Mathis Cramer

Geschichte ohne Titel

Der Dunkelheit wich Licht.
Seine Hand wanderte zur anderen Seite des Bettes.
Es war leer.
Er öffnete die Augen. Es war wirklich passiert.
Die hatten sich gestritten. Er wusste nicht einmal mehr warum. Hemmungslos hatten sie sich angeschrien. Laut. Schließlich hatte sie sich ihre Autoschlüssel und ihre Jacke genommen und hatte die Tür hinter sich zu geschlagen.
Sie hatte geweint.
Er richtete sich auf.
Er betrachtete ihr Bett. Die Decke war umgeschlagen. Das Kissen war leicht zur Seite verschoben.
Es regnete. Grauer Himmel.
Sein Gesicht vergrub er in den Handflächen. Was hatte er nur getan?
Als er sein Spiegelbild im Spiegel im Bad erkannte, wandte sich das Spiegelbild gleich von ihm ab. Er wollte sich nicht ansehen. Konnte sich nicht in die Augen schauen.
Rasieren. Warum? Für wen?
Wie lange war sie weg? Vier? Fünf Tage? Er wusste es nicht mehr. Nicht, weil es ihm egal war. Sondern weil er jeden Morgen auf neue hoffte, es sei alles nur ein böser Traum gewesen. Und jedes Mal traf es ihn aufs Neue. Allein.
Er konnte sich noch gut erinnern, wie er ihr zum Geburtstag einmal ein Tablett voll mit ihren Lieblingssachen zum Frühstück gemacht hatte, welches er ihr dann ans Bett gebracht hatte. Wie sie vor Freude gelacht hatte…
Sie war etwas Besonderes gewesen.
Jetzt saß er da. Allein auf dem Stuhl in der Küche. Der Regen prasselte an die Fenster. Die Tropfen, die daran herunter liefen, bildeten lange Striche, die dünner und dünner wurden. Bis sie dann zu kleinen Tropfen zerrissen…
So ein Tropfen – eine Träne – lief ihm nun über die Wange. Seit Jahren hatte er nicht mehr geweint. Sie war ihm immer eine Stütze gewesen. So wie er ihr. Aber jetzt. Jetzt war er wieder allein.
Plop! Das Auftreffen der Träne auf dem Kaffee riss ihn aus seinen Gedanken.
Der Hunger war ihm vergangen. Wie die Tage zuvor auch. Er stellte den Teller weg. Den Kaffee goss er in den Ausguss.
Er hatte damit abschließen müssen. Sie würde nicht wieder kommen. Nicht einmal, um ihre Sachen abzuholen.
Er hatte ihre Fotos zusammen gesammelt. Er hatte sie aus den Rahmen. Aus dem von der Kommode im Flur. Aus dem von seinem Schreibtisch in seinem Arbeitszimmer, wo er immer für irgendwelche Firmen neue Entwürfe angefertigt hatte…
Manchmal war sie wenn es schon spät war zu ihm hinein gekommen, hatte ihn umarmt und ihm einen Kuss auf die Wange gegeben.
Er hatte auch die Fotos im Wohnzimmer genommen. Jedes einzelne hatte er nacheinander in eine Schale gelegt und verbrannt. Er hatte nicht geweint als er beobachtet hatte, wie sich die hübsches Gesicht mit den kleinen Grübchen in Asche verwandelt hatte. Nur die große Kohlezeichnung im Wohnzimmer hatte er nicht angerührt. Es war ein Geschenk von ihm an sie gewesen. Sie hatte ihm Portrait gestanden.
Nun stand er vor dem Bild. Sie lächelte. Sie hatte so etwas in den Augen. Eine klare Farbe in diesen Augen, die man nie vergaß wenn man sie einmal gesehen hatte. Sternenaugen. Diesen Blick. Ein Blick, der herausfordernd und warmherzig war. Den hatte er damals eingefangen. Eigentlich ging das gar nicht, aber doch war es ihm gelungen.
Kurz darauf waren sie dann zusammen gezogen.
Er brachte es nicht übers Herz, es abzunehmen und weg zu werfen. Er setzte sich auf das Sofa gegenüber dem Bild und starrte es an.
Lange saß er so da. Viel ging ihm durch den Kopf.
Er dachte darüber nach, wie sie sich kennen gelernt hatten.
Auf einem Konzert. Nickelback. Er hatte die ganze Zeit neben ihr gestanden. Als er sich nach seinem besten Kumpel umgedreht hatte, waren sie zusammen gestoßen. Er hatte ihr Bier über das Shirt gekippt. Er hatte sich entschuldigt und ihr eins von seinen T-Shirts aus dem Wagen geholt. Es war ihr viel zu groß gewesen. Sie hatte niedlich ausgesehen. Beide haben gelacht und er hatte ihr ein neues Bier ausgegeben. Sie hatten Kontakt gehalten. Waren zusammen zu Konzerten gefahren. Und schließlich hatten sie sich zum ersten Mal geküsst. Zu „Trying not to love you“.
Er ertrug diese Gedanken nicht mehr. Es war eine wundervolle Zeit gewesen. Zweifels ohne. Aber das war vorbei. Sie war gegangen und würde nie wieder kommen. Nie mehr wieder…
Er stand auf. Riss das Plakat von der Wand.
Ein Geräusch hallte von draußen aus dem Treppenhaus her. Schritte. Dann wurde ein Schlüssel ins Schloss gesteckt und gedreht…

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.04.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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