Irene Beddies

Wendel, das Gespenst: Im Wald




Im Wald
 
Eine Woche lang trafen sich das kleine Gespenst und die Eule fast jede Nacht. Gemeinsam erkundeten sie die Stadt.
Sie umrundeten den Rathausturm mit seiner Uhr und der Glocke, flogen über den Marktplatz, guckten in die erleuchteten Schaufenster und besahen sich die Plakate am Kino.
Es gab viel Unbekanntes für Wendel. Seit er in den langen, langen Schlaf gefallen war, hatten die Menschen Neues erfunden. Die Eule hatte zu tun, um alle Fragen zu beantworten.
 
Eines Nachts, als es gerade vom Turm zwölfmal „boinggg“ geklungen hatte und Wendel durch die Dachluke, die noch immer nicht repariert war, heraus schwebte, kam die Eule aufgeregt angeflattert. Sie rief schon aus einiger Entfernung: „Komm schnell, kleiner Freund! Ich habe großen Hunger, wir müssen an den Waldrand und Mäuse jagen.“
Schon flog sie davon. Wendel blieb nichts anderes übrig als seiner Freundin zu folgen. Er schwebte eilig aus der Stadt und kam bald zu den Bäumen des Waldes. Die Eule saß auf einem knorrigen Ast und verzehrte eine Maus.
Als sie fertig war, sagte sie behaglich: „So nun bin ich fürs erste satt. Jetzt zeige ich dir, wo ich wohne“.
Sie flog zu einem dicken Baum, in dem ein großes Loch war. „Hier ist mein Zuhause. Willst du mal sehen?“ Wendel ließ sich nicht lange bitten. Er erkundete sofort die dunkle Höhle. Er konnte nicht viel erkennen, doch fühlte er dort Gras und Federn zu einem Bett zusammen gelegt. Es schien sehr, sehr gemütlich zu sein.
„Fein hast du es hier und warm und trocken. Aber in meinem Pappkarton ist es auch schön. Du musst ihn dir einmal ansehen.“
„Das kann ich leider nicht.“
„Warum nicht?“, erkundigte sich Wendel.
„Du schlüpfst immer durch die zerbrochene Scheibe. Dir macht das nichts aus. Du bist aus Hauch und Schleier und fühlst nichts. Ich bin aus Fleisch und Blut und würde mich sehr verletzen an den spitzen Glasecken. Das blutet dann und tut sehr weh.“
„Ach wie schade – wehtun sollst du dir nicht. Guck später einmal genau durch das Fenster, wenn der Mond hell scheint. – Was sollen wir jetzt machen?“
„Schau dich im Wald um, du wirst schon etwas entdecken.“
Wendel schwebte aufmerksam durch den Wald. Alle Tiere schienen zu schlafen. Es war still und dunkel. 

Plötzlich raschelte etwas im Gras. „Huiii“ schrie das kleine Gespenst. Das Tier aber rannte nicht weg, sondern kugelte sich zu einem Ball zusammen, der ganz mit Stacheln besetzt war.
„Wer ist das?“ fragte Wendel.
„Das ist der Igel, der mir immer die Mäuse verscheucht, wenn er durch das Gras trappelt.“
Der Igel bewegte sich eine lange Zeit nicht. Da verlor Wendel die Lust, noch länger zu warten, und kehrte in die Stadt zurück.
 
 
© I. Beddies

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.06.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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