Elke Gudehus

Für Elise

Zaghaft erklingen die ersten Töne von Beethovens "Für Elise".
Eine Frau sitzt am Klavier und spielt gedankenverloren während um sie herum das Chaos herrscht. Leute rennen durch die Gegend, packen Koffer und versuchen sie mitzuzerren, doch sie weigert sich.
Sie bleibt auf dem Stuhl sitzen und spielt weiter für Elise.
Ein kleiner Junge fängt an zu weinen, er will nicht weg, er will da bleiben. Seine Mutter schleift ihn hinter sich her, ignoriert, dass er schreit. Ein Mann kommt und versucht die klavierspielende Frau mitzuziehen. Er sagt: "Helen, komm, sie sind da, wir müssen weg." Doch sie spielt weiter, spielt immer energischer und schüttelt den Arm des Mannes ab. Er flucht und rennt dann hinaus.
Er war der letzte.
Jetzt ist nur noch sie mit ihrem Klavierspiel da.
Sie schließt die Augen und erinnert sich wie schön alles noch vor ein paar Jahren war. Sie war frei konnte machen was sie wollte. Dies war nun vorbei, doch lange würde sie es auch nicht mehr ertragen müssen. Ihr Ende war nah, das wusste sie und sie war auch damit einverstanden. Sie hatte sich darauf vorbereitet. Sie wollte nicht weg wie die anderen. Sie wollte hier bleiben sie wollte ihr letztes bisschen Freiheit genießen, das ihr noch blieb. Das letzte bisschen Leben, das noch übrig war.
Sie hörte Schritte auf der Treppe und sie hörte, wie Männer etwas riefen.
Sie wusste das es gleich vorbei sein würde.
Doch das war für sie in Ordnung, sie hatte sich damit abgefunden.
Unter lautem Poltern kamen die Männer in ihre Wohnung.
Sie trugen Uniformen und hatten Gewehre in ihren Händen. Sie ließ sich nicht ablenken, sie spielte weiter. Immer weiter.
Sie näherte sich dem Ende des Stückes.
"Dreh dich um!", rief einer der Männer.
Sie spielte weiter.
"Ich habe gesagt, du sollst dich umdrehen!", schrie er jetzt.
Sie spielte weiter.
Er zog sein Gewehr und entsicherte es.
Sie spielte weiter.
Sie hatte das Lied fast zu Ende gebracht.
Er hob das Gewehr hoch und erschoss sie, bevor sie zuende spielen konnte.
Langsam, wie in Zeitlupe fiel sie auf den Boden.
Sie fiel auf den Rücken.
Auf ihrer Manteltasche färbte sich der gelbe Judenstern rot.

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