Margit Farwig

Die Dunkelziffer Amalgam

 

 

 

Schon lange spricht alle Welt von Amalgam. Ja, man hat davon gehört. Was geht mich das an? Und doch arbeitet das Gift still und heimlich an der Substanz, am Menschen. Am Wohl und Wehe eines einzelnen Lebens.

Schon früh füllten sich meine Zähne mit dem „schwarzen Gold“. Erst wenn die Schmerzen nicht mehr auszuhalten waren, ging ich zum Zahnarzt. So ersetzte manche Amalgameinlage den Eigenanteil am ganzen Zahn.

Nach dem ersten Kind fielen Plomben heraus, wurden ersetzt, neue Füllung: Amalgam.

Unsere Kinder naschten sehr gern, zur Warnung zeigte ich ihnen das Innenleben meiner Zähne. Zum Glück saßen sie versteckt hinten.

Vor Jahren (1985) begann ein Drama, das bis heute noch nicht ganz ausgestanden ist. KOPFSCHMERZEN! Aus heiterem Himmel überfielen mich Kopfschmerzen. Nichts, gar nicht habe ich mir dabei gedacht. Wir mieteten ein Haus, zogen um, luden Verwandte ein. Es war an einem Samstag. Ich wachte auf, und im nächsten Augenblick überfielen mich derartige Kopfschmerzen, dass ich nicht aufstehen konnte. Wie Zangen umklammerten Schmerzen die Schädeldecke, das Innere. Ich war wie gelähmt. Eine Tablette schlucken saß nicht mehr drin. Das ging so plötzlich, dass ich an nichts denken konnte. Ganz langsam stieg ein Brechgefühl vom Magen hoch, das stärker wurde, aber so langsam, dass ich lange warten musste, bis es wirklich zum Erbrechen kam. Ein wenig besser war mir, die Schmerzen ließen nach. Elend war mir trotzdem. Ich zog mich an und schälte wie in Trance Kartoffeln, würzte den Bohnensalat. Hätte ich nicht selbstgebratene Rouladen aus der Kühltruhe holen können, es hätte kein Fleisch gegeben. Als der Besuch eintraf, ging es mir ein wenig besser. An Essen war aber nicht zu denken.

Ein halbes Jahr später wachte ich morgens auf, erst war nichts, doch in der nächsten Sekunde schlug der Schmerz ein wie der Blitz. Einen ganzen Morgen lang quälte ich mich zusätzlich mit Brechreiz herum. An Arbeit in irgendeiner Form war kein Gedanke.

Mir fiel ein, dass ich in der anderen Wohnung auch einmal Kopfschmerzen bekam, dass ich mich ins Bett legen musste. Nun forschte ich, was ich gegessen habe, getrunken. Keine Schokolade mehr, keinen Käse, das Mineralwasser ist vielleicht schuld. Wir kauften anderes Wasser. Nichts half. Die Besserung lag in einer Phase, da sowieso eine Weile Ruhe herrschte.

Seitdem schlafe ich auf Kunststoff-Kopfkissen, weil ich glaubte, die Federn heizen die Adern im Kopf so an, dass es zu heiß wird und Schmerzen ausgelöst werden. Was ja auch irgendwie stimmte, weil sich die Dämpfe des Quecksilbers im Gehirn sammeln. Was ich später erfuhr. Ich habe im Sitzen geschlafen, ich bin in der Wohnung gehüpft, weil einige Sekunden lang der Schmerz nachließ. Umso heftiger schlug er in Ruhestellung wieder zu.

Mittlerweile häuften sich die Anfälle. Eine ganze Weile traten sie um 11 Uhr auf. Nur noch mit Tabletten war der Tag zu überstehen. Morgens nahm ich auf nüchternen Magen, gleich wenn die Schmerzen einsetzten, die erste Tablette. Wenn ich Glück hatte und schnell genug zur Tablette griff, hatte ich gewonnen. Wenn nicht, kam die Tablette wieder mit heraus. Oder ich nahm nach dem Brechen noch eine wegen der immer noch vorhandenen Schmerzen. Der Tag war verloren. Am nächsten Tag erholte ich mich nur langsam von der Attacke. Zwei- bis dreimal in der Woche war ich dran und am Wochenende meistens.

Eines Morgens war es wieder soweit. Doch ich hatte eine Aufgabe, die Kinder von meiner Bekannten von der Schule abzuholen, zu verschiedenen Zeiten. Mir war so elend, ich konnte nicht aufstehen, war wie gelähmt. Zufällig hielt sich unsere Tochter bei uns auf. Ich rief unter Mühen ihren Namen. Sie hat die Aufgabe für mich übernommen. Heute noch frage ich mich, wie es sonst ausgegangen wäre.

Jahre gingen so ins Land. Ich war am Ende. Ein Allergie-Test sagte nichts aus. Zur Schmerzambulanz sollte ich gehen. Nun wurde mir bewusst, dass dieser Zustand anhalten würde. Vielleicht saß da oben ein Tumor? So sollte das Leben weitergehen? Diese geballten Schmerzen hielt ein einzelner Mensch aber nicht aus. Beim Brechen kam zum Schluss nur noch Galle, den Kopf schlug ich gegen die Badezimmerfliesen, um einen übertönenden Schmerz zu erzeugen.

Wenn ich in meinem Umkreis davon erzählte, schauten sie mich an, als ob ich das „Böhmische Dorf“ persönlich sei. Sie konnten so etwas nicht begreifen. Was ja auch stimmt. Sie saßen ja nicht drin. Die äußeren Merkmale wie Zittern der Hände nach Einnahme der Tabletten, deuteten in eine ganz andere Richtung. Vielleicht Parkinson?

Ganz allein steht man da mit seinem Elend. Nach unendlichen Tortouren blieb mir nur noch eine Möglichkeit. Aus einer Erbmasse besaß ich hundert  Schlaftabletten. Ein letztes Mal bäumte ich mich auf. Der Gedanke, das Amalgam aus den Zähnen entfernen zu lassen, bedeutete einen letzten Aufschub. Versuchen könnte ich es ja, man hörte immer wieder mal davon. Mein Zahnarzt ließ sich überreden, es liefe ja das Amalgam beim Bohren weiter in den Körper, weil ich nicht nur noch von Tabletten leben wollte. Ein paar Zähne waren schon überkront, die anderen erhielten Kunststoff-Füllungen.

Dann las ich von der Gruppe der Amalgamgeschädigten in der Kreisstadt. Ich rief den Vorsitzenden an. „Ja, Sie sind auf dem richtigen Weg. Doch der Kunststoff muss auch wieder heraus, weil sich Quecksilber noch einmal ansetzen kann. Und dann müssen sie unbedingt zum Entgiften.“ Ich atmete auf, es gab Hoffnung.

Auch reduzierte sich die Häufigkeit der Attacken. Noch wagte ich nicht, richtig daran zu glauben. Nach und nach ließ ich den Kunststoff wieder entfernen, immer zwei Zähne überkronen. Es wurde besser. Es war der richtige Weg. Hoffnung schlich sich ein. Übermütig fand ich zurück ins Leben. Die Attacken meldeten sich in immer größeren Abständen, genauso schlimm wohl.

Jetzt meldete ich mich bei dem genannten Arzt zum Entgiften. Er wohnt in der Kreisstadt. Mit wahnsinnigen Schmerzen nach einer Nacht fast nur mit Brechen fuhr ich dort hin. Ich bekam ein Rezept, holte die Ampullen aus der Apotheke von nebenan und sah zu, wie der Arzt die Spritze aufzog, an den rechten Arm ansetzte. Dasselbe wiederholte sich sechsmal. Einmal musste ich nach der Spritze brechen. Die Schale kam gerade noch rechtzeitig. Nur Galle, da war schon lange nichts mehr im Magen. So konnte sich der Arzt selbst überzeugen, dass es mir dreckig ging. „Dann gebe ich ihnen etwas für den Magen.“ „Ach, Herr Doktor, geben sie mir etwas für den Kopf, dann hört der Magen von allein auf.“ Er spritzte in den anderen Arm eine flüssige Aspirin. Nach einer Weile war ich in der Lage, nach Hause zu fahren. Die Ampullen enthielten nur Schwefel, welches Quecksilber bindet, über den Urin ausgeschieden wird. So einfach ist das.

Durch das Entgiften entstanden immer längere Pausen zwischen den Anfällen. Es ging mir immer besser. Ich freute mich. Wurde und werde ich gefragt wie es mir geht, antworte ich: hervorragend! Jetzt wusste ich wieder, was es heißt, es geht mir gut.

So nach und nach entfernte ich aus allen Hosen, Mantel- und Jackentaschen deponierte Tabletten.

Das ist ein kleiner Ausschnitt aus dieser Zeit. Sie endete 2005.

(c) Margit Farwig

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.06.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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