Patrick Rabe

Hölle und Himmel

Öffne die Augen und sieh! Ein Tanz, schrille Töne, grelle Lichter, fluoreszierende Farben. Ein Tanz, in dem ich untergehe. Einst saß ich auf meinem Thron und ließ die Massen tanzen, ließ sie sich erinnern, sich vergessen vor meinen Augen. Ich war alles; ein Narrenspiel, eine Gaukelei war die Welt, und ich führte Regie. Ich hatte keine Lust mehr, die Männer in den Nadelstreifenanzügen an die Börse zu schicken, ich hatte keine Lust mehr, die Mütter das Schulbrot für ihre Kleinen schmieren zu lassen, ich hatte keine Lust mehr, die Liebespaare hell aufleuchten und dann aneinander verdämmern zu lassen, und ich hatte keine Lust mehr, sie alle das Spiel der Contenance spielen zu lassen, während unter ihrer Haut ein Feuer brannte, das sie verzehrte, weil sie es sich nie ganz eingestanden. Ich wollte sie tanzen sehen – alle! Tanzen in einem dunklen Raum voller psychedelischer Lichter. Die Welt sollte ein Tanzsaal werden, und die Leute sollten ihr Feuer leben und sich dem Wahnsinn ergeben zu peitschendem Rock ´n Roll. Und wie ich wollte, so geschah es. Tänzer um Tänzer bereicherte die Szene, und bald war die Tanzfläche ein Meer aus Körpern, die dahin trieben auf den Wellen der Musik. Überwältigt bannte mich das Schauspiel, und ich sah meinen Spiegelungen zu, die sich für Menschen aus Fleisch und Blut hielten. Plötzlich fiel mir ein Mädchen in der Menge auf. Sie war blond und trug ein altrosa Hippykleid. Ich sah ihr zu und wir bekamen Blickkontakt. Erst schien sie verwundert, dann ließ sie ein schelmisches Lächeln aufblitzen, als sagte sie: „Komm, Meister Antichrist, misch doch ein bisschen mit!“ Und ich ließ mich dazu hinreißen, meinen Thron zu verlassen und hineinzuspringen in das Bild. Wild zappelten die Körper um mich her, grelle Lichter blendeten meine Augen und die Musik durchdrang mein Gewebe und ließ mich vibrieren. Ich suchte das Mädchen in dem altrosa Hippykleid, doch sie war verschwunden. Stattdessen flogen entseelte Visagen und funkelnde schwarze Augen an meinem Blick vorbei. „Aha, der Meister ist hier!“, schienen sie zu sagen, „Er will jetzt einer von uns sein! Lange haben wir nach seiner Pfeife getanzt, und jetzt ist er selbst ein Schatten geworden. Jetzt wollen wir uns für all das ein bisschen schadlos halten!“ Ich spürte die feindseligen Schwingungen von überall. Plötzlich waren diese meine Schattenwesen sehr real. Sie nahmen Bezug zu mir, nahmen Einfluss auf mich, denn plötzlich war ich selber nur noch ein Schatten. Und ich spürte, wie mich Musik, Licht und Tanz mitriss, fort trug, und aufzulösen begann. Kein Halt mehr, keine Wahrheit, nur ein alles verzehrender Strudel. Sie würden mich kalt machen, das wusste ich jetzt. Ich würde in meinem eigenen Bild jämmerlich verrecken. Wenn – ja, wenn ich dich nicht fand!
 
Öffne die Augen und sieh! Über mich ist ein gewaltiger schwarzer Nachthimmel gespannt, und ich höre das Meer rauschen. Von ferne ein paar Rufe von nächtlichen Herumtreibern. Und zu meinen Füßen noch etwas Glut in der Feuerstelle. Ich muss mich erst zurechtfinden. Es ist sehr frisch und ich hülle mich enger in meine Strickjacke. Es ist ruhig in mir. Keine Lichter, kein Tanz, keine Musik. Ich lausche dem Meer und dem Knistern der Glut. Und in mir beginnt eine Sehnsucht stark zu werden. Eine Sehnsucht nach echtem Leben, eine Sehnsucht nach wahrer Empfindung. Nicht Schatten noch Schattenkönig sein, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut, so wie einst vor langer Zeit. Und da werde ich gewahr, dass ich nicht allein bin am Feuer. Denn da bist auch du. Ich ahne dich mehr, als dass ich dich sehe, doch ich spüre eine tiefe Vertrautheit, ja Liebe, jetzt, wo ich dich neben mir spüre. „Es ist gut, dass du da bist. Der Tanz ist vorüber!“ „Denk nicht mehr daran!“, sagst du sanft und streichst mir über die Augen. „Der Tanz muss auch nicht wiederkommen, jetzt, wo du dich entschlossen hast, ein Mensch zu werden.“ „Ja, ein Mensch mit Gefühlen. Ein Mensch, der liebt.“, sage ich und füge noch hinzu: „Der DICH liebt!“ „Kannst du die alte Sehnsucht wieder spüren?“, fragst du, „Die Sehnsucht nach einem echten Leben?“ „Ja.“, sage ich, „Ich spüre sie. Die Sehnsucht, auszubrechen aus dem Wahn, die Sehnsucht, Fleisch und Blut zu besitzen!“ „Dann wirst du bald Mensch!“, lächelst du. Es ist sehr still in dieser Nacht. Nur ein paar kleine Wellen tragen die Melodien der Sehnsucht ans Ufer. Der Sehnsucht, die ich mit dir teile. Der Sehnsucht nach dem Menschentum. Unsere Hände umspielen sich, und dann lässt du dich in meine Arme sinken und wir tauchen tief in den Brunnen unserer gemeinsamen Träume, bis der erste Strahl der Morgensonne uns ein erwachendes Land zeigt.
 
Für Roxana
 
 
Patrick Rabe, Juli,August 2007. Dieser Text ist die letzte Geschichte meines Bandes "Nichts wie Weg".

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 31.07.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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