Patrick Rabe

Auf der Brücke

Heute habe ich nachts auf einer Brücke gestanden, die in die Nordsee führt.
 
Ich war fortgegangen von der schützenden Wärme der Häuser, über einen langen Strand, der mich den Geschmack des Abschieds deutlich schmecken ließ.
 
Endlich hatte ich alles hinter mir gelassen, selbst noch die von ferne wehende Melodie einer Musicbox, und die Lichter der Kurstadt sahen herüber wie unendlich ferne Boten einer vergessenen Heimat.
Du hattest mich gerufen. Deinen Ruf hatte ich in mir vernommen und ich mußte ihm folgen. Vor mir war die Brücke, die ich betrat. Es war abklingende Ebbe. Die Flut umspülte die Pfeiler. Hier stand ich , bot mich dar. Nackt und schutzlos im Raum der Zeit, einsamer Stern vor den tobenden Elementen. Um mich die belebte Stille der Nacht, wie Samt.
 
Den andern, der mich festhält, hatte ich soweit zurückgedrängt, dass er mir nicht über den Strand folgen konnte. Er ist es, der unter den Lichtern tanzt, ein Glas Sekt in der beschwingten Hand. Ich verabscheue ihn. Aber er klebt an mir, mit einer Klebrigkeit wie der des Sektes, den er trinkt. Er spielt mit mir, macht mich gesellschaftsfähig, lässt mich zusammenzucken, so oft es ihm gefällt. Doch heute – zum Glück – bin ich ihn losgeworden. Ja, ich habe in den Spiegel gesehen! Ja, ich habe verstanden!
 
Jetzt stehe ich hier. Nichts trennt mich mehr von dir als diese Brücke. Du bist irgendwo, am Horizont. Ich gehe weiter. Um mich herum ist nur Weite. Die Urgewalt der Elemente. Doch ich fühlte mich nicht klein. Ich war einer von ihnen. Ich war wie das Meer, der weite Strand, die Sterne, der schwarze Himmel, wenn er nicht bei mir war, der Gläserklinger. Ich strahlte, Stern unter Sternen. Heute würde ich ihn loswerden, würde mich mit dir verbinden, dem Unbedingten, Großen, aber auch dem Sanften, Zarten, das mich rief. Ich konnte dich spüren, in meinem Herzen. Ich war aufgeregt wie ein Kind. Du warst in mir, aber du warst auch außerhalb meiner Selbst, dort am andern Ufer der Nacht. Ich fühlte dich hinterm Horizont brennen, stand da, mit herabhängenden Armen. Mein schlaffer Mantel umwehte mich flatternd, wie die Lumpen eine Vogelscheuche. Und ich nahm all meine Kraft zusammen und rief deinen Namen, ja, habe über den Ozean der Nacht nach deiner Hand gebrüllt, gegen das Tosen der Wellen, hinein in die Schwärze. Ich wollte dich erreichen, auf das es unser Universum vollende. Doch du hieltest mich für jemand anders. Ich spürte, wie die Ketten meines Herzens losbrachen, weggesprengt. Mit der Macht eines Kometen schossest du an mir vorüber. Ich konnte dich nicht halten, geschweige denn bestimmen, wohin du gingst. Ich hoffe nur, nicht zum Gläserklinger. Nur eine Weile war ich niedergeschlagen. Trotzig stand ich im Dunkel, ein einzig ragender Wanderer im tosenden Meer auf endloser Brücke.
 
Ich sah dein Licht aufflammen am Horizont wie ein Wetterleuchten, und war beruhigt, dass es dich wenigstens gab, wenn wir uns schon verfehlt haben sollten. Ich schlug den Kragen hoch und stand vor der Wahl, bis zum Ende der Brücke zu gehen und mich ins tosende Meer zu stürzen, oder zurückzugehen, dahin, wo die Lichter sind.
 
Und ich drehte mich um und ging, genoss noch einmal die leere Kälte um mich, das Zerren des Windes an meinem Mantel, wie unwiderrufliche Gegebenheiten, um bald wieder im wärmenden Schutz der Häuser zu sein.
 
Patrick Rabe, 2001.

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