Hans K. Reiter

Abenteuer in Libyen - (7) Chaos

 

Das Auswärtige Amt hatte eine dringende Reisewarnung erlassen. Und unsere Firma hatte diese sofort aufgegriffen und eine Reisesperre verhängt. Niemand konnte ab sofort mehr nach Libyen. Hektische Betriebsamkeit, allerorts. Die Deutsche Botschaft in Tripolis wusste, wie üblich, am wenigsten. Was war geschehen? Am Wochenende waren sieben Deutsche Staatsbürger aus ihren Häusern in Tripolis gelockt, festgenommen und abtransportiert worden. Zwei von diesen gehörten zu uns. Der eine war Projektleiter, der andere Ingenieur. Da hatten wir den Salat. Ausgerechnet zwei von uns mussten sie mitnehmen. Die Frauen der Männer aus dem Häuschen, verständlich! Die Frau des Projektleiters hielt sich gerade in München auf, die Frau des Ingenieurs reiste einige Tage später aus. Mein Kollege und ich saßen bei unseren Chefs und zerbrachen uns den Kopf. Offiziell gab es aus Tripolis, wie üblich, keine Informationen, aber jedermann, der sich ein wenig mit dem Land auskannte, wusste es, und die Zeitungen schrieben es, gleichsam als Bestätigung. Die Libyer hatten sich die Deutschen als Geiseln gegrabscht. Einer ihrer Landsleute war nach einer Messerstecherei festgenommen worden, ich meine, es war in einer Diskothek in Düsseldorf, aber ich kann mich auch irren, spielt aber zur Sache keine Rolle. Das Opfer tot. Mord oder Todschlag, je nach Betrachtung und juristischer Bewertung.

Es war sonnenklar, sie wollten ihren Mann freipressen. Aber das geht natürlich mit einem Staat wie Deutschland nicht, jedenfalls nicht ohne weiteres.

Die Frauen saßen uns aufgewühlt im Nacken. Wir arrangierten ein Treffen in Starnberg, im Undosa. Mein Kollege und ich versuchten, was wir konnten, die beiden zu beruhigen, aber, was kannst du da schon sagen? "Wir fahren hin", sagte mein Kollege nach einem Blickkontakt mit mir. Wir waren uns selten so einig, wie zu diesem Zeitpunkt. Die Frauen beruhigten sich etwas, darauf vertrauend, unsere mittlerweile exzellenten Kontakte überall hin würden helfen, das Los ihrer Männer aufzuklären.

Am nächsten Tag besprachen wir die Situation mit dem Vertriebsleiter. Zu unserer Überraschung sagte er, er habe uns sowieso fragen wollen, wie wir unser persönliches Risiko einschätzten, wenn wir nach Tripolis reisten. Von der Bundesregierung, sprich vom Auswärtigen Amt, erfuhren wir nichts. Das war insofern verständlich, als sie nicht mehr wissen konnten, als die Botschaft in Tripolis und die wussten eben auch nichts, was uns der Botschafter ohne Umschweife bestätigte, als wir in Tripolis ankamen.

Jetzt waren wir hier. Es stimmte, wir kannten eine Reihe von Leuten, einflussreiche Personen, da sollten wir einigermaßen unbehelligt bleiben. Vor einigen Monaten waren wir wieder mal bei einer der obligatorischen Einladungen und lernten bei dieser Gelegenheit einen interessanten Mann kennen. Er kam aus dem Sudan, glaube ich. Was ihn besonders machte, war der Umstand, dass er Befehlshaber einer Schutztruppe um Gaddafi war.  Falls wir einmal in Schwierigkeiten steckten, sagte er, sollten wir darauf bestehen, ihn zu verständigen, und er ergänzte noch, diesen Wunsch würde uns niemand abschlagen, dafür sei sein Name Garant. Was konnte uns also schon passieren? Wir fingen an, unsere zahlreichen Kontakte abzuklappern, aber entweder wusste wirklich keiner etwas oder, was wir vermuteten, sie wollten nicht zugeben, von der Sache zu wissen. Offiziell gab es dieses Thema ja auch nicht, jedenfalls nicht in Tripolis. Einige Tage verbrachten wir auf diese Weise und wollten schon mutlos abreisen, als uns doch noch eine Information zugetragen wurde.

Unseren Leuten würde es gut gehen und sie wären nicht in einem Gefängnis untergebracht. Es würde noch etwas Zeit brauchen, aber wir sollten uns keine Sorgen machen, alles würde gut ausgehen. Wochen später waren die Männer frei, kamen nach Hause. Es hat wohl einen Deal mit der deutschen Justiz gegeben, schrieben die Zeitungen. Wir wussten hierzu auch nicht mehr. Tatsächlich waren sie nur wenige Kilometer entfernt von unserem Gästehaus in einem Haus festgehalten worden. Anfangs war es schwer für sie gewesen, die Situation, keinen Kontakt zur Außenwelt, Verhöre, nicht wissen, wie es weitergehen würde, Prügelszenen, begleitet von Schreien, gespielt, wie sie später wussten, da keiner von ihnen jemals einer solchen Prozedur unterzogen worden war. Schon bald konnten sie sich im Haus frei bewegen, hatten Fernsehen, allerdings halt nur libysche Sender, von denen es nicht all zu viele gab. Sie wurden den Umständen entsprechend anständig behandelt, sagten sie später. Nach Libyen konnten sie allerdings nicht mehr. Da wäre noch anzumerken: Muammar al-Gaddafi hat zwei Heftchen geschrieben, das sogenannte Grüne Buch. Ich hab's gelesen, von Geiselnahme und Terror stand darin nichts.

Meine Zeit in diesem facettenreichen Land ging zu Ende. Ich sollte in der Firma neue Aufgaben übernehmen. Bis dahin war aus meinem Kollegen und mir ein super Team geworden. Wir kannten uns aus, wussten, wie das Klavier in Tripolis gespielt wird. Brachten Dinge zuwege, wo andere nur noch staunten und konnten uns blind vertrauen. Einmal befehligten wir quasi eine Gruppe Soldaten, die da so rumstanden, und, die wir aber dringend brauchten, um schweres Gerät von einem Trailer abzuladen. Keiner von den jungen Burschen murrte und auch sonst legte niemand Widerspruch ein, und so hatten wir unsere Arbeitstruppe. Einer besorgte sogar einen Gabelstapler, woher weiß ich nicht, weil wir selbigen nirgendwo vorher gesehen hatten. Es machte ihnen sogar Spass, den verrückten Deutschen zur Hand zu gehen.

Ein riesiger Fuhrpark von Fahrzeugen jeglicher Art umgab uns, man konnte wirklich sagen, soweit das Auge reichte. Militärfahrzeuge, mit und ohne Ketten, Krane, Kastenwagen, Fahrzeuge zum Transport schwerer Lasten und vieles mehr. Bei näherem Hinsehen entdeckten wir dann, dass wir uns inmitten der größten Schrotthalde befanden, die wir je zu Gesicht bekommen hatten. Platte Reifen waren noch das Geringste. Von dem, was da fein säuberlich aufgereiht herumstand, war nichts zu gebrauchen oder würde erst einmal einen immensen Aufwand benötigen, es wieder gangbar zu machen. Ein deutsches Ingenieurherz hätte vor Freude gestöhnt, da waren wir uns sicher.

Einmal gab es in Tripolis keine Eier, nirgendwo, bei keinem Händler, im sogenannten Supermarkt schon gleich gar nicht. Die waren die Ersten, die nichts mehr hatten. Wir fuhren los, ich weiß nicht mehr wie lange und wohin. Wir landeten in einem Ort, niemand sprach dort Englisch, Deutsch sowieso nicht. Und trotzdem, alle ausnehmend freundlich, bestaunten uns regelrecht und holten schliesslich von irgendwo her einen Mann, der sich uns dann doch auf Englisch als der Lehrer des Ortes vorstellte. Er lachte, als wir im verklickerten, in Tripolis gäbe es keine Eier und wir wären auf der Suche nach selbigen. Wie viele wir bräuchten, lachte er weiter und führte uns zu einem nahegelegenen Verschlag aus Holz. Er schrie irgend etwas durch eine schief in den Angeln hängende Türe, und nur wenig später tauchte ein von der Sonne gegerbtes Gesicht im Türrahmen auf. Auch er lachte herzhaft, als er vernahm, wo uns der Schuh drückte und bedeutete uns, mit blendend weißen Zähnen, mitzukommen. Als wir gegen Abend wieder in Tripolis ankamen, hatten wir hunderte von Eiern geladen. Woher wir sie hatten, behielten wir für uns.

Wir erlebten viel in dieser Zeit, und of war es schwer, auch für uns, die Tage zu zählen, an denen nichts voranging und wir nur tatenlos warteten. Mein Kollege lernte Surfen, sehr gut sogar, aber als er eines Tages hundert oder hundertfünfzig Meter vom Land entfernt im Meer trieb und drohte, immer weiter hinausgezogen zu werden, hörte der Spass auf. Der Mast oder die Verankerung war gebrochen, und damit war er manöverierunfähig. Bis ich etwas davon an Land merkte und zu Hilfe eilen konnte, verging viel Zeit. Nachher fragte er mich, ob ich sein Rufen nicht gehört hätte. Da hörst du absolut nichts. Die anlandenden Wellen schlucken jedes andere Geräusch. Es gibt nur eins, näher an der Küste bleiben.

Der Sommer war vorüber und der Herbst kündigte sich an. Stürme peitschten das Meer über die Brüstung des Hafens. Tonnen von Zement in Säcken waren überflutet und wohl nicht mehr zu gebrauchen. Wie vieles andere auch, das bis zur Zollabfertigung im Freien gelagert wurde. Nur gut, dass wir nicht davon betroffen waren. Seit Jahren arbeiteten wir mit einer der erfahrensten Speditionen zusammen, die wussten, wie es geht, die ihre Leute vor Ort hatten und sich mit den Gepflogenheiten auskannten. Als ich Jahre später, es muss so um 2001 oder 2002 gewesen sein, einmal einen der Gaddafisöhne in Genf traf, und wir über meine Erfahrungen von damals plauderten, erfuhr ich, vieles habe sich nicht so sehr verändert. Es gab immer noch zahlreiche Firmen, die eine Menge Geld dafür hinblätterten, weil sie glaubten, den richtigen Vermittler für ihr Geschäft gefunden zu haben. "Sinnlose Ausgaben", sagte mir der Sohn, und erklärte, dass viele die Verhältnisse völlig falsch einschätzten und die Zuständigkeiten nicht kennen würden. Bis sie's dann spitz kriegten, war das schöne Geld schon weg. So muss jeder seine Erfahrungen machen, dachte ich.

Gute zweieinhalb Stunden vor Abflug waren wir am International Airport. Geschiebe und Gedränge am check in, dann eine Rolltreppe hoch. Als ich das erste Mal hierher kam, gab es diese noch nicht, glaube ich. Damals waren die Arbeiten noch nicht alle erledigt, die den Begriff International gerechtfertigt hätten. Am Ende dieser Rolltreppe eröffnete sich das bis dahin verborgene, absolute Chaos. Tische in L-Form. Dahinter Bedienstete in Zivil, umgeben von Gepäckstücken ohne Ende, und es kamen immer noch neue dazu. Wir kannten das längst von den vielen Trips, die wir hinter uns hatten. Du musst zusehen, dich durch die Menschen vor dir durchzuwühlen, bis du in die Nähe einer der Tische kommst. Der nächste Akt verlangt, die Aufmerksamkeit einer der Personen jenseits der Tische auf dich zu lenken. Fast schon gewonnen! Jetzt musst du schnell sein, bevor dein Nachbar oder ein anderer die Gunst des Mannes auf sich zieht, und ihn mit Blicken und Gesten dazu bewegen, aus dem Wulst, deinen Koffer herauszufischen. Mein Kollege hatte es wegen des Orangentransportes da immer etwas schwerer, weil mindesten zwei Koffer zu identifizieren waren. Hattest du Glück, machte der Mann den obligatorischen weißen Kreidehaken auf dein Gepäckstück und du warst durch. Manchmal aber wühlte er alles durch und du konntest dann zusehen, wie du ihn wieder zu bekamst. Manche Reisende waren entweder blöd oder lernten nichts dazu. Sie verbargen im Gepäck Dinge, die man einfach nicht dabei haben durfte. Sandrosen zum Beispiel, absolutes Ausfuhrverbot, sonstige Kunstgegenstände, vielleicht sogar Ausgrabungen, Schwachsinn per Excellence. Jetzt endlich warst du im Wartebereich, ohne Last und guten Mutes, dein Flugzeug würde hoffentlich auch fliegen.

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