Bodo Mario Woltiri

„Da schau her" – Betrachtungen aus dem Küchenfenster

Die Gebildeteren lesen oder hören Musik, die anderen schauen aus dem Fenster.“ (Maigret in Simenon: „Maigret und das Gespenst“)

17. März 2013

Ich sitze am Küchentisch und schaue zum Fenster hinaus auf die Straße – unsere Straße, die ich bis auf hundert Meter geradeaus im Blickfeld habe. Heute ist Sonntag. Ich habe mein Frühstück beendet und sitze bei einem Glas grünem Tee am Tisch. Ich lese in Bill Mockridges Buch „Je oller je doller“ das Kapitel „Regeln einer Ehe“ (meine Frau ist gerade mit dem Hund namens Emma (!) gassi).

Aber natürlich hebe ich immer wieder meinen Blick von der Lektüre und richte ihn nach draußen auf die Straße. Soeben biegt ein junges Paar auf die Gerade ein. Elegant bewegen sich beide im synchronen Wiegeschrittauf ihren Rollerblades. Ich werde ein bisschen neidisch. Das hat doch was, dieses Bild von „gemeinsam-gleiten-wir-durchs-Leben“. Diese Leichtigkeit und Beschwingtheit. Etwas anderes ist es da schon, wenn ich mit meiner Frau und Emma (sic!) diese Straße entlanggehe. Entlanggehen ist das richtige Wort. Denn wir gehen selten mitten auf der Straße, da sich unser Hund (oder Hündin, wie ich gerne an dieser Stelle betone) mehr für die Ränder „entlang“ der Straße interessiert. Sei es, weil sie die Spur ihrer Artgenossen verfolgt, sei es, weil sie einfach ihr Geschäft verrichten muss. Allein schon dieses „Geschäftliche“ unseres Spaziergangs macht den Unterschied deutlich zu dem leichtfüßigen, schwingenden Ausflug des jungen Paars.

Aber was sind das überhaupt für Leute, die sich hier tagtäglich über diese Straße bewegen? Nun, zwei Gattungen habe ich ja schon erwähnt: die Gassigeher – und hier gibt es viele Hunde (keiner von ihnen ist natürlich herrchen- oder frauchenlos), die ausgeführt werden wollen (vielleicht ist das der tiefere Sinn des Begriffs Exportnation und die Hundesteuer nur eine „Ausführsteuer“? Aber ich schweife ab, wie unser Hund) – und die Spaziergänger und Fußgänger, auf Schusters Rappen oder eben auch auf Rollerblades. Doch an einem Sonntag sind deutlich weniger Leute unterwegs. Es sei denn, sie gehen zum Brötchenholen, wie jetzt gerade mein Sohn.

An einem Sonntag werden auch nur wenige der vielen PKWs von der Stelle bewegt. Für mich eine gute Gelegenheit, sie nach Farben zu sortieren. Dabei fällt mir auf, dass es immer mehr weiße – vor allem fette Audis und Renaults – gibt. Also richtig schneeweiß, nicht so schmutzigweiß wie der Restschnee an den Straßenrändern. Nein, ein ganz reines und unschuldiges Weiß. Aber ich schweife wieder ab. Ganz anders als meine Frau, die soeben zielstrebig und geradeaus mit unserem Hund auf unser Haus zusteuert. Wird ja auch Zeit, denn gleich geht sie zum Gottesdienst – ohne mich. Ich bin heute krank, bleibe im Schlafanzug am Frühstückstisch sitzen, schreibe diese Zeilen, lese, denke nach – und schaue hinaus auf unsere Straße.

(c) Bodo Mario Woltiri 2013

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In meinen Gedichten, schreibe ich mir meine eigene Realität, meine Träume auch wenn sie oft surreal, meistens abstakt wirken. Schreiben bedingt auch meine Sprache, meine Denkmechanismen mein Gefühl für das Jetzt der Zeit.

Ich vernehme mich selbst, ich höre tief in mich rein, bin bei mir, hier und jetzt. Die Sprache ist dabei meine Helfershelferin und Komplizin, wenn es darum geht, mir die Wirklichkeit vom Leib zu halten. Wenn ich mein erzähltes Ich beschreibe, beeinflusse, beschneide, möchte ich begreifen, wissen, welche Ursachen Einflüsse bestimmte Dinge und Menschen auf mein Inneres auf meine Handlung nehmen, wie sie sich integrieren bzw. verworfen werden um mich dennoch im Gleichgewicht halten können.

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