Wolfgang Scholmanns

Ein kapitaler Hecht (Wahre Begebenheit)

 

 Die Geschichte die ich hier erzähle, liegt schon dreißig Jahre zurück aber manchmal muss ich an dieses Abenteuer denken.
Endlich Wochenende!
„Ich fahre noch ein bisschen zum See.“, sagte ich zu meiner Frau.
„Mach das, ich habe sowieso noch zu tun.“
Die graue Wolkendecke schien sich ein wenig aufzulösen, ab und zu wagte die Sonne einen Blick auf die bunte Herbstlandschaft. Der Oktober war in diesem Jahr noch recht sparsam mit seinen Stürmen. Ich erinnere mich, dass im letzten Jahr wilde Oktoberstürme einige Bäume in der oberhalb des Sees liegenden Allee gefällt hatten. Vor der kleinen Hütte steht das Auto von Paul, einem älteren Herrn, der das Angeln erst vor ein paar Jahren für sich entdeckt hatte.
Ein total lieber Kerl, der leider kurz vor seiner Pensionierung starb.
„Hallo Paul, Du guckst so starr auf´s Wasser, was gibt´s denn da?“
„Ach Du bist es, Wolf. Am Ostufer jagt ein Hecht. Scheint ein großes Exemplar zu sein.
“ Ich weiß, Paul. Seit ein paar Wochen beobachte ich ihn schon.“
Wenn ein Hecht in einen Schwarm kleiner Fischchen vorstößt, flüchten diese in alle Richtungen. Oft kann man beobachten, dass sie bei ihrer Flucht an die Wasseroberfläche kommen und dort kleine Strudel hinterlassen oder sogar hinausspringen. Erfahrene Angler wissen genau, dass dann ein Raubfisch jagt.
„Morgen früh werde ich ihn fangen. Das habe ich mir ganz fest vorgenommen.“, sagte ich grinsend zu Paul.
„Ja, dazu bist du im Stande. Wenn so ein Spruch von Dir kommt, machst Du ihn meistens auch wahr.“
„Na ja, eine ordendliche Portion Glück gehört aber auch dazu.“
Wir quatschten noch eine Weile, bis ich aufbrach um noch einige Köderfische zu besorgen.
„Ich fahr´ zur Issel, mal sehen ob ich dort, mit der Köderfischsenke, ein paar Fischchen bekomme.“
„Viel Glück Wolf, ich fahre nach Hause. Hab´ noch ein paar Schreibarbeiten zu erledigen.“
Ich musste mich nun aber sputen, denn es konnte nicht mehr lange dauern und die Dämmerung würde einsetzen.
Die Issel ist ein kleiner Fluss, der in dem westfälischen Städtchen Raesfeld entspringt und nach zweihundertfünfundfünfzig Kilometern ins holländische Ijsselmeer mündet. Auf deutscher Seite beträgt seine Länge fünfundfünfzig und auf holländischer zweihundert Kilometer.
Als ich die Köderfischsenke ins Wasser tauchte und sie nach einer Weile wieder hochzog, befanden sich mindestens zwanzig Fische auf dem Netz. Fünf von ihnen nahm ich mit, wovon eines dieser Schuppentiere den Hecht an den Haken locken sollte.
Die Nacht hatte mir einen ruhigen, traumlosen Schlaf beschert und ein Blick aus dem Fenster verriet mir, dass ein sonniges Tagerwachen bevorstehen würde. Ich machte mir ein paar Brote, füllte den frisch aufgebrühten Kaffee in eine Thermoskanne und war schon bald unterwegs zu unserem See.
Die Sonne stieg langsam über die hohen Lindenbäume und die am Ufer stehenden Sträucher warfen ihre Schatten in den leicht gekräuselten Spiegel des Sees. Ich hatte den Köder an der Stelle positioniert, wo ich das Jagen des Hechtes in der letzten Woche beobachtet hatte. Paul wollte doch auch kommen. „Kommt wohl wieder nicht aus seinem warmen Bett, diese Schlafmütze.“
Der blassgraue Fischreiher, der am Ufer des Sees auf Beute lauerte, stand steif wie ein Stock zwischen den welken Schilfhalmen. Eine Bisamratte, die in unmittelbarer Nähe an ihm vorbeizog, schien ich nicht zu interessieren. Als Beutetier wäre diese sowieso zu groß und ob sie einem Fischreiher schmecken würde? Das Schwanenpärchen, das den Sommer über am See verbracht hatte, war auf den nahen Fluss ausgewichen.
Plötzlich wurde ich aus meinen Beobachtungen gerissen. Eine Menge Fischchen sprangen an der Stelle wo ich den Köder angeboten hatte auseinander, und meine Pose verschwand in der Tiefe des Sees. Eine mächtige Welle verriet, dass hier ein kapitaler Fisch auf Raubzug war. Es dauerte gar nicht lange, da hatte er den Köder gepackt und zog zügig Schnur von der Angelrolle. Mitten in diesen Lauf, setzte ich meinen Anhieb. Die Verbeugung meiner Angelrute bestätigte mir, der sitzt. Langsam versuchte ich ihn ans Ufer zu befördern, doch wilde Versuche sich zu befreien zwangen mich dazu, die Rollenbremse zu lösen um dem Räuber, der sich nun als Hecht zu erkennen gab, mehr Schnur geben zu können. Jetzt konnte er sich zunächst einmal austoben. Nach ca. zehn Minuten,wurde er dann müde und ich bekam ihn bis ans Ufer. Als ich ihn jedoch in den Kescher befördern wollte, nahm er den Kampf wieder auf. Dieses Kräftemessen ging noch zweimal in ähnlicher Weise vonstatten, bis der kapitale Bursche schließlich aufgab. Die Waage zeigte zwanzig Pfund an und das Maßband eine Länge von einem Meter und zehn Zentimetern.
Ein Motorradgeräusch drang an mein Ohr. „Das wird bestimmt Helmut sein.“, sagte ich zu mir, und so war es auch.
„Na, Moin Wolf. Da hast Du ihn ja gekriegt, diesen Räuber. Ich hatte auch schon überlegt mich heute Morgen hier hin zu setzen, aber jetzt bist Du mir zuvorgekommen. Na ja, macht ja nichts. Herzlichen Glückwunsch zu diesem kapitalen Fang.“
„Danke Helmut! Du weißt doch, der frühe Vogel fängt den Wurm.“ Wir lachten , dann ging Helmut weiter. Helmut war ein alter, erfahrener Angler, der schon so manch ´kapitalen Fisch an Land befördert hatte.
„Hallo, guten Morgen Wolf.“
Das war Paul.
„Moin Paul! Na, hast Du dein Schläfchen beendet?“
„Von wegen Schläfchen, hab schon Laub geharkt und den Hof gefegt. Da bin ich die Woche über nicht zu gekommen. Hast du denn …… ?"
Paul guckte ganz andächtig auf den im Gras liegenden Hecht und sagte leise: „Mein lieber Junge, was für ein prächtiger Hecht. Du hast ihn also erwischt. Das darf doch wohl nicht wahr sein. Da ist deine Prophezeiung wieder einmal war geworden.“
„Wie ich schon sagte, eine gehörige Portion Glück gehört auch dazu, lieber Paul. So, jetzt geht es aber ab, nach Hause. Der Hecht muss noch ausgenommen und portioniert werden.“
„Halt, erst müssen wir noch ein paar Fotos machen. So einen Fisch fängt man nicht alle Tage.“
Paul holte seine Kamera aus dem Auto und machte einige Fotos. Er war Hobbyfotograf und es war gar nicht so einfach, es ihm recht zu machen. Mal fotografierte er den Hecht alleine, mal mit mir zusammen. Die unterschiedlichsten Positionen musste ich einnehmen. Mal sollte ich in die Hocke gehen und den Fisch auf beiden Armen halten, dann wieder musste ich ruhig unter dem alten Maulbeerbaum verharren, den Hecht in die rechte Hand nehmen und lang hinunter hängen lassen usw.. Ich war froh, als diese „Prozedur“ vorbei war, bedankte mich jedoch herzlich bei Paul.

 
 
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 31.05.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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