Es war nur ein Kuss, schmerzlos und kurz, aber dennoch scheint die Magie sie völlig einzunehmen, ganz sanft und ohne Worte. Ihre Gedanken kreisen um den Schmerz des Loslassens. Vielleicht nicht jetzt, vielleicht nicht so. Oder doch? Niemand kann ihre Gedanken lesen, sie ihr wegnehmen. Ein letzter Versuch, dass alles wieder gut wird.
Das war der letzte Tagebucheintrag von Hanna, bevor sie die Stadt verließ. Niemand hat sie mehr gesehen, sie hat sich bei keinem gemeldet. Nicht bei ihrer Familie und nicht bei ihren Freunden. Sie verschwand einfach. „ Ich vermisse sie schrecklich, aber es tut nicht mehr so weh.“ Die Worte ihrer Schwester Susan, die einige Jahre nach Hanna gesucht hat, ohne je auch nur eine Spur zu finden. „ Als hätte sie sich in Luft aufgelöst“. Der Satz, den sie ihrer Therapeutin schon so oft gesagt hat. Sooft, dass sie ihn selbst nicht mehr hören kann. Der Einzige zu dem Susan noch Kontakt hat, ist Hannas alter Schulfreund Simon, aber auch er weiß nichts, er hat sogar schon aufgegeben.
10 Jahre früher
Hanna ist ein kluges Mädchen, gerade 16 geworden und voller Träume und Wünsche. So viel, was sie gerne mal machen würde. Doch Niemand hat bisher zu Hannas Gedankenwelt Zugang bekommen, eine grauenvolle Welt. Trotzdem fühlt sie sich nur da wohl. Es ist der einzige Ort, an dem ich frei bin und sein kann, wie ich will, es tut gut, sich in diese Welt zu flüchten. Sie denkt oft darüber nach, nur um sich selbst das Dasein schön zu reden. Sie flüchtet sich in die Welt der Bücher, sie liebt es zu lesen, Kant und Freud. Ihre Gedanken ziehen sich oft in deren Welt zurück, sie hofft, sich und die Menschen dadurch besser verstehen zu können.
All ihre Hoffnung setzt sie in die Philosophie und die Psychologie, aus Angst vor sich selbst. Animal rationale, der Begriff von Kant fasziniert sie, sie fragt sich, wie viel ihres Verstandes schon kaputt gegangen ist. Durch ihre Gedanken, ihre kranke und dennoch faszinierende Welt. Sie lacht laut auf und fragt sich: „ Muss ich in der Lage sein, mich meines Verstandes zu bedienen? Oder ist das vielleicht nur ein Klischee? Es ist und bleibt meine Entscheidung.“
Plötzlich klopft es an der Tür, „ Hanna, es ist jemand am Telefon für dich“. Ihre Mutter schreit so laut, dass Hanna für einen kurzen Moment das Gefühl hat, ihr Trommelfell sei zerrissen. „ Ja, einen Augenblick.“ Schreit sie in fast derselben Tonlage zurück. Sie stöhnt kurz auf und öffnet ihre Tür. „ Wer ist denn dran?“ Fragte sie ihre Mutter etwas genervt. Eine wieder fast geschriene Antwort: „ Ein Jakob. Er sagt, er sei bei dir in der Schule.“ Hanna stockt fast der Atem, als sie Jakobs Namen hört. Ihr wird schwindelig und ihre Gedanken drehen sich im Kreis. Wo hat der meinen Nummer her? Fragt sie sich fast panisch. Jetzt ist es zu spät, nun weiß er ja, dass sie da ist.
Mit weichen Knien und deutlicher Blässe im Gesicht geht sie die Treppen runter, ins Wohnzimmer, wo ihre Mutter schon ungeduldig mit dem Telefon wartet. „ Hanna, beeil dich! Nicht, dass der junge Mann noch auflegt“ Eigentlich wäre das besser, denkt Hanna und beißt sich dabei auf die Zunge. Wortlos reißt sie ihrer Mutter das Telefon aus der Hand und läuft zurück in ihr Zimmer. „ Lass mich in Ruhe! Ich will nichts mit dir zu tun haben!“ Brüllt sie völlig aufgelöst und unter Tränen ins Telefon. Sie hört ein fast nahezu beängstigendes Lachen am anderen Ende der Leitung und dann die Worte, die sie wohl ihr Leben lang nicht vergessen wird: „Es ist zu spät, Hanna, du wolltest es so. Leb mit den Konsequenzen. Weißt du, manchmal ist der Tod der einzige Ausweg.“ Wieder ein Lachen, dann legt er auf.
Hanna ist wie paralysiert und starrt hoffnungsvoll auf das Telefon, vielleicht sagt er ja noch was. Einige Minuten später, muss sie sich eingestehen, dass er das nicht zurücknehmen wird. Ihr Atem stockt und ihre Arme werden schwach, so schwach, dass sie das ‚Telefon ablegen muss. Es fühlt sich an, als seien ihre Muskeln nicht in der Lage die Angst zu tragen, geschweige denn ihr Kopf, der sich anfühlt, als stünde sie vor der Hinrichtung.
„ Hanna, bist du fertig? Ich brauche das Telefon!“. Die Stimme ihrer Mutter, die sie für einen Augenblick aus dem Wirrwarr ihrer Gedanken zieht. „ Ja, ich komm runter.“ Sie wicht sich noch schnell die Tränen vom Gesicht, atmet tief durch und geht wieder zurück ins Wohnzimmer.
Fortsetzung folgt...
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.08.2013.
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doch man schweigt...
von Margit Marion Mädel
...doch man schweigt... Ist ein Gemeinschaftswerk von Menschen, welche sich seit 2005 für Betroffene im Hartz IV und SGBII engagieren. Sie erleben Ausgrenzung, Schikanen, Sanktionen bis hin zu Suiziden von vielen Freunden aus eigenen Reihen, welche für sich keinen anderen Ausweg mehr sahen. Die Autoren versuchen in ihren Episoden und Gedichten das einzufangen, was das Leben zur Zeit für fast 10 Millionen Menschen birgt. Der Erlös des Buches geht zu 100% an den Verein Soziales Zentrum Höxter e.V., da wir wissen, hier wird Menschen tatsächlich geholfen.
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