Andreas Rüdig

Kevelaer

 Kevelaer ist eine Stadt am linken Niederrhein. Sie gehört zum Kreis Kleve. Die Stadt ist besonders als einer der wichtigsten Marienwallfahrtsorte Deutschlands bekannt.

Die ersten Zeugnisse einer Siedlung in Kevelaers gehen bis in die ältere Eisenzeit zurück (etwa 800 v. Chr.). Eine Brunnenanlage sowie Urnenfunde deuten darauf hin. Eine erste schriftliche Nachricht über die Bewohner dieses Raums gibt der römische Feldherr Julius Caesar in seiner Beschreibung des Gallischen Krieges (58–51 v. Chr.). Er nennt sie Menapier (Volksstamm im belgischen Gallien, der sich von der Nordsee bis an den Rhein ansiedelte). Die Gründung des Ortes erfolgte in der Merowingerzeit, wie Reste von Grabfunden belegen, die in den 1960er Jahren gefunden wurden. Sie stammen aus dem mittleren Drittel des 6. Jahrhunderts. 450 m westlich davon wurden nahe der heutigen Antonius-Kirche bei Ausgrabungen Scherben des 9. Jahrhunderts gefunden, die die Lage der ersten Siedlung anzeigen.

Urkundlich wird Kevelaer erstmals am 10. Mai 1300 erwähnt. Bei dieser Urkunde handelt es sich um eine Verkaufsurkunde über einen Bauernhof. Zu dieser Zeit besteht Kevelaer aus Bauernhöfen und Katen. Der Ort befindet sich zu großen Teilen im Besitz des Stiftes Xanten und des Klosters Grafenthal. Die Bauernschaften Kevelaer und Wetten gehörten im Spätmittelalter zu der Grafschaft Geldern. Am 19. März 1339 wurde die Grafschaft zum Herzogtum erhoben. Die heutigen Gemeinden Kervenheim und Winnekendonk gehörten zu diesem Zeitpunkt dem Herzogtum Kleve an.

Durch den Vertrag von Venlo vom 12. September 1543 wurde das Herzogtum Geldern in und das so genannte Kroatenkreuz in Kevelaer.seiner damaligen Form aufgehoben und zu einer der 17 Provinzen der Niederlande Spanische Niederlande erklärt. 1559 erfolgte eine Bistumsreform durch Margarethe von Parma, wodurch die Bauernschaften Kevelaer, Twisteden und Wetten, welche bis dato zum Erzbistum Köln gehörten, dem neuen Bistum Roermond unterstellt wurden. Winnekendonk und Kervenheim verblieben im Erzbistum Köln.

Im Krieg um die Vorherrschaft in den Spanischen Niederlanden marschierten niederländische Truppen in die Stadt Geldern ein. Sie plünderten die umliegenden Dörfer Kevelaer, Twisteden und Wetten. Zudem wurde die Ausübung der katholischen Religion verboten. 1586 wurde die Pfarrkirche des unbesetzten, im Herzogtum Kleve gelegenen Winnekendonk, durch Spanier geschändet.

1614, unmittelbar vor dem Dreißigjährigen Krieg, fiel das Herzogtum Kleve an das protestantische Kurbrandenburg. Mitten durch das heutige Stadtgebiet verlief eine neue Staatsgrenze. Kervenheim und Winnekendonk gehörten zum protestantischen Brandenburg und Kevelaer. Twisteden und Wetten gehörten dagegen zu den katholischen Niederlanden. Die kroatischen Söldner stürmten am 1. August 1635 die Schanze in Kevelaer und töteten 100 Dorfbewohner. An dieses Ereignis erinnert noch heute die Kroatenstraße

Das wohl wichtigste Datum für die Geschichte Kevelaers ist der 1. Juni 1642. Der geldrische Händler Hendrick Busmann hörte kurz vor Weihnachten 1641 an der Kreuzung der alten Handelsstraßen Amsterdam–Köln und Münster–Brüssel dreimal den geheimnisvollen Ausruf: „An dieser Stelle sollst du mir ein Kapellchen bauen!“. Ausgelöst durch diese Ereignisse faßte er den Beschluß, an dieser Stelle ein Kapellchen zu bauen. Nachdem seine Ehefrau Mechel bei Nacht ein großes, glänzendes Licht gesehen hatte, in dessen Mitte sich ein Heiligenhäuschen mit einem Andachtsbild befand, löste er sein Versprechen ein und baute trotz widriger Zeiten einen Bildstock in der Gestalt, wie ihn Mechel gesehen hatte, an dieselbe Stelle, wo er die Stimme zuvor vernommen hatte.

Die katholischen Überlieferung der Wallfahrt zu Kevelaer berichtet von vielen Wunderheilungen. Die ersten Darstellungen von Wundern stammen aus den Jahren 1642/1643. Beispiele gefällig? Aber gerne 1642 soll der gelähmte Peter van Volbroek aus Hassum nach einer Pilgerreise nach Kevelaer geheilt worden sein. 1643 soll Eerutgen Dircks, eine Frau aus Huissen, nach zweimaligem Besuch in Kevelaer ohne ärztliche Behandlung von jahrelang offenen Wunden an den Beinen geheilt worden sein.

Im Zentrum der Wallfahrt steht die Gnadenkapelle (allgemein), welche das Gnadenbild von Kevelaer beheimatet.

Die Kapelle wurde im Jahr 1654 um einen Bildstock errichtet. Dieser Bildstock wurde von einem Mann namens Hendrick Busman errichtet, der Überlieferung nach über dem Ort, wo dieser – im Dreißigjährigen Krieg, in der Weihnachtszeit des Jahres 1641 – inne gehalten hatte, um an einem Wegkreuz zu beten. Über ihm soll sich der Himmel geöffnet haben, und er soll die Gottesmutter gehört und verstanden haben können. Drei Male soll er den Anruf „An dieser Stelle sollst du mir ein Kapellchen bauen!“ vernommen haben. Nachdem auch seine Ehefrau eine Vision eines Heiligenhäuschens mit Gnadenbild hatte, baute Hendrick Busman er als „Schutzhülle“ ein Heiligenhäuschen, zu dessen Schutz dann die heutige Gnadenkapelle errichtet wurde.

Die Gnadenkapelle ist ein sechseckiger Kuppelbau, der auf der Seite des Gnadenbildes eine große, portalartige Fensteröffnung besitzt. Die künstlerische Ausgestaltung der Kapelle wurde erst im Jahr 1888 begonnen und vier Jahre später abgeschlossen.

Das Gnadenbild stammt aus den Händen von Soldaten, die es bei sich trugen, und es 1641 an Hendrick Busmann veräußerten. Seine Frau hatte dieses Bildchen bereits in ihrer Vision von dem Heiligenhäuschen gesehen, nachdem Busman selbst es bereits vorher bei den Soldaten entdeckt hatte. Das Gnadenbild wurde zunächst in Geldern aufbewahrt und verehrt, und erst 1642 in den Bildstock gebracht.
1795 wurde die Festung Geldern von preußischen Truppen belagert. Die Belagerung dauerte rund ein Jahr an, bis Geldern kapitulierte. Neben Kervenheim und Winnekendonk, fielen nun auch Kevelaer, Twisteden und Wetten an Preußen. Kirchlich unterstand Kevelaer weiterhin dem Bistum Roermond, das zu dieser Zeit österreichisch war.

Im April 1792 begann der erste Koalitionskrieg gegen Frankreich, an dem auch Preußen teilnahm. Im Zuge des Krieges wurden Kevelaer und Kervenheim noch im Dezember desselben Jahres durch französische Truppen besetzt. Das Gnadenbild wurde zum Schutz vor den Besatzern in der St.-Antonius-Pfarrkirche versteckt. Bei der Besatzung wurden vom Kloster bzw. der Bevölkerung 100 Pfund Fleisch und 200 Pfund Brot erpresst, kurz darauf wurden die Patres als Geiseln genommen und zur Auslösung wurden etwa 3.000 bis 4000 Taler gezahlt.

Nach einer kurzen Aufhebung der Besatzung marschierten französische Truppen 1794 erneut in das Rheinland ein. Sie konnten diesmal die französische Staatsgrenze bis zum Rhein ausweiten. Durch den Frieden von Basel im Jahr 1795 wurde das gesamte linksrheinische Gebiet mit Kevelaer französisch. Schnell wurden dabei in der Franzosenzeit französische Strukturen im Rheinland aufgebaut. Kevelaer gehörte zum Arrondissement de Clèves im Département de la Roer. Drei Jahre später wurde die Mairie (später Bürgermeisterei) Kevelaer geschaffen, wozu die Gemeinden Kevelaer, Kleinkevelaer, Twisteden und Wetten gehörten.

Im selben Jahr wurden Prozessionen im Freien verboten und sämtliche Kreuze an Wegen und Kirchen entfernt, was verständlicherweise einen schweren Schlag für den Wallfahrtsort Kevelaer darstellte. 1801 wurde das Bistum Roermond aufgelöst und Kevelaer wurde dem Bistum Aachen zugeordnet. Im Sommer des folgenden Jahres wurden durch Konsularbeschluss alle Klöster aufgelöst, auch das Oratorianerkloster in Kevelaer. Aufgrund der von den Franzosen betriebenen Säkularisation befand sich die Gnaden- und Kerzenkapelle von 1802 bis 1806 in staatlichem Besitz.

1821 wurde Kevelaer nach 20 Jahren im Bistum Aachen erneut einem anderen Bistum unterstellt. Seither gehört Kevelaer zum Bistum Münster.

In Kevelaer, wo eine niederländisch-niederdeutsche Mundart gesprochen wird, löste ein Beschluss des Bischofs von Münster und der preußischen Herrschaft Unmut aus. Predigten und Schulunterricht mussten ab sofort auf hochdeutsch gehalten werden. Ebenso wurden neue Gebetbücher in deutscher Sprache gedruckt. Für die Menschen in Kevelaer war dies damals eine kaum verständliche Sprache. Bis heute wird in Kevelaer noch von einigen Altersgruppierungen das Kevelaerer Platt gesprochen.

In den 1820er Jahren wurden Wallfahrten, vor allem aber Wallfahrten mit Übernachtungen, durch den Bischof von Münster und durch die preußische Herrschaft verboten. Dieses Verbot, welches die Kevelaerer zum wiederholten Male enorm traf, wurde erst um 1840 aufgehoben.

1831 wurde Kevelaer vom späteren Kaiser Wilhelm I., und zwei Jahre später, 1833, vom preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm besucht. Nach dem Besuch des Kronprinzen wurden die Verbote gegenüber der Wallfahrt etwas gelockert.

War Kevelaer von der Märzrevolution noch kaum betroffen, so änderte sich dies 1871 durch den vom Reichskanzler Otto von Bismarck initiierten Kulturkampf. Zwischen 1871 und 1873 wurden der Kanzelparagraph eingeführt, der Jesuitenorden verboten und zum Höhepunkt des Kulturkampfes die Maigesetze erlassen. Im Oktober 1873 predigte der Mainzer Bischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler, dem mehr als 25.000 Menschen nach Kevelaer gefolgt waren, gegen diese Erlasse.

In dieser Zeit wurden im Regierungsbezirk Düsseldorf nur noch Prozessionen erlaubt, die schon seit Jahrzehnten zu einem Wallfahrtsort pilgerten. Im Zuge des Kulturkampfes wurde das Kevelaerer Priesterhaus beschlagnahmt. Die Polizisten, die die Ausführung verweigerten, wurden aus dem Dienst entlassen. Im Gegenzug wurden diejenigen, die bei der Beschlagnahmung mitwirkten, für knapp zwei Jahre exkommuniziert. Durch den nun offen ausgetragenen Kampf zwischen der Staatsgewalt und der katholischen Kirche war die Existenz der Kevelaerer Wallfahrt bedroht.

1884 wurde dem Pfarrer von Kevelaer das Privileg verliehen, an den Marienhochfesten den päpstlichen Segen zu erteilen. Dieses Privileg besteht noch bis heute.

Im Jahr des 250-jährigen Bestehen der Kevelaerer Wallfahrt, 1892, wurde dem Gnadenbild durch den Papst eine goldene Krone Im Oktober 1920 wurde der Niederrheinische Katholikentag in Kevelaer abgehalten. 1923 wurde die Marienkirche zur päpstlichen Marienbasilika erhoben.verliehen. Die Krone wurde in einer Kevelaerer Goldschmiede hergestellt und durch Votivgaben geschmückt. Durch diese Krönung wurde das Gnadenbild in die von Rom anerkannten und bestätigten Gnadenbilder aufgenommen. 1900 wurden in der Pfarrkirche Wetten während des Abbruchs des Hochaltars vier Reliquien entdeckt. Eine davon stammte vom Hl. Klemens.

Vier Jahre später wurde mit dem Bau des Kevelaerer Wasserturms begonnen. Die Arbeiten wurden 1905 abgeschlossen. Statt über Privatbrunnen sollten die Kevelaerer nun über diese zentrale Stelle mit Wasser versorgt werden. 1906 floss das erste Leitungswasser.
Im Ersten Weltkrieg war Kevelaer Garnisonsstadt, bekam aber außer der Einquartierung von Soldaten und der Aufhebung des Bahnverkehrs direkte Kriegsfolgen kaum zu spüren.

Dies änderte sich erst 1918 mit der Niederlage Deutschlands und der folgenden Besatzung Kevelaers durch belgische Truppen. Die Bewohner wurden mit strikten Auflagen konfrontiert. Personen, die uniformierte Besatzer nicht grüßten, wurden ins Gefängnis gesteckt. In den Hausfluren mussten Hausbewohnerverzeichnisse ausgehängt werden. Es bestand ein nächtliches Ausgehverbot. Briefe, die länger als zwei Seiten waren, wurden nicht befördert. Alle Briefe wurden von einer Behörde überprüft und gegebenenfalls zensiert. Lebensmittel wie Brot, Fleisch und Fett waren rationiert. Man erhielt sie nur durch das Vorzeigen von sogenannten Lebensmittelkarten. Die belgische Besatzung blieb bis 1926 bestehen.

 

Während der Inflation in der Weimarer Republik druckte Kevelaer 1921 sein eigenes Notgeld. Die Scheine zeigten unter anderem als Motive das Wappen Kevelaers, die Gnadenkapelle, die Gottesmutter Maria und Bauern in der Kevelaerer Tracht mit den Worten „Dor hör ek t’hüß“ („dort bin ich zu Hause“).

Wie bereits während der französischen Besatzung und während des Ersten Weltkrieges wurde das Gnadenbild auch im Zweiten Weltkrieg versteckt.

Drei Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs fand in Kevelaer im April 1948 der erste internationale Kongress der katholischen Friedensbewegung statt. Der Besuch des französischen Bischofs Pierre-Marie Théas gehörte zu den ersten, weithin beachteten Initiativen zur Völkerversöhnung zwischen Franzosen und Deutschen. Am 3. April 1948 wurde in Kevelaer auch formell die deutsche Organisation von Pax Christi gegründet. In den Jahren 1958, 1973 und 1988 fanden in Kevelaer weitere Pax Christi-Treffen statt.

Durch Erlass des Innenministers des Landes Nordrhein-Westfalen wurde der Gemeinde Kevelaer am 25. Mai 1949 das Stadtrecht verliehen.

1985 fanden die erste Motorradwallfahrt und das erste Weltmusikfestival (anfangs als Int. Folkfestival) statt, die seitdem jährlich durchgeführt werden.

Im Jahr 1987 wurde Kevelaer anlässlich des Marianischen Weltkongresses von Papst Johannes Paul II., der Seligen Mutter Teresa, sowie von Joseph Kardinal Ratzinger besucht.

Soweit zum kirchlich interessanten Teil der örtlichen Stadtgeschichte. Der weltliche Teil der Historie wurde hier aus verständlichen Gründen weggelassen.

Im Stadtkern Kevelaers befinden sich knapp 200 denkmalgeschützte Gebäude. Darunter fallen unter anderem die historischen Kirchenbauwerke, aber vor allem Gebäude aus der Zeit der Jahrhundertwende. Die im wilhelminischen Zeitalter entstandenen Bauwerke sind insbesondere wegen ihrer aufwändigen Gestaltung der Frontfassaden sehenswert. Darunter fällt zum Beispiel das Haus Stassen mit seinem Erker und den verzierten Giebel, das im 19. Jahrhundert errichtete Goldschmiedehaus Polders, die Apotheke auf der Hauptstraße die im 17. Jahrhundert als Hotel und später als Brauerei genutzt wurde, das Buerohaus Schreiner am Friedensplatz, der Wasserturm, der zwischen 1904 und 1905 gebaut wurde, das blaue Gebäude und eine Reihe von Gebäuden auf der Annastraße. Ebenso unter Denkmalschutz steht der etwa 1 Kilometer lange Kreuzweg, in dem die 14 Stationen der Passion Christi dargestellt werden.

In der gesamten Innenstadt wurden einzelne Kunstwerke aufgestellt, die das Stadtbild ausschmücken. Am Peter-Plümpe-Platz (Marktplatz) befindet sich das Alte Rathaus, dessen Grundsteinlegung 1902 stattfand und das ein Jahr später fertiggestellt war. An dem Gebäude sieht man noch heute das alte Wappen der Stadt Kevelaer. Es zeigt auf der rechten Seite das Kreuz von St. Antonius und auf der linken Seite ein Kleeblatt. Ebenfalls von historischer Bedeutung ist das so genannte Kroatenkreuz, das an die am 1. August 1635 getöteten Kevelaerer erinnert. Damals fielen kroatische Truppen in Kevelaer ein und töteten 100 Kevelaerer in ihren Schutzanlagen.

Historisch interessant ist zudem die Burg Kervendonk, die in der Gemeinde Kervenheim liegt. Die Burganlage wurde urkundlich zum ersten Mal 1270 erwähnt. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts wurde die Anlage ausgebaut. 1757 wurde die Burg durch einen Stadtbrand zu großen Teilen zerstört. Die Reste wurden danach als Gutshof genutzt. Seit dem Ende des 20. Jahrhundert stehen Teile des Grundstückes im Besitz der evangelischen Kirchengemeinde und in Privatbesitz. Ebenfalls in Kervenheim liegt das denkmalgeschützte Potthaus, welches 1733 zum ersten Mal urkundliche Erwähnung findet. Das Potthaus war eine Töpferei die Keramiken herstellte, die wohl von ausgezeichneter Qualität und deshalb überregional bekannt waren. Das Gebäude ist im so genannten Gulfhaus-Stil gebaut.

Im Zentrum der Wallfahrt steht die Gnadenkapelle, welche das Gnadenbild von Kevelaer beheimatet.

Die Kapelle wurde im Jahr 1654 um einen Bildstock errichtet. Dieser Bildstock wurde von einem Mann namens Hendrick Busman errichtet, der Überlieferung nach über dem Ort, wo dieser – im Dreißigjährigen Krieg, in der Weihnachtszeit des Jahres 1641 – inne gehalten hatte, um an einem Wegkreuz zu beten. Über ihm soll sich der Himmel geöffnet haben, und er soll die Gottesmutter gehört und verstanden haben können. Drei Male soll er den Anruf „An dieser Stelle sollst du mir ein Kapellchen bauen!“ vernommen haben. Nachdem auch seine Ehefrau eine Vision eines Heiligenhäuschens mit Gnadenbild hatte, baute Hendrick Busman er als „Schutzhülle“ ein Heiligenhäuschen, zu dessen Schutz dann die heutige Gnadenkapelle errichtet wurde.

Die Gnadenkapelle ist ein sechseckiger Kuppelbau, der auf der Seite des Gnadenbildes eine große, portalartige Fensteröffnung besitzt. Die künstlerische Ausgestaltung der Kapelle wurde erst im Jahr 1888 begonnen und vier Jahre später abgeschlossen.

Das Gnadenbild stammt aus den Händen von Soldaten, die es bei sich trugen, und es 1641 an Hendrick Busmann veräußerten. Seine Frau hatte dieses Bildchen bereits in ihrer Vision von dem Heiligenhäuschen gesehen, nachdem Busman selbst es bereits vorher bei den Soldaten entdeckt hatte. Das Gnadenbild wurde zunächst in Geldern aufbewahrt und verehrt, und erst 1642 in den Bildstock gebracht.

Neben der Gnadenkapelle befindet sich die Kerzenkapelle, die älteste Wallfahrtskirche der Stadt Kevelaer, die zwischen 1643 und 1645 errichtet wurde. Der Kirchenraum ist mehr als 30 Meter lang, etwa 10 Meter breit und 15 Meter hoch und ähnelt durch diesen Baustil einer schmalen Filialkirche. Der einschiffige Backsteinbau besitzt keinen Turm, sondern wurde mit einem Dachreiter ausgestattet. Später wurde der Kirche eine Sakristei angeschlossen. Schutzpatron der Kirche ist der Erzengel Michael. In der Kerzenkapelle gibt es eine Fülle an Wappenschildern, die die Wallfahrtstradition dokumentiert.


Soweit zur Theorie. Wie die Praxis aussehen kann, zeigt ein Besuch in Kevelaer.

Wer mit Bus und Bahn anreist, steigt am Bahnhof aus. Zwei Gleise hat dieser Bahnhof; wer aus Düsseldorf kommt, muß erst einmal Treppe steigen – der Ausgang ist mit über eine Gleisüberquerungsbrücke zu erreichen. Sehr luftig ist das Gelände. Neben überdachten Sitzplätzen, Fahrkartenautomaten und der Radstation enthält das Bahnhofsgelände auch einen Kiosk und eine Servicestation der Deutschen Bahn AG.
Die Innenstadt von Kevealer ist in wenigen Minuten erreichbar, liegt also fußläufig sehr gut. Die Pfarrkirche St. Antonius könnte das erste Ziel eines Besuchers sein. Sie ist, wie aus katholischen Kirchen nicht anders gewohnt, eine Hallenkirche, besticht aber durch ihre schlichte Schönheit.

Die Kirche ist fast vollständig erdfarben gehalten; nur die bunten Fenster zeigen farbige Glaskunst. Auch das Kreuz (mit Jesusfigur) im Altarraum ist etwas gewöhnungsbedürftig, weil es nicht die bekannte und gewohnte Kreuzform aufweist, sondern eher y-förmig ist. Ansonsten gefällt die Kirche aber.

Biegt man in die Hauptstraße, also in die Fußgängerzone ein, erreicht man schnell das Niederrheinische Museum für Volkskunde und Kulturgeschichte. Es wurde im Jahre 1910 erbaut und sich nach eigenen Angaben „seine Bedeutung als volkskulturelle `Schatzkiste´ der Region zwischen Rhein und Maas bewahrt. „In über 20 Dauerausstellungsbereichen dokumentiert das Museum neben der bäuerlichen und bürgerlichen Sachkultur das alte Handwerk, Volksfrömmigkeit, Regional- und Ortsgeschichte, präsentiert kunsthandwerkliche Erzeugnisse, Druckgraphik und Keramik,“ wie es in einem Faltblatt heißt. Niederrheinische Irdenware, eine Kupferstichsammlung (Hendrick Goltzius, 1558 – 1617) und die Wohnkultur des Adels in der Region. Die Spielzeugsammlung Juliane Metzger mit rund 50.000 Einzelobjekten und der Dauerausstellungsbereich „Wallfahrt“ sind zwei Schwerpunkte der Präsentation.

Räumlich wie hinsichtlich der Exponate liegt hier ein umfangreiches Museum vor. Die politische Stadtgeschichte tritt etwas in den Hintergrund. Der Kulturbereich steht im Vordergrund. Allein schon wegen der handwerklich hohen Qualität der Exponate ist das Museum schon sehenswert.
Verläßt man das Museum, ist man auch fast schon in der Basilika St. Marien. Von außen eher unscheinbar, ist sie im Innern Prachtentfaltung pur. Von Paramenten über den grandios gestalteten Chorraum bis hin zur farbigen Glaskunst der Fenster, der Deckenbemalung, den passend gestalteten Säulen – von schlichter Schönheit und Eleganz ist hier nichts zu spüren. Wer evangelisch-reformierte Kirchen gewohnt ist, wird diesen Prunk als übertrieben empfinden.

Die nahegelegene Sakramentskapelle ist ein kleiner, schmucker Raum der Stille. Die danebengelegene Kapelle der Versöhnung ist eine Beicht- und Taufkapelle. Hinsichtlich Größe und Ausstattung hat sie fast schon Kirchencharakter.

Geht man von hier aus auf den Platz vor der Basilika, kann man auch schon in die Gnadenkapelle eintreten. „Oh welche Pracht!“ möchte man hier ausrufen. Im Mittelpunkt steht der vergoldete Altar mit seinen Heiligendarstellungen. Aber auch die Mosaiken auf dem Boden, die Holzschnitzereien an den Wänden und Decken und die reichlich mit Gemälden bestückte Decke rechtfertigen auf jeden Fall einen Besuch.
Auch die Kerzenkapelle liegt auf diesem Platz. Sie fällt nicht nur durch die farbige Glaskunst und die Deckelkanzel aus Holz auf mit ihren Gemälden und Schnitzereien und den überprächtigen Chorraum mit seinen Gemälden und den vergoldeten Schnitzereien auf. Die vielen, namensgebenden Kerzen sowie die Wappen und Plaketten, die sich unterhalb der Fenster durch den Raum ziehen, fallen hier schon beim Eintreten unweigerlich auf.

Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott. So heißt es bei Johannes. In der Bibel ist nirgends die Rede davon, daß der Mensch durch Äußerlichkeiten und Schnickschnack von Gott abgelenkt werden soll. Zumindest im evangelischen Raum wird diese Ablenkung und Distanz als Sünde bezeichnet.

Anschließend bietet sich noch ein Spaziergang durch die örtliche Innenstand an. Mit ihren vielen stuckverputzten Häusern wirkt sie doch irgendwie charmant. Auffallend sind die Gastronomie und das Kunsthandwerk (Kerzenzieher, Goldschmiede, Schnitzereien u. a.).


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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.05.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Alle Haiku-Gedichte in "Den Wind jagen" von Heike Gewi sind im Zeitraum von Januar 2008 bis 2012 entstanden und, bis auf einige Ausnahmen, als Beiträge zur World Kigo Database zu verstehen. Betreiberin dieser ungewöhnlichen Datenbank ist Frau Gabi Greve. Mit ihrer Anleitung konnte das Jemen-Saijiki (Yemen-Saijiki) systematisch nach Jahreszeitworten für Bildungszwecke erstellt werden. Dieses Jahr, 2013, hat die Autorin die Beiträge ins Deutsche übersetzt, zusammengefasst und in Buchform gebracht. Bei den Übersetzungsarbeiten hat die Autorin Einheimische befragt und dabei kuriose Antworten wie "Blaue Blume – Gelber Vogel." erhalten. "Den Wind jagen" heißt auch, Dinge zu entdecken, die sich hoffentlich nie ändern. Ein fast unmögliches Unterfangen und doch gelingt es diesen Haikus Momente und zeitlose Gedanken in wenigen Worten einzufangen und nun in dieser Übersetzung auch für deutschsprachige Leser zugänglich zu machen.

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