Peter Somma

Das bessere Leben

Ich lag jetzt in einem jener chromblitzenden Krankenbetten und an allen möglichen Stellen lugten Schläuche und Drähte aus meinem Körper und wenn irgendein Arzt glaubte, dass ich nicht mehr zu retten, dass die Zeit gekommen sei, die Geräte abzuschalten, an denen diese Verbindungen angeschlossen waren, gekommen sei, wird auf mich, wie auf den Protagonisten in Fulvio Tomizzas Roman, „La miglior vita“, „das bessere (ewige) Leben“, warten. Dabei hätte mir eigentlich mein bisheriges Leben schon genügt, und ich wäre froh gewesen, dieses nun endlich hinter mich gebracht zu haben und danach endlich meine ewige Ruhe genießen zu können.

Schon, als ich zur Welt gekommen war, hatte sich abgezeichnet, dass ich nicht gerade das große Los gezogen hatte, dass ich mir von meinem Schicksal nicht erwarten konnte, auf Daunen gebettet zu sein, denn ich war in eine Familie hineingeboren worden, die zwar mit einer Kinderschar aber nicht mit Reichtümern gesegnet gewesen war. Mein Vater war ein einfacher, schlichter Mann, der sich sein Geld am Bau mit schwerer, schlecht bezahlter Arbeit als Hilfsarbeiter verdient hatte und meine Mutter trug ihren Anteil am Familienbudget durch Servieren in einem Landgasthaus bei.

Unsere viel zu groß geratene Familie lebte in einer Wohnung, die uns gerade einmal soviel Raum gab, um darin zu wohnen und die nötigsten Gegenstände unterzubringen. Unsere Wohnung war für unsere viel zu groß geratene Familie und sie gab uns gerade einmal soviel Raum, dass wir darin wohnen konnten. Für die vielen Gegenstände, die sich so nach und nach in einer kinderreichen Familie ansammelten, standen uns nie genug Schränke zur Verfügung und dementsprechend sah es bei uns aus. Überall lagen Kleidungstücke und Schulsachen herum und an eine Ordnung war unter diesen Umständen nicht zu denken. Damit wir Kinder schlafen konnten, waren in einem Zimmer an drei Seiten des Raumes Stockbetten aufgestellt worden und manchmal glaubte ich, ich befände mich in einer Hühnerfarm mit Käfighaltung.

Meine Eltern hatten sich zwar redlich bemüht, mir eine Jugend in einer harmonischen Familie zu ermöglichen, aber die finanziellen Gegebenheiten, hatten ihnen dieses Vorhaben erschwert. Ich war gezwungen gewesen, das Gewand, das einige meiner Geschwister schon vor mir getragen hatten, aufzutragen, wie das meine Mutter nannte, und ich wurde dann von meinen Schulkameraden gehänselt, weil ich nicht, so wie sie, Markenkleidung trug. Diese einfache, längst schäbig gewordene Kleidung machte mich zu einem Außenseiter, unterschied mich von den anderen und grenzte mich aus.

Immer wieder wurde ich deswegen gehänselt, in Raufereien verwickelt, bei denen ich, weil ich ein schmächtiger, nicht sehr kräftiger Bursche gewesen war, meist den Kürzeren gezogen, und dabei ärgere Verletzungen davon getragen hatte.

Ich versuchte diesen Mangel, den ich durch meine dürftige Kleidung zur Schau trug, durch Fleiß wettzumachen und da ich ehrgeizig gewesen war und das Lernen mir Freude bereitet hatte, war ich trotz der widrigen Umstände, die mein Heranwachsen begleiteten, ein ausgezeichneter Schüler gewesen. Aber gerade wegen dieser guten Leistungen wurde ich für einen Streber gehalten und blieb immer allein, während andere zu Schulkollegen eingeladen wurden oder sich zu Gemeinschaften zusammenfanden, um ihre Freizeit gemeinsam bei Sport und Spielen zu verbringen, war ich in meiner Klasse ein Einzelgänger geblieben, hatte während der ganzen Schulzeit keinen einzigen Freund gehabt und hatte mich nie richtig in die Klassengemeinschaft einfügen können. Das kränkte mich und ich fragte mich, was ich falsch gemacht hatte, denn auch ich hätte gerne Freunde gehabt.

Mein Vater lehrte mich Gottvertrauen, versicherte mir, dass ich, wenn ich nur fleißig und ehrlich bliebe, Gott auf meine Wege stets ein Auge haben werde und ich so die Erfüllung all meiner Wünsche erfahren würde. Zwar regte sich in mir schon zu jener Zeit Widerspruch und ich beneidete meine Mitschüler, doch fügte ich mich, obwohl ich nicht verstehen konnte, warum ausgerechnet ich immer verzichten musste. Aber immer wenn es Krisen gegeben hatte war es mir schon damals nicht leicht gefallen, trotz seiner Ermahnungen, den Worten meines Vaters Glauben zu schenken und ich vermisste die gütige Hand Gottes über mir.

Als ich die Pflichtschule beendet hatte, war mir klar, dass ich vor einer wichtigen Wegkreuzung meines Lebens stand. Mein Zeugnis hätte mich zum Eintritt in jede höhere Schule befähigt und der Besuch einer solchen Schule wäre auch ganz in meinem Sinne gewesen, aber das Einkommen meiner Familie reichte gerade für das Nötigste. Der Besuch einer höheren Schule, für die ich einen Wohnplatz in der nächsten Stadt gebraucht hätte, hätte das Familienbudget überfordert, weil meine Familie das Geld für meinen Aufenthalt in einer Stadt nicht hätte aufbringen können.

Ich war ja längst an Enttäuschungen gewöhnt, aber dass ich jetzt trotz meiner schulischen Leistungen keine höhere Schule besuchen konnte, verstand ich nicht. Hatte ich nicht Anspruch auf die Erfüllung meines Wunsches, mehr zu lernen, um später ein besseres Leben führen zu können? Hatte ich nicht fleißig gelernt, nicht alle Demütigung meiner Mitschüler über mich ergehen lassen, nur um mich weiterbilden und aus meinem Fleiß einmal Nutzen ziehen zu können?

Wieder kamen mir Bedenken, ob es wirklich richtig sei, immer auf Gott zu vertrauen, ob es genügte, alles richtig zu machen im Leben, um die Erfüllung seiner Wünsche zu erleben, und darauf zu warten, dass sich das Schicksal zum Besseren wenden würde, dass auch auf mich ein besseres Leben wartete.

Nur ungern willigte ich schließlich in den Vorschlag meines Vaters ein, ein Handwerk zu erlernen. „Handwerk hat goldenen Boden“, versuchte er mir den Vorschlag schmackhaft zu machen. Aber selbst in der Wahl, des Gewerbes, das mir gefallen hätte können, war ich nicht frei, denn es gab nicht viele Möglichkeiten in dem kleinen Ort, in dem ich wohnte, eine bestimmte Arbeit zu erlernen und weil das der einzige Beruf war, bei dem ein Lehrling gesucht wurde, wurde ich eben Tischler. Wider Erwarten und weil ich sehr geschickt war fand ich aber bald Freude an der Arbeit, die ich eigentlich zunächst nur als Notnagel betrachtet hatte.

Mein Chef war ein grober Glotz, bei dem ich nichts zu lachen hatte und auch die Gesellen kühlten ihr Mütchen an mir, dem schmächtigen Bürschchen, das ich damals noch gewesen war. Sie spielten mir so manchen bösen Streich, ließen mich die schwersten Lasten tragen, obwohl sie sahen, wie schwer ich mir dabei tat, und statt mir zu helfen, lachten sie mich aus.

Mein Vater, dem meine Betrübnisse nicht verborgen geblieben waren, tröstete mich und sprach mir Mut zu. „Du bist fleißig und klug“ sagte er zu mir „Du wirst deinen Weg machen.“ Und mit dem Spruch „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ richtete er mich immer wieder auf. Ich fügte mich, arbeite fleißig, legte meine Gesellenprüfung ab, sparte jeden Euro und wartete weiter auf das bessere Leben, das mich irgendwann einmal erwartete.

Dann lernte ich ein Mädchen kennen. Sie machte mich glücklich, denn sie liebte mich ehrlich und war bereit mit mir nicht nur die Freuden sondern auch alle Erschwernisse des Lebens zu teilen. Wir bekamen bald zwei Kinder, die der Mittelpunkt unseres Lebens wurden. Freilich, konnten nun die Erfordernisse meiner kleinen Familie mit dem geringen Lohn eines Gesellen nur schwer erfüllt werden, deshalb entschloss ich mich, die Meisterprüfung zu machen und auf eine Gelegenheit zu warten, mich selbständig zu machen.

Ich griff sofort zu, als in der Stadt, in der ich jetzt lebte, eine kleine Tischlerei zum Kauf oder zur Pacht angeboten wurde, bekam von der Bank Kredit und pachtete die Tischlerei, mit der Möglichkeit sie später kaufen zu können. Mit dem Geschäft war sicher kein Reichtum zu erwirtschaften, aber es ernährte meine Familie, ich war nun mein eigener Herr, hatte eine Familie, zwei Töchter, die ich vergötterte und die ich sehr liebte. Was durfte ich noch mehr vom Schicksal erwarten? Wenn ich das Werk meiner Hände betrachtete, erfüllte mich das mit Stolz und ich erkannte, dass man auch mit wenigem recht glücklich sein konnte. Zum ersten Mal war ich zufrieden mit meinem Leben und ich glaubte mich am richtigen Weg, glaubte mich auf dem Weg zu einem besseren Leben zu sein, glaubte jetzt wieder, dass Gott seine Hand über mich hielt, wie mein Vater es mir vorhergesagt hatte.

Einige Jahre ging auch wirklich alles gut. Meine Töchter wuchsen heran, besuchten die Schule und nichts schien das Glück stören zu können. Meine kleine Firma gedieh, genügende Aufträge erforderten die Einstellung eines Gesellen und eines Lehrlings und wir konnten uns das eine oder andere leisten.

Ich nahm Arbeit an, die die Kapazität meines kleinen Unternehmen nicht ohne weiteres bewältigen konnte, weshalb ich viele Abende in der Werkstätte verbrachte, um die Arbeit erledigen und unser Einkommen steigern zu können.

Bald zeigte sich, dass meine Freude über so viel Glück voreilig gewesen war, denn eines Tages kam alles auf einmal zusammen. Ein Kunde stornierte einen größeren Auftrag, auf den ich gezählt hatte und die Bank, bei der ich immer am Limit war, stellte den Kredit fällig und meine Firma befand sich dadurch in einem kritischen Zustand.

Meine Frau, die immer noch eine schöne Frau war, und jederzeit Bewunderer fand, hatte zahlreiche Abende alleine zuhause verbringen müssen und hatte sich einsam gefühlt, denn die beiden Mädchen waren fast erwachsen geworden und waren schon oft ihre eigenen Wege gegangen. Deshalb hatte meine Frau begonnen, Bekannte einzuladen oder auszugehen, während ich, damit wir alle besser leben konnten, in der Werkstätte schuftete. Ich vertraute ihr, hatte Verständnis dafür, denn ich konnte nicht erwarten, dass sie immer allein zuhause saß und auf mein Heimkommen wartete. Aber ich hätte ihr nicht vertrauen dürfen, denn sie missbrauchte mein Vertrauen und als ich an diesem Abend, an dem alles über mir zusammenzubrechen schien, erwischte ich meine Frau in einer eindeutigen Situation, als ich spät nachts nach Hause kam.

Mit einem Schlag hatte sich das Glück, an das ich zu glauben begonnen hatte, ins Gegenteil verkehrt. Nicht nur, dass ich geschäftlich Schiffbruch erlitten hatte, war mein familiäres Leben zerstört. Zu allem Überfluss plagten mich schon längere Zeit Schmerzen und der Arzt, den ich konsultiert hatte, machte mir die niederschmetternde Mitteilung, dass ich an Krebs erkrankt sei, ich viel früher hätte kommen müssen und er mir nur wenig Hoffnung machen könne und deshalb hing auch mein Leben nur mehr an einem seidenen Faden.

In diesem Moment, in dem plötzlich alles zerstört wurde, das mein bisheriges Leben bestimmt hatte, erwachten in mir wieder meine alten Zweifel „Was hatte ich denn falsch gemacht in meinem Leben, was hätte ich anders machen können? Machen müssen?“ und verwandelten sich in eine unstillbare Wut. Wozu hatte ich die Armut meiner Kindheit ertragen? Wozu die schwere Zeit mit meinen Schulkameraden? Wozu die Grobheiten meines Chefs und die Demütigungen der Gesellen in meiner Lehrzeit? Immer war ich duldsam gewesen, hatte jede Enttäuschung, jede Herabsetzung, deren es in meinem Leben genug gegeben hatte, ohne zu klagen weggesteckt und doch stand ich jetzt vor dem Nichts. Ich musste mich scheiden lassen, musste einwilligen, dass meine Frau die beiden Kinder behielt, denn ich konnte nicht hoffen, sie erwachsen werden zu sehen.

Meine Krankheit verschlimmerte sich, wie es mir mein Arzt vorhergesagt hatte und mir war bald klar geworden, dass ich das Spital nicht mehr lebend verlassen würde. Der Arzt hatte mir durch Medikamente Schmerzen erspart und mir damit die Möglichkeit geschenkt, mein langes Danhinsiechen bei vollem Bewusstsein mitzuerleben.

Jetzt lag ich also in einem jener chromblitzenden Krankenbetten, an allen möglichen Stellen lugten Schläuche und Drähte aus meinem Körper und mir blieb nichts anderes übrig, als darauf zu warten, dass irgendein Arzt die Zeit für gekommen ansehen wird, die Geräte abzuschalten.

Danach wird auf mich nur mehr das bessere, das ewige Leben warten. Aber wollte ich denn überhaupt ewig leben? Hatte mir nicht mein bisheriges Leben, das so reich an Mühsal und Enttäuschungen gewesen war, genügt, und war ich nicht froh, dieses endlich hinter mich gebracht zu haben und nun endlich die ewige Ruhe erwarten und genießen zu können?

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.06.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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