Hans K. Reiter

Abenteuer in Libyen - (5) Der Orangenhain

 

Oft, wenn uns die Decke auf den Kopf fiel, sind wir raus und haben einen Spaziergang gemacht. Es ist nicht so, dass du in Tripolis nur eintönige Wohnhäuser vorfindest. Die Innenstadt ist ohnehin ganz anders, als die Außenbezirke. Der Grüne Platz, der Hafen, der Suk und so weiter. Bei vielen Gebäuden siehst du noch den Glanz vergangener Tage, aber das war lange her. Jetzt schrien sie nach Maurer und Mörtel, nach Farbe, nach Renovierung und Instandsetzung. Fassaden waren nur noch schön anzusehen aus fünfzig Meter Entfernung, denn wenn du näher gekommen bist, hast du all die Risse gesehen, den Putz, der herab bröckelte, die Farbe, die es aufzog, die Fensterläden, die schief in den Angeln hingen, die verschlissenen Fensterrahmen und die Steintreppen, denen da und dort ein Stück fehlte.

Und die Straßen, mit Löchern übersäte Sandpisten, teilweise noch mit Asphaltfragmenten versehen, andere dagegen neu angelegt, makellos. Die Autobahn nach Leptis Magna war wohl ziemlich neu. Wir waren öfter bei den Ruinen dieser ehemaligen Römischen Handelskolonie, die so um 200 nach Christus über 100 000 Menschen beherbergt haben soll. Autobahnfahren ist völlig anders, als wir das gewohnt sind. Es sind nicht die Fahrspuren, zwei auf jeder Seite, es ist die Art, wie sie benutzt werden. Da fährt alles, was mit einem Motor ausgestattet ist, und will einer irgendwo links oder rechts abfahren, dann tut er das auch, egal, ob es hierfür eine Ausfahrt gibt oder nicht. Damit musst du jederzeit rechnen. Da fährt einer gerade noch rechts neben dir, und urplötzlich reisst er sein Lenkrad herum, fährt dir vor die Schnauze und schwups, über den Mittelstreifen, die beiden entgegenkommenden Fahrbahnen, und weg ist er, links abfahren wollte er, und genau das hat er getan, und du bist konsterniert.

Gleich, wenn du aus Tripolis herauskommst, glaubst du, deinen Augen nicht zu trauen. Da steht ein A-Mast aus Holz, mitten auf dem Mittelstreifen und zur Hälfte auf der linken Spur. Stromleitungen und Telefonkabel überqueren mit seiner Hilfe die Fahrbahnen und verschwinden in den angrenzenden Häusern. Musst halt aufpassen beim Fahren. Ein anderes Phänomen sind die Kanaldeckel, das heißt präzise, es handelt sich um Deckel, die du gar nicht siehst. Sie sind weg, einfach verschwunden. Irgend jemand hat sie entfernt. Jetzt Löcher, wo einst Deckel waren. Nachts ist das besonders interessant. Du kannst nur hoffen, sie immer rechtzeitig auszumachen, die Löcher.

Unser Spaziergang führt uns hinaus, vorbei an einem Schlachthof, hin zu einem traumhaften Orangenhain oder sagt man Plantage? So weit das Auge reichte Orangen, und was für welche! Saftig ist gar kein Ausdruck dafür. Und erst der Geschmack! Ich habe niemals wieder solche Orangen gegessen. Und plötzlich, versteckt zur Linken, eine Palästinenser Flagge. Ein Camp. Uniformierte, bewaffnet, und Wachtürme, besetzt, Gewehre, ein Tor, geöffnet. Zelte sind zu sehen, olivgrün, Militärzelte, Fahrzeuge, Jeeps. Wir schrecken zurück, wissen nicht, wie wir uns verhalten sollen, gehen schließlich weiter. Freundliche Stimmen rufen uns zu, Soldaten winken, grüßen, wir grüßen zurück und verlieren unsere Scheu. Später sind wir noch öfter dort vorbeigekommen, war immer aufregend und amüsant zugleich. Mein Kollege hat irgendwann damit begonnen, Orangen in großen Mengen nach Deutschland mitzunehmen. Zu diesem Zweck gehörte zu seinem Reisegepäck ein extrem großer Koffer, leer auf dem Weg nach Tripolis, gefüllt mit den wunderbar duftenden Früchten auf dem Rückweg. Am Zoll hatte er nie ein Problem damit. Und er bekam sie mehr oder weniger stets gratis, die Orangen, wenn man von ein paar Gastgeschenken absieht, die wir aus Deutschland mitbrachten, Dinge, die es dort nicht gab, die aber jeder Mensch gern hat, auch in Libyen.

Ich glaube es war ein Donnerstag, wieder eine jener Einladungen, wo sich alle gerne treffen, ein Glas des Selbstgebrauten trinken und essen, was der Gastgeber zubereitet oder aufgetrieben hat. Einen Partyservice gab's in Tripolis damals nicht. Mein Kollege ohne Pass war ebenfalls zugegen. "Morgen ist es soweit", raunte er mir zu. Ich wusste sofort Bescheid, was er damit meinte. Die Fahrt nach Tunesien, er als Passagier, ich als Fahrer, der Grenzposten, alles geplant, hoffentlich gut, dachte ich, dann nahm mich ein Mann beiseite, den ich bis dahin nicht kannte. Er stellte sich vor, war Bauleiter einer deutschen Straßenbaufirma. "Wir haben den Freitag, also morgen, gewählt. Ist Feiertag, wie sie wissen, da passt keiner besonders auf, da wollen sie ihre Ruhe. Wir bringen Ihnen am Morgen ein Fahrzeug, einen Mitsubishi, die Rückbank haben wir etwas umgebaut, ihr Passagier kann sich darunter verstecken, ist eng, aber für eine kurze Zeit geht es schon. Brauchen sie ja nur, wenn nötig, sagen wir, wenn sich jemand neugierig nähert, weil sie mal stehen bleiben müssen. Sie verstehen schon." Ich verstand, war aber natürlich kein Routinier in solchen Dingen.

"Fahren Sie so, dass die den Posten", er drückte mir eine Karte in die Hand, die sehr präzise zeigte, wie ich zu fahren hätte, "zwischen 21 Uhr und nicht später als 22 Uhr passieren. Sollte es aus welchen Gründen auch immer nicht klappen und Sie sind später dran, auch wenn es nur eine Minute sein sollte, kehren Sie sofort um und fahren zurück. Wenn das der Fall ist, können Sie hier und hier tanken", tippte er auf zwei markierte Stellen auf der Karte. "Wenn alles glatt geht, und das wird es, glauben Sie mir, steigen Sie an der tunesischen Grenzwache aus und gehen ins Gebäude. Jemand wird Sie dort schon erwarten und alles weitere mit Ihnen durchgehen. Ach ja, sollten Sie unterwegs in eine Straßenkontrolle geraten, keine Panik, zeigen Sie Ihren Pass und sagen wahrheitsgemäß, Sie wollten das Land per Auto über Tunesien verlassen, das ist nicht verboten. Ihr Passagier muss solange unter die Rückbank. Wird's brenzlig, geben Sie Gas und hauen ab, so schnell es geht. Versuchen Sie einen dieser Punkte zu erreichen", und wieder tappte er mit dem Finger auf zwei Stellen der Karte, "dort wird man sich um Sie kümmern. Aber keine Panik, wird nicht soweit kommen, vertrauen Sie mir."

Ich vertraute ihm, was blieb mir anderes übrig. Zum Abschied drückte er mir noch ein Bündel Scheine in die Hand. "Damit Sie in Tunesien flüssig sind. Dinare für hier haben Sie, nehme ich an?" Hatte ich. Dann war er weg, ohne sich von irgend jemanden verabschiedet zu haben. Mein Kollege wusste nichts von meinem bevorstehenden Abenteuer und so sollte es auch bleiben. Jemand würde ihn morgen in aller früh aus dem Haus locken, in den Stützpunkt bringen, weil man dort mit ihm eine Vertriebssache besprechen wolle, die keinen Aufschub dulde, und wozu man mich nicht brauche. Trotz der einigermaßen gut funktionierenden Klimaanlage spürte ich, wie mir der Schweiß aus allen Poren trat. Meine Stirn, der Nacken, alles klatschnass, das Hemd klebte am Körper. Ich war nervös, nein, ich war mehr als das, ich verspürte Panik. Hoffentlich machst du keinen Fehler, sagte ich zu mir, das kann in Libyen tödlich enden.

Fortsetzung folgt

 
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.08.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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