Christa Astl

Unterwegs und angekommen

 
 

Jeder Urlaub, jede Reise hat einmal ihr Ende. Man fährt zurück, mehr oder weniger gerne. Und kommt wieder zu Hause an.
Aber wie, wann kommt man an? Sobald das Auto in der Garage steht und alles ausgepackt ist? Schon wenn man am Heimatbahnhof aus dem Zug steigt? Oder wenn man die Wohnung aufsperrt, die Post liest, die Blumen gießt? Oder kommt man erst an, wenn die Erinnerung verblasst ist? Wenn einen der Alltag wieder fest im Griff hat?
 
Diese Gedanken kamen mir auf der letzten Etappe meiner Reise:

Und wieder bin ich unterwegs. Es ist die letzte Fahrt meines Interrail-Tickets. Wieder unterwegs? Oder noch immer? War ich dazwischen überhaupt schon einmal angekommen?
Daheim, in meinem Haus, in meinem Garten, auf der Wiese, die ich mit Anstrengung gemäht habe? Fünf Tage war ich hier, wenn ich nachrechne sogar fünfeinhalb!
Der Körper war hier, hat schwer gearbeitet, hat sich an Sträuchern die Haut aufgeritzt, - die Gedanken waren noch nicht hier.
Sie weiteten sich noch am flachen, weiten Land, an der Freiheit des Blickes, der sich am fernen Horizont verliert. Das Ohr vernimmt noch die Stimme, die Sprache  und den Tonfall der Freunde, Wortfragmente, Sätze höre ich, die sich eingeprägt haben, die Augen folgen noch deren Gesten und Bewegungen,  die Menschen sitzen mir  gegenüber, - bis ich aufschaue und merke, dass ich wieder allein bin.
 
Ich lebe von den Abenden, - wir telefonieren, wir schreiben uns, das Leben geht wieder seinen Gang, nur bei mir noch nicht. – Ein letztes Aufbäumen, Ausbrechen, bevor auch mich der Alltag wieder in die Pflicht ruft.
Noch einmal lasse ich mich treiben, im Zug sitzend die Landschaft an mir vorüber ziehen, träume vom Ziel, der nächsten Stadt, der nächsten Begegnung… doch der Zug bringt mich diesmal endgültig nach Hause.
 
Wie lange könnte ich so unterwegs sein? Menschen treffen, eine Nacht oder länger bei ihnen zu Gast sein, und weiter reisen… - oder niemand zu kennen, in fremden Städten Herberge suchen, müde, hungrig, verzweifelt, wenn ich nichts finde, mich in einer Stadt heillos verirre…? Wie lange würde ich das aushalten?
Ich glaube für so eine Extremreise wäre ich jetzt zu alt, habe schon zu viel meiner körperlichen Spannkraft, meiner Energie eingebüßt.

Diese Reise war schön, hat meine Erwartungen erfüllt, manchmal sogar noch übertroffen. Ein Land in meiner Nähe zu besuchen und kennen zu lernen, vielleicht auch mal das eigene, das ist nun wohl das Richtige für mich.
Vielleicht aber war diese Reise schon meine letzte? Wer weiß es?
 
 
 
ChA 10.05.13

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.05.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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