche, braucht es mich gar nicht zu wundern
wenn ihm Mia irgendwann besser gefällt...Mia, Mia, Mia. Sie hatte diesen Namen satt. Nicht
weil er ihn ständig erwähnen würde, sondern weil sie ihn selbst schon tausende Male
gesagt hatte. Im Stillen, und niemand hatte sie gehört. Früher hatte sie geglaubt, dass man
es spüren würde wenn es einem Menschen den man liebte schlecht ging. Man hatte doch
eine Verbindung zu diesem Jemand, zwei Seelen die sich verstanden ganz ohne Worte.
Zwei Herzen, die immer spürten, dass sie zusammengehörten, ganz egal wie weit sie
voneinander entfernt waren. Das hatte sie geglaubt.
Abrupt stand sie von ihrem Stuhl auf, riss den Bademantel vom Bügel an der Zimmertür und
ging ins Bad. Als sie die Badewanne sah, fragte sie sich, wann sie das letzte Mal gebadet
hatte und beschloss, es jetzt wieder einmal zu tun. Sie liess das Wasser zur Hälfte
einlaufen. Als sie sich hineinsetzen wollte, merkte sie, dass es viel zu heiss war. Sie liess
kaltes nachlaufen, so lange, bis ihre Mutter auftauchte. Sie schrak zusammen und drehte
sich sofort mit dem Rücken zur Tür. Kauerte sich zusammen und stellte das Wasser ab. Als
ihre Mutter das Zimmer wieder verlassen hatte, streckte sie sich aus. Jetzt war das Wasser
zu kalt. Sie wollte das Heisse noch einmal anstellen, aber ihre Mutter schrie durch die Tür
dass sie sofort aufhören solle. “Reine Verschwendung ist das was du machst! Wenn du
noch immer nicht begriffen hast, wie man Badewasser temperiert, kann ich dir auch nicht
helfen!“ Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Schon wieder. Versagerin, hämmerte es
hämisch in ihrem Kopf. Versagerin! Sie setzte sich auf und schlang die Arme um ihre Knie.
Sie fror. Dabei hatte sie sich nur mal wieder was Gutes tun wollen. Und das war schwer
geworden. Jetzt...jetzt sass sie frierend im lauwarmen Wasser, und ihre Stimmung war
endgültig auf dem Nullpunkt. Die Tränen im Mundwinkel schmeckten sehr salzig. Ihr Blick
fiel auf ihre Füsse. Die Narben waren noch frisch, die einen von vorgestern, die andere, die
lange, von gestern. Sie griff nach der Klinge die neben der Badewanne lag und setzte an.
Sie schien schon ziemlich stumpf zu sein, Schmerz spürte sie jedenfalls nicht. Sie wurde
hektisch und musste es mehrmals versuchen bis sie spürte dass das Metall in die Haut
griff. Ein scharfer Schmerz. Ich habe es verdient, dachte sie.
Sie liess das Wasser ablaufen. Die Schnitte färbten sich rot. Mit seltsamer Zufriedenheit
nahm sie es zur Kenntnis. Sie zog sich an, ohne einen weiteren Blick auf ihren Körper zu
werfen. Mit ihrer Figur hatte sie zwar kein Problem, aber sie wollte die anderen Narben auf
der Brust, dem Oberschenkel und dem Bauch nicht sehen. Sie schnitt sich immer nur an
Orten wo es niemand sehen konnte. Ausser einmal, da hatte sie sich beide Handgelenke
auf der oberen Seite der Arme zerschnitten. Sie hatte gewollt, dass er die Wunden sah. Er
hatte sie gesehen und versucht ihr zu helfen. Ihr gesagt dass er sie trotz allem liebe, so wie
sie war. Damals. Das war vor den Ferien gewesen, als Mia noch kein Begriff gewesen war...
Vor ihren Eltern hatte sie die Arme versteckt, behauptete sie hätte einen Ausschlag und
klebte Pflaster darüber.
Sie wussten es nicht. Und sie würden es nie erfahren.
Zurück in ihrem Zimmer begann sie zu lesen. Sie hätte lernen müssen, sie wusste es. Aber
sie fand den Willen dazu nicht. Was hatte er vor ein paar Tagen am Telefon gesagt?
“Manchmal glaube ich, du besitzt gar nicht den Willen, eine Situation die dir schadet zu
ändern.“
Sie ging nach unten, stellte sich auf dem Klo vor den Spiegel und betrachtete ihr Gesicht.
Ihre Augen. Da war kein Wille. Nur eine grosse Traurigkeit.
Eigentlich war sie hübsch, jetzt sah sie es selbst. Hübsch – aber zu traurig.
Ihr Gesicht strahlte eine Hoffnungslosigkeit aus, die sie erschreckte.
Sie wandte sich ab. Verzweiflung überschwemmte sie.
Sie fühlte sich unendlich einsam. Wie schön wäre es wenn er jetzt hier wäre. Wenn sie nicht
allein zu Bett gehen und noch stundenlang wachliegen müsste. Wenn er bei ihr wäre,
neben ihr liegen, sie in die Arme nehmen könnte...sie schüttelte den Kopf als ob sie die
Gedanken daran vertreiben wollte, aber das gelang nicht. Alles was sie wollte war dass er
für sie da war als Freund, der sie halten konnte, als Freund, der sie tröstete, dem sie etwas
bedeutete. Selbst wenn er sich irgendwann für Mia entscheiden würde, ihr Freund in
diesem Sinn würde er immer bleiben, das hatte er ihr versprochen. Beim Gedanken daran
fühlte sie sich ein bisschen besser.
Mitten in der Nacht wachte sie auf. Sie hatte vergessen, die Jalousie zu schliessen, und der
Mond schien direkt in ihr Zimmer. Sie seufzte leise und drehte sich so, dass sie ihn
betrachten konnte.
Sie spürte einen schwachen Lufthauch, der von der Tür zu kommen schien. Sie hob den
Kopf und erschrak, als sie die dunkle Silhouette erkannte, die leise näher kam. Aber bevor
sie irgendwie reagieren konnte, war die Gestalt bei ihr – und sie erkannte sie. Er...eine
Welle von Glück durchströmte sie und sie war für einen Moment nicht fähig irgendetwas zu
sagen. Er streckte die Hand aus und strich ihr eine Haarsträhne aus der Stirn. “Wie bist du
hierher...“, fing sie zaghaft an, doch er legte ihr einen Finger auf die Lippen. “Schhh, jetzt bin
ich hier. Es ist alles in Ordnung, mein liebes Piep...“ Piep war sein Spitzname für sie. Sie
setzte sich auf und streckte die Arme nach ihm aus wie ein kleines Kind. Vorsichtig kletterte
er neben ihr auf das Bett und legte sich hin. Zärtlich sah er sie an, seine Finger streichelten
sanft ihr Gesicht. Er beugte sich vor und küsste sie auf die Stirn. Dann nahm er sie in die
Arme und suchte mit seinen Händen ihre. Ihre Finger verschlangen sich ineinander und
eine unendliche Geborgenheit erfüllte sie. Er war hier. Alles würde gut werden...

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.04.2003. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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