Christiane Rutishauser

Noname (Teil2) (Auf der Lauer)


(Fortsetzung der Geschichte "Noname")

...Er hatte keinen Plan, nur ein Ziel. Würde er helfen können? Und wie würde er helfen können? Die Zweibeiner waren mit so viel mehr Möglichkeiten und Macht ausgestattet worden, als seine Spezies. Was konnte er da schon tun? Sie besaßen geschickte Hände, mit denen Sie die erstaunlichsten Dinge machen konnten, z. B. Klavierspielen, oder Schreiben, oder Häuser bauen. Er hatte eine zeitlang bei einer Frau gelebt, die auf ihrem Flügel die wundervollste Musik spielen konnte, die er je gehört hatte. Stundenlang hatte er auf dem Sofa gelegen und diesem Wunder gelauscht.  Aber nicht nur ihre Hände waren besser ausgestattet, auch mit ihren Mündern  konnten Sie besser Laute formen als seine Spezies, sie konnten diese Laute zu Worten zusammensetzen und nicht nur eine, sondern viele Sprachen erschaffen. Und dann ihre Körpergröße, mit der sie sich Platz und Respekt verschafften. Sie waren so mächtig und stark.
Allerdings, wenn er so darüber nachdachte, fragte er sich ob sie wirklich so klug waren. War es Hilflosigkeit oder Genialität, welche die Menschen dazu brachte, alles mit Worten zu benennen. Sie gaben ihren Kindern, den Tieren, der Natur, den Straßen, den Städten, allen Dingen in ihrem Leben – Namen. Ohne Namen schienen sie sich nicht zurechtzufinden, verloren die Orientierung. Katzen brauchten keine Namen. Sie hatten einen inneren Kompass und einen Instinkt, der sie leitete so dass sie selbst in tiefster Dunkelheit ihren Weg fanden und sich ohne Worte verständigen konnten. Die Menschen verirrten und fürchteten sich im Dunkeln und benutzten künstliches Licht, um sich zurechtzufinden. Die meisten Gerüche, Geräusche  und Bewegungen schienen sie nicht, oder nur sehr grob wahrzunehmen. Sie waren nicht perfekt – nein. Und was Ihre Größe betraf, so hatte ihm ein alter Streuner einmal erzählt, dass es Katzen gab, die von den Menschen gefürchtet wurden, weil sie viel größer und stärker waren als sie. Die Menschen hatten ihnen den Namen Amurtiger gegeben. Gerne hätte er einmal einen von ihnen kennen gelernt, so einen mächtigen, großen Tiger.
 
Und was die Erfindung der Worte betraf, war sie der Sprache der Katzen wirklich überlegen?
Katzen drückten sich mit all ihren Sinnen aus, aber sie vergaben keine Namen, niemals.
Ein Wesen, war ein Wesen. Es war einzigartig in seinem Aussehen, Geruch, Gebaren und es drückte sich selbst ohne Namen aus, einfach durch seine Existenz.
 
Die verletzte Pfote schmerzte, wenn er auftrat, aber die Wunde hatte aufgehört zu bluten. Er strich noch ein paar Mal mit der Zunge darüber, um sie zu reinigen. Alles halb so schlimm.
Tief unter ihm lag ein winziger, dunkler, von vier Häusern eingerahmter Innenhof, der mit Mülltonnen und Fahrrädern voll gestellt war. Eine große alte Voliere stand abgedeckt in einer Ecke. Das Haus, in welchem er die kleine Prinzessin vermutete, wirkte so verschlossen und düster wie eine Burgfestung. Er konnte keine Möglichkeit entdecken, um hineinzugelangen. Es gab keinen Balkon und kein geöffnetes Fenster, einfach nichts, was ihm Zugang verschafft hätte. Alles was er sah, war eine abweisende, mit geschlossenen, hölzernen Fensterläden versehene, fleckige Hauswand. Hier schottete sich jemand gewaltig von der Außenwelt ab. Er beobachtete, wie sich eine dünne Rauchsäule aus dem Kamin in den Himmel schlängelte.  Es gab also Leben, hinter diesen Mauern. Da war jemand, der fror.
Mit zwei geschickt platzierten Sprüngen landete er auf dem Dach. Die losen, mit Taubenkot verunreinigten Ziegel, wackelten unter seinen Pfoten, aber sie hielten. Er hatte es geschafft.

Er befand sich jetzt auf der Rückseite des Hauses, deshalb musste er zuerst hinauf auf den Dachfirst und dann wieder abwärts klettern, um zu der Dachgaube und jenem Fenster zu gelangen, das er von unten, als er über den kleinen Platz Richtung Schule gegangen war, gesehen hatte. Drinnen war es jetzt dunkel und ganz still. Ein dicker undurchsichtiger Vorhang versperrte jegliche Sicht in den Raum. Vorsichtig kratzte er ein wenig an der Scheibe und rief nur für Katzenohren hörbar, nach der Kleinen. Keine Antwort! Was verbarg sich hinter dem Vorhang? Sein Gefühl sagte ihm, dass sie noch lebte. Vielleicht wünschte er sich auch nur, dass sie noch lebte, weil er sie gerne sehen wollte. „Meine kleine Prinzessin“, hatte die alte Katze gesagt und sich dabei der Menschensprache bedient. Das klang wunderschön.
 
Im Augenblick konnte er nichts tun. Als Jäger hatte er gelernt, sich in Geduld zu üben und abzuwarten, deshalb hielt er nach einem sicheren Platz Ausschau, von dem aus er die Umgebung im Blick hatte, selbst aber nicht sofort entdeckt werden konnte. Das schmale Dach der Gaube schien perfekt. Lautlos kletterte er hinauf und legte sich auf die Lauer.
Wie ein Schatten verschmolz er mit seiner Umgebung, wobei seine Wahrnehmung aufs äußerste geschärft war. In der Nähe gurrten Tauben und kleine Nagetiere raschelten in ihren Verstecken. Er hörte den Wind, der über den Dachfirst strich und das Plätschern des Brunnens und das Rauschen des nahen Flusses. Da war die Vibration von Schritten, von schweren Schritten tief drinnen im Gebäude. Der Mensch war bereits aufgestanden, so viel stand fest. Irgendwann würde jemand den Vorhang zur Seite ziehen und vielleicht sogar das Fenster öffnen. Etwas würde geschehen und dann konnte er handeln. Er musste nur lange genug warten und hoffen, dass die Kleine noch lebte.

Am Himmel erschien ein rosa Streifen Licht und kündigte den neuen Tag an. Mit Sonnenaufgang begannen die Vögel zu singen . Er erkannte den melodiösen Gesang der Amseln und das hohe Tii-tii der Blaumeisen, einige Zaunkönige und natürlich die Krähen. Sie hatten ihn von ihrem hohen Aussichtspunkt auf einer alten Birke schon lange entdeckt und schlugen Alarm.
Er war hungrig und auch, wenn er den Gesang der Vögel sehr schätzte, so war es doch ihr Fleisch, nach dem es ihn jetzt verlangte. Das noch warme frische, saftige Fleisch. Er konnte es auf der Zunge schmecken.  Hunger und Durst meldeten sich zu Stelle und unter normalen Umständen, wäre er jetzt auf die Jagd gegangen, aber er hatte Wichtigeres zu tun.
 
Um ihn herum erwachte die Stadt zum Leben: Fenster wurden aufgerissen, zerzauste Köpfe zeigten sich kurz, es begann nach Brot und Kaffee zu duften und schon bald -  nach Abgasen zu stinken. Kaum waren die Menschen erwacht, rollte auch schon der Verkehr an.  Mit Getöse knatterte ein Motorroller durch die Gasse, kleine und große Fahrzeuge folgten. Die Müllabfuhr zwängte sich auf den Platz und leerte geräuschvoll die Tonnen. Auf einer entfernten Baustelle hämmerte eine Maschine. Es wurde laut. Die Sonne stieg auf und kündigte einen warmen, sogar einen heißen Tag an.
 
 
Heute schien etwas Besonderes zu geschehen. Er sah eine Autoschlange in der Ferne auf der alten Rheinbrücke. So früh am Morgen bedeutete das nichts Gutes. Auch unten auf dem kleinen Platz gingen seltsame Dinge vor sich. Lastwagen luden Bierbänke und halbfertige Buden ab. Also würde ein Fest stattfinden. Er wusste noch nicht, ob er das gut oder schlecht fand. Vielleicht konnte er im Getöse eines Festes mehr erreichen, vielleicht störte es auch nur seine Absichten.
Er bemerkte die alte Katze im Schatten eines Baumes. Sie hatte ihn natürlich schon längst  gesehen und signalisierte mit einer winzigen Bewegung ihrer Schwanzspitze, dass sie in Sorge und nervös war und, dass sie den Eingang des Hauses im Auge behielt.
Die Sonne schien ihm jetzt direkt ins Gesicht und das Dach erwärmte sich langsam. Vom Brunnen stieg der Geruch frischen Wassers bis zu ihm hinauf und verstärkte seinen Durst. Im Geiste stieg er hinunter und tauchte seine trockene Zunge in das kühle Nass. Seine Gedanken schweiften ab. Er musste sich von Hunger und Durst ablenken, deshalb konzentrierte er sich wieder auf seine empfindlichen großen Ohren, die selbst durch dicke Mauern hindurch noch etwas wahrnehmen konnten.
 
Die schweren Schritte waren immer noch da, aber auch leichtere, langsamere. Schritte von Füßen, die in Pantoffeln steckten. Dann hörte er die Bewegungen eines Vierbeiners, das Rasseln des Halsbandes, wenn er den Kopf bewegte und das schmatzende Geräusch von Haut, die geschüttelt wurde. Da war ein Hund, ein großer Hund. Das wurde ja immer besser. Er mochte Hunde nicht. Sie rochen unangenehm und waren dumm und unterwürfig.
Die Hausschuhe kamen näher, eine Tür wurde geräuschvoll auf- und wieder zugeschlossen. Schlurfende Schritte durchquerten den Raum unter ihm, dann wurde der Vorhang zur Seite gezogen und das Fenster aufgerissen. Ein Kopf mit roten Haaren kam kurz zum Vorschein und verschwand wieder. Aus dem Zimmer strömte abgestandene Luft und ein starkes, süßes Parfüm ins Freie.  Außerdem witterte er verschiedene Lebewesen: Katzen, einen Hund und etwas, dass er nicht kannte. Er roch Angst und Wut und jemand hatte mit seinem Urin einen verzweifelten Hilferuf versprüht. Sein Kopf schwirrte von so vielen Eindrücken und Informationen und, angesichts von all dem, was er da spürte, sträubten sich seine Nackenhaare. Vorsichtig verließ er seinen Platz und schlich sich lautlos von der Seite an das geöffnete Fenster heran, um einen Blick hinein zu werfen. Er schob seinen Kopf in die Öffnung und schaute unvermittelt in das leicht geöffnete stinkende Maul einer Burgunderdogge mit triefenden Lefzen. Der Hund schlug sofort an und spritzte ihm den Geifer ins Gesicht.
Vor Schreck machte er einen Satz zurück und verlor das Gleichgewicht. Sein Herz hämmerte wie verrückt, während sein Körper einige Meter abwärts rutschte und glücklicherweise von der verrosteten Regenrinne gestoppt wurde.
Der Hund kläffte wütend und zwängte den dicken Schädel und die Schultern aus dem Fenster. Einen Moment lang sah es so aus, als wolle er ihn verfolgen, aber, er wurde gewaltsam daran gehindert.  Eine tiefe rauchige Stimme schrie: "Aus, Titus, aus! "  Die Dogge  wurde unsanft wieder zurück in den Raum gezerrt und im Fensterrahmen erschien stattdessen  das  mürrische Gesicht der Frau.
Er machte sich ganz flach und hoffte, dass sie ihn nicht entdeckte. Sie schaute kurz umher, schien ihn aber nicht zu bemerken. Manchmal waren die Menschen auch kurzsichtig. Er  war  sich ziemlich sicher, dass sie ihn nicht bemerkt hatte. Als sie wieder verschwand, vergass sie das Fenster zu schließen.  Ein Mensch hätte  in diesem Augenblick gelächelt, aber er war ein Kater, deshalb blinelte er nur zufrieden mit den Augen und dachte sich:
Man musste eben nur geduldig sein, dann öffnete sich irgendwann eine Türe - oder ein Fenster.
 
(Fortsetzung folgt)
 

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Christiane Rutishauser).
Der Beitrag wurde von Christiane Rutishauser auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.06.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Die Autorin:

  • Autorensteckbrief
  • tiane777web.de (Spam-Schutz - Bitte eMail-Adresse per Hand eintippen!)

  Christiane Rutishauser als Lieblingsautorin markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Liebe, Frust und Leidenschaft - eine Internetliebe von Adelheid van de Bourg



Nach einem schweren Autounfall hat sich Hanna, eine reife Frau von 59 Jahren, entschlossen einen PC zu kaufen., weil ihr die Ärzte mitteilten, eine Therapie würde sich, für sie, nicht lohnen. So begann sie selber an sich zu arbeiten und ihr Hirn, mittels PC, zu trainieren. Sie begann zu chatten. Dort traf sie unter anderem, auf den, als Herzensbrecher verschrienen Klabautermann, Jonas. Der ''verliebte'' sich in Hanna und wollte sie unbedingt treffen. Doch Hanna weigerte sich, das hatte auch seinen Grund. Die Freundschaft mit Jonas aber vertiefte sich im Chat immer mehr. Das Flirten, mit Jonas, in seiner charmante Art, gefielen Hanna. Erst nach Wochen war Hanna bereit, persönlich kennen zu lernen, nach dem sie ihn immer wieder vertröstet hatte [...]

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Tiergeschichten" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Christiane Rutishauser

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

So etwas wie Freunde von Christiane Rutishauser (Wie das Leben so spielt)
Der arrogante Hund von Norbert Wittke (Tiergeschichten)
Rosalie von Christiane Mielck-Retzdorff (Satire)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen