Kho Liang Ie
Der berühmte chinesische Designer Kho Liang Ie wurde 1927 in Magelang (Indonesien) geboren. Indonesien war damals noch holländische Kolonie, aber wir wissen nicht mehr, warum Kho in den späten 40er Jahren nach den Niederlanden emigrierte. Wahrscheinlich sind wirtschaftliche Gründe. Jedenfalls kommt er nach eigenen Worten „ungefähr 1949“ – also mit circa 22 Jahren - nach Amsterdam. Fast legendarisch mutet es an, dass er bereits ein Jahr später am Institut für Kunstnijverheisonderwijs (der späteren Gerrit Rietveld Akademie) in Amsterdam Design und Innenarchitektur studierte. Nach dem erfolgreichen Abschluss dieses Studiums 1954 ging seine bemerkenswert steile Karriere als Designer weiter. Noch im Abschlussjahr wurde er Stilberater für die Goed- Wonen (Good Living)-Foundation in Rotterdam. Es fällt auf, dass Kho Liang Ie praktisch sofort nach seinem Studium beratende Tätigkeiten aufnahm. Er muss von Anfang an ein hohes ästhetisches Bewusstsein gehabt haben und auch eine gute Menschenkenntnis. Ihn interessierte nicht nur das Design, sondern auch der Designer und er zeigte auch hier in der Folge seine ausgesprochen glückliche Hand. Kho’s Tätigkeit bei Goed Wonen währte bis 1956.
Im Jahr 1958 wird er von Artifort als ästhetischer Berater eingestellt, was sich als äußerst fruchtbares Arbeitsverhältnis erweist, denn Kho übt seine Tätigkeit dreistrangig aus. Er ist für Artifort nicht nur Möbeldesigner, sondern holt für das aufstrebende Unternehmen Designer wie Pierre Paulin und Geoffrey Harcourt mit ins Boot. Kho wird außerdem für seine Kongresse und Ausstellungen bekannt, die er regelmäßig organisierte, und die die Firma Artifort über die niederländischen Grenzen zur internationalen Marke werden ließen.
Als Designer förderte er – wie lange vor ihm das deutsche Bauhaus – die Kooperation zwischen Gestaltung und Industrie. Die vorher eher bieder zu nennenden Produkte Artiforts zwang Kho durch streng formale Zurückhaltung und schuf so eine spezifisch niederländische Formidee, die man vielleicht „gezügelte Opulenz“ nennen könnte.
In diesem Rahmen muss das Sofa C 070 genannt werden, dass Kho 1964 für Artifort designte. Schwelgende Rundungen sind hier völlig aufgegeben worden. Das hohe und nicht zu tiefe Sofa steht gepolstert auf einem stabilen eckigen und schnörkellosen Stahlrahmen. Es zeigt im Gesamtbild ein edles Rechteck und vermittelt wirkungsvoll zwischen Klarheit und – darf man es sagen? – Gemütlichkeit.
Mit Harry Sierman entwickelte Kho 1964 ein neues Firmenlogo für Artifort, das noch heute das Markenzeichen der Firma ist. Als Mitte der 60er Jahre der Amsterdamer Flughafen Schiphol für den internationalen Flugverkehr ausgebaut wurde, arbeitete Kho Liang Ie mit am Design seiner Inneneinrichtung.
Der sympathische Pfeifenraucher starb völlig überraschend an Neujahr 1975. Er wurde nur 47 Jahre alt.
Geoffrey Harcourt
Der Designer Geoffrey Harcourt wurde 1935 in London geboren. Seine Lehrzeit absolvierte er an der technischen Hochschule in High Wycombe und wurde dann am Londoner Royal College of Art ausgebildet.
Harcourt gehört zu den Produktgestaltern, die in den frühen 60ern vom dem ästhetischen Berater Kho Liang Ie in das niederländische Unternehmen Artifort berufen worden. Wie Kho’s und auch Paulins Designs, wurden Harcourts Möbelentwürfe für den Stil Artiforts wegweisend. Gleichzeitig wurde der englische Designer von Artifort der Öffentlichkeit bekannt gemacht und trug selbst mit dazu bei, die niederländische Firma dem internationalen Markt zu öffnen.
Schon sein zweiter Entwurf für Artifort, die Serie 042 aus dem Jahr 1963, wurde weltweit ein Erfolg. Der Clubsessel hat die nur leicht nach innen abgerundete Form eines quadratischen Kastens, vorn geöffnet. Füße und Rahmen sind klassisches Stahlrohr. Der Rahmen fasst den Sessel bis unter die Lehne, zügelt und veredelt gleichermaßen Form, wie Farbe und Material des Sessels. Die Serie 042 markiert wie die Entwürfe Kho’s den Weg, den Artifort seit den 60er Jahren nun einschlagen sollte. Sie ist auch der Auftakt für Harcourts Weg, der seinen Schwerpunkt seither hauptsächlich auf Entwürfe von Sitzmöbeln für Empfangsräume legt.
„First the man, than the chair“. Harcourts Maxime ist meist eingehalten worden. Eine Ausnahme stellt sein spektakuläres Sofa Chaise Longue C248 dar, ein Entwurf aus dem Jahr 1973. Hartcourt designte das Sofa als Hommage an die Entwürfe seines Kollegen Pierre Paulin. Die Chaise Longue, die den Spitznahmen Cleopatra bekam, könnte in Design und Ausstattung an die Tongue-Sitzgruppe Paulins erinnern, wären nicht als Detail unter der organischen Form vier winzige Rollen angebracht, die wie die Füße eines Insektes wirken und den Betrachter an surreale Bilder gemahnen. So krümmt sich das Sofa denn auch gleich einer Raupe nach oben und erhält so eine Kopfstütze, die in ihrer Fortführung die Rückenlehne des Sofas andeutet. Das Sofa zählt zu den bekanntesten Möbeln Harcourts.
Seine Designs der 60er Dekade dienten der Ausstattung öffentlicher Plätze. Wartehallen und Lounges wurden mit Harcourts edel-markanten Interieurs möbliert. Sein Schwerpunkt verlegte sich in den 80er Jahren auf den Business-Bereich, der von Artifort bis dahin noch nicht bedient wurde.
Bis in die neueste Zeit arbeitete Geoffrey Harcourt von seinem Studio in Benson, Oxfordshire, aus. Er ist Preisträger des britischen Royal Designer for Industry’- Awards.
Pierre Paulin
Der französische Produktgestalter Pierre Paulin wurde am 9.7.1927 in Paris geboren. Er studierte Design an der Pariser Camondo-Schule. Seine praktische Ausbildung folgte 1954 im traditionsreichen deutschen Unternehmen Thonet, für das er bereits in dieser Zeit preisgekrönte Möbel entwarf.
Damals trat er jedoch noch nicht durch sein später so typisches Design hervor, dass er erst bei Artifort entwickeln sollte. Bezeichnend für seine Arbeiten bei Thonet ist der Schreibtisch aus Holz mit zwei Schubladen. Hier schließt sich gleichsam ironisch der Kreis zwischen den Bauhaus-Schreibtischen Marcel Breuers und einer rohen Form der Deutschtümelei. Paulins Schreibtisch ist funktional und zeugt zudem vom Humor des Designers.
1958 folgte Paulin dem Ruf Kho Liang Ie’s in das niederländische Unternehmen Artifort. Hier änderte sich Paulins Design radikal. Schon auf einer der ersten von Kho inszenierten Ausstellungen rief er mit einer muschelförmigen Sitzgruppe außerordentliches Aufsehen hervor. Paulin trat jetzt zunehmend mit runden, menschlichen Körperpartien nachempfundenen Formen an die Öffentlichkeit. Die Farbgebung reizte durch ihre Buntheit. Paulin bezog seine Sitzmöbel – zunächst in Ermangelung geeigneterer Materialien – unter anderem mit Stoffen für Badeanzüge.
Dieses Design polarisierte, schockierte und setzte Maßstäbe für die Zukunft. Es erweiterte das Spektrum nicht nur Artiforts, sondern revolutionierte den Markt des gesamten Designs und rückte den Möbelhersteller in ein völlig neues Licht. Dies sollte sich bis in die Entwürfe des Inneninterieurs Dalís in Figueras auswirken.
Typisch für den Stil Paulins ist der Sessel Tongue für Artifort, ein Möbel in einem weichen kühnen S-Kurvenschwung, der menschlichen Zunge nachempfunden. Es verzichtet vollständig auf Stuhlbeine und gibt dem Körper einen extrem tiefen Sitz. Da der Sessel vollständig bezogen ist, vermittelt er den Eindruck, aus einem einzigen Material zu bestehen.
Hier wird Design von der Gebrauchskunst wieder zur reinen Kunst im nachahmenden aristotelischen Sinne zurückgeführt. Und wieder einmal folgt die Form der Funktion, befreit sich und wird L’Art pour L’Art.
Pierre Paulin erwarb sich zudem nachhaltigen Ruf durch die Umgestaltung der Inneneinrichtung des Elyseepalastes im Auftrag Georges Pompidous und später François Mitterrands. Im Jahr 2008 wurde Paulin mit einer Retrospektive mit dem Titel „Das Design der Macht“ geehrt.
Er starb ein Jahr später am 13. Juni 2009 im Alter von 81 Jahren in einem Krankenhaus in Montpellier und wurde im Kreise seiner Familie in Nîmes beigesetzt. Bedeutende Museen wie das New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) stellen dauerhaft Sammlungen von Designermöbeln Pierre Paulins aus.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.05.2013.
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