Hans K. Reiter

Abenteuer in Libyen - (3) Der Zuschlag

 

Wir waren dunkelbraun. Zu viel Sonne und Gott sei Dank das richtige Mittel zum Einreiben. Kein Sonnenbrand. Beneidenswert. Deinen Job möchte ich auch mal haben, usw. Die Leute haben keine Ahnung, was Stress ist. Wir haben uns im sogenannten Family Club eingetragen, was normal gar nicht geht, weil eben nur Familien vorbehalten. Aber da hatte unser Lernprozess schon die ersten Früchte getragen. Irgendwer machte uns mit irgendjemandem bekannt. Einladung, am Abend. Alle Europäer laden sich permanent gegenseitig ein. Sonst wär's in Libyen vielleicht doch eher trostlos. Kaum einer spricht Arabisch, allenfalls ein paar Brocken, für jede Konversation völlig unzureichend. Da bleibt nur freundlich Lächeln und annehmen, dein Gegenüber sagt nichts Negatives oder beschimpft dich gar.

Also wir waren auf einer dieser Einladungen, und ich meinte erst, die wollen mich veräppeln, aber es war so, einer der Gäste war Abs as-Salam Dschallud, nach Gaddafi, politisch gesehen, der mächtigste Mann im Staat, Premierminister. Und wir hatten unseren Familienausweis und konnten Tennisspielen, einen Drink nehmen, nichts Alkoholisches versteht sich. Obwohl es schon auch Partys gab, bei denen ausgiebig Alkohol vernichtet wurde, selbstgebraut und selbstgebrannt. Einmal haben wir einen kennen gelernt, der besaß eine umfassende Sammlung aller möglichen Ingredienzien, direkt von Riemerschmid in München. Seine Selbstgebrannten schmeckten nach dem, was er in einer eigens hierfür entworfenen Karte aufgeführt hatte. Da konntest du Danziger Goldwasser, Escorial Grün, einen Obstler oder sogar einen Enzian bekommenDas haut dich um, in einem solchen Land! Das Bier schmeckte meistens auch nicht schlecht. Sie hatten nichts zu tun, in der Freizeit, meine ich. Da studierten viele die Kunst des Brauens, und sie schafften es. In Kunststofftonnen gebraut, irgendwie, und dann abgefüllt in Flaschen. Jawohl, in Flaschen! Man konnte damals irgendein Getränk in Flaschen mit Schnappverschluss kaufen, Literflaschen. Daher hatten sie ihren Vorrat.

Meistens am Abend und vor allem nachts wurde die Stadt und das Umland von vielerlei Kontrollen heimgesucht. Grüppchen von drei oder vier Leuten, in zivil und allesamt bewaffnet, hielten sie nach eigenem Gusto Fahrzeuge an, verlangten den Kofferraum zu öffnen und durchsuchten denkbare Verstecke nach Alkohol. Und man glaubt es kaum, immer wieder gingen ihnen vorwiegend Europäer in die Falle. Jeder wusste um diese Kontrollen, wenn er länger als ein paar Tage im Land war. Und doch dachten manche, sie würde es nicht erwischen. Diese Grüppchen bezeichneten sich selbst als Revolutionskomitees, nahmen die Ertappten in aller Regel ohne jede Legitimation mit und sperrten sie irgendwo ein. Mit guten Verbindungen konnte man vielleicht herausfinden, wo diese Leute sich befanden. Oft jedoch nicht. Dann war wochenlanges Warten voller Ungewissheit angesagt, bis dann plötzlich Lebenszeichen auftauchten. Es traf immer nur Männer, Frauen waren nachts nicht alleine unterwegs, so einfach. Es wurde verhandelt und die Freilassung gegen entsprechende Bußgelder, willkürliche natürlich, bewerkstelligt. Für Libyen waren diese Leute dann verbrannt. So war das eben.

Einmal hatte es einen Kollegen erwischt. Nicht wegen Alkohol und nicht nachts, am helllichten Tag. Was war geschehen? Es war so simpel, dass man sich nur an den Kopf greifen konnte. Der Kollege hatte Fotos geschossen, zur Erinnerung, wie er sagte. Und warum auch nicht? Das machen täglich Millionen, aber nicht in Libyen, jedenfalls damals nicht. Was nämlich auch jedermann wusste, war, fotografieren ist dumm, weil dies der Polizei oder anderen Organen jeden erdenklichen Vorwand lieferte, den Fotografen aus dem Verkehr zu ziehen, sprich, festzunehmen. Spionage, so einfach, lautete der Vorwurf. Wieder wusste niemand, wo sich der Festgenommene aufhielt, in welchem Gefängnis er einsaß. Wochen, Monate, konnten verstreichen, kein Lebenszeichen. Die Frauen der Männer rebellisch, nicht wissend, was mit ihnen los ist, verlassen das Land. Die Deutsche Botschaft? Keinen Schimmer.

Ich weiß es nicht mehr genau, aber so nach sechs, sieben Wochen tauchte der Kollege wieder auf, ohne Pass, den hatte man ihm abgenommen. Nach und nach kann man ihm entlocken, was vorgefallen war. Er selbst wusste nicht, wo exakt er hingebracht worden war. Schlimme Zustände. Eine zugige Zelle, anfangs nicht einmal eine Decke, Wasser auf dem Boden, Toilette ein Kübel, der manchmal, wenn der Gestank unerträglich geworden war, durch einen leeren ersetzt wurde, Schreie von Geschlagenen, vielleicht auch simuliert, um ihn zum Reden zu bringen. Was sollte er sagen? Was wollten sie von ihm hören? Es ging nicht um die Fotos. Man warf ihm vor, er hätte versucht, jemanden zu bestechen oder hat es getan, so genau differenzierten sie nicht. Er habe sich als Repräsentant einer ausländischen Firma einen Vorteil verschaffen wollen, und Bestechung sei nun mal in Libyen strafbar.

Ich konnte nie herausfinden, ob die Vorwürfe berechtigt gewesen waren. Auch später nicht. Der Kollege blieb sehr verschwiegen, was diesen Teil seines Lebens anbelangte. Scheinexekutionen oder echte? Nachts oder am frühen Morgen. Sie sorgten dafür, dass er kaum Schlaf fand. Er halluzinierte, sah Dinge, die es nicht gab. Schläge, Schädel kahl rasieren, Schläge, miserables Essen, abgestandenes Wasser, Kübel, zum Erbrechen, keine Ansprache, Totenstille, unsäglicher Lärm, verlieren des Gefühls von Raum und Zeit. Als sie ihn rausließen, war er nicht wieder zu erkennen, ein Wrack. Was sie von ihm wirklich gewollt hatten? Er hat es nie erfahren. Zu diesem Zeitpunkt nicht Wert, eine Sekunde länger darüber nachzudenken. Ohne Pass, den hatte man einbehalten, sollte er schnellstens außer Landes gebracht werden. Welche besondere Rolle ich dabei spielen sollte, wusste ich zu diesem Zeitpunkt nicht.

Der Dienstag, nicht irgendeiner, sondern jener Dienstag, an dem wir unseren Vertragspartner wieder sehen sollten, eröffnete mit gleißender Sonne seine Pforten. Um die 40 Grad, wie all die Tage zuvor. Wir schmissen uns in unsere Business Anzüge, verzichteten auf Krawatten, weil wir mittlerweile auch gelernt hatten, dass bei diesen Temperaturen sich nur Idioten den Hals zubinden, und machten uns kurz vor acht Uhr auf den Weg.

Parkplatz asphaltiert, aber von feinem Sand überzogen, wie überhaupt dieser Sand überall zugegen war. In allen Häusern, Zimmern, im Auto, einfach überall. Gelb, manchmal auch gelb-rötlich. Feiner noch als der feinste Sand auf den Spielplätzen. Einmal, auf der Rückfahrt von Sebha, so an die 800 km durch die Wüste, immer entlang der Piste, die manchmal hunderte von Metern breit war, gerieten wir in einen teuflischen Sandsturm. Alles dicht. Nichts mehr zu sehen. Keine Piste, kein Fahrzeug, gar nichts. Und wir brauchten Sprit. Einen Kanister voll hatten wir noch auf der Ladefläche des Land Cruisers. Laut Karte, ein altes Stück, noch mit einem Hakenkreuz versehen, und der gefahrenen Zeit, sollten wir ganz in der Nähe einer Ortschaft sein und eine direkt an der Straße gelegene Tankstelle  passieren. Der Sturm war mittlerweile derart heftig geworden, dass an ein Weiterkommen nicht mehr zu denken war. Wir blieben einfach stehen und hofften, die anderen würden das auch tun, damit uns keiner auffuhr. Nur Sand, aussteigen unmöglich! Wozu auch? Ich kann nicht mehr sagen, wie lange das so ging, aber irgendwann konnten wir plötzlich durch die Scheiben schemenhaft die Umrisse einer Wand, vielleicht einer Mauer, erkennen. Das Bild lichtete sich noch mehr und wir fassten es nicht, wir waren von der Straße abgekommen und standen inmitten der gesuchten Tankstelle. Zufälle gibt es, das glaubst du nicht. Ein wenig später war der Sturm vorüber und wir konnten tanken.

Pünktlich um acht Uhr betraten wir das Gebäude, meldeten uns an und ..., es schien, als hätten wir einen Glückstag erwischt. Ohne warten zu müssen, wurden wir sofort zu unserem Gesprächspartner gebracht. Lächeln fragte er, ob es uns denn heute pünktlich genug gewesen wäre. Einige Stunden später war der Vertrag in den wichtigen Passagen durchgesprochen, und wir entschieden, eine Diskussion zu den unwichtigeren Teilen erst gar nicht zu beginnen. "Ich verstehe euch nicht", hatte unser Partner einmal gesagt, "ihr wollt alles auf den Buchstaben genau formulieren und niederschreiben, aber was hilft euch das wirklich? Papier ist geduldig und erträgt alles", oder so ähnlich hatte er sich ausgedrückt, "aber, wenn wir uns nicht an das halten, was wir beide wollen, dann nützt doch auch das Papier nichts. Das Papier tut nichts, versteht ihr? Das ist doch nur ein Schein, damit ihr zufrieden seid. Leben tut unsere Abmachung doch erst durch uns. Ist es nicht so?" Mittags lud er uns in eine Art Gäste Casino ein, und wir aßen alles mit der Rechten. Besteck gab es meiner Erinnerung nach nicht. Damit hatten wir den Zuschlag erhalten. Das Essen besiegelte sozusagen den Deal.

Nachmittags waren noch einige Formalitäten zu erledigen. Ja, da waren sie uns Westlichen dann doch sehr ähnlich. Eine formale Importagentur war einzuschalten, die für das Ausfertigen einer Bestätigung eine ansehnliche Provision erhalten würde. Zurück ins Ministerium, und wir waren beinahe sprachlos, wieder kein Warten, und mit einer gewissen Genugtuung ließen wir die Leute im Warteraum unseren Triumpf mit Blicken spüren. Huldvoll unterzeichnete unser Gegenüber den Vertrag, dann waren wir an der Reihe. Geschafft! "Denken Sie an den Performance Bond, 30 Tage", sagte unser Freund noch zum Abschied, schälte sich aus seinem Stuhl, und geleitete uns tatsächlich bis zum Ausgang. Entweder hatten wir sein Herz gewonnen oder diese Geste war Teil der libyschen Kultur.

Fortsetzung folgt!
 

 

 
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.07.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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