Margit Farwig

Wir wollen den Flutopfern helfen

 

Wir wollen den Flutopfern helfen

Im Jahr 2002

 

Sehr geehrter Herr ...,

ganz herzlich bedanke ich mich (wir) für die Möglichkeit der Spendenaktion und die Zusendung der Sondernutzung. Es war ein voller Erfolg. Wenn die Aktion auch nur viermal stattgefunden hat, so haben wir doch 747,09 € eingenommen. Davon gehen 400 € an die Flutopfer. Das Stehen auf der Brücke war ein Erlebnis der besonderen Art, dicht am Menschen. Die Bürger ließen sich gern ansprechen, sei es für ein Gespräch oder auch für den Kauf. Ein Mann erzählte, dass ein Unternehmer, der kurz vor der Pleite stand, nun sein Geschäft saniert. Als ich meinte, das ist doch schön, dass er nun doch noch seine Existenz behält, rückte er damit heraus, dass es ein Bekannter sei. Oder die beiden noch recht jungen Bettler von der Brücke gaben, als sie das hörten, ihr Kleingeld, was sie in der Hand hielten. Es käme von Herzen, 1,54 €. Ein Mann fand in seiner Geldbörse nur noch 4,50 €. Auch er hat ein Buch bekommen, allerdings das für nur 7 €. Eine Frau hat 1 € gespendet. Am Freitag Morgen gleich in der ersten Woche hatte keiner Zeit zu helfen. Der Termin war ja auch ziemlich kurzfristig. Das Auto muss ich nach dem Ausladen von der Nepomukbrücke zum Parkplatz der VHS fahren. Da habe ich einfach eine vorübergehende Rheinenserin gefragt, ob sie in der Zeit aufpassen würde. Sie hat spontan zugesagt. Ein Buch habe ich ihr geschenkt mit Widmung an diesen Tag. Sie hätte es auch so getan. Eine Stunde später kam diese Frau und brachte mir ein belegtes Brötchen. Sie hat dem Bäcker gesagt, das muss ganz frisch geschmiert werden, nicht eins, was da schon liegt. „Sie sind eine ganz liebe Frau“, konnte ich nur sagen und habe es mir schmecken lassen. Ein Paar wollte nach Australien fliegen zur Tochter für ½ Jahr und den Gast aus Australien wieder mitnehmen, ein junges Mädchen. Sie nahmen der Tochter von jedem Buch eins mit. Nach einer halben Stunde kamen sie wieder und meinten: „Sie haben so schön geredet, wir nehmen noch eins.“ Dann fotografierte ich sie mit ihrem Apparat auf der Brücke. Der Mann schickte die beiden Frauen zu mir an den Stand und fotografierte uns drei. Jetzt geht dieses Bild nach Australien. Auch Schüler verwickelten mich in ein Gespräch über Dichtung. Einem anderen schenkte ich ein Buch, er war so interessiert. Ein Obdachloser war sehr gesprächig. Ihm schenkte ich aus meiner Geldbörse 5 € für ein gutes Frühstück. Eine Besucherin, nicht aus Rheine, die die Bücher mal nur so in die Hand nahm ohne reinzuschauen versuchte, sich durch einen Sprung in den Hochmut vorm Spenden zu retten indem sie erklärte, sie lege Wert auf Niveau. Da bin ich ihr nachgesprungen und habe mein Buch “Gezeiten ritzen Haut“ (habe immer eins in der Handtasche und verkaufe so nebenbei) angeboten. Sie nahm es. Großmütig verewigte ich die Erinnerung an diesen „denkwürdigen“ Tag im Buch. Natürlich spendete ich 5 € davon. Es war ein schöner Tag, das Wasser der Ems räkelte sich genüsslich in ihrem Bett. Schließlich begann ja alles mit Wasser, der Flut, und endet mit der Spendenflut. Ich redete und redete. Eine Besucherin fragte mich plötzlich, welche Erinnerung ich an meinen 1. Schultag hätte. Natürlich erzählte ich schnurstracks davon. Dann merkte ich, dass Radio Rheine Steinfurt die Umfrage gestartet hatte. Ein Schaulustiger meinte: „Da haben Sie ein tolles Interview hingelegt.“ Es gab wieder viel zu lachen. Oder der Mann, der nicht mehr an Gott glaubt, weil der Pfarrer nicht richtig gehandelt hat bei seinen Problemen. Behutsam erzählte ich ihm, dass man ja nicht an den Pfarrer glaubt, sondern direkt an Gott und Pfarrer auch nur Menschen sind. Dann der Atheist, der über die ganze Welt schimpfte. Frieden fängt im eigenen Herzen an, meinte ich. Davon wollte er nichts wissen. Er schimpfte weiter. Habe mich umgedreht und weiter unsere Aktion den anderen erklärt. „Dürfen wir Ihnen mal erzählen, was wir hier machen?“ Die meisten antworteten: „Ja, was machen Sie denn hier?“ Das gab schon wieder einen Lacher und ich erzählte ausführlich. So ging es munter weiter und wenn wie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute...

Die Aktion „Spenden für die Flutopfer“ ist beendet. Es war ein voller Erfolg. Die Schreib-und Literaturwerkstatt Verein DruckFest e. V. Rheine bedankt sich ganz herzlich bei der Bevölkerung für ihr Verständnis und die Spendenbereitschaft. Die schöne Summe von 750 € ist ein Beweis für die Anteilnahme an der Not unserer Schwestern und Brüder im Katastrophengebiet. Davon gehen 400 € an die Opfer. Es ist aber auch eine Mahnung an uns alle, wie wir mit der Umwelt umgehen. Aus: „Ja, lieber Gott, ich rede mit Dir“ (ist der Titel der Anthologie des wortundmensch-Verlages in Köln) zitiere ich meine Worte: Gib Einsicht, dass wir nicht alle Ressourcen ausplündern (die Erde wird uns verschlingen), die Natur weiß nichts von uns, sie hilft sich selbst, kippt einfach um und wir kippen mit. Wie weit sind/haben wir ausgereizt, ich allein kann es nicht ändern.

Bei Nichtkäufern bedankten wir uns für das nette Gespräch, alle sollten mit einem guten Gefühl weitergehen. Nur das Plakat (schnell hatte ich eins gemalt, auf dem PC unser Anliegen und die Preise von zwei Büchern ausgedruckt) anschauen bringt nichts. Ranholen war angesagt. Abends war ich geschafft, der Mund ausgefranst, aber glücklich.

Da ich an der ersten Fernsehshow mein eigenes Buch angeboten hatte zu verkaufen mit einer Spende pro Buch, bekam ich ein Schreiben vom ZDF. Weil sie das nicht im FS bringen konnten, entschuldigten sie sich. Ich habe dann gemailt, dass ich ein anderes Projekt angezettelt hätte und auch ausführlich davon berichtet, bekam ich heute eine wunderschöne Antwort als Mail: „Liebe Frau Farwig, habe heute morgen Ihren Brief in meiner Post gehabt und möchte mich dafür herzlichst bei Ihnen bedanken. Sie sind ein Engel!!! Vielen Dank im Namen aller meiner Kolleginnen und Kollegen. Gruß vom Mainzer Lerchenberg, G.F.“ Habe zurück gemailt: „Haaalllooo, selber Engel, nur verkleidet als Mainzelmännchen. Himmlische Grüße von einem Engel namens Margit.!

Mit so viel Resonanz und Freude fürs Herz habe ich nicht gerechnet. Das wird lange nachhallen. Wenn Sie, sehr geehrter Herr K..., irgendwo ein warmes und überdachtes Plätzchen in irgendeiner Halle mit Menschenauflauf für einen Campingtisch mit hübscher Decke für ausgelegte Bücher wissen, könnten wir uns glatt noch einmal engagieren. Es muss ja nicht gleich sofort sein...Herzl. Grüße MF

An die Red.Münst.Zeitung, Rheiner Volksblatt habe ich ebenso geschrieben. Allerdings stand dann in der Zeitung, Frau W..., die die Zeitung davon in Kenntnis setzte, die Initiatorin...Da musste ich erst tief schlucken, denn die ganzen Arbeiten habe ich gemacht. Schwamm drüber...

 

© Margit Farwig  8. 6. 2013

ANMERKUNG: Heute spende ich die Hälfte Euro für den Verkauf meines Buches "Gezeiten ritzen Haut" wie schon beschrieben in meiner HP www.farwig.info...Presse

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.06.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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