Karin Büchel

Mord

 Es reifte in mir wie eine Tomate. Erst gelb, dann grün, dann rot und dann?
Darüber möchte ich jetzt nicht weiter nachdenken.
Als ich ihn das erste mal sah, es war an einem traurigen Tag im November vor vier Jahren, da wusste ich, dass etwas in mir erwachte. Ich konnte es nicht einordnen, nicht deuten, aber ich spürte eine gewisse Unruhe, wenn ich mit ihm sprach. Wenn ich in seine wunderschönen Husky-blauen Augen blickte und die Bewegungen seines markanten Gesichtes sah. Sein warme Stimme hörte und seine Bewunderung für mich wahr nahm. Ein Mann, der sich für mich, die nun mal keine zwanzig Jahre mehr war, zu interessieren schien. Der meine Gedanken verstand und dem meine Texte gefielen, die ich heimlich im stillen Kämmerlein schrieb und die eigentlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren.
Ihm las ich sie vor. Mit ganz viel Gefühl.
Im Grunde genommen war ich total zufrieden mit dem Leben, mit mir und meiner Situation. Verheiratet, große Kinder, wohlhabend, geliebt vom eigenen Ehemann und trotzdem alleine. Alleine mit meinen Träumen, meinen Ideen, meinen Wünschen, meinen Sehnsüchten und meinen Vorstellungen vom Leben.
Alleine mit meinen Texten, alleine mit meinen verworrenen Gedanken. Gedanken über das Leben, über das Universum, über die Liebe.
Ja, die Liebe! - Gibt es sie wirklich? Ist nicht alles nur eine ausgewogenes Spiel von Vernunft, Zuneigung, Sex und Gesellschaft? Der Wunsch nicht alleine leben zu müssen und eine Person neben sich zu spüren, die einem vertraut ist? Die zu einem gehört? -
Die man besitzt?
Nein! - Kein Besitz! Aber Begleitung. Gewohnheit. Beständigkeit. Vertrautheit.
Aber gibt es da nicht irgendwo auf der Welt eine Person, die das absolute Pondon von einem selbst ist. Der Schatten, der einen umgibt und begleitet. Das sogenannte zweite ICH.
Aber nun zurück zu ihm: Ein Mann, so wie ich ihn mag: groß, nicht zu schlank, sympathisch, intelligent, humorvoll und galant. Und obendrein noch an meiner Person interessiert. Jedenfalls scheint er es zu sein.
Vielleicht auch nur ein Weg zum Ziel. Zu welchem Ziel?
Hmmm, ich denke nach.
Ich drehe mich im Kreis. Ich kollabiere in mir selber.
Ich nehme die kleine blaue Kapsel, die ich für solche Fälle immer griffbereit in meiner Handtasche habe, breche sie auf und schütte unbemerkt den weißen Inhalt in sein Wasserglas.
Man muss dazu sagen, ich sitze neben ihm in einer kleinen Bar. Gemütliche Atmosphäre, angenehme Musik, nette Leute, erstklassige  Bedienung. Gewollte Anonymität.
Ein Affront an meinen geliebten Mann zu hause, der sich ein Fußballspiel im Fernsehen anschaut.
Also: Den Inhalt in sein Wasserglas geschüttet warte ich sehnlichst auf seine Rückkehr.
Oh Mann, ich töte das ICH, welches versucht, mein eingefahrenes Leben zu zerstören. Ich töte meine Wunschgedanken, meine Träume, meine unwillkommenen Gefühle, meine Ängste vor etwas Neuem.
Ich warte.
Unbeschreiblich lange.
Trinke an meinem Longdrink, spiele mit dem Bierdeckel, der vor mir liegt, beobachte den Barkeeper und versuche, mein inneres Zittern zu verbergen. Befeuchte meine trockenen Lippen. Schaue in den Spiegel und kontrolliere mein Make up.
Alles ganz routiniert.
Kontrolliere mein ICH, welches Tango zu tanzen scheint.
Er kommt nicht.
Auch nach zwei Stunden warten kommt er nicht.
Ein vergeblicher Versuch, mich von meinen Wünschen zu befreien, mich loszueisen von meinem momentanem Dasein.
Ich liebe ihn!
Die Gedanken in meinem Gehirn fahren Achterbahn.
Ich liebe ihn: Meinen Mann.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.06.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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