Volker Winkler

Ein Regentagtraum

Da war sie wieder - Kerstin.

Mir wird jetzt noch heiß und kalt, wenn ich daran denke, wie sie gerade da auf dem Flur stand. Mit ihrer Stupsnase, ihrer hellen, weichen, glatten und so unendlich zarten Haut, ihrem süßen Gesicht, dem langen blonden Haar - und diesem Duft nach frischem Shampoo, als wäre sie eben aus der Dusche gestiegen. Traumhaft.
Aber ich musste vorbeigehen, ich konnte nicht stehen bleiben, sie ansehen und mich an ihrer Schönheit laben. Ihrer wundervollen Stimme lauschen. Verdammt, wieso darf ich nicht in ihrer Nähe sein. Ich möchte einfach nur da sein und ihr zuhören, in ihre wunderschönen Augen blicken - und ihr vielleicht sagen, dass ich sie liebe, .. denn genau das tue ich, auch wenn ich versuche, das zu verdrängen oder gar zu verleugnen, vor mir selbst.
Ich habe gerade Herzklopfen. Mein Gott, je mehr ich sie mir entziehe, um nicht an sie denken zu müssen, desto schlimmer scheinen die Begegnungen mit ihr zu werden. Was soll ich nur machen?
Ich will sie kennenlernen, unbedingt. Aber ich hab keine Ahnung, wie. Sie scheint so weit weg zu sein, und doch so nah, als würde sie zu mir gehören, als würde ich sie schon ewig kennen. Und dann wache ich auf, und sie ist nur eine Fremde, eine von vielen, die mich übersieht und grußlos an mir vorübergeht, wenn ich ihr mit einem „Hallo“ nicht ihre Höflichkeitsantwort abnötige. Das ist meine einzige Möglichkeit, mit ihr zu kommunizieren.


Eine Stunde später:
Verdammt - es ist wieder mal soweit. Ich kann nicht klar denken. Immer wieder schweifen meine Gedanken zu ihr ab. Ich fange wieder an, eine Runde durch die Bürogänge zu laufen, um mehr oder weniger absichtlich oder unabsichtlich einen Blick auf sie werfen zu können. ... Hat nicht geklappt, sie war nicht an ihrem Platz. Und ich fange an zu träumen.
Es ist Abend, ich sitze an meinem Arbeitsplatz und sehe genervt auf den Bildschirm. Die Kollegen sind alle schon daheim. ich bin allein.
Plötzlich öffnet sich die Tür, ich höre aus größerer Entfernung, wie sie wieder ins Schloss fällt. Dann erklingen gleichmäßige und doch irgendwie zögerliche Schritte - tapp - tapp - tapp. Eine Frau, ohne jeden Zweifel. Doch ich bin vertieft und nehme das nur am Rande wahr.
Die Schritte kommen näher, bis ich mich doch umdrehe und nach der Person sehe, sicherlich die Putzfrau, oder die Blumenpflegerin - doch nein.
Mit einem unsicheren Lächeln steht sie vor mir. Kerstin. Sie steht einfach da und sieht mich an. Ich kann förmlich spüren, wie ihr Herz flattert. Und meins tut es ihr gleich. Ich lege den Kopf leicht schief.
Sie sagt: „Hi - ich bin Kerstin. aber das weißt du vermutlich.“ Ich schlucke, nicht fähig, irgendeinen Gedanken in Worte zu fassen. Ein leichtes Nicken bekomm ich hin.
„Das hier ist von dir, oder?“ - Sie hält einen braunen, kleinen Umschlag hoch - mein Brief. Der Brief, den ich ihr vor einem Jahr auf ihren Tisch gelegt habe. Ich habe einen dicken Kloß im Hals. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals.
„Mmh - J...ja!“ stottere ich und ve
suche in einem Anflug von Situationskontrolle, meinen Stuhl zu ihr zu drehen und lässig dazusitzen.
„Hast du Zeit? Ich würd’ gern mit dir darüber reden.“ Gott, sie wirkt so unsicher. Genauso wie ich mich fühle. Ich würde sie so gern beruhigen, aber wahrscheinlich werde ich gleich mein blaues Wunder erleben. Meine Briefe haben noch nie funktioniert, warum also ausgerechnet in diesem Fall.
Dann lächelt sie mich unvermittelt breit an und wedelt mit dem Brief. Unfassbar, sie lächelt MICH an! Ich schmelze förmlich dahin.
„Danke“ sagt sie.
Dann wird sie wieder ernst. Okay, jetzt kommt das allseits bekannte „aber ich bin nicht interessiert“ Das kenn ich ja schon. Jedes mal dasselbe. Doch sie sagt nichts. Sie sieht mich einfach nervös an. Plötzlich kommt mir der Gedanke, dass das im Sitzen vielleicht einfacher ist.
„Setz dich doch“ presse ich heraus, nehme meinen Rucksack vom Stuhl und schiebe diesen zu ihr hin.
Sie lächelt wieder. Ja! - alles richtig gemacht. Lächeln ist gut … tut gut!
Umständlich legt sie ihren grasgrünen HP-Rucksack ab, stellt ihn an einen Schrank und setzt sich. Ich nehme wieder ihren Duft wahr, wie heute Nachmittag. Ich bin nicht gut im Düfte erkennen, aber diesen Duft werde ich nie vergessen. Er trägt mich in einem Moment, halb Traum - halb Wirklichkeit, davon.
„Das ...“ sie wedelt wieder mit dem Brief, „ ... das war echt lieb.“ - kein ‚Aber’ - ich bin verblüfft und hoffe, das ich mich nicht zu früh freue.
„Du hast mein Leben umgeworfen, weißt du das?“ - Jetzt bin ich wirklich verblüfft. „Wie ... wie meinst du das?“
Sie holt tief Luft versucht mich anzulächeln, aber es gelingt ihr nicht. Die Aufregung in ihren Bewegungen, in ihrer Stimme und ihrem Blick wirkt sich auch auf ihre Mimik aus. Gott, ist sie süß. Am liebsten würde ich ihr zu Füßen fallen und sie anhimmeln.
„Also - “ sie schluckt und sieht mich an, als wüsste sie nicht genau, ob sie es mir sagen soll.
„Ich, ... Puh!“ sie schlägt ihre Augen nieder und lächelt gequält - ich wünsche mir nichts sehnlicher als ihr Gesicht in meinen Händen zu halten.
„Naja, ich habe mich von meinem Mann getrennt. Deswegen bin ich jetzt erst hier.“ ich bin baff. Wegen mir? Hat sie ihren Mann wegen mir verlassen? Ihre Stimme summt in meinen Ohren, doch ich kann es nicht glauben.
„Weil ich ... weil du mir gefällst.“ Mein Herz setzt einen Schlag aus - und noch einen. Mein Atem stockt, ich habe das Gefühl, der Boden unter mir bebt. Ihre Augen füllen sich mit Tränen. Doch sie versteckt sie nicht vor mir. Endlos lange Augenblicke später sieht sie mich an. Eine Träne läuft über ihre Stupsnase und ich kann nur daran denken, ihr diese Träne wegzuküssen.
„Ich liebe dich! Und ...“ ihre Stimme versagt. Meine auch. Ich sehe sie ungläubig an. Soviele Monate habe ich gehofft, das hier würde passieren. Und nun sitzt sie da, wie ein Häufchen Elend. Sie sieht mich an, ihr Nasenflügel beben. Ihre Finger streichen nervös über den Umschlag meines Briefes. Und ich bin unfähig, mich zu bewegen.
„Ich bin zu spät, stimmts?“ fragt sie mich, etwas aufgeräumter wirkend. Zwei, dreimal hat sie für diesen Satz angesetzt, bevor er aus ihrem sinnlichen, schmalen Mund rutscht.
Meine Kinnlade fällt nach unten.
„Nein - Nein!!! Nicht zu spät!“ Ein leichtes Glimmen schleicht sich in ihre Augen. Ihre blassen Wangen scheinen roter zu werden. Noch mehr Tränen fließen über ihr Gesicht. Ihr Mund öffnet sich zum Luftholen, das mehr einem Schnappen gleicht.
Dann stehen wir beide gleichzeitig auf. Ich nähere mich ihr, ihre Augen fest im Blick. Unsere Gefühle rauschen in unseren Köpfen. Kerstin hält noch immer den Brief in ihren Händen und sieht auf ihn hinunter. Dann blickt sie mich erneut an, kein Lächeln, keine Träne mehr. nur pures Verlangen - nach Liebe. Ich bewege mich fast unmerklich einen Schritt auf sie zu. Unsere Hände berühren sich schüchtern. Sie sieht wieder hinunter, erkennt meine Finger, wie sie über ihren Handrücken fahren. Sie greift vorsichtig und unendlich langsam nach meinem Finger, nach meiner Hand und dann nach mir.
Ungläubig sieht sie mich an. Unsere Gesichter, beide feucht mit funkelnden Augen, wie 4 Diamanten, sind nur Zentimeter voneinander entfernt. ich betrachte zum ersten Mal ihre Nase und ihre Augen von Nahem. Ich halte ihrem Blick stand, zum allerersten Mal. Ihr kleiner Mund bebt vor Erregung. Ihre Finger greifen in meine Hüfte, und meine in ihre. Langsam und unabwendbar nähern sich unsere Münder. Ich beobachte ihre Lippen. Sie öffnen sich leicht. Dann verschwinden sie aus meinem Blickfeld. Ich schließe die Augen, und die Gefühle explodieren in einer Berührung, in einem Kuß - im größten Glück meines Lebens.
Ich stehe nicht mehr im Büro. Wir schweben durch leeren Raum, in dem nichts existiert, außer unserem Glück und unseren Lippen, die aneinanderhängen, als wären sie nur dafür geschaffen.
Unendliche Sekunden später lösen wir uns von einander. Mit entrücktem Blick sieht sie mich an. Immer noch ungläubig streicht sie mit ihrem Handrücken eine übriggebliebene Träne aus meinem Gesicht.
Dann greift sie fest nach meiner Hand, nickt und flüstert „Gehören wir denn jetzt zusammen?“
Ein Lächeln umspielt ihren Mund. Ich drücke ihre Hand, alles scheint plötzlich so klar und so deutlich - ich streiche mit meinem Daumen über ihre Finger und antworte leise: „Ja“.

Dann wache ich auf aus meinem Tagtraum. Längst sitze ich wieder an meinem Platz. Und sie - sie ist wieder die Fremde, die mich auf dem Gang übersieht, ... die mit der Stupsnase, der hellen, weichen, glatten und so unendlich zarten Haut, dem süßen Gesicht, dem langen blonden Haar - und diesem Duft nach frischem Shampoo, als wäre sie eben aus der Dusche gestiegen. Traumhaft.
Eine Träne rollt über meine Wange. Ich wische sie eilig weg und widme mich wieder meiner Arbeit.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.05.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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